Überlegungen zum Coronavirus – 2.: Textilindustrie

WARUM ITALIEN? – TEIL 2

Hier wird die Serie der Erklärungen fortgesetzt:

1. Der Mailänder Flughafen ist der wichtigste europäische Flughafen für Ostasienflüge
2. Die italienische Mode wird seit geraumer Zeit von Chinesen in Sweatshops in Norditalien hergestellt
3. Der Karneval in Venedig + die Kreuzfahrten nach Venedig haben als Verteiler gewirkt
4. Es gibt halt so viele alte Leute dort
5. Die Einrichtungs-Messe Homi in Mailand im Jänner wurde vor allem von chinesischen Arbeitern aufgebaut.
6. Das Gesundheitswesen in Italien war auch vor der Epidemie schlecht beinander


2. Italiens Textilindustrie

a) Mode

Die Textilindustrie Italiens begnügte sich seit Jahrzehnten nicht damit, billige oder strapazierfähige Kleidung herzustellen, sondern verschrieb sich der Eleganz und Mode. „Made in Italy“ war eine Art Marke für eine bestimmte Art von Lifestyle, von flotten Autos bis hin zu eben ebenso flotten Fetzen.

Wer sich der Mode verschreibt, legt bei Kleidung weder auf Bequemlichkeit, noch auf Strapazierfähigkeit Wert. Im Gegenteil, diese Eigenschaften nützen dem Träger. Wer sich modisch kleidet, will seiner Umwelt imponieren. Die ganze Modewelt ist also ein Ergebnis der Konkurrenzgesellschaft und soll die Kleidungsinhaber in ihr voranbringen.
Die Designer von modischen Lumpen geben ästhetische Standards vor, die sich zu einer Norm verfestigen und vom individiellen Schönheitsempfinden unabhängig machen.

Genauso wichtig wie die normierende Potenz der Mode ist ihre Vergänglichkeit. Wenn von Frühjahrs-, Sommer und Wintermode die Rede ist, so soll damit den Leuten nicht nur nahegelegt werden, sich der Temperatur entsprechend zu kleiden, sondern um Himmels willen nicht ihre alten Fetzen vom Vorjahr wieder aus dem Kasten zu holen. Wenn voriges Jahr die Herbstmode lila war und dieses Jahr orange, so ist es völlig uncool, mit einem lila Pullover irgendwo aufzutauchen.
Durch diesen Druck, bloß nicht mit unmodischen Gewand irgendwo unangenehm aufzufallen, ist der modebewußte Bürger genötigt, ständig seine Garderobe zu durchforsten und stofflich gut erhaltene, aber gesellschaftlich verbrauchte Kleidungsstücke dem Roten Kreuz zu übergeben, das denen durch Verkauf in ärmere Länder ein zweites Leben verschafft.

Um der Individualität dennoch Raum zu gewähren, kann man „Geschmack“ beweisen, indem man sich auf bestimmte nationale Moden oder Marken versteift. Der geübte Blick erkennt sofort, ob ein für Arglose völlig unauffälliges T-Shirt oder Hemd aus einer Wühlkiste oder einer britischen oder italienischen Designer-Werkstatt stammt, und taxiert dann seine(n) Träger(in) auch gleich mit.
Damit ist das Terrain bereitet für nationale Textilindustrien, die marca España oder British style oder französische elégance in Kleidungsstücke einbauen und so auch den Bürgern weniger modebewußter Länder die Möglichkeit geben, sich an eine vermeintlich höhere Kleidungskultur anzulehnen und darüber smarter zu erscheinenen.

Letztlich lügen sich alle diese flott gekleideten Menschen über den Effekt ihrer Bemühungen in die eigene Tasche, aber die ganze Mode- und Design-Industrie lebt von diesem kollektiv praktizierten Selbstbetrug.

Da letztlich ohnehin nur das Design zählt, und nicht der Stoff oder die Verarbeitungsqualität, ist es zwar wichtig, wer dieses Design entwirft und wo, aber relativ unwichtig, von wem es dann wo hergestellt wird.

Alles bisher Geschriebene über Mode trifft übrigens auf alle Sparten des täglichen Lebens zu, die von Mode erfaßt werden und wo die einzelnen Individuen sich ihr unterwerfen, wie Speisen und Getränke, Sportarten, Einrichtungsgegenstände und Urlaubsdestinationen.
Hier geht es jedoch um die Kleidung.

b) Textilindustrie

Die Art und Weise, wie Kleidung produziert wird, hat sich im Wesentlichen seit den Zeiten von Karl Marx nicht geändert.
Damals, zur Zeit des Manchesterkapitalismus, wurden die Gewebe selber in großen Fabriken erzeugt, und dann teilweise in kleinen ausgelagerten Produktionsstätten zu Kleidungsstücken verarbeitet. Statt mangelernährten und bleichen Frauen und Kindern, die zusammengepfercht in miesen Cottages in der englischen Provinz Spitzen klöppeln oder in Hinterhof-Werkstätten im Londoner East End die Hemden nähen, mit denen der britische Adel dann auf die Jagd ging, sind heute eben Produktionsstätten im fernen Osten, Marokko oder Bangladesh gebräuchlich, die auch einmal mitsamt ihrer Belegschaft in sich zusammenstürzen können.

Natürlich gibt es auch eine Art von Luxusproduktion, wo Gewebe und Schnitt und Zusammennähen in einem Betrieb von etwas besser bezahlten Arbeiter(inne)n erledigt werden.
Aber die großen Bekleidungsfirmen, die den Markt beherrschen, wie Inditex oder H&M, oder auch die italienischen Armani, Versace oder Gucci gehen nach genau diesem obigen Schema vor.

Sie kaufen dort ein, wo es am billigsten ist – Rohstoffe, Fabriken, Arbeitskräfte – und produzieren dort, wo sie die günstigsten Bedingungen vorfinden.
Schließlich verkaufen sie überall, wo sich eine gewisse Kaufkraft vorfindet und die Währung konvertibel ist bzw. ihre Produkte auf andere Märkte ausgeführt werden können. Nach Nordkorea z.B. drängen sie nicht und auch Kuba bleibt von all dem verschont.

Sie sortieren also die ganze Welt ein nach den Kriterien von Standort und Markt.
Das Idealste ist, wenn beide zusammentreffen.

c) Standort und Markt

Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs, als beinahe alle Schranken für das Kapital weltweit gefallen waren, begann ein neuer Wettlauf um Kapital. Besonders die Regierungen ehemals sozialistischer Staaten boten sich an, billige willige Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen, und die werten Investoren mit Arbeitsrecht- und Umweltschutz-Auflagen nicht allzu sehr zu behelligen. Sie hatten aufgrund bis dahin intakter Bildungssysteme, besserer Infrastruktur und geographischer Nähe bessere Karten als Länder Afrikas oder Südostasiens, die das schon länger anboten. Ein Wettlauf um Investitionen auf dem eigenen Staatsgebiet setzte ein und das ohnehin wählerische Kapital hatte ein reiches Angebot.
Zunächst verlagerte die Textil- und Spielzeugindustrie ihre Produktion nach Fernost, weil deren Produkte nicht verderblich und einfach zu transportieren waren, dann folgten andere Sparten.
Dabei war natürlich die Größe des betreffenden Landes ein zusätzlicher Gesichtspunkt. Wie viel von dem produzierten Zeug kann ich vor Ort absetzen, zu welchem Preis? Und so machte zunächst einmal China das Rennen.

All das trieb den Verkehr zu Land und Wasser und in der Luft voran. Superschnelle Frachtschiffe wurden gebaut, und zusehends verlagerte sich der Transport auch auf die Luftfracht, sobald die mit Preisen lockte, die den Reedereien Konkurrenz machen konnten.

Aufgrund dessen, was weiter oben zur Mode geschrieben wurde, erwiesen sich jedoch irgendwann die langen Transportwege als Hindernis: Man konnte nicht schnell genug auf Trends reagieren, die Klimaveränderungen machten Stress beim Wechsel der Frühjahrsmode, usw.

Und so setzte eine Entwicklung ein, die Arbeitsplätze zurückholte, aber erst recht wieder mit Gastarbeitern besetzte, direkt vor der Haustür.

d) Italiens Textilsektor

Es war nicht die Initiative des italienischen Textilkapitals, sondern der bereits erstarkten chinesischen Textilindustrie, die sich vor allem in der Stadt Prato bei Florenz ansiedelte. Diese Stadt, die die Modegeschäfte von Mailand und anderen Teilen Italiens im Eiltempo mit Konfektionsware beliefert, war schon öfter Schauplatz von Reportagen, vor allem, nachdem 7 Personen beim Brand einer dieser Sweatshops zu Tode kamen.
Prato war ursprünglich ein Zentrum der italienischen Textilindustrie für Gewebe – Stoffe und Tuch, die dann woanders weiterverarbeitet wurden. Mit dem Niedergang der italienischen Textilindustrie durch die Fernost-Konkurrenz mußten viele Firmen zusperren, und die neuen chinesischen Unternehmer mieteten sich in die verlassenen Fabriksgebäude ein, die seither zu Arbeits- und Schlafplätzen für Zehntausende von fleißig im Akkord zuschneidende, nähende, bügelnde und verpackende chinesische Arbeiter verwandelt wurden. Das Geschäftsmodell von Prato wurde sozusagen umgedreht, die Stoffe kommen aus Fernost, verarbeitet werden sie jedoch vor Ort.

Mit einer Mischung aus Neid und Gruseln wird regelmäßig berichtet, wie dort jede Menge von Männern und Frauen auf engstem Raum ohne Murren oder Beschwerden – freiwillig! – schuftet, wie man es eben den chinesischen Kulis nachsagt, und diese Branche in Italien exklusiv beliefern. Pronto moda – „schnelle Mode“ werden ihre Erzeugnisse genannt, und kriegen dann neben dem „Made in Italy“ dann noch den Markennamen verpaßt, der dem Endverkäufer seinen Profit sichert.
Die Nähfabriken von Prato können auch deshalb preisgünstig verkaufen, weil der Zwischenhandel ausgeschaltet wurde. Die Fabriksbesitzer von Prato, die diese Konservenbüchsen voller chinesischer Ameisen betreiben, verkaufen direkt an die mondänen Geschäfte in den norditalienischen Innenstädten. Außerdem an der Steuer und anderen Gebühren vorbei, was ihnen einen zusätzlichen Konkurrenzvorteil verschafft.

Man kann von diesem Geschäftsmodell halten, was man will – für die Verbreitung des Coronavirus in Italien scheinen die chinesischen Näher(innen) nicht verantwortlich zu sein – obwohl manche Artikel das nahelegen.

Erstens fahren sie fast nie weg, weil sie Geld aufhäufen für die angestrebte eigene Selbstständigkeit. Besuch erhalten sie auch keinen, weil bei ihren engen Schlafkojen sowieso kein Platz wäre für Gäste. Sie sitzen auf ihren Arbeitsplätzen und verlassen schon die Fabrik und zusätzlich Prato fast nie.
Nach Prato kommt der Rohstoff per normaler Transportmittel, und ebenso fährt die fertige Ware von dort weg, also keineswegs exklusiv chinesisch.
Ein letzter Grund ist, daß die Textilindustrie von Prato nicht mit der chinesischen Provinz Hubei zusammenhängt, wo der Ausgangspunkt des Virus in der Stadt Wuhan liegt, sondern aus der an der Küste liegenden Provinz Zhejiang, vor allem in der Stadt Wenzhou, die als Ursprung des Feng shui gilt.

Außerdem sind die Ansteckungspunkte und Verbreitungsgebiete in Italien nicht die Toskana, wo Prato liegt, sondern die Lombardei, gefolgt von der Emilia-Romagna und dem Veneto.

Fortsetzung folgt: Der Tourismusmagnet Venedig


7 Antworten auf „Überlegungen zum Coronavirus – 2.: Textilindustrie“


  1. 1 Gabi Hedwig 26. März 2020 um 1:41 Uhr

    Das mit Prato habe ich gewußt, dass eben „Made in Italy“ auf den Gewändern draufsteht, jeder freut sich, hurra, endlich keine chinesische Ware, also kein Billigzeug sondern etwas „Besseres“, eben Qualität „wie früher in Europa“. Ist eine Ködergeschichte, falsche Fährte. Mir ist es übrigens genau so anfangs ergangen.

    Gefällt mir sehr gut, der Artikel, oder was sagt man dazu? Blogbeitrag?

  2. 2 Nestor 26. März 2020 um 15:48 Uhr

    Der Artikel ist als Anregung zu verstehen, über Produktion, Distribution und Konsum generell nachzudenken.

    1. Für was für eine Art von Bedürfnis wird produziert?
    Wo wird produziert? In Fernost und in Südspanien, weil möglichst billig?!
    was natürlich auch die Frage nach der Lohnarbeit überhaupt aufwirft, wo einer die Arbeit von 2 macht und dafür auch noch schlecht bezahlt wird.

    2. Ist es eine gute Idee, über Geld und Tausch die Bedürfnisse unserer Gesellschaft zu befriedigen? Zu Lasten von Umwelt, Gesundheit, Wohlbefinden und Umgang mit den Ressourcen?

    3. Nach was für Prinzipen wird konsumiert?
    Möglichst billig?
    Möglichst schnell?
    Ich brauch das, was die anderen auch haben?
    Ich schmeiß weg, was ich nicht mehr brauche, und kauf mir morgen den gleichen Scheiß in rosarot?

  3. 3 Neoprene 03. April 2020 um 20:26 Uhr

    „Corona und die italienische Modeindustrie

    Wie die Ausbeutung chinesischer Arbeiter zur Ausbreitung des Virus beiträgt

    Dass Italien hunderte Corona-Fälle hat, ist kein Zufall. Zehntausende Chinesen arbeiten illegal in Sweatshops – ohne Papiere, ohne Versicherung, ohne Gesundheitsversorgung. Die Profitgier der Modeindustrie ist an der Ausbreitung des Virus in Europa mit schuld. …“

    https://zackzack.at/2020/02/26/corona-und-die-italienische-modeindustrie-wie-die-ausbeutung-chinesischer-arbeiter-zur-ausbreitung-des-virus-beitraegt/

  4. 4 Nestor 05. April 2020 um 20:03 Uhr

    Dieser Artikel fällt aber hinter das zurück, was ich festgestellt habe – diese chinesische Näh-Bevölkerung ist stationär in ihren Werkstätten karniert und vermutlich weder mit der Verbreitung noch mit der Einschleppung des Virus in Verbindung zu bringen.

    Das sieht man auch auf der Karte. Die wenigen Provinzen, die deckungsgleich sind, sind Mailand, Florenz und Rom, wo eben einfach viele Leute leben.
    Ein schlecht recherchierter, etwas reisserischer Artikel. Auch die Karten selbst sind nicht sehr seriös. Da wurde schnell etwas zusammengeschustert, um die These plausibel erscheinen zu lassen.

  5. 5 Neoprene 05. April 2020 um 21:17 Uhr

    „Das sieht man auch auf der Karte. Die wenigen Provinzen, die deckungsgleich sind, sind Mailand, Florenz und Rom, wo eben einfach viele Leute leben.“
    Das war mir auch schon aufgefallen. Scheint wohl doch nur primitivstes China-Bashing zu sein, wovon ja auch die „Qualitätspresse“ europaweit voll ist.

  6. 6 Nestor 06. April 2020 um 3:08 Uhr

    Das trostlose an dieser Art von Artikeln ist, daß ja Italien gerade seit der Krise 2008 ff. und seiner Verschuldung immer angeraten worden ist – wie anderen überschuldeten Staaten auch –, seine Industrie doch gefälligst wettbewerbfähig zu machen.

    Und dann geschieht das – und ist auch wieder nicht recht! Da wird entlarvt: Sie machens mit billigen Chinesen!

  7. 7 Nestor 24. April 2020 um 10:57 Uhr

    Im Modehandel droht eine Pleitewelle

    Ein Drittel der Textilhändler fürchtet, Corona nicht zu überleben. Die ersten Marken verschwinden bereits. Die Branche fordert mehr Hilfen vom Staat

    https://www.derstandard.at/story/2000117026637/im-modehandel-droht-eine-pleitewelle

    Man kann hinzufügen: nicht nur im Handel, auch in der gesamten Modebrache. Mode ist eben ein schnell verderbliches Produkt.

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