Der ganz normale Wahnsinn http://NestorMachno.blogsport.de Nachrichten aus der Marktwirtschaft und von der Ideologie-Front Wed, 27 May 2020 17:23:13 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en Rückkehr zur Normalität? http://NestorMachno.blogsport.de/2020/05/27/rueckkehr-zur-normalitaet/ http://NestorMachno.blogsport.de/2020/05/27/rueckkehr-zur-normalitaet/#comments Wed, 27 May 2020 17:18:53 +0000 nestormachno Antikapitalismus Ideologie Die Marktwirtschaft und ihre Unkosten Gesundheit Fremdenverkehr http://NestorMachno.blogsport.de/2020/05/27/rueckkehr-zur-normalitaet/ ÜBER DIE GUTE ALTE ZEIT

Allerorten hoffen die Gewerbetreibenden auf die werten Konsumenten. Tourismusbetriebe sperren auf, Strände werden geputzt, Gasthäuser öffnen. Und Fetzentandler, Schuhhändler und Möbelhäuser hoffen, daß sich der gestaute Konsum des p.t. Publikums auf sie entlädt.

Diese Hoffnung zeigt unter anderem ein sehr verbreitetes, aber doch sehr verzerrtes Menschenbild, das einem auch ständig aus den Medien eingetrichtert wird: Alle haben mehr oder weniger Geld, mit dem sie auskommen, wenn sie es sich nur gscheit „einteilen“. Armut und Elend kommt daher, daß es mit dem Einteilen nicht so hinhaut.

Das ist schon einmal über die Vor-Corona-Welt eine große Lüge. Da ist es nämlich schon so gewesen, daß ein immer größerer Teil des Einkommens für ein Grundbedürfnis wie das Wohnen aufgewendet werden muß. Wenn die Miete oder die Kreditrate eingezahlt, die Wasser- und Energierechnungen bezahlt sind, bleibt im Schnitt bei den meisten Menschen immer weniger im Geldbörsel. Es ist schon seit geraumer Zeit so, daß der Immobiliensektor – auf Kosten anderer Geschäftsbereiche – immer mehr von der beschränkten Zahlungsfähigkeit der weniger begüterten Schichten einsaugt.
Also sind die Perspektiven fürs flotte Konsumieren schon einmal nicht so gut.
Das „Einteilen“ schaut dann so aus, daß bei einem anderen Grundbedürfnis – meistens dem Essen – gespart wird, um sich andere, für die Konkurrenzgesellschaft wichtige Dinge wie Kosmetikartikel oder Kleidung leisten zu können. Sehr viel Geld geht dann auch noch für Genußmittel wie Alkohol oder Zigarretten und gelegentliche Besuche im Stammlokal drauf.
Bessergestellte leisteten es sich, in professionellen Verpflegungsbetrieben zu speisen und auch gelegentlich raushängen zu lassen, daß sie „einfach nicht gern kochen“. (Zu deutsch: Ich habs nicht notwendig!)
Urlaub am Meer, Sportgeräte aller Art und deren Benutzung in Wald und Wiese, sowie andere Luxusbedürfnisse erfüllen den wichtigen Zweck, daß es das Individuum befriedigt, sich dergleichen noch leisten zu können, also nicht ganz im Erdgeschoß der Klassengesellschaft gelandet zu sein.

Auch in besseren, also Vor-Corona-Zeiten war es so, daß die Konsumenten nicht unbegrenzt und nicht einmal in hinreichender Menge die Verpflegungsstätten und Geschäfte stürmten. Die meisten Geschäfte hofften auf Tourismus, also auf Kaufkraft von außen, und auf das Weihnachtsgeschäft, wo die Kauflaune und auch die Zahlungsfähigkeit dank 14. Monatsgehalt und ähnlichem höher ist, um das Jahr halbwegs passabel abschließen zu können.

Aber jetzt, nach mehr als 2 Monaten Stillstand?!

Erstens haben viele unselbständig Beschäftigte ihren Job verloren oder sind in Kurzarbeit, haben daher ein geringeres Einkommen als früher. Zweitens haben viele Selbständige monatelang keine Einkünfte gehabt, gleichzeitig aber Pacht für Geschäftsräume, Mieten für Lagerräume und andere Fixkosten zahlen müssen. Diese Leute sind jetzt auch noch mehr als vorher verschuldet und gehen oftmals am schmalen Grat zum existenziellen Ende.

Die Coronakrise hat also bereits jetzt sehr viel Zahlungsfähigkeit vernichtet.

Außerdem haben viele Leute jetzt notgedrungen Kochen gelernt, die sich vorher geziert haben. Schließlich wurde auch viel Online gekauft, was man wirklich notwendig brauchte.
Angesichts leerer Kassen überlegt man es sich auch 2x, irgendeinen modischen Fetzen zu kaufen oder ein altes Spanplatten- oder Schaumstoffmöbel gegen ein neues auszutauschen, sich also ohne Not den gleichen Sch… in Rosarot zuzulegen.

Weiters sehen alle – außer den ganz dicken Brummern in der Unternehmensleitungen – einer ungewissen Zukunft entgegen. Die Kleinunternehmen werden sich nicht eine neue Gastro-Küche zulegen oder neue Maschinen für die Werkstatt, oder das ganze Geschäft neu dekorieren, in der Hoffnung, dadurch mehr Kaufkraft anzuziehen. Niemand wird leichtfertig mehr Schulden aufnehmen, als er ohnehin schon hat.
Bei den Luftlinien wird verhandelt, daß viele Angestellte heftige Lohneinbußen hinnehmen müssen, und/oder viel Personal abgebaut werden muß. Es ist absehbar, daß der Flugverkehr deutlich abnehmen wird.
Die ohnehin bisher schon übervolle Reisebüro-Szene (=> Thomas Cook) wird weiter schrumpfen, weil viele Leute ihren Urlaub überdenken und lieber kleinere Brötchen backen werden. Fast jedem fallen Verwandte am Land und liebe alte Freunde ein, die man doch schon längst einmal besuchen wollte.

Das heißt aber wiederum für die Zielländer, daß sie mit deutlich weniger Einnahmen rechnen müssen. Es fragt sich, was das für Wirkungen auf die BIPs und Budgets der südeuropäischen Länder haben wird, deren Einkünfte zum großen Teil aus dem Tourismus stammen und die ohnehin schon hoffnungslos überschuldet sind.

Die Nachfrage wird also weiterhin zurückgehen, dadurch werden Geschäfte, Wirtshäuser und Cafés zusperren, wodurch die Nachfrage ihrer Betreiber auch flöten geht, usw.

Schon wetzen gewisse Schreiberlinge in den Medien ihre Feder – bzw. ihre Maus –, um vor zuviel Sparen und „Konsumzurückhaltung“ zu warnen. Konsumieren, los los! Kaufen und Geld ausgeben ist die erste Bürgerpflicht!

Ihr Blabla klingt angesichts der Sachlage noch blöder als sonst.

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Das Coronavirus und die Altersheime http://NestorMachno.blogsport.de/2020/05/16/das-coronavirus-und-die-altersheime/ http://NestorMachno.blogsport.de/2020/05/16/das-coronavirus-und-die-altersheime/#comments Sat, 16 May 2020 09:03:35 +0000 nestormachno Antikapitalismus Postsozialismus Ideologie Die Marktwirtschaft und ihre Unkosten Gesundheit http://NestorMachno.blogsport.de/2020/05/16/das-coronavirus-und-die-altersheime/ ALTES EISEN?

Das Coronavirus hat besonders in den Altersheimen gewütet und tut es immer noch. Die Erklärungen dafür fallen bisher eher dürftig aus. Erstens sind alte Leute eine „Risikogruppe“, ohne daß man genau erfährt, warum. Es wird aus der Todesrate auf die Anfälligkeit geschlossen und aus der solchermaßen konstatierten Anfälligkeit auf die erhöhte Sterblichkeit. Eine Begründung im Sinne von „weil“ oder „deshalb“ fehlt. (Generell macht die Wissenschaft im Zusammenhang mit dem Coronavirus keine gute Figur.)
Eine spanische Ärztin spricht in diesem Zusammenhang von „vorgezogenen“ Todesfällen. Das heißt, diese Leute wären sowieso gestorben, aber eben später. Das trifft zwar auf alle Todesfälle zu: Entweder man stirbt früher, oder man stirbt später – hat aber auch wieder den Schein einer wissenschaftlichen Untermauerung.

Was sind das eigentlich für Institutionen, in denen die Leute so massenhaft sterben?

Angesichts dessen, daß jeder selber das Problem hat oder aus seinem Freundeskreis kennt, irgendwelche Eltern oder Großeltern entweder zu Hause pflegen zu lassen – mit Pflegerinnen vom Balkan oder aus Osteuropa, auf der iberischen Halbinsel kommen die Pflegerinnen aus Lateinamerika – oder in einem Altersheim unterzubringen, so ist es angebracht, nachzudenken, um was für eine Art von Einrichtung es sich dabei handelt?

1. Über das Alter überhaupt

In vielen Gesellschaften – in Asien, Afrika und auch im vorkolumbianischen Amerika – genossen und genießen die alten Menschen eine bevorzugte Stellung.

Sie sind deswegen geachtet, weil sie über Lebenserfahrung verfügen.

Sie haben gesellschaftliche – Naturkatastrophen, Kriege, Flucht und Deportation – und individuelle Krisen erlebt und bewältigt. Zu letzteren gehören der Tod von nahestehenden Menschen, die Aufzucht von verwaisten Kindern, der Umgang mit Armut, mit psychischen Problemen, Aggressionen usw. im näheren Umfeld. Diese Menschen, so sahen das die sogenannten „primitiven“ Gesellschaften, also Stammesverbände und auf ihnen aufbauende Reiche, wissen etwas, was den Jüngeren fehlt, aber was sie zur Bewältigung der anstehenden Probleme dieser Gesellschaften brauchen. Deswegen gab es dort Ältestenrate, die in schwierigen Situationen eingesetzt wurden – und manchmal, in modernerer Form, auch immer noch werden.

2. Die gesellschaftliche Reproduktion

Einen wichtigen Anteil hatten diese alten Leute in der gesellschaftlichen Reproduktion. Die jungen Menschen machten die Kinder, dann gingen sie auf die Jagd und bestellten den Acker. Die Aufzucht der Kinder besorgten größtenteils die Alten. Sie beschäftigten sich mit ihnen, während deren Eltern mit ökonomischen Tätigkeiten beschäftigt waren, die der Versorgung der Gemeinschaft mit notwendigen Gütern dienten. Sie kochten für die Kinder und lehrten sie die Fähigkeiten, die für diese Gemeinschaft wichtig waren: Pflanzenkunde, Tierkunde, wie man ein Haus oder Tipi oder eine Jurte baut, Kleidung herstellt, Krankheiten heilt, wie man sich den Jahreszeiten anpaßt usw. usf. Das gesellschaftliche Wissen wurde auf diese Weise weitergegeben, die alten Leute waren ein Teil der gesellschaftlichen Reproduktion. Sie waren keine Belastung, und es wäre unter normalen Umständen niemandem eingefallen, sie auf die Müllkippe zu schicken – außer unter ganz tragischen Umständen, wenn der Stamm ums Überleben kämpfte und allen Ballast, also auch Kleinkinder und Kranke, zurücklassen oder umbringen mußte.

In den sozialistischen Gesellschaften des 20. Jahrhunderts, die auf die 2-Kinder-Familie genormt waren, stellten die Großeltern ebenfalls einen unverzichtbaren Teil der gesellschaftlichen Reproduktion dar. Die jungen Menschen beendeten ihre Lehre oder ihr Studium, heirateten und produzierten ihre 2 Kinder. Oder auch nur eines, oder mehr. Die Norm waren jedoch 2, darauf waren die Institutionen eingestellt. Sie gingen ihrem Job nach, um die Kinder kümmerten sich die Eltern bzw. Großeltern. Das Pensionsalter war niedrig angesetzt, genau deswegen: Damit die Großeltern für die Kindererziehung zur Verfügung standen. Den Sommer verbrachte die Familie dann meistens auf der Datscha, oder auf dem Dorf. Die Großeltern und Enkel den ganzen Sommer, die Eltern wochenendweise. Dazu gab es Ferienlager, wo den Kindern etwas beigebracht wurde, auch dort kamen die Pensionisten als Erzieher zum Einsatz.
Die alten Leute stolzierten – zumindest in der SU – teilweise durchs Dorf mit ihren Auszeichnungen aus dem Krieg, und waren geachtet für ihre Verdienste.
Die Institution des Altersheims war in den sozialistischen Staaten ziemlich unüblich. Die Alten wurden von ihren Familienmitgliedern zuhause betreut, notfalls auch mit institutioneller Unterstützung. Es gab zwar Institutionen, die sich der unbetreuten Alten annahmen, aber sie stellten die Ausnahme dar, waren also nicht sehr zahlreich. (Sie sahen manchmal, wie in Rumänien, sehr schlimm aus, aber waren eben eine Ausnahme, weil die meisten Alten zu Hause blieben.) Diese Institutionen waren den Krankenhäusern angegliedert, stellten also einen Teil des staatlichen Gesundheitswesens dar.

Heute ist dieses System dank des Einbruchs der Marktwirtschaft auf eine absurde Weise immer noch nötig. Es kümmern sich immer noch Großeltern um Kinder, die praktisch ohne Eltern aufwachsen, weil dies im Westen irgendwelchen Berufen nachgehen, um mit dem heimgeschickten Geld die Familie zu ernähren.
Die Frauen sind oftmals selber in der Alten- oder Kinderbetreuung eingesetzt, während in ihren Herkunftsländern diesbezüglich beides im Argen liegt. Die Männer gehen handwerklichen oder landwirtschaftlichen Tätigkeiten nach, während in ihren Heimatländern Felder unbestellt bleiben und Dächer nicht mehr repariert werden.

Die gesellschaftliche Reproduktion ist dort also unterbrochen bzw. prekär geworden, während in den alten Heimatländern der Marktwirtschaft die Familie überhaupt nicht mehr als Ort der gesellschaftlichen Reproduktion angesehen werden kann. Bei den Migranten, die diesbezüglich noch engere Familienbande pflegen, fehlt oft ein Teil ihrer Familie, ist zu Hause geblieben oder umgebracht worden.
Mit den Einheimischen von Kerneuropa ist die Lage schon seit geraumer Zeit noch schlimmer. Die Generationen und Geschlechter können nicht mehr miteinander umgehen. Eltern sind unzufrieden mit ihrer Brut, Gewalt in der Familie und die Scheidungsrate steigt ständig, alleinerziehende Mütter, Patchworkfamilien und in Armut aufwachsende Kinder prägen das Landschaftsbild. Dazu kommt die ständig geforderte Mobilität der Arbeitskraft, die zur Zerrüttung der Verwandtschaftsverhältnisse beiträgt: Die Eltern sitzen da, die Kinder dort, oft sind die Eltern geschieden und die Kinder auch, wodurch die Betreuung der Enkel durch die Großeltern endgültig scheitert – und statt der zerbröselnden Familienstrukturen müssen immer öfter die Institutionen herhalten. Kindergärten und Horte, Heime und die Fürsorge, Schulspeisung und Tagesbetreuung sind immer mehr im Einsatz, um die Jugend irgendwie zu betreuen, was für beide Seiten unerfreulich und stressig ist.
Die Jungen wie die Alten stören in einer Gesellschaft, die möglichst alle ihre Mitglieder ins Juggernaut-Rad des Kapitals einspannen will, damit Profite gemacht werden und die Nation dadurch vorankommt.
So kommt am Ende heraus:

3. Die Altersheime sind Parkplätze für gesellschaftlich Überflüssige

In diesem gesellschaftlichem Rahmen sind die Altersheime Abstellplätze für alte Leute, die keiner mehr braucht, die man aber aus verschiedenen Gründen nicht sich selbst überlassen und zu Hause oder auf der Straße sterben lassen will.
Die Sorge für die Alten und Kranken wird von den staatlichen Institutionen vor allem deshalb übernommen, damit die Lohnabhängigen und Arbeitsfähigen dem Kapital zur Verfügung stehen und nicht mit Pflegetätigkeiten beschäftigt sind. Außerdem hält es die arbeitende Menschheit bei Laune, zu wissen, daß man bei Arbeitsunfähigkeit nicht gleich über die Klippe gestoßen, sondern wieder gesundgepflegt wird.
Die Altersheime sind also ein unabdingbarer Bestandteil der, und ein Instrument für das Funktionieren der kapitalistischen Klassengesellschaft.

Natürlich kommen die lieben Verwandten zum Muttertag und Geburtstag, bringen Blumen und Kuchen, und freuen sich mit der lieben Oma oder dem Opa, aber Hand aufs Herz: Die meisten sind froh, die Alten den Rest des Jahres los zu sein.
Man kann sie ja auch mit gutem Gewissen dort lassen, sie werden dort viel besser betreut, man selbst hat die Zeit ja gar nicht, – bei der inzwischen legal eingeführten 60-Stunden-Woche auch verständlich – und die Verwandtschaft zahlt zur Not auch einiges, um ihren lieben Vorfahren gut aufgehoben zu wissen.

So ist heute der Bedarf an Altenbetreuungsstätten dementsprechend groß und die Marktwirtschaft hat sich da ein neues Geschäftsfeld erschlossen: So wie es private Krankenhäuser gibt, in denen die Patienten für gutes Geld überbetreut und teilweise erst richtig krank gemacht werden, so gibt es auch private Altersheime, wo je nach Zahlungsfähigkeit von ganz grundlegenden bis zu gehobenen Bedürfnissen für die Insassen gesorgt wird.
Wenn manchmal ganz fürchterliche Mißstände in Altersheimen aufgedeckt werden, so kann man annehmen, daß es sich um solche für die unteren Einkommensklassen handelte. Dort schaut nämlich auch seltener ein Verwandter vorbei, um zu schauen, wie die Oma dort eigentlich behandelt wird.
Hierbei handelt es sich eher um staatliche Altersheime. Deren Qualität ist von Land zu Land verschieden, das hängt sowohl vom Zustand der Staatskasse als auch von den Prioritäten ab, die im betreffenden Land bezüglich der Verwendung öffentlicher Gelder gesetzt werden.

Die Altersheim-Betreiber machen, genauso wie ihre Klassenbrüder in Produktion und Handel, eine Kosten-Nutzen-Rechnung auf und sparen, wo es geht, vor allem aber beim Personal. Das hat sowohl für die Betreuer als auch für die Betreuten Folgen. Viele Altersheim-Beschäftigte haben nämlich noch andere Jobs, sind überlastet und machen Fehler – geben z.B. dem einen die Medikamente, die für die andere vorgesehen sind – und sind schnell genervt mit besonders schwierigen oder pflegebedürftigen Patienten.

4. Die Altersheim-Bewohner wissen, daß sie überflüssig sind, oder: Was ist eigentlich „Demenz“?

Die meisten Leute, die diese Institutionen bewohnen, wissen, daß sie lästig und überflüssig sind. Die immer mehr um sich greifende Demenz muß auch unter diesem Gesichtspunkt betrachtet werden.
Die beliebte Ausrede zur Erklärung dieses Phänomens ist: Die Leut werden halt immer älter!
Die gestiegene Lebenserwartung, ein Indikator für den Wohlstand eines Landes, wird hier als eine Art Problem, als Mangel besprochen. Es geht ihnen allen zu gut, sie leben zu lang! Und dann haben „wir“, die Jüngeren, das Gscher!
Daß immer mehr alte Leute dement werden, ihren Verstand aufgeben, ist überhaupt keiner wissenschaftlichen Untersuchung wert. Es wird als eine Art Naturerscheinung besprochen, obwohl es genug Erfahrungen aus Asien gibt, nicht nur von den Alten aus Okinawa, daß Menschen auch ein hohes Alter ohne Beeinträchtigung ihrer geistigen Fähigkeiten erreichen können.
Ähnlich wie mit anderen unerfreulichen Erscheinungen der kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft, (wie z.B. der stetig steigenden Selbstmordrate), geht die Psychologie und andere Geisteswissenschaften der Erforschung der zunehmenden Demenz aus dem Weg. Sie wird zu einer rein körperlichen Degeneration erklärt, die mit dem Alter „halt“ irgendwie einhergeht. Und die dementen Alten werden in den Altersheimen abgestellt, wo sich dann schlecht bezahlte Pfleger(innen) mit ihnen abplagen müssen.

Man muß sich einmal in die Verfassung dieser alten Leute hineinversetzen, um die Demenz zu begreifen.

Sie haben jahrzehntelang in Betrieben gearbeitet oder Unternehmen geleitet. Entweder sind sie durch eintönige Beschäftigungen total verblödet und haben im Ruhestand den sogenannten „Pensionsschock“ erlitten: Ihre vorherige Beschäftigung ist weg, sie haben aber verlernt, ihre Zeit mit anderen Beschäftigungen auszufüllen.
Oder aber, sie hatten gesellschaftliche Ambitionen, die zuschanden geworden sind. Sie wollten ihre Unternehmen ausbauen, oder dem Betrieb dienen, mit dem sie sich als Angestellte identifiziert hatten, ihre Kinder reich oder zumindest irgendwie verheiraten, und sich über diese Erfolge selber feiern. Das ist daneben gegangen, jetzt sind sie Niemande, der Betrieb hat zugesperrt, und die Kinder sind Alkoholiker oder drogensüchtig, oder nach woanders ausgewandert, oder an ihnen, den Eltern, desinteressiert.
Die Enkelkinder befassen sich mit Internetspielen oder Kampfsportarten und haben auch kein Interesse an den Geschichten der Alten.

Die Demenz ist die einfachste oder zumindest wirkungsvollste Form, seinen Verstand an den Nagel zu hängen und sich von der unerfreulichen Wirklichkeit freizuspielen. Man entfernt sich schrittweise von den alltäglichen Notwendigkeiten, macht sich dabei nicht zu sehr unbeliebt, sondern zieht Verständnis und Mitleid auf sich, und haust sich ein in die Welt seiner Hirngespinste.
Der/die demente Alte hat sich zurückgezogen aus der realen Welt und wurde zu einer Art pflegeintensiven Pflanze, die von den Pfleger(inne)n irgendwie weitergebracht wird.
Es ist verständlich, daß auch das Pflegepersonal mit diesen Menschen überfordert ist – um so mehr, als ihre Ausbildung, sofern vorhanden, ihnen kein Rüstzeug mit dem Umgang mit diesen Aussteigern aus der Konkurrenzgesellschaft mitgibt. Wie denn, wenn das Phänomen selbst gar nicht wissenschaftlich untersucht wird.
Ähnlich wie für die anderen zwar als solche eingestuften, aber nicht begriffenen „psychischen Krankheiten“ gibt es einen Haufen Medikamente, mit denen diese dementen Leute ruhiggestellt werden. Wenn wirklich Not am Mann ist, die Alten sich aufführen und zuwenig Personal da ist, so werden sie eben zugetörnt und festgebunden – auch wenn das gegen die Menschenrechte und das ganze PiPaPo verstößt.

Wenn man sich einmal bewußt gemacht hat, was Altersheime sind und wie die funktionieren, so ist es auch begreiflich, warum sie eine erhöhte Sterblichkeitsrate aufweisen. Das liegt nämlich nicht oder nur teilweise am Alter der Patienten.

5. Sind alte Menschen per se eine erhöhte Risikogruppe, oder liegt es nicht vielmehr an den Altersheimen?

So, rekapitulieren wir einmal: Da gibt es sozusagen geschlossene Einrichtungen, wo die Alten aufbewahrt werden. Natürlich können sie theoretisch hinaus, aber praktisch gehen sie höchstens im Garten spazieren, weil die restliche Welt wenig Interesse an ihnen hat. Sie sind also wie Kreuzfahrschiffe, Gefängnisse, Internate oder auch Krankenhäuser Institutionen mit einer Anzahl von Leuten, die Tag für Tag aneinander vorbeigehen, miteinander essen, wohnen usw. Wenn eine ansteckende Krankheit dort einmal eingedrungen ist, hat sie alle Gelegenheit, sich zu verbreiten.
Dazu kommt noch ein gesteigertes Hygienebedürfnis, weil die Alten sind oft inkontinent, brauchen mehr Bettwäsche und Reinigung überhaupt, und wenn da noch Krankheiten dazukommen, so unterbleibt aufgrund der knappen Kalkulation einiges an Putz- und Waschtätigkeit, was Infektionen begünstigt.

Schließlich sind diese Menschen wirklich krank. Abgesehen von anderen Vorerkrankungen wie Diabetes, Rheuma, Arthritis usw. verschlechtert die Demenz selbst den körperlichen Zustand derer, die sie an sich hervorgebracht haben. Das Gehirn ist nämlich nicht nur der Ort, an dem geistige Tätigkeit stattfindet, wie Wahrnehmung, Vorstellung, Einbildung usw., sondern dort findet auch die Steuerung des gesamten Stoffwechsels statt. Wenn die eingehenden Informationen dort oben nicht mehr richtig verarbeitet werden und keine Befehle von dort in den Gliedmaßen und dem Verdauungsapparat mehr ankommen, so verfällt der Körper. Und das macht diese Leute noch anfälliger, weil auch das Immunsystem nicht mehr richtig funktioniert.

Die Infektionen kommen von außen auch leicht hinein in die Altersheime. Es nutzt wenig, Besuche von Verwandten zu untersagen, um die Ansteckungsgefahr hintanzuhalten. Es sind ja die Pfleger, die das Virus in die Altersheime hineingetragen haben, und aufgrund dessen, wie diese Heime funktionieren, schiebt sich da mit Abstandhalten überhaupt nichts. Um sich und ihre Betreuten vor Ansteckung zu schützen, würden sie genausolche Schutzanzüge benötigen, wie sie in Intensivstationen verwendet wurden.
Abgesehen davon, daß zum Zeitpunkt des Ausbruchs der Coronavirus-Pandemie nicht einmal die einfachste Schutzkleidung da war wie Masken oder Handschuhe, also weder in den Krankenhäusern oder Sanatorien, noch in den Altersheimen in ausreichender Quantität zur Verfügung stand, gibt und gab es noch andere Gründe, die nicht anzuziehen.
Es ist nämlich nicht so, daß die Dementen nichts mitkriegen, von den Nicht-Dementen ganz zu schweigen. Wenn auf einmal die Pflegekraft mit einem Mundschutz und Handschuhen daherkommt, oder gar mit einem Schutzanzug, so entsteht bei den Alten Paranoia und Panik. Was ist los, sind die Außerirdischen eingedrungen? Verwandelt sich dieser Ort jetzt in eine endgültige Vernichtungsanstalt? Was rennt da ab? Verkleiden sich die Henker, damit man sie nicht mehr erkennt? – und sie flippen endgültig aus.
Man darf ja auch nicht vergessen, daß die Menschen, die heute um die 80 oder darüber sind, noch als Kinder und Jugendliche den Nationalsozialismus bzw. Faschismus und den Krieg miterlebt haben. Die Idee der Vernichtung „unwerten Lebens“ ist ihnen in irgendeiner Form geläufig.
Die Atemnot oder der Herzinfarkt oder der Schlaganfall entstehen dann gar nicht mehr durch die Ansteckung, die ist dafür nicht notwendig, sondern durch die psychische Übertragung der Pandemie.

Dazu kommt die Situation der Pfleger(innen). Die Leute infizieren sich selber, erkranken und bleiben entweder zu Hause oder landen im Krankenhaus. Die sowieso am personellen Limit funktionierenden Altersheime sind auf einmal wirklich unterbesetzt. Die restlichen Betreuer(innen) sind erstens überlastet, wissen aber auch, daß sie Gefahr ausgesetzt sind. Sie wissen, daß sie genauso eine „Risikogruppe“ sind, aufgrund ihres Jobs.
In einem kanadischen Altersheim blieben einfach alle Angestellten zu Hause oder tauchten unter, und überließen die Alten ihrem Schicksal. Da es ein Besuchsverbot gab, merkten Verwandte erst nach Tagen, was da ablief, da waren viele der Betreuten bereits wegen der Unterversorgung gestorben.

Es ist als nicht das biologische Alter, was ältere Menschen zu einer Risikogruppe macht, sondern die Art und Weise, wie das Altern in der kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft gehandhabt wird.

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Die politischen und rechtlichen Folgen der Coronakrise http://NestorMachno.blogsport.de/2020/05/13/die-politischen-und-rechtlichen-folgen-der-coronakrise/ http://NestorMachno.blogsport.de/2020/05/13/die-politischen-und-rechtlichen-folgen-der-coronakrise/#comments Tue, 12 May 2020 23:05:49 +0000 nestormachno Antikapitalismus Recht und Gewalt Die Marktwirtschaft und ihre Unkosten Imperialismus Migration Gesundheit Fremdenverkehr http://NestorMachno.blogsport.de/2020/05/13/die-politischen-und-rechtlichen-folgen-der-coronakrise/ WER DARF WAS? – DIE REISEFREIHEIT, DIE GRUNDRECHTE, DIE VERFASSUNGEN UND DIE EU

Es stellt sich heraus, daß die Coronavirus-Pandemie auch in und zwischen den Staaten einiges durcheinanderbringt.
Der Schengenraum und die Reisefreiheit in der EU müssen neu definiert werden.
Muß man frische CV-Tests mitbringen, um wo einreisen zu können?
Mit was für Recht werden Einreisende unter Quarantäne gestellt?
Wer sorgt für im Ausland gestrandete Bürger?
Dürfen die einreisen, mit oder ohne Test?
Wer trägt die Kosten für Tests und Quarantäne?
Welche Tests werden anerkannt? Welche Behörden verfügen das, und was für Anforderungen stellen die?
Entscheidet das die EU oder die regionale Regierung?
Oder wird ab einem Stichtag alles aufgehoben? Wer ist dann für die Risiken verantwortlich?
Gegen die Gemeinde Ischgl und die Tiroler Landesregierung wurden Klagen eingereicht. Da werden Präzedenzfälle geschaffen, weil wer kann für was verantwortlich gemacht werden?

Für alle diese Themen gibt es hier eine eigene Pinnwand.

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Pressespiegel Komsomolskaja Pravda: Über die Statistiken zur Pandemie http://NestorMachno.blogsport.de/2020/05/10/pressespiegel-komsomolskaja-pravda-ueber-die-statistiken-zur-pandemie/ http://NestorMachno.blogsport.de/2020/05/10/pressespiegel-komsomolskaja-pravda-ueber-die-statistiken-zur-pandemie/#comments Sun, 10 May 2020 13:22:39 +0000 nestormachno Antikapitalismus Postsozialismus Ideologie Gesundheit http://NestorMachno.blogsport.de/2020/05/10/pressespiegel-komsomolskaja-pravda-ueber-die-statistiken-zur-pandemie/ UM 60 % HÖHERE STERBLICHKEIT WELTWEIT?

Ein Artikel der Financial Times von Ende April wird in der Komsomolskaja Pravda analysiert. Darin wird aufgrund einer Studie in 14 Staaten festgestellt, daß die Statistiken nur einen Teil der Coronavirus-Toten wiedergeben. Und zwar deshalb, weil nur diejenigen Fälle als Coronavirus-Opfer in die Statistik eingehen, die entweder getestet oder bei der Autopsie als CV-Tote qualifiziert wurden. Viele Menschen, die außerhalb der Krankenhäuser sterben, gehen in die Statistik nicht ein.

Die Studie vergleicht die gemeldeten CV-Toten mit der sogenannten Übersterblichkeit. D.h., es wird über einige Jahre zurück ermittelt, wie viele Menschen in dem betreffenden Zeitraum – z.B. Jänner bis März der letzten 10 Jahre – gestorben sind, und wieviele heuer gestorben sind. Es wird also eine sozusagen kontinuierliche Kurve – oder eher ein Zickzack-Kurs, weil im Winter immer mehr Leute sterben als im Sommer – erstellt und dann geschaut, wie weit die Kurve heuer vom Mittel abweicht.
Aufgrund dieser Zahlen kommt die FT zu dem Schluß, die Sterblichkeit könnte viel höher sein.

Der von der KP befragte Experte sagt, daß es sogenannte indirekte CV-Todesfälle auch gibt: Das sind Menschen, deren Operationen oder Untersuchungen verschoben werden, weil die Krankenhäuser voll sind und die deswegen sterben, weil sie nicht rechtzeitig behandelt werden.
Demgegenüber steht eine verringerte Sterblichkeit durch Verkehrsunfälle, weil weniger Verkehr ist.

Auch der Vergleich von Krankheitsverläufen in verschiedenen Staaten ist problematisch, weil sehr unterschiedlich getestet wird und daher die Zahl der bestätigten Infektionen sehr unverläßlich ist. Das einzige Land, das seine ganze Bevölkerung mehr oder weniger durchgetestet hat, ist Island. (Da geht das ja auch einfacher, bei 357.000 Einwohnern.) Auch in der Schweiz, den USA und Rußland wird viel getestet. In Frankreich und Großbritannien werden wenige Tests gemacht. (Was hier als „viel“ und „wenig“ gilt, erfährt man nicht.)

Auch bei den gemeldeten CV-Toten muß nicht jeder an der Krankheit selbst verstorben sein – z.B. Unfallopfer, die getestet wurden und die eben auch infiziert waren. Da gibt es Unterschiede in der Handhabung. In Deutschland und in Rußland werden nur solche Tote als CV-Tote registriert, die tatsächlich daran verstorben sind, während in Italien, Belgien und Spanien jeder als CV-Toter verbucht wird, bei dem das Virus festgestellt worden ist.

Ganz unbrauchbar sind die Statistiken deshalb nicht, weil innerhalb des Landes lassen sich hier schon gewisse Entwicklungen verfolgen, aber man kann daraus keine Rückschlüsse für die Entwicklung in anderen Ländern ziehen. Natürlich kann man auch ablesen, daß manche Länder stärker betroffen sind, andere weniger, z.B. am Vergleich Spanien–Finnland.

Außerdem entsteht durch die Verzögerung bei der Datenverarbeitung ein falsches Bild über den aktuellen Verlauf.

In dem Interview wird auch auf Weißrußland, Schweden und Turkmenistan verwiesen, die keine Lockdowns verordnet haben, und von den sogenannten „CV-Dissidenten“ bewundert werden, die meinen, die Aufregung um CV sei künstlich verursacht (aus was für dunklen Motiven auch immer) und vor allem auf Schweden verweisen, und sagen: Geht doch auch anders!

Dazu bemerkt der Analyst (ein Mitarbeiter des Max Planck-Instituts), daß Schweden zwar keine Sperren von Betrieben, Lokalen usw. durchgeführt habe, aber deswegen nicht nix gemacht hat. Alte Leute sollen zu Hause bleiben, man soll im öffentlichen Leben Abstand halten, und sich irgendwie schützen. Und man kann auch nicht sagen, daß Schweden eine beispielhaft niedrige Übersterblichkeit hat – sie liegt bei 2,8 %, während sie in Vorbildländern wie Finnland oder Österreich bei 1% und darunter liegt.
Dazu kommt allerdings noch, daß Schweden urbanisierter ist als Finnland und Norwegen und auch die gewöhnlichen Grippeepidemien dort mehr Opfer fordern als in seinen Nachbarländern. Noch schlechter in der Grippestatistik stehen Großbritannien, Italien oder Belgien da.

Weißrußland kann man damit nicht vergleichen, weil es dort überhaupt keine Statistiken zur CV-Pandemie gibt. Alles, was es an Daten zu Weißrußland gibt, ist mehr oder weniger aus dem Ärmel geschüttelt.

Eine endgültige Statistik für den weltweiten Verlauf wird es erst Mitte nächsten Jahres geben – vorausgesetzt, daß keine 2. Welle eintritt –, aber halbwegs genaue Statistiken über den Verlauf (zumindest in Europa) erwartet der Analyst in eineinhalb Monaten, also Ende Juni.

Und wie sieht es aus in Asien, vor allem China? Dort soll ja alles vorbei sein?

Da meint der Analyst: Die chinesischen Statistiken sind fragwürdig. Dort wurde ziemlich lange gemeldet, die Zahl der tatsächlich Erkrankten sei 38 000, und um diese Zahl herum schwankte die Statistik täglich um ein paar 100 Fälle mehr oder weniger. Das ist unmöglich. Die Kurve muß steigen oder fallen.
Es gibt einzelne Daten, die glaubwürdiger sind, von diversen Spitälern oder Institutionen Wuhans erstellt, aber die sind zu gering und lokal, um daraus generelle Schlüsse ziehen zu können.

Und wie ist es mit Vietnam, wo angeblich keine Toten zu beklagen sind und von wo gemeldet wird, sie hätten die CV-Pandemie hinter sich?

Dazu meint der Analyst, in Vietnam seien alle Statistiken unbrauchbar, auch was die Bevölkerungsanzahl, Sterblichkeit, Geburtenrate usw. angeht. Im Grunde beruht in diesem Land alles auf Schätzungen, deshalb würde er sich auf die CV-Meldungen auch nicht verlassen.

Und was ist mit dem Rest der Welt, Afrika, Indien, Pakistan, Australien?

In den meisten dieser Staaten gibt es keine verläßliche Datenerfassung. Oft wird nur in den Hauptstädten irgendetwas gemeldet. In Indonesien z.B. gibt es zu Jakarta Daten, die zeigen, daß das Land stark betroffen ist. Ecuador meldet noch halbwegs brauchbare Daten, und einige Städte in Indien.

Es gibt nicht nur CV-Dissidenten, die sagen, alles ist übertrieben, sondern auch Radikale, die sagen, die Zahlen werden nach unten geschönt, in Wirklichkeit sei bei uns in Rußland alles viel schlimmer?

Die offiziellen Daten in Rußland werden von den medizinischen Einrichtungen erstellt und in einem System der Datenerfassung verarbeitet. Wir Statistiker bemühen uns, daraus Entwicklungen zu erkennen, aber derzeit ist es noch zu früh, um endgültige Schlüsse ziehen zu können.
Auch die Website der John Hopkins-Universität leistet beachtliche Arbeit, kann aber natürlich die oben angeführten Mängel der Daten selbst nicht beseitigen.

Die Krankheit ist auf jeden Fall sehr ernst zu nehmen. Die Studien zur Sterblichkeit auf dem Kreuzfahrtschiff Diamond Princess zeigen eine Sterblichkeitsrate, die 3-10mal höher ist als bei gewöhnlichen Grippewellen. Außerdem ist es viel ansteckender als SARS oder MERS-Viren, die auch eine hohe Sterblichkeitsrate aufweisen. CV hat ein enormes Verbreitungspotential.

In England und Wales wurden Studien gemacht zur Sterblichkeitsrate der Vogelgrippe 2015 im Vergleich mit CV jetzt und bereits nach 3 Wochen betrug die Übersterblichkeit heuer 13 500 Personen im Vergleich zu den ersten 3 Wochen Vogelgrippe 2015.
In den stärker betroffenen europäischen Ländern ist das überall eindeutig, daß diese Epidemie sehr viele Todesopfer fordert.

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Der Streit um die Eurobonds http://NestorMachno.blogsport.de/2020/05/03/der-streit-um-die-eurobonds/ http://NestorMachno.blogsport.de/2020/05/03/der-streit-um-die-eurobonds/#comments Sun, 03 May 2020 14:35:21 +0000 nestormachno Antikapitalismus Geld & Kredit Die Marktwirtschaft und ihre Unkosten Imperialismus öffentliche Schulden (Staaten, Länder, Gemeinden) Gesundheit http://NestorMachno.blogsport.de/2020/05/03/der-streit-um-die-eurobonds/ SCHULDEN IN DER EU – BELASTUNG FÜR DIE EINEN, KONKURRENZMITTEL FÜR DIE ANDEREN

Hier werden einige Statistiken der Schulden der EU-Staaten angeführt und interpretiert. Für die Euroländer wurde diese Quelle verwendet.
Da die Statistik vorige Woche zusammengestellt wurde, sind die Zahlen bereits veraltet, weil sie laufend aktualisiert wird.
Für die Nicht-Euro-Staaten wurde diese Quelle von Ende 2019 verwendet, die natürlich noch mehr veraltet ist und keine Daten zur Pro-Kopf-Verschuldung enthält.

1. Die Verschuldung in absoluten Zahlen

Frankreich 2 409 900 400 000 steigend
Italien 2 395 000 000 000 steigend
Deutschland 2 051,840.750.000 fallend
Spanien 1 273 217 400 000 steigend
Holland 522 736 020 000 steigend
Belgien 506 669 320 000 steigend
Griechenland 362 075 175 000 steigend
Österreich 313 980 830 000 steigend
Portugal 266 576 710 000 steigend
Polen 240 920 000 000
Irland 221 232 355 000 steigend
Finnland 163 485 022 000 steigend
Schweden 163 430 000 000
Dänemark 104 990 000 000
Ungarn 93 000 000 000
Rumänien 75 980 000 000
Tschechien 69 080 000 000
Slowakei 44 985 848 000 steigend
Kroatien 40 050 000 000
Slowenien 29 885 784 150 fallend
Luxemburg 19 566 598 500 steigend
Lettland 17 266 463 000 steigend
Zypern 16 223 047 600 fallend
Litauen 15 880 323 396 stagniert
Bulgarien 12 280 000 000
Malta 6 983 781 700 steigend
Estland 2 447 239 400 steigend

Von den Euroländern gibt es demzufolge nur 3 Staaten, deren Schulden fallen.

Während die Gründe bei Zypern und Slowenien unterschiedlich sein mögen, ist der Grund bei Deutschland der, daß die Bundesanleihe zu einer Referenzanleihe für Bonität geworden ist und sich daher zu Null- und Negativzinsen bedienen kann.
Je mehr Schulden Deutschland daher aufnimmt, um so mehr entschuldet es sich.
Von dieser kommoden Position her kann es natürlich andere Länder belehren, sie möchten doch gefälligst mehr einnehmen und weniger ausgeben, also ihren „Haushalt in Ordnung bringen“.
Es hat dadurch auch die Möglichkeit, die Schulden gegen andere als Druckmittel einzusetzen, weil es selbst über praktisch unbegrenzte Verschuldungsfähigkeit verfügt und aus dieser Position der Stärke anderen ihre Verschuldung begrenzen bzw. verteuern kann. Für diejenigen Staaten nämlich, deren Schulden steigen und die Zinsen zahlen müssen, erhöht sich die Schuld auch noch durch den Schuldendienst, also die zusätzliche Zinslast, die bei jeder neuen Schuldaufnahme hinzukommt.

Es ist daher begreiflich, daß Deutschland von Eurobonds nix wissen will. Es müßte dann auf einmal selbst wieder Zinsen zahlen.

Dieses Spiel mit: Ich kann ausgeben, soviel ich will, ihr hingegen müßt sparen! – läßt sich nur solange fortsetzen, als der Euro besteht und stabil bleibt. Sobald er in die Krise geraten würde, wären auch die Bundesanleihen nicht mehr so gefragt. Deutschland muß also immer genau so viele Zugeständnisse machen, daß dieser Fall nicht eintritt. Das wird dann eben von Treffen zu Treffen ausgetestet.

Am Schlußlicht dieser Liste, Estland, kann man sehen, daß dieses Land offenbar von Verschuldung nichts hält. Seine Politiker sehen Schulden nicht als Mittel der Konjunkturförderung an, und auch nicht als eines der Krisenbewältigung.
Es ist wahrscheinlich, daß die Schulden, die es hat, vor allem aus der Zeit vor der Euro-Einführung stammen und der Währungspflege dienten – Estland gab Anleihen in Euro heraus, um den Wechselkurs der Estnischen Krone gegenüber dem Euro zu halten.
Aber nicht einmal diese Schulden wird es seither los, sondern sie steigen an. Es ist allerdings möglich, daß die estnischen Politiker nicht unangenehm auffallen wollen als praktische Kritiker der Schuldenpolitik und deshalb diese kleine Schuldenlast weiter mit sich herumschieben.

2. Die Verschuldung in Prozent in Bezug auf das BIP

Griechenland 176,9
Italien 132,7
Portugal 128,9
Zypern 109,1
Irland 106,5
Belgien 106
Spanien 103
Frankreich 96
Österreich 86,2
Slowenien 83,2
Kroatien 74,9
Deutschland 71,2
Ungarn 68,2
Holland 65,2
Finnland 63,7
Malta 63,9
Slowakei 52,9
Polen 47,4
Litauen 42,7
Lettland 36,4
Rumänien 35,4
Schweden 35,1
Dänemark 34,1
Tschechien 32
Luxemburg 22,8
Bulgarien 20,6
Estland 10

Unter den ersten 5 Staaten finden sich außer Italien die 4 Rettungsschirm-Opfer. Der „Rettungsschirm“ war nämlich eher ein Hinkelstein, der ihnen in die Arme gelegt wurde. An dieser Statistik sieht man, daß diese Staaten aus der Schuldenfalle nicht mehr herauskommen, welche Jubelmeldungen der Art „X ist zurück an den Märkten!“ auch immer in den Medien verkündet werden. Sogar Portugal, das kurzfristig auch Negativzinsen verlangen konnte, oder Irland, das sich schon seit längerer Zeit zu einem vergleichsweise moderaten Zins verschulden kann, können diese einmal aufgebürdete Last nie mehr abschütteln.
Italien ist zwar, was die absolute Schuld angeht, inzwischen von Frankreich überholt worden, aber die relative Schuldenlast wird sich weiter in Richtung auf den Spitzenreiter zubewegen, weil die Wirtschaftsleistung Italiens immer mehr zurückgeht und dieses Land wahrscheinlich auch in der Coronakrise noch schwerere Einbußen als die anderen EU-Industriestaaten verzeichnen wird.

An der hohen relativen Verschuldung Sloweniens und Kroatiens sieht man, daß diese Staaten offenbar ihre Möglichkeiten überschätzt haben und ihre Wirtschaft sich nicht so entwickelt hat wie ursprünglich erwartet.
Während Slowenien lange als eine Art Ausreißer und Vorzeige-Land galt, das seine sozialistische Ökonomie erfolgreich in die Marktwirtschaft hinübergerettet hat, ist es im Zuge der Finanzkrise 2008 ff. von der Realität eingeholt worden, weil seine Märkte sowohl in den EU-Staaten als in den ehemaligen Teilrepubliken Jugoslawiens geschrumpft sind.

Belgien und Spanien sind seinerzeit knapp an einer Zahlungsunfähigkeit und einem Rettungsschirm vorbeigeschrammt. Sie hatten das Glück, daß diese Stützungsfonds-Politik damals aufgegeben wurde, weil sich das Verhältnis von stützenden zu gestützten Staaten nicht noch weiter nachteilig verändern sollte. Damals wurde dann auf das Anleihen-Aufkaufprogramm durch die EZB umgestellt, das diese beiden seither über Wasser hält. Mehr aber auch nicht. Sie sind ständig davor gefährdet, daß ihre Anleihen von den Rating-Agenturen auf Ramsch-Status (BB) heruntergestuft werden.
Vermutlich mit diesen beiden Staaten im Blickfeld hat Christine Lagarde deshalb vor einigen Wochen verkündet, daß die EZB auch solche Anleihen aufkaufen wird, um eine Abwärtsspirale und eine neue Eurokrise schon im Vorfeld abzuwehren. Spanien ist nämlich eine große Nationalökonomie, Belgien ein Gründungsmitglied der EU und ihr Sitz, Schuldenprobleme in diesem Land hätten eine sehr schiefe Optik.

Ungarn betrat das Nach-Wende-Europa mit einem großen Schuldenberg, nachdem es bereits 1982 dem IWF beigetreten war, um seine Verschuldungsfähigkeit zu erhöhen. Nachher kam auch noch einiges dazu, und da sich die Wirtschaftsleistung nicht so entwickelt, wie es sich Viktor Orbán bei seinem Amtsantritt vorgenommen hatte, wird es diese Schuld auch nicht los. Außerdem muß es wie andere Nicht-Euro-Staaten auch eine Euro-Verschuldung zum Zweck der Währungspflege betreiben und Euro-Anleihen auf Euro-Börsen herausgeben, um den Wechselkurs des Forint stabil zu halten.
Genaugenommen handelt es sich um 2 Wechselkurse, da sich das Mißtrauen der Finanzwelt in die ungarische Währung darin ausdrückt, daß ein ziemlicher Unterschied zwischen dem Ankaufs- und dem Verkaufspreis des Forint besteht. Mit dem heutigen Tag muß man 356 Ft für einen Euro hinlegen, für einen Euro erhält man aber nur 328 Ft – wenn überhaupt, weil hohe Wechselgebühren werden auch noch abgezogen. Vor allem der Verkaufspreis des Forint ist seit den Anti-Corona-Maßnahmen Mitte April stark gestiegen.

3. Die Pro-Kopf-Verschuldung der Euro-Staaten

Irland 43.509
Belgien 38.565
Italien 35.721
Österreich 33.864
Frankreich 31.605
Griechenland 28.805
Deutschland 26.523
Holland 26.133
Finnland 23.895
Spanien 23.088
Zypern 22.390
Portugal 22.299
Luxemburg 19.848
Slowenien 15.546
Malta 13.091
Slowakei 7.619
Litauen 5.437
Lettland 4.467
Estland 1.717

Bei der Pro-Kopf-Verschuldung führt nach wie vor Irland. Die Euphorie über den wirtschaftlichen Aufschwung und die Einführung des Euro, was auch als Unabhängigkeit von GB wahrgenommen wurde, hat dem Land erst eine Immobilienspekulation und dann einen Crash beschert. Die Gewinne aus dem Immobilienboom blieben größtenteils bei deutschen Landes- und Kommunalbanken, die dort groß eingestiegen waren, und die bei der Schuldenübernahme durch den Rettungsfonds mit einem blauen Auge davonkamen. Die Kosten für den ganzen Spaß wurden den künftigen Generationen in Irland aufgebürdet.

Noch ein Wort zu den Niederlanden. Holland liegt bei absoluten Schulden im Spitzenfeld, relativ zu BIP und Bevölkerung im Mittelfeld. Es kann sich also seine hohe Verschuldung leisten, ohne ins Gerede zu kommen. Warum eigentlich? Was kann Holland, was dem benachbarten Belgien nicht gelingt?
Wie sich schon bei der Griechenland-Krise und auch jetzt wieder gezeigt hat, scheint Holland ein Sonderverhältnis zu Deutschland zu pflegen, als eine Art Schildknappe, und das könnte auf einem Kreditstützungs-Deal beruhen. Die Bundesbank kauft holländische Anleihen zu einem sehr niedrigen Zins oder Nullzins, und Holland betätigt sich als Scharfmacher, um die Rolle Deutschlands als Schulden-Champion und Schulden-Diktator nicht allzu deutlich hervortreten zu lassen.

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Das ist also das Szenario, auf das die Eurobonds-Vorstellungen Italiens stoßen und vor dem sie zuschanden werden.
Irgendetwas müssen Deutschland und seine Flügeladjutanten Italien aber auch geben. Erstens wäre die Verfahrensweise von 2012-2015 mit Troika und Bedingungen nicht wiederholbar, schon allein deshalb, weil der IWF nicht mehr mitspielen würde. Zweitens ginge das auch mit einem Land von der Bedeutung Italiens nicht.
Es war nur einer besonderen Konstellation der italienischen Innenpolitik zu verdanken, daß Monti und Renzi, die Supersparer, überhaupt ihr Programm durchziehen konnten. Der Schock über das Zerplatzen der Euro-Illusionen und aller darauf aufbauenden Kreditblasen machte die italienischen Eliten diesbezüglich willfährig.
Aber die jetzige Politikermannschaft und der strauchelnde Banksektor Italiens stellen diesbezüglich eine etwas härtere Nuß dar.

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Überlegungen zum Coronavirus – 8.: Fazit http://NestorMachno.blogsport.de/2020/04/26/ueberlegungen-zum-coronavirus-8-fazit/ http://NestorMachno.blogsport.de/2020/04/26/ueberlegungen-zum-coronavirus-8-fazit/#comments Sun, 26 Apr 2020 20:24:25 +0000 nestormachno Antikapitalismus Geld & Kredit Die Marktwirtschaft und ihre Unkosten Imperialismus öffentliche Schulden (Staaten, Länder, Gemeinden) Migration Gesundheit Fremdenverkehr http://NestorMachno.blogsport.de/2020/04/26/ueberlegungen-zum-coronavirus-8-fazit/ LEHREN AUS UND BEOBACHTUNGEN ZU EINEINHALB MONATEN CORONA-PANDEMIE

Nach der Untersuchung aller Ursachen, warum Italien durch das Coronavirus besonders betroffen war – andere hingegen weniger –, ist es angebracht, Bilanz zu ziehen, was man dabei über Italien im besonderen, die EU im allgemeinen und unser Gesellschaftssystem überhaupt lernen kann. Dazu kommen noch andere Erfahrungen, die in den letzten Wochen und Monaten weltweit gemacht wurden.

1. Mobilität
Gefordert ist inzwischen eine uneingeschränkte Mobilität, die alle Gesellschaftsklassen umfasst, von Erntehelfern, die notfalls auch eingeflogen werden, über medizinisches Personal und Pflegekräfte, die täglich oder wöchentlich bedeutende Wegstrecken auf sich nehmen, bis hin zum gehobenen Management, das dauernd rund um den Globus von Betriebsbesichtigungen zu Konferenzen jettet, um in der Konkurrenz bestehen zu können.

Zur beruflichen Mobilität kommt die Freizeit-Mobilität. Ständig mit Verlusten kämpfende Fluggesellschaften unterbieten sich gegenseitig, um ja möglichst viele Urlauber auf sich zu ziehen, die ans Meer, auf Inseln, möglichst weit weg von zu Hause, an besonders exotische Flecken oder in gerade aktuell gehypte Ferienparadiese fliegen wollen. Irgendwo an den nächsten Schotterteich oder eine geruhsame Sommerfrische im nächstgelegenen Erholungsgebiet – das war einmal, ist etwas für notorische Loser oder Mindestrentner.

Diese ganze Mobilität hat hohe gesellschaftliche Kosten, was Energie, Lärm und Umweltverschmutzung angeht. Aber sie stellt inzwischen wichtige Sektoren der Wirtschaft: Flughäfen, Häfen, Kreuzfahrschiffe, Fluglinien, Transportunternehmen, Reisebüros, und die Industrie, die diese Flugzeuge, Schiffe und Nutzfahrzeuge herstellt.

Es wird sich herausstellen, wie weit und wie lange sich dieses Herumschieben von Arbeitskräften in CV- und Nach-CV-Zeiten fortsetzen läßt. Erntehelfer einzufliegen kommt auf die Dauer teuer, und läßt vielleicht wieder manche Lebensmittel vom Speiszettel der Normalsterblichen verschwinden. Die Lockdowns haben gezeigt, wieviel Reisetätigkeit sich durch Videokonferenzen und Chats vermeiden und die Betriebsführung dadurch verbilligen läßt. Und der Urlaub und die Zweitwohnsitze am Meer – die Zeit wird weisen, wer sich dergleichen Luxusbedürfnisse überhaupt noch leisten kann.

Alle Sektoren der Mobilitäts-Industrie sehen einer Schrumpfung entgegen, vor allem der Flugverkehr. Damit geht Zahlungsfähigkeit verloren, und die wird sich wiederum in geringerem Berufs- und Urlaubsverkehr niederschlagen, usw. usf.

2. Auslagerung von Produktion
Die Chinesen von Prato, die verlorengegangene Produktion in abgewandelter Form nach Italien zurückbrachten, stellen die Ausnahme dar. Auch italienische Firmen haben, wie viele andere auch, Produktion in ehemals sozialistische EU-Staaten und nach Fernost, vor allem China verlagert.
Sie taten das, genauso wie die Betriebe in anderen Staaten der EU, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Da machen die niedrigeren Lohnkosten und geringeren Umweltauflagen die höheren Transportwege wett, und man hat dann eben, wenn eine Pandemie ausbricht, keine Schutzausrüstung, weil die Masken, Anzüge, Handschuhe usw. bereits seit einiger Zeit von der anderen Seite der Erdhalbkugel geliefert werden. (Oder, im konkreten Fall, nicht geliefert werden, weil dort auch alles stillsteht.)

Der Bundesnachrichtendienst hat die deutsche Regierung gerügt, wie sie das denn hätte zulassen können, so wichtige Dinge im Ausland herstellen zu lassen?
Solche Gesichtspunkte waren aber der deutschen wie der restlichen europäischen Politik in den letzten Jahrzehnten völlig fremd. Das ist auch interessant angesichts der Tatsache, daß wegen CV ein Riesen-NATO-Manöver an der Ostfront der EU abgeblasen wurde. Säbelrasseln gegen Rußland – ja immer! Aber für den Kriegsfall medizinische Ausrüstung zu lagern – nein, an so etwas wurde nirgends gedacht, in keinem NATO-Staat.
(Man merkt daran, wie wenig die NATO-Staaten und ihre Medien an die von ihnen selbst verbreitete Propaganda über die Aggressivität Rußlands glauben – sie sind offensichtlich ganz sicher, daß die Russen tatsächlich nie in die EU einmarschieren werden.)

Wenn immer mehr und mehr Produktion nach Fernost verlagert wird, wie kommt dann eigentlich das vielbeschworene Wachstum zustande? Woher die Sicherheit, daß die Produktion dort erfolgt, der Profit dazu aber hier anfällt?

In Zeiten wie jetzt, wo nicht nur der Personentransport, sondern auch der Warentransport stockt, stellt sich diese Frage mit besonderer Deutlichkeit. Wenn der Salto mortale der Ware, ihr Verkauf, ganz woanders stattfindet als dort, wo sie hergestellt wird, so hat das unter anderem das Risiko, daß mit dem Transport etwas nicht hinhaut. Das zweite Risiko ist, daß die Zahlungsfähigkeit auf dem anvisierten Markt flöten geht. Das ist etwas, was sich in der ganzen EU, und besonders in Italien abzeichnet. Die Coronavirus-Krise in Europa könnte gut zu einer Absatzkrise in China führen. Und erst recht zu einer Pleitewelle derjenigen europäischen Betriebe, die bisher ihr Geschäft mit Ware Made in China gemacht haben.

In manchen Staaten werden Überlegungen laut, bestimmte Produktionen wieder zurück ins eigene Hoheitsgebiet zu holen. Da ist wieder die Frage: Wie? – immerhin handelt es sich ja um die Freiheit des Eigentums und die Akkumulationsfähigkeit des heimischen Kapitals, die die Verlagerung nach China veranlaßt haben.

3. Spektakel, Unterhaltungsindustrie
Die Unterhaltungsindustrie bewegt ziemliche Kapitalien, und sie bewegt sich immer mehr in Richtung Spektakel: Großveranstaltungen aus Sport, Kultur, Musik und sonstige Events aller Art bescheren den Veranstaltern hohe Einnahmen, die allerdings durch immer höhere Sicherheits-, Logistik- und Werbeausgaben, Gagen, Versicherungskosten und weiteres geschmälert werden. Deswegen bemühen sich die Akteure dieser Spektakel, noch mehr Menschen anzuziehen, denen sie das Live-Erlebnis verschaffen, und zusätzlich durch Fernseh- und Internet weitere Einnahmen zu lukrieren: Größer, lauter, bunter, mehr, höher – in diesen Superlativen versuchen sich Unternehmen aus Kulturindustrie und Sport über Wasser zu halten.
Interessant ist auch die andere Seite: Warum lassen sich so viele Leute in diesen Strudel hineinziehen, oder: Was macht die Attraktivität dieser Großveranstaltungen aus?
Es muß etwas Ähnliches sein, was in sozialistischen Staaten früher die Massen für Paraden und andere Demonstrationen der Einheit zwischen Staat und Volk auf die Straße gebracht hat: Das Gefühl, wo dazuzugehören, mit vielen Gleichgesinnten an etwas teilzuhaben, der Isolation zu entkommen. In der bürgerlichen Konkurrenzgesellschaft ist dieses Gefühl der Einheit um so wichtiger, weil es in Kontrast zu den täglichen Erfahrungen steht, wo man ständig untergebuttert und an seine Macht- und Bedeutungslosigkeit erinnert wird.
Außerdem übertönt dieses Laute und Grelle der Spektakel die Töne, die sich im Inneren der Menschen immer wieder melden: Kann ich meine Miete weiter zahlen? Liebt mich mein Partner noch? Verläßt er/sie mich womöglich bald? (Das hat durchaus auch was mit der Miete zu tun, weil allein ist die dann gar nicht mehr zu stemmen.) Habe ich meinen Job nächstes Jahr/ nächsten Monat noch? usw.
Existenzielle Ängste, was ist das?! Heute jubeln wir, feiern wir, saufen uns zu, erfreuen uns am Sieg unserer Mannschaft oder dem Konzert unseres Lieblings-Schlagersängers.

All diese Veranstaltungen sind auf der einen Seite im System von „Brot und Spiele“ wichtig für das Funktionieren der Klassengesellschaft, aber sie stellen auf der anderen Seite eine Art Zusatzveranstaltung dar, bedienen wie Alkohol und Drogen das Luxusbedürfnis des Sich Zu- oder Wegtörnens und müssen aus irgendeiner Art von Surplus-Produktion finanziert werden.

Heute sind diese Veranstaltungen alle gestoppt wegen Ansteckung, aber sie werden in Zukunft überhaupt sehr heruntergefahren werden, weil auch hier der lange Stillstand auf den Umstand hingewiesen hat, wie überflüssig sie eigentlich sind, und daß die Veranstalter nie mehr mit den Besucherzahlen wie bisher rechnen können.

4. Die gesellschaftliche Reproduktion
Jede Gesellschaft, ob Stämme im Urwald, mittelalterliche Fürstentümer, kapitalistische oder sozialistische Wirtschaft läßt sich im ökonomischen auf die 3 Haupt-Gebiete reduzieren: Produktion-Distribution – Konsum.
Unsere heutige Gesellschaft, der moderne Kapitalismus, die globalisierte Marktwirtschaft, zeichnet sich unter anderem dadurch aus, daß an einem Ende der Welt produziert wird, was am anderen konsumiert wird. Die Distribution, vermittelt über Transport, Logistik, Lagerung, nicht zu vergessen Wechselkurse und Zahlungsverkehr, macht einen im Vergleich zu anderen Gesellschaften unverhältnismäßig großen Teil der gesellschaftlichen Tätigkeit aus. Das gilt nur für den Fall, wenn man die ganze menschliche Gesellschaft betrachtet.
Nimmt man aber kleinere Einheiten, also einzelne Staaten, so stellt sich ihre Lage so dar, daß die Bewohner von vielen von ihnen fast nichts mehr produzieren, was sie oder andere brauchen. Ihre Mitglieder können ihren Lebensunterhalt nur bestreiten und ihren Konsum nur vollziehen, indem sie sich entweder als Transitland oder auf andere Art Dienstleister für die Distribution nützlich machen, oder bei der weltweiten Freizeitindustrie mitmachen.
Letztere – also Tourismus aller Art – stellt wirklich eine Besonderheit unserer Gesellschaft dar, und sie gehört damit in die Sphäre der Luxusbedürfnisse – also derjenigen Bedürfnisse, die entbehrlich sind, wenn Not herrscht und man jeden Groschen umdrehen, oder jeden Grashalm verwerten muß.

Nach monatelangen Shutdowns mit allen Nebenerscheinungen stellt sich heraus, daß diejenigen Staaten, die produzieren, weitaus besser aufgestellt sind als andere, denen ein guter Teil ihrer gesellschaftlichen Reproduktionsgrundlage abhanden kommen könnte.

5. Messegelände

In der Coronakrise wurden überall hektisch Messehallen zu Notfallkrankenhäusern umgebaut. Es stellt sich heraus, daß fast jede größere Stadt über so etwas verfügt.

Man muß sich das bewußt machen: In Zeiten steigender Obdachlosigkeit, wo immer mehr Menschen unter Brücken, in Tunnels und in Notquartieren hausen, stehen große Objekte herum, die den größten Teil des Jahres leerstehen. Nur wenige Städte schaffen es, einen halbwegs durchgehenden Messebetrieb auf die Beine zu stellen. Bei den anderen bleibt der Wunsch der Vater des Gedankens. Diese Hallen, Zufahrten, Parkplätze und Parkhäuser wurden erstens gebaut und müssen zweitens gewartet werden – mit welchem Geld, so fragt man sich? – während gleichzeitig für Kindergärten, Pensionen oder Sozialhilfe immer zu wenig da ist.

Sie sind Denkmäler dessen, daß in unserer Gesellschaft absurde Ausgaben getätigt werden, während die wirklichen und breite Bevölkerungsschichten betreffenden Bedürfnisse nur sehr bedingt zählen und bedient werden.

6. Medizin im Kapitalismus

Zur Medizin und dem Gesundheitswesen haben wir viel gelernt: Erstens, und das ist wirklich bemerkenswert, daß Atemschutzmasken, Desinfektionsmittel und Handschuhe offenbar in ganz Europa als höchst überflüssige Anschaffung betrachtet wurden, bevor das Coronavirus auftauchte. Einfache Hygiene-Artikel waren nirgends lagernd, werden in Europa kaum mehr hergestellt und es galt als höchst wirtschaftlich und schlau, sie vom anderen Ende des Globus zu beziehen.

Generell wurde in den letzten Jahres vieles, was Kranke brauchen, um gesund zu werden, als hinausgeschmissenes Geld betrachtet. Krankenhausbetten, die für den Fall zur Verfügung stehen, daß Menschen krank werden und deswegen dort hineingelegt werden müssen, wurden von Rechnungshöfen und sonstigen, teilweise privaten Evaluierern als eine Art Hotelbetten betrachtet, die so und so viel Tage im Jahr ausgelastet sein müssen.

Durch das Internet und auch die offiziellen Medien geistern Expertenmeinungen, die feststellen, man soll doch ruhig ein paar Leute sterben lassen, das sei normal, man könne nicht alle retten, und die Gesunden kommen schon durch. Diese Leute treten auch mit onkelhafter Gestik, als Fachleute zur Vermeidung von Panik auf, sie sind gütige Beruhiger, macht euch doch keine Sorgen, euch erwischt es eh nicht, sondern die anderen!
Besonders befeuert werden sie von schwedischen Gesundheitspolitikern, die stolz auf ihre Bevölkerung verweisen, die das Coronavirus besser überstanden hat als diejenige anderer Länder. Eine gesunde Nation, sapperlot!
Man fragt sich angesichts dieser Meldungen, warum wir eigentlich überhaupt Krankenhäuser und Ärzte haben? Im Grunde wird durch diese Sichtweise das gesamte medizinische Wissen entwertet, und die Heilkunst zu einer Art gesellschaftlicher Überempfindlichkeit stilisiert, wenn sie Kranke gesund machen oder vor dem Sterben bewahren will.

Diese Auffassung existierte sicher bereits vor dem Auftreten des Coronavirus, aber sie ist zweifelsohne populärer geworden bei Teilen der Bevölkerung, die nicht erkrankt sind und deren Einkommen durch die seuchenpolitischen Maßnahmen gefährdet ist.
Eine Art von Unterscheidung tritt auf, ein bekennendes Fordern nach Selektion, das nicht mehr (nur) zwischen Inländern und Ausländern, sondern zwischen Gesunden und Kranken eine Grenze zieht. Das „Wir“ der Braven und Fleißigen, die nicht rauchen, keinen Ballermann machen und sich um ihre Gesundheit kümmern, bläst ins Jagdhorn gegen die Alten, Schwachen, Drogensüchtigen usw. usf., die eigentlich als unnötiger Ballast bei jeder sich bietenden Gelegenheit abgeschüttelt werden sollten.

7. Umwelt
Daß die Umwelt in einem schlechten Zustand ist und der Klimawandel zu einem guten Teil hausgemacht ist, war vor der Coronakrise das Thema Nr. 1, es gab FFF-Demos und viele Verantwortliche runzelten die Stirn, wie man denn den CO2-Ausstoß verringern und den Planeten retten könnte. Man dachte an die Natur, die Landwirtschaft, die Naturkatastrophen, Dürre und Waldbrände, die Grundlagen der Ernährung, also sehr allumfassende und auf die Natur bezogene Besorgnisse und Maßnahmen.

Aber inzwischen hat sich herausgestellt, daß die Bedingungen, unter denen viele Menschen leben, die Brutstätte von Krankheiten sind, und nicht nur in Hinterindien, wo es kein sauberes Wasser gibt, sondern in den Metropolen industrialisierter Staaten, in der Lombardei und in New York. Der Smog, beengte Wohnverhältnisse, veraltete Infrastruktur und eine moderne Armutsmedizin, die die Menschen mit Antibiotika, Tranquilizern und Schmerzmitteln ruhigstellt, haben sich als die wirklichen Krankmacher herausgestellt, die das Virus nur für alle sichtbar gemacht hat.

Die ganze Umwelt-Debatte ist ein wenig aus der Atmosphäre, den Ozeanen, Urwäldern und Wüsten, dem Geschrei um gefährdete Tierarten, Pflanzen und Inseln in den Alltag des Hier und Jetzt zurückgekehrt: Worum geht es eigentlich beim Thema „Umwelt“? – um die Menschheit, die Zukunft, das Klima? – oder vielleicht zunächst einmal darum, wie in den Metropolen des Kapitals gelebt und gestorben wird?

8. Energie

Sehr betroffen von der Corona-Krise ist die Energiewirtschaft: Die eingeschränkte Mobilität und das Ruhen vieler wirtschaftlicher Tätigkeit läßt den Ölpreis abstürzen, wird aber auch viele Anbieter erneuerbare Energie in Schwierigkeiten bringen, weil auch sie mit der sinkenden Nachfrage und höheren Herstellungskosten zu kämpfen haben.
Wie die Fracking-Industrie und die darauf aufbauende Weltpapierspekulation aus diesem Wellental herauskommen und der Streit um North Stream und Ukraine-Gastransit weitergehen wird, ist unklar.
Das

9. Wachstum
wird jedenfalls in nächster Zeit nicht mehr so richtig flutschen.

Vielleicht kommt jetzt nach Null- und Negativzinsen das Null- und Negativ-Wachstum und die Prognosen werden sich darin überbieten, geringeren oder höheren BIP-Rückgang zu prophezeien.
Was das für die aufgehäuften Schuldenberge bedeutet, muß sich auch erst herausstellen.

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Die neue Pandemie III – Finale http://NestorMachno.blogsport.de/2020/04/22/die-neue-pandemie-iii-finale/ http://NestorMachno.blogsport.de/2020/04/22/die-neue-pandemie-iii-finale/#comments Wed, 22 Apr 2020 09:44:59 +0000 nestormachno Antikapitalismus Ideologie Imperialismus Gesundheit Konkurrenz um die Macht http://NestorMachno.blogsport.de/2020/04/22/die-neue-pandemie-iii-finale/ ÜBER DIE BEWÄLTIGUNG UND NACHBEWÄLTIGUNG DES CORONAVIRUS

Welche Maßnahmen waren richtig und wichtig zur Eindämmung der Ausbreitung des Erregers?
Welche Versäumnisse werden jetzt Thema in der öffentlichen Debatte?
Was wir über das Virus wissen oder nicht wissen – all das eröffnet sicher noch ein weites Feld in der öffentlichen Meinung, nicht zu vergessen Fake News von offizieller und nicht offizieller Seite.

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Überlegungen zum Coronavirus – 7.: Smog http://NestorMachno.blogsport.de/2020/04/14/ueberlegungen-zum-coronavirus-7-smog/ http://NestorMachno.blogsport.de/2020/04/14/ueberlegungen-zum-coronavirus-7-smog/#comments Tue, 14 Apr 2020 01:09:24 +0000 nestormachno Antikapitalismus Die Marktwirtschaft und ihre Unkosten Gesundheit http://NestorMachno.blogsport.de/2020/04/14/ueberlegungen-zum-coronavirus-7-smog/ WARUM ITALIEN? – TEIL 7

Zu den bisherigen Vermutungen, warum es Italien so erwischt hat,

1. Der Mailänder Flughafen ist der wichtigste europäische Flughafen für Ostasienflüge
2. Die italienische Mode wird seit geraumer Zeit von Chinesen in Sweatshops in Norditalien hergestellt
3. Der Karneval in Venedig + die Kreuzfahrten nach Venedig haben als Verteiler gewirkt
4. Es gibt halt so viele alte Leute dort
5. Die Einrichtungs-Messe Homi in Mailand im Jänner wurde vor allem von chinesischen Arbeitern aufgebaut
6. Das Gesundheitswesen in Italien war auch vor der Epidemie schlecht beinander

haben sich inzwischen in den Medien weitere gesellt: Fußballspiele der UEFA (Atalanta Bergamo gegen Valencia), und der Smog, der in den Industrieregionen der Poebene ähnlich wie in Chinas Coronavirus-Zentrum Wuhan herrscht.

Während das Fußballspiele unter Großveranstaltungen fallen, überall stattfinden und bestenfalls die besondere Konzentration in Bergamo erklären können, ist die Sache mit dem Smog weitere Überlegungen wert.

1. Smog in London

Als klassisches Land des Smogs, wo der Begriff (Rauch+Nebel) erfunden wurde, gilt Großbritannien, speziell London. Die großen Smog-Wellen, die die Sterblichkeitsrate in die Höhe schießen ließen und teilweise das öffentliche Leben lähmten, gingen außer dem Nebel auf die Kombination von Kohleheizungen und mit Kohle betriebenen Kraftwerken auch auf den wachsenden Straßenverkehr zurück. Dabei spielte eine wichtige Rolle, daß in London nach 1945 die Straßenbahnen durch Busse ersetzt worden waren.
Die „Smogkatastrophe von 1952“, die über 4.000 Menschen das Leben kostete, wird so beschrieben:
„Am Abend des 5. Dezember 1952 verdichtete sich plötzlich der Nebel … In den folgenden Tagen war es sogar für Fußgänger unmöglich, sich zurechtzufinden. Viele sonst ortskundige Menschen verirrten sich. Autofahren war unmöglich, selbst wenn jemand mit einer Lampe dem Auto voranging. … Der Smog wurde so dicht, dass die Sicht fast auf »Null« zurückging. Augenzeugen berichten, dass Menschen, die an sich herab blickten, alles, was unterhalb ihrer Taille war, nicht sehen konnten … Der Smog drang auch in die Gebäude ein, so dass Kino- und Theatervorführungen abgesagt werden mussten, weil Leinwände oder Bühnen aus dem Zuschauerraum nicht mehr zu sehen waren. Andererseits hätten aber auch die Menschen den Weg dorthin nicht mehr gefunden.“ (Wikipedia, Smogkatastrophe 1952)
Ab Mitte der 50-er Jahre wurden daher Gesetze für saubere Luft erlassen und sonstige Maßnahmen gesetzt, um die Luftqualität zu verbessern. Unter anderem begann damals ein schrittweiser Wechsel von dem klassischen Energieträger Kohle zu den zumindest vom Standpunkt der Luftverschmutzung „saubereren“ Energieformen Atomkraft, Erdöl und Erdgas. Das Heizen mit Feststoff-Öfen aller Art wurde untersagt. Großbritannien war führend in Filtertechnik für Kohlekraftwerke, bis sich herausstellte, daß auch die Verflüssigung von Schadstoffen das Problem nur auf eine andere Ebene verlagerte.

Heute gilt das Smog-Problem in Großbritannien als gelöst, was nicht heißt, daß in London inzwischen reine Luft wäre. Aber die Schäden, die inzwischen noch auftreten, werden zumindest von den Gesetzgebern als gesellschaftlich tragbar eingestuft.
Ein wichtiger Schritt zur Verbesserung der Londoner Luft – und der in anderen britischen Großstädten – war sicher die großflächige Stilllegung der Kohleförderung im UK. Damit wurde die Kohle als Verschmutzungsfaktor an den Rand gedrängt.

Ähnliche Entwicklungen gab es in anderen Regionen Europas, wo klimatische Gegebenheiten im Zusammenhang mit der Zunahme von Industrie und Verkehr Smogprobleme und infolgedessen ein Ansteigen der Atemwegserkrankungen verursachten. Zuletzt ist die Problematik als „Feinstaub-Belastung“ rund um den Dieselskandal wieder in den Medien breitgetreten wurden.

2. Smog in China

China besitzt auf seinem Territorium nur einen einzigen Energieträger, nämlich Kohle. Deshalb baute sowohl die in den 50-er Jahren einsetzende Industrialisierung als auch die Beheizung der Städte – mit Fernwärme – auf Kohlekraftwerken auf.
Solange geplante Industriestädte auf der grünen Wiese erbaut und mit den vorgesehenen Fabriken und Kraftwerken versehen wurden, gab es kein Problem der Luftqualität. Selbst wenn sie einmal nicht so toll war, nahmen das die Betroffenen mit Gelassenheit, und es ging bald wieder vorbei.
Man darf nicht vergessen, daß die chinesische Bevölkerung bis hoch in die 80-er Jahre sehr immobil war. Wohnorte und Arbeitsplätze wurden zugeteilt und das System der Lebensmittelmarken verhinderte unbegründete Ortsverlagerungen. So spielte auch der Verkehr keine besondere Rolle als Umweltbelastung. Über Land fuhr man – sofern es einen guten Grund gab, wie Studium oder Beruf – mit Zügen. In der Stadt dominierte das umweltfreundliche Fahrrad.

Diese idyllischen Verhältnisse änderten sich, als die Reformen in Richtung Marktwirtschaft begannen. Chinas Städte wuchsen schnell und unkontrolliert an. In den Vorstädten entstanden informelle Viertel, die mit Kohleöfen heizten. Der Verkehr nahm zu, die Privatautos begannen, die Straßen der Städte zu verstopfen. Sogar im öffentlichen Verkehr stiegen viele auf Busse um, weil die überall hinfahren konnten, wo es keine Bahnverbindungen gab.
In der allgemeinen Euphorie des Fortschritts und der plötzlich gewonnenen Bewegungsfreiheit wurden lange keine Maßnahmen gesetzt, und die Luftverschmutzung stieg und stieg. Die Leute setzten Masken auf und zuckten mit den Schultern. Die Behörden hatten Wichtigeres zu tun, und bald nach der Jahrtausendwende war China nahe den Londoner Zuständen von 1952, nur in mehr als 10 Städten gleichzeitig. Aufgrund der Größe des Problems hatte das sogar weitergehende Folgen:
„In China befinden sich nach Aussicht der Weltbank zufolge sechzehn der zwanzig Städte mit der stärksten Luftverschmutzung der Welt. Für das Klima in der Region und darüber hinaus hat das gravierende Folgen, wie aktuelle Studien zeigen. … Einer … Studie zufolge hat dieser Effekt in einer nordchinesischen Bergregion die Regenfälle in den letzten fünfzig Jahren um ein Fünftel zurückgehen lassen.“ (Stern, 14.3. 2007)
Die Smogproblematik gefährdete also nicht nur die Gesundheit vieler Millionen Menschen, sondern trug auch zur Versteppung und Verwüstung des Nordwestens Chinas bei.

Die politische Führung setzte den Umweltschutz auf die Tagesordnung. Und gegenüber den 3 Hauptverursachern – Industrie, Verkehr, Heizung – wurden im letzten Jahrzehnt einschneidende Maßnahmen gesetzt: Seit Jahren baut China Wasser-, Wind- und Sonnenenergie aus. Die Schadstoff-Grenzwerte wurden gesenkt bzw. oft überhaupt erst eingeführt, Filteranlagen montiert und viele Industrien und Kraftwerke zugesperrt, die diesen Werten nicht genügten. Mit dem Abschluß von Erdgaslieferverträgen mit Rußland werden ständig Fernwärmekraftwerke von Kohle auf Gas umgestellt. Bei der Ansiedlung neuer Betriebe werden Umweltverträglichkeitsprüfungen gefordert, und Industrieanlagen sollen vermehrt aus Ballungsgebieten in weniger dicht besiedelte Gebiete verlegt werden.
Der Ausbau des Eisenbahnnetzes und die Hochgeschwindigkeitszüge dienen nicht nur der Beförderung der Mobilität, sondern auch dem Ziel, sie umweltverträglicher zu machen. China hat auch den Startschuß gegeben für die Elektroauto-Erzeugung, die die Verbrennungsmotoren ersetzen soll.

Das alles geht natürlich bei den Dimensionen dieses Staates und der Produktion, die dort stattfindet, nicht von heute auf morgen.

3. Wuhan

Die Existenz und die Größe Wuhans verdankt sich seiner Lage. Es liegt am Großen Fluß, dem wichtigsten Verkehrsweg Chinas, und an der Einmündung eines wichtigen Nebenflusses. So entstanden die 3 Städte, die Wuhan ausmachten, als Handelszentrum zwischen den gebirgigen westlichen Provinzen Chinas, die das Einzugsgebiet des Jangtse ausmachen und der Region um Shanghai, der großen Handelsmetropole.
Fast genauso wichtig wie die West-Ostverbindung ist für Wuhan die Nord-Süd-Verbindung: Durch Wuhan geht der historische Verkehrsweg, der Peking mit Kanton verbindet, also die wichtigste Nord-Süd-Verbindung Chinas. Deshalb wurde die erste feste Brücke über den Jangtse im Jahr 1957 mit sowjetischer Hilfe erbaut – in Wuhan.
Die zentrale Lage Wuhans ließ es auch im 20. Jahrhunderts im Krieg gegen die Japaner und zwischen Volksarmee und Kuomintang zu einer wichtigen militärischen Basis werden, sogar als mögliche neue Hauptstadt war es eine Zeitlang im Gespräch.

Die Vorteile der günstigen Lage ziehen aber auch Nachteile nach sich: Die Lage an den Flüssen (– außer dem Han-Fluß münden auch weitere kleinere Flüsse in der Nähe ein –) führte zu häufigen und sehr heftigen Überschwemmungen, sogar in jüngerer Vergangenheit. Die Überschwemmungsgefahr des Jangstekiang wurde durch den 3-Schluchten-Damm sehr verringert, aber er ist nicht das einzige Wasser, das sich Richtung Wuhan ergießt.

Außerdem führt die Lage am Wasser – außer Flüssen gibt es in und um Wuhan jede Menge Seen – zu einer hohen Luftfeuchtigkeit, die es im Zusammenhang mit der Luftverschmutzung in der kalten Jahreszeit zu einer idealen Brutstätte für Smog macht.

Der Einwohnerzahl nach gehört der Großraum Wuhan zu den großen Ballungszentren Chinas: In dem als „Innenstadt“ definiertem Gebiet leben 8 Millionen Menschen, im Großraum Wuhan mehr als 10,5 Millionen. Unter den Städten Chinas nimmt es nach Einwohnerzahl den 6. Rang ein.
„Die Stadt ist der industrielle Schwerpunkt Mittelchinas und hat die für chinesische Millionenstädte typische Mischung aus Produktionsbetrieben vieler Branchen, u. a. Motoren-, Schiffs-, Fahrzeug- und Maschinenbau, Zementfabriken, Textilwerke, chemische Werke, Papierherstellung, ein Aluminiumwerk sowie eine … Brauerei.“ (Wikipedia, Wuhan)

So kam zu dem Markt, von wo der Coronavirus angeblich seinen Ausgang nahm, ein vom Standpunkt des Virus ideales Milieu, wo sich erstens das Virus schnell ausbreiten konnte, aber zweitens in Wuhan Atemwegserkrankungen sowieso schon verbreitet waren, das Immunsystem der dortigen Menschen geschwächt, und deshalb auch eine durch erhöhte Medikamente-Konsum für dergleichen Infektionen anfällige Bevölkerung vorhanden war.


4. Die Poebene

a) Industrie

Eine der Voraussetzungen für die Industrialisierung Norditaliens war die bereits im Spätmittelalter erfolgte Aufhebung der Leibeigenschaft in verschiedenen norditalienischen Stadtstaaten. Um die Lebensmittelversorgung der Handelsmetropolen sicherzustellen, schufen diverse Fürstentümer bereits im 13. und 14. Jahrhundert einen freien Bauernstand, der mit der Zeit auch ein blühendes Handwerk außerhalb der Städte zustande brachte, sehr im Unterschied zu den süditalienischen Provinzen, wo der Großgrundbesitz bis heute vorherrscht und jede wirtschaftliche Entwicklung erstickte.
Diese Entwicklung wurde noch beflügelt durch die österreichische Herrschaft, wo das Urbarium und die Gewerbeordnung zur Zeit Maria Theresias beide Entwicklungen begünstigten.
Nach der Einigung Italiens baute die königlich-piemontesische Regierung auf diesen Vorbedingungen auf. Die Entscheidung, sich mit den Eliten Süditaliens nicht zu verscherzen und die dortigen Eigentumsverhältnisse zu bestätigen, besiegelte das Schicksal des Mezzogiorno, der seither als Arbeitskräfte-Reservoir für Norditalien dient.
Die weitere Industrialisierung Italiens geschah über den Schulterschluß des bisher vorhandenen Handelskapitals mit den genossenschaftlich organisierten Arbeiter- und Handwerkervereinen Norditaliens. Die Manufaktur und Industrie der Lombardei, des Piemonts und angrenzender Gebiete geschah teilweise von unten, mit Hilfe des traditionellen Bank- und Handelskapitals. Der Faschismus schuf mit Staatshilfe einen weiteren Schub, und nach dem Krieg wurde die Industrie Norditaliens mit Hilfe des staatlichen Energie-Riesen ENI weiter ausgebaut.
„Die italienische Wirtschaft ist die sechstgrößte auf der Welt und lässt sich am besten mit der von Frankreich oder von Großbritannien vergleichen.“ (ItalienWissen)
(Die entsprechende Kulisse kann man in dem Film „Die rote Wüste“ betrachten.)
Abgesehen von den Textilfirmen sei erinnert an: Fiat, Pirelli, diverse Lebensmittel- und Sportartikel-Firmen, Möbel, usw. Die Berichterstattung der jüngeren Vergangenheit beleuchtet auch diesen Zustand der Wirtschaft der Lombardei:
„Die geschäftstüchtige Stadt Bergamo, bekannt für ihre Chemie- und Baumaterial-Produktion, den Stahlbau, sowie ihre Forschungsinstitute, ist in wenigen Wochen zum Lazarett Italiens geworden.“ (Tiroler Tageszeitung, 22.3. 2020)

b) Natur

Die Poebene ist eigentlich keine Ebene, sondern ein weitläufiges hügeliges Becken zwischen zwei Bergzügen, den Alpen im Norden und Westen und dem Apennin im Süden, des in Form eines Dreiecks in die Adria sozusagen entlüftet, was sich dort sammelt. Über den Nebel, der dort auftritt, kann man sich im Film „Amarcord“ von Fellini einen Eindruck verschaffen.
Die Luftfeuchtigkeit dieser Gegend war lange kein Problem, sondern sogar ein Faktor der Fruchtbarkeit, der die Landwirtschaft beflügelte.
Im Zusammenhang mit der Industrie wurde der traditionelle Nebel jedoch in den letzten Jahrzehnten zu einem bestimmenden Moment der Erkrankung der gesamten Bevölkerung der Poebene.
Das Bild aus Wikipedia zeigt das Ausmaß des Problems sehr deutlich:

Die Krankenhäuser der Lombardei, des Piemonts und Venetiens waren in den letzten Jahren bei der Behandlung der Atemwegs-Erkrankten an den Grenzen ihrer Kapazitäten:
„Letztes Jahr hätte niemand eine schwere Grippesaison erwartet. Und stattdessen: 8,5 Millionen Betroffene in Italien, über 740 schwerwiegende Fälle, 160 direkte und 10 000 indirekte Todesfälle, die mit Komplikationen der Atemwege wie Lungenentzündung und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zusammenhängen.“ (La Republicca, 26.9. 2018)

Zu diesen Zahlen und Fakten muß man noch hinzufügen, daß mit diesen sozusagen chronischen Erkrankungen, die sich aufgrund der Smog-Zustände ergeben, ebenfalls als chronisch zu bezeichnende Medikamenten-Abhängigkeiten ergeben, die nicht nur das Immunsystem, sondern durch ihre Nebenwirkungen angegriffene Organismen zusätzlich schwächen.

Der Smog Norditaliens ist also mit seinen direkten und indirekten Folgen als eine der wichtigsten Triebkräfte der CV-Pandemie Italiens zu betrachten.

Fortsetzung folgt: Fazit aus dem Bisherigen

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http://NestorMachno.blogsport.de/2020/04/14/ueberlegungen-zum-coronavirus-7-smog/feed/
Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise II http://NestorMachno.blogsport.de/2020/04/09/die-wirtschaftlichen-folgen-der-corona-krise-ii/ http://NestorMachno.blogsport.de/2020/04/09/die-wirtschaftlichen-folgen-der-corona-krise-ii/#comments Thu, 09 Apr 2020 18:59:02 +0000 nestormachno Antikapitalismus Geld & Kredit Linke Ideologie Die Marktwirtschaft und ihre Unkosten öffentliche Schulden (Staaten, Länder, Gemeinden) http://NestorMachno.blogsport.de/2020/04/09/die-wirtschaftlichen-folgen-der-corona-krise-ii/ WOHER KOMMT DAS GELD FÜR DIE UNTERSTÜTZUNG DER ÖKONOMIE, AN WEN GEHT ES, WAS SOLL ES BEWIRKEN?

Während auf der einen Seite mit einer Mischung aus Beschwichtigung, Kontrolle, Verordnungen und Panik an der medizinischen Bewältigung des Coronavirus gearbeitet wird, machen sich die Politiker auch Gedanken um den Fortgang von Geschäft und Gewinn. Wenn nämlich Betriebe zusperren, Leute nach Hause geschickt werden, die Arbeitslosigkeit steigt und die Umsätze stagnieren, so ist mit der Produktion des abstrakten Reichtums gleichzeitig der gesamte gesellschaftliche Zusammenhang in Frage gestellt.

Die Keynesianer sehen eine „Chance“, die Wirtschaft mit Schulden aller Art wieder anzukurbeln.

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Überlegungen zum Coronavirus – 6.: Italiens Gesundheitswesen http://NestorMachno.blogsport.de/2020/04/08/ueberlegungen-zum-coronavirus-6-italiens-gesundheitswesen/ http://NestorMachno.blogsport.de/2020/04/08/ueberlegungen-zum-coronavirus-6-italiens-gesundheitswesen/#comments Wed, 08 Apr 2020 22:21:13 +0000 nestormachno Antikapitalismus Geld & Kredit Die Marktwirtschaft und ihre Unkosten öffentliche Schulden (Staaten, Länder, Gemeinden) Gesundheit http://NestorMachno.blogsport.de/2020/04/08/ueberlegungen-zum-coronavirus-6-italiens-gesundheitswesen/ WARUM ITALIEN? – TEIL 6

Hier wird die Serie der Erklärungen fortgesetzt:

1. Der Mailänder Flughafen ist der wichtigste europäische Flughafen für Ostasienflüge
2. Die italienische Mode wird seit geraumer Zeit von Chinesen in Sweatshops in Norditalien hergestellt
3. Der Karneval in Venedig + die Kreuzfahrten nach Venedig haben als Verteiler gewirkt
4. Es gibt halt so viele alte Leute dort
5. Die Einrichtungs-Messe Homi in Mailand im Jänner wurde vor allem von chinesischen Arbeitern aufgebaut
6. Das Gesundheitswesen in Italien war auch vor der Epidemie schlecht beinander

1. Gesundheit

Was als „Gesundheit“ angesehen wird, hängt von der Gesellschaft ab, in der man lebt.

Die alten Griechen trieben Sport, um fit für den Krieg zu sein. Gesund war, wer seine Feinde aufgrund seiner körperlichen Verfassung bezwingen konnte, und diesem Ziel war zumindest die körperliche Betätigung untergeordnet.

In den indigenen Gesellschaften gab es Medizinmänner, die mit Wissen über Pflanzen und Rauschzustände dafür sorgten, daß der Stamm halbwegs fit für Jagd, gegebenenfalls Ackerbau, und Reproduktion blieb.

In der heutigen Marktwirtschaft ist das Wichtigste, daß jemand arbeitsfähig ist. Sowohl nach körperlicher als auch nach geistiger Verfassung wird das Individuum dazu erzogen, sich an seinem Arbeitsplatz zu bewähren. Das heißt, daß sich bereits Kinder oder Jugendliche darauf vorbereiten sollen, andere gegebenenfalls auszustechen – im Sport, bei schulischen Leistungen, im Ergattern eines Partners. Gesund sein im weitesten Sinne heißt: bestmöglich gerüstet für die Konkurrenz.
Die Volksgesundheit, die modernen Staaten ein Anliegen ist, soll den ganzen Volkskörper möglichst für dieses Ziel befähigen. D.h., möglichst viele Individuen sollen nach dem Ideal der Gesundheitspolitiker möglichst sportlich, ehrgeizig und fleißig sein, um die möglicherweise nicht so gut vorbereiteten Untertanen fremder Herrschaften auf allen Gebieten – Kultur, Produktivität, Sport, usw. – auszustechen. Dieses Ziel geht auch in Form rassistischer Witze über andere Nationen in das Denken der jeweiligen Staatsbürger ein.

Der Herstellung und Aufrechterhaltung dieser Art von Gesundheit dienen die Bildungseinrichtungen eines Landes und das Gesundheitssystem. Wenn letzteres untersucht wird, sollte man sich jedenfalls vor Augen halten, wie die Gesundheit definiert wird: Nicht als allgemeines Wohlbefinden, Abwesenheit von Krankheiten und Schmerzen und allumfassende Fertigkeiten, Geschicklichkeit und Frohsinn, sondern um die Funktionalität für die kapitalistische Klassengesellschaft.


2. Das Gesundheitssystem

a) Gesundheit im Sozialismus

Als der junge Medizinstudent Ernesto Guevara in den Ferien mit dem Motorrad durch Lateinamerika fuhr, fielen ihm bei den Leuten, die er kennenlernte, Bergarbeitern in der Atacama-Wüste oder Leprakranken in Ecuador, zwei Dinge auf: Erstens, daß unser Gesellschaftssystem Leute krank macht, vernutzt und Schäden und Gefahren aussetzt, weil es hier wie dort legal ist, daß die Reichen die Armen ausnützen, für sich arbeiten lassen und so noch reicher werden.
Zweitens, daß diesen solcherart Beschädigten dann auch noch wegen ihrer Armut die ärztliche Hilfe verweigert wird und im 20. Jahrhundert Menschen an Krankheiten leiden und sterben, die längst heilbar sind.

Er zog daraus den Schluß, daß er an dieser Gesellschaftsstruktur etwas ändern will, und sich nicht damit abfinden will, als Arzt diejenigen zu betreuen, die sich das eben leisten können.
Er wollte eine Gesellschaft errichten, in der Leute erstens nicht mutwillig krank gemacht, und zweitens ihre Krankheiten mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln geheilt werden.

Auf diesen beiden Prinzipien beruht das heutige kubanische Gesundheitssystem, das in diesen schweren Zeiten als besonders vorbildlich hervorsticht und Ärzte-Brigaden in die Zentren des Kapitalismus schickt, weil deren Gesundheitssysteme mit dem Coronavirus nicht mehr fertig werden.

b) Gesundheit im Kapitalismus

Der fundamentale Unterschied unseres Gesundheitssystems zum kubanischen besteht darin, daß Punkt 1 nie angedacht wurde. Das sehr gerühmte sozialstaatliche Gesundheitssystem Mitteleuropas beruht auf der Überzeugung, daß die Leute die Arbeit, die Umweltverschmutzung, den Streß und die Konkurrenz aushalten müssen, zumindest mehrheitlich.
Die Denkmäler dieser Auffassung sind Berufskrankheiten und Grenzwerte.
Bei ersteren ist anerkannt, daß gewisse Berufe krank machen. Diese Art von Beruf wird aber nicht eliminiert, oder so umgestaltet, daß er der Gesundheit nicht schadet. Die bereits Erkrankten werden, wenn sie Glück haben und ihre Beschädigung anerkannt wird, mit einer Invalidenrente ausgestattet.
Bei Grenzwerten wird festgestellt, daß verschiedene Stoffe nachteilige Folgen auf die Gesundheit der Bevölkerung haben. Sie werden aber nicht aus dem Verkehr gezogen, sondern lediglich mengenmäßig beschränkt.

Eine Kritik an unserem Gesundheitswesen lautet, daß sie Symptome behandle, nicht Ursachen. Das ist zwar nicht immer richtig, hat aber natürlich in der Ausgangslage des ganzen Gesundheitswesens ihre Grundlage. Eigentlich könnten viele Ärzte angesichts der Lage ähnlich Schlüsse ziehen wie Che Guevara, aber irgendwie scheint sich diese Denkweise nicht so richtig durchzusetzen.

Ein schönes Beispiel für den Zustand unseres Gesundheitswesens ist die Krebsforschung. Es sind alle möglichen Stoffe bekannt, die krebsfördernd wirken. Die werden eben dann beschränkt und mit Grenzwerten versehen.
In andere Richtungen – wie sehr der Streß, die Existenzangst, das Mobbing, andere Formen der Konkurrenz und die zeit- und geldbedingte Mangelernährung breiter Volksmassen zur Folge haben, daß einige Zellen im Körper einfach kippen und zu Killern werden – wird gar nicht geforscht. Stattdessen suchen gutdotierte Institutionen nach Mitteln, diese Killerzellen wiederum zu killen. Auch alle Folgekosten, wie Chemotherapie, Rehab und Frühpensionierungen und Invalidenrenten, werden vom Gesundheitssystem in Kauf genommen. So sieht eben die Reparaturarbeit in unserer Gesellschaft aus.

Dem Gesundheitswesen entstehen außerdem beachtliche Kosten nicht aus der großartigen Entlohnung der dort Angestellten – viele Berufe im Gesundheitswesen streifen bereits die Prekariatsgrenze –, sondern daraus, daß die pharmazeutische und sonstige Medizinindustrie auch ihre Kosten kommen soll. Gerade solche Staaten leisten sich ein flächendeckendes Krankenhausnetz und behandeln ihre Bevölkerung großzügiger als andere Staaten, die damit auch ihrer Medizinindustrie eine zahlungsfähige Nachfrage und daneben ein Experimentierfeld für neue Behandlungsmethoden und Medikamente sichern.
Man kann das Gesundheitssystem unter diesem Gesichtspunkt durchaus auch als eine Art Standort- und Wirtschaftsförderung betrachten.

Wenn also die Neoliberalismus-Kritiker rufen: „Gesundheit darf kein Geschäft sein!“ und eine höhere Dotierung dieses Sektors fordern, so übersehen sie sehr geflissentlich, welchen Geschäften das ganze Gesundheitssystem von Anfang an dient: Sowohl den gesundheitsschädlichen nämlich als auch den heilenden.


3. Das Gesundheitswesen Italiens

„Zu Beginn der 1970er Jahre gab es in Italien noch rund 100 Krankenkassen. Dieses System wurde 1978 mit Einführung des nationalen Gesundheitsdienstes abgeschafft. Mit einem einheitlichen Leistungsangebot wollte die Regierung dem starken Gefälle zwischen reichem Norden und armen Süden entgegenwirken. In der Praxis hat dies nicht so ganz funktioniert, sodass es mittlerweile bereits vier größere Reformen gab.“ (Krankenkassenvergleich)
Ein Ergebnis dieser Reform von 1978 ist, „dass die medizinische Grundversorgung für alle Bürger kostenlos ist.“ (ebd.)
Was als Grundversorgung definiert, und was darüber hinaus geleistet ist, hängt von der Dotierung der Spitäler ab, und das wiederum hat mit dem Steueraufkommen derjenigen Region zu tun, in der sich die medizinische Einrichtung befindet.
Was im Mezzogiorno in medizinischen Einrichtungen als Grundversorgung angeboten wird, unterscheidet sich daher aufgrund der finanziellen Mittel sehr von Regionen wie Rom oder den reicheren Provinzen des Nordens. Die wirtschaftliche Entwicklung Italiens spiegelt sich also in der Ausstattung seiner Krankenhäuser, und auch in der Anzahl derselben: „Auf lokaler Ebene gibt es die Unita Sanitarie Lokale (USL). Pro USL werden zwischen 50.000 und 200.000 Einwohner betreut.“ (ebd.)
Man kann sich also vorstellen, was in solchen USL (= Krankenhaus, Notfallambulanz oder auch nur Ordination) los ist, wenn auf einmal massenhaft Leute krank werden.

„37,5 Prozent der Kosten werden mit Steuergeldern finanziert. Weitere 40,8 Prozent stammen aus den Versicherungsbeiträgen, die komplett vom Arbeitgeber übernommen werden.“ (ebd.) Der Rest kommt aus Selbständigen-Beiträgen und Selbstbehalten – für Medikamente oder Behandlungen, die über die Grundsicherung hinausgehen.

Dieses italienische Gesundheitswesen funktionierte zu Zeiten der Scala Mobile bis 1992, als die Gehälter hoch waren, halbwegs gut. Erstens war die allgemeine Gesundheit besser, zweitens war der Altesdurchschnitt niedriger, und auch die Steuern und Abgaben deckten die Anforderungen des Gesundheitswesens besser ab.
Sogar 8 Jahre später, nach sehr großen Veränderungen in Sachen Arbeitsmarkt, individuelle Einkommen und Abgaben erhielt Italien ein großes Lob der WHO: „Trotz der regionalen Unterschiede stand das Gesundheitssystem Italiens im Jahr 2000 an zweiter Stelle der Weltrangliste der Weltgesundheitsorganisation … Italien gibt knapp 10 Prozent seines BIP für das Gesundheitswesen aus und liegt damit im OECD-Durchschnitt.“ (Wikipedia, Servizio Sanitario Nazionale)

Als die Finanz- und Eurokrise die Eurozone erschütterte, trat die Regierung Berlusconi zurück, nachdem sie bereits das erste von EU-Beamten in Brüssel verordnete Sparpaket unterzeichnet hatte. Ihm folgte der Wirtschaftswissenschaftler Mario Monti als Übergangspräsident. Obwohl er gar nicht gewählt, also nach der italienischen Verfassung gar nicht zu solchen einschneidenden Maßnahmen berechtigt war, setzte er weitere Sparmaßnahmen durch. Die betrafen auch das Gesundheitswesen: „Unter anderem sollen 50 der insgesamt 100 Provinzverwaltungen verschwinden; im Gesundheitswesen sollen mittelfristig 18 000 Krankenhausbetten wegfallen.“ (Tagesspiegel, 7.7. 2012)
„Wegfallen“ – das klingt ganz so, als seien diese Betten bisher überflüssig gewesen, ein reines Dekor sozusagen.
Weitere Einsparungen nahm sich 3 Jahre später die Regierung Renzi vor: „Italiens Gesundheitswesen wird milliardenschweren Sparmaßnahmen unterzogen. Einsparungen in Höhe von zehn Milliarden Euro stehen dem Gesundheitssektor in den kommenden fünf Jahren bevor. … Schon im kommenden Jahr will die Regierung 2,3 Milliarden Euro an Gesundheitsausgaben kürzen. Die Einsparungen werden jedoch nicht die Dienstleistungen für die Bürger belasten, versicherte Gesundheitsministerin Beatrice Lorenzin. … Maßnahmen seien auf lokaler Ebene mit Hilfe der Regionen geplant. Kleinere Krankenhäuser sollen geschlossen werden. … Der Präsident des Veneto, Luca Zaia, meinte, in seiner Region seien nach den beträchtlichen Einsparungen der vergangenen Jahre keine weiteren Ausgabenkürzungen mehr möglich.“ (Salzburger Nachrichten, 29.7. 2015)

Das solchermaßen verkleinerte Gesundheitswesen Italiens mit überlastetem Personal, das aufgrund der Kürzungen seit 2012 eigentlich schon seit Jahren an der Grenze seiner Kapazitäten operiert, setzte ähnlich wie die Ärzte und Spitäler in den USA auf Entlastung: Statt aufwendiger stationärer oder auch ambulanter Behandlungen verschrieben die Ärzte vor allem älteren Patienten und solchen mit chronischen Krankheiten lieber Medikamente und schickten sie nach Hause.

Damit schufen sie eine zusätzliche Verschärfung der Situation, weil diese Patienten waren wenig widerstandsfähig, als das Coronavirus bei ihnen anklopfte.

Fortsetzung (Bonus Track): Der Smog

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