Nachruf auf Ernesto Cardenal

DIE REVOLUTION WIRD BEERDIGT

1. Zu Revolutionen überhaupt

Die meisten Anhänger von Revolution und Umsturz in unseren Breiten orientieren sich an der russischen Oktoberrevolution. Andere Revolutionen sind unter ferner liefen: Die mexikanische von 1910 ff., , die portugiesische Nelkenrevolution, die russische Februarrevolution, usw. Entweder man schweigt darüber, oder tut sie als Fake-Revolutionen, halbe Sachen ab.

Das Wort „Revolution“ kommt eigentlich aus der Astronomie. Das im 17. Jahrhundert erschienene Werk von Kopernikus hieß „De revolutionibus orbium coelestium“ (Über die Umschwünge der Himmelskörper). Erst im 18. Jahrhundert wurde es auf gesellschaftliche Veränderungen, Umstürze angewendet. Seither hat der Begriff eine sehr turbulente Karriere gemacht, mit der die Gewalt oftmals verklärt und gerechtfertigt wird.

Man stellt sich dabei vor, die alte Ordnung würde zerschlagen und eine neue errichtet. Abgesehen davon, daß die neue nicht umbedingt besser sein muß, wird auch meistens jede Menge alter Mist mitgeschleppt und mit einem neuen Anstrich versehen. Das war auch bei der russischen Revolution so.

Heute ist der Begriff endgültig auf den Hund gekommen und bezeichnet mit den „Farbrevolutionen“ vom Ausland angezettelte Umstürze zum Austausch von Marionetten.


2. Die nicaraguanische Revolution

zählt für Revolutions-Puristen zu den nichtswürdigen Revolutionen. Die Frente Sandinista einte nur ein Wunsch: Weg mit Somoza! Ähnlich wie heute bei Farbrevolutionen, wo ein Präsident schuld an allem sein soll, sahen viele in der Person des Diktators den Grund für alle Übel, die Nicaragua plagten. Über das, was nachher kommen sollte, hatten sie sehr unterschiedliche Vorstellungen.

Nach dem Sturz Somozas dividierten sich die Sandinistas deshalb schnell auseinander, und bekämpften einander gegenseitig. Es war Pragmatikern wie Daniel Ortega zu verdanken, daß überhaupt so etwas wie ein sandinistischer Staatsapparat zustandekam. Dabei konnte er auf seinen Bruder Humberto zählen, der das Militär reorganisierte und zu einer Stütze der aus der Guerilla hervorgegangenen Partei FSLN machte.

Ortega arrangierte sich mit den alten Eliten, tastete die Eigentumsverhältnisse nicht an und schuf durch einen rudimentären Sozialstaat so etwas wie sozialen Frieden. Außerdem machte er sich Liebkind bei der Amtskirche, unter anderem mit einem absoluten Abtreibungsverbot. Er legt Wert darauf, daß die sandinistische Revolution christlich ist, und zwar in sehr konservativer Auslegung. Das steht auch auf allen Schildern, Mauern und in den Schulen Nicaraguas.
Auch das widerspricht dem von Cardenal gepredigten – und gelebten! – Christentum.

Das Intermezzo der bourgeoisen Regierungen unter Chamorro und Alemán tat das ihrige, um Ortega und die FSLN als kleineres Übel wieder an die Macht zu bringen. Auch heute, nach Niederschlagung von Demonstrationen mit einer beträchtlichen Anzahl von Toten sehen Ortega & Co. in den Umfragen immer noch besser aus als die Oligarchen-Opposition.

Um das gegenüber den ursprünglichen hochgesteckten Erwartungen recht bescheidene Ergebnis der sandinistischen Revolution irgendwie als Erfolg zu verkaufen, bedurfte es der Propaganda. Und da geriet Daniel Ortega mit Ernesto Cardenal aneinander. Die Propagandachefin von Nicaragua ist nämlich Ortegas Frau, die First Lady Rosario Murillo.


3. „Revolution“ bei Ernesto Cardenal und daraus resultierende Konflikte

Cardenal verband mit der Revolution eine spirituelle Erneuerung, die sich in Kunst, Literatur und Wissenschaft niederschlagen sollte. Ähnlich der bäuerlichen Künstlerkolonie auf der Inselgruppe von Solentiname im Nicaragua-See, die er organisiert und für die er ein „Evangelium“ geschrieben hatte, sollten in ganz Nicaragua Künstler und Dichter entstehen. Als Kulturminister veranstaltete er deswegen große Künstler- und Dichter-Lehrwerkstätten.

Das brachte ihn, der nebenbei auch noch Priester und Angehöriger des Trappisten-Ordens war, beim Pontifex Maximus in Mißkredit. Karol Wojtyla hielt nämlich nichts von kommunistischen Experimenten, unter die er sowohl die sandinistische Revolution als auch die Theologie der Befreiung einreihte, deren Vertreter und Verkünder Cardenal war.
Es war zusätzlich sicher die spirituelle Konkurrenz zu Wojtyla, das „diesseitige“ und kreative Element von Cardenals Wirken, das den antikommunistischen Kreuzzügler aus Polen störte. Cardenal hielt auch nichts vom Zölibat und war den körperlichen Freuden der Liebe sehr zugetan.
Der Papst verbot ihm Anfang der 90-er Jahre die Ausübung seines Priesteramtes und die Stiftung der Sakramente.
Solche Behandlung war im 20. Jahrhundert selten. Cardenal konnte sich geehrt fühlen, von dem polnischen Exorzisten aus der Kirche ausgeschlossen worden zu sein. Erst der jetzige Papst aus Argentinien nahm ihn voriges Jahr wieder in den Schoß der Kirche auf. Wirklich beeilt hat er sich damit auch nicht, um ein Haar wäre Cardenal als Amtsenthobener gestorben.
Seine Meinung von Johannes Paul II. war dementsprechend: „Dieser Papst war eine Katastrophe für Lateinamerika und ein Unheil für die ganze Welt“, so drückte er vor einigen Jahren bei einem Interview seine Meinung zu seinem verstorbenen Widersacher aus.

Der Mann, der niemand etwas wegnehmen und allen etwas geben wollte, geriet auch mit der weltlichen Macht Nicaraguas aneinander. Schon in seiner Zeit als Kulturminister in den 80-er Jahren stieß er sich an der primitiven Kunstauffassung der sandinistischen Propagandaabteilung. Damals entstand die Feindschaft mit der First Lady, die seither Managua mit häßlichen bunten und beleuchteten Metallgestellen, genannt „Lebensbäume“, und den Rest des Landes mit kitschigen Eventparks vollgepflastert hat. Das mißfiel dem Mann, der von kosmischer Harmonie träumte.

Der Gegensatz kam in den letzten Jahren auf seine Spitze, als ausgerechnet Cardenal, der materiell in mönchischer Enthaltsamkeit lebte, der Korruption und Unterschlagung bezichtigt wurde. Wegen eines Gebäudes auf der Inselgruppe Solentiname – wirklich am Arsch der Welt und schwer erreichbar – behelligte ihn die Justiz: Er solle sich unrechtmäßig bereichert und aus der Immobilie irgendwie Profit geschlagen haben. Das war die Retourkutsche, weil er dem Ortega-Clan – mit weitaus mehr Berechtigung – Bereicherung und Nepotismus vorgeworfen hatte.

Sogar bei seinem – von Bereitschaftspolizei überwachtem – Begräbnis kam es zu Tumulten mit Ortega-Anhängern, die ihn als Verräter an der Revolution bezeichneten und die Trauernden beschimpften.


Als ich dich verloren habe

Als ich dich verloren habe, haben du und ich etwas verloren:
Ich deshalb, weil du dasjenige warst, was ich am meisten geliebt habe
und du, weil ich derjenige war, der dich am meisten geliebt hat.
Aber von uns beiden hast du mehr verloren als ich:
denn ich kann andere Frauen genauso lieben wie dich
aber dich wird niemand mehr so lieben, wie ich dich geliebt habe.
(Poemas de Ernesto Cardenal)


14 Antworten auf „Nachruf auf Ernesto Cardenal“


  1. 1 slow glass 05. März 2020 um 18:32 Uhr

    „Am Krankenbett erfuhr Ernesto Cardenal, dass die Suspendierung aus dem Priesteramt aufgehoben werden würde. Das hat ihn offenbar so beflügelt, dass er wie ein Wunder aufstand und wandelte.“ schönes Detail, mit 95 Jahren.

    Im übrigen hat er eben auch mitgekriegt, dass man nicht auf die Revolution warten muss, um neue gesellschaftliche Verhältnisse zu etablieren. Erfolgreich war er darin ebensowenig wie die Sandinisten.

    https://www.zeit.de/2014/03/nicaragua-solentiname-ernesto-cardenal/seite-2

  2. 2 Nestor 06. März 2020 um 9:53 Uhr

    Ah ja, die Ergänzung zu der Korruptionsgeschichte, mit der Cardenal jahrelang behelligt wurde.

    Ich schaffte es nicht nach Solentiname, weil ich das Reisebüro des Herrn Zerger nicht gefunden habe und es sonst schwierig ist, dorthin zu gelangen – aber offenbar habe ich nix versäumt.

  3. 3 Kehrer 08. März 2020 um 17:56 Uhr

    Was ist das denn für ein Gedicht? Trost bei Liebeskummer?
    überhebliche Retourkutsche? „aber dich wird niemand mehr so lieben, wie ich dich geliebt habe.“ Warum? Weil Ernesto der GröLaZ ist, der größte Liebhaber aller Zeiten?

  4. 4 Nestor 08. März 2020 um 20:59 Uhr

    Ja, ich habe halt eines ausgewählt aus der Ecke „Liebe“.Es zeugt von einem gewissen Selbstbewußtsein.
    Es gibt auch andere, politischere, aber irgendwann muß man auch einen Punkt machen. :-)

  5. 5 Greet 09. März 2020 um 21:02 Uhr

    Die Anliegen des Dichters hat dieser selbst in seiner Rede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1980 zusammengefasst (abgedruckt am Schluss der pdf ab S. 13 auch in deutscher Übersetzung)

    https://www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de/sixcms/media.php/1290/1980_cardenal.pdf

    https://www.freitag.de/autoren/lutz-herden/fruehling-der-voelker

  6. 6 Nestor 10. März 2020 um 9:23 Uhr

    Man sieht halt auch die begrenzten Möglichkeiten für diese Art von Revolutionen bzw. Veränderungen an Nicaragua:

    „Die Preise der Grundnahrungsmittel wurden stabilisiert, die Zahl der Arbeitslosen gesenkt, mit dem Ziel, eines Tages die Arbeitslosigkeit vollkommen abzuschaffen.“

    Wovon natürlich heute niemand mehr träumt …

    „Das Land, das früher unbarmherzig abgeholzt worden war, wurde aufgeforstet“

    und dann im Zuge der Schuldenbewältigung Nicaraguas wieder abgeholzt.

    Allerdings ist unbestreitbar, daß sich die Wohnsituation der Nicaraguaner verbessert hat:

    „Die Mieten sind um die Hälfte gesenkt worden, und anstelle der früheren Elendsviertel entstehen neue Wohnungen und Stadtteile.“

    Vor allem diese Maßnahme dürfte den Zorn der einheimischen Bourgeoisie und des Großen Bruders im Norden hervorgerufen haben:

    „Der Außenhandel wurde … verstaatlicht, um ihn dem ganzen Volk zugute kommen zu lassen.“

    Man muß vielleicht auch noch daran erinnern, daß Cardenal diese Rede 1980 hielt, in voller Euphorie des sandinistischen Sieges.
    Es folgten 10 Jahre Contra-Krieg, die das Land sehr viel Geld und Menschenleben kosteten und den Aufbau einer neuen Gesellschaft erschwerten. Die Contraguerilla speiste sich aus den ehemaligen Mitgliedern der Nationalgarde des Somoza-Clans und sonstigen dubiosen Elementen, die im Kampf gegen die Sandinisten – und deren Sypathisanten – ihre Bestimmung sahen, und in der Wahl ihrer Mittel nicht zimperlich waren. Da wurden schon einmal Dorfbewohner in Stücke gehackt, um zu zeigen, wie es Kommunisten geht, wenn sie es mit der falschen Regierung halten.
    Erst mit dem Wahlsieg Violeta Chamorros 1990 wurde von den USA die Hilfe für die Contras eingestellt. Die war immerhin dergestalt, daß Noam Chomsky einmal bemerkte, wenn jemand diese Summen einer Guerillabewegung in den Rocky Mountains zur Verfügung gestellt hätte, diese die US-Regierung ordentlich in Schwierigkeiten hätte bringen können.

    Die Contras bzw. deren Nachfahren und Nachahmer haben sich inzwischen im Bandenwesen von Honduras und El Salvador eingenistet bzw. das erst hervorgebracht. In den Nachwirkungen war diese Contra-Unterstützung entscheidend für den trostlosen Zustand Mittelamerikas und die Flüchtlingsströme, die jetzt von dort in die USA kommen.

  7. 7 Nestor 11. März 2020 um 11:30 Uhr

    Vielleicht auch noch, um die bei aller Einschränkung doch immense Bedeutung der nicaraguanischen Revolution für Mittelamerika herauszustreichen, muß man sich den trostlosen Zustand der Nachbarländer anschauen, – und, nicht zu vergessen, das Schicksal von Cardenals Kollegen Romero.

    Serie „Lateinamerika heute“. Teil 12: El Salvador

    Serie „Lateinamerika heute“. Teil 14: Honduras

  8. 8 Greet 12. März 2020 um 14:45 Uhr

    Die immense Bedeutung der Revolution in Nicaragua – wird heute daran ersichtlich, dass in Trumps Weltsicht Nicaragua nach wie vor zu den ungehörigen linken Schurkenstaaten Lateinamerikas gehört (neben Kuba und Venezuela), die er heute erst recht zu zerstören sucht.

    Den gebührenden US-Standpunkt der ‚konzessionierten Souveränität‘ haben diese Staaten für sich nicht so akzeptiert, wie er von US-Seite für sie vorgesehen war. Und ist.

    http://NestorMachno.blogsport.de/2019/02/21/serie-lateinamerika-heute-teil-9-allgemeines/#comment-36263

    http://NestorMachno.blogsport.de/2019/02/21/serie-lateinamerika-heute-teil-9-allgemeines/#comment-38018

  9. 9 Nestor 13. März 2020 um 8:32 Uhr

    Die Vorstellung, wem die USA das Leben schwer machen, der muß was richtig gemacht haben, hat was für sich, aber auch ihre Grenzen.
    In Nicaragua ist die Führung etwas anders drauf als in Kuba, hat es aber auch schwerer, weil die Klassengesellschaft und das Privateigentum bestehen blieben.

    Auch auf den Iran und Nordkorea würde ich die Gleichsetzung: Feinde der USA müssen Gute sein! – nur begrenzt anwenden.

  10. 10 Greet 13. März 2020 um 9:27 Uhr

    a) Was soll das denn sein: „Gute“? Das ist eine Kennzeichnung aus der Moral, mit der der Grad oder die Abweichung von irgendwelchen Anstandsgedanken gekennzeichnet werden soll.

    So etwas ist ein Fehler.

    b( „Die Vorstellung, wem die USA das Leben schwer machen, der muß was richtig gemacht haben, hat was für sich“
    Nein. „Richtig“ oder falsch beim Handeln – das entscheidet sich anhand dessen, was man selber vorhat. Dafür ist es ratsam, zu bedenken, was dem im Wege steht, womit man es zu tun hat. (Will man nicht als Ritter von der traurigen Gestalt enden.)

    c) Mein Argument (‚immense Bedeutung‘) war zu sehr hingeworfen. Es sollte nur festgehalten werden, dass es neben solch (links-)moralischen Einsortierungen reale Einsortierungen innerhalb der realen Machtverhältnisse gibt, die von den USA vorgenommen werden. Die USA definieren andere Staaten als ihre Feindstaaten.

    d) Eine Gleichsetzung damit, dass solcherlei Staaten umgekehrt daher „Gute seien“, wäre selbstredend auch verkehrt. Nicht nur deswegen, weil man sich auch darin nicht von den USA die eigene Denke vorschreiben lassen sollte: auch nicht in umgekehrter Richtung. (Moralische Anstandskategorien sollte man vielleicht generell, nicht nur als linker Internationalist, mal hinterfragen…)

    e) Wie Moral gerade in der Außenpolitik vor allem erst einmal dazu taugt, Kriegsbereitschaft zu fördern, und zwar im Regelfall auf beiden Seiten, wird hier von S. Cechura anlässlich des Konfliktes zwischen USA und Iran erläutert

    https://www.heise.de/tp/features/Nichts-Bessers-weiss-ich-mir-an-Sonn-und-Feiertagen-4633318.html

    f) :-)

  11. 11 Carola 13. März 2020 um 20:25 Uhr

    Nur eine Ahnung

    Stephan Kaufmann über Lehren, die man aus Corona ziehen kann – oder auch nicht…

    Die Ausbreitung des Coronavirus gibt den Menschen hierzulande eine Ahnung davon, was in anderen, ärmeren Regionen des Globus normal ist. So fürchten angesichts von SARS-CoV-2 derzeit viele um die eigene Gesundheit und die ihrer Lieben. Doch während in Europa nur fünf Prozent der Bevölkerung an Infektionen sterben, sind es in Afrika 40 Prozent. Eine Ahnung bekommt man derzeit davon, wie es sein könnte, wenn die ärztliche Behandlung nicht mehr sichergestellt ist. In anderen Teilen der Welt muss man damit jeden Tag leben – laut Weltgesundheitsorganisation ist die Hälfte der Menschheit von grundlegender medizinischer Versorgung ausgeschlossen.

    Eine Ahnung bekommt man im reichen Norden derzeit davon, wie es ist, wenn plötzlich eine ernste Wirtschaftskrise hereinbricht, und zwar von außen, ohne Ankündigung und Vorwarnung. In armen Ländern ist das jederzeit möglich, etwa wenn Pandemien zuschlagen, wenn Dürren und Überschwemmungen Dörfer und Ernten verheeren; oder wenn das globale Kapital flieht und schwache Währungen abstürzen lässt; oder wenn die Preise für das Hauptexportprodukt eines Landes – Öl, Kakao, Kupfer – an fernen Weltbörsen in die Tiefe fallen und damit ganze Staatshaushalte zur Makulatur werden.

    Eine Ahnung bekommt man davon, wie es ist, wenn man in einen Supermarkt geht und vor leeren Regalen steht. Hierzulande ist das derzeit nur mal bei Klopapier und Seife der Fall und höchstens für einen Tag. Dennoch wird dem Konsumenten bewusst: Es reicht nicht, dass er Geld hat. Er ist abhängig von einem Gefüge, weit außerhalb seiner Reichweite.

    Eine leise Ahnung kann man in Europa derzeit davon bekommen, wie es ist, wenn mächtige Länder einem ihre Grenzen verschließen mit dem Argument, man sei ja selbst schuld an seinem Elend. So wie nun die USA: Präsident Donald Trump bezeichnete SARS-CoV-2 als »ausländisches Virus« und macht die Grenzen zur EU dicht mit dem Argument, Europa habe nicht genug gegen die Ausbreitung des Virus getan. Da nutzen alle Proteste und wissenschaftlichen Argumente nichts, weil es um Wahrheit und Wissenschaft nicht geht, sondern um Macht und Schuldzuweisung.

    Derzeit kann man also eine Ahnung davon bekommen, was wirklich los ist in der Welt – und woher die Menschen kommen, die an den Grenzen Europas stehen oder sich dorthin wünschen. Das kann lehrreich sein. (ND, 14.3.2020)

    https://www.neues-deutschland.de/artikel/1134275.corona-nur-eine-ahnung.html?sstr=Stephan%20Kaufmann

    ---

    Kaufmann formuliert vorsichtig. Er sagt also nicht, dass Otto NormalbürgerIn all dies nicht längst hätte wissen können. Bzw. es längst gewusst hat.

    Allerdings fällt mir demgegenüber auf, dass man allgemein hier und heute zunächst und vor allem meint, dass bei solcher ‚Naturkatastrophe‘ machtvolle staatliche Führung not tun würde. Von Erkenntnissen anderer Art, solchen im Sinne von Kaufmann, ist anscheinend weit und breit – eher gar nichts zu sehen. (Das übrigens war bei/nach der Finanzmarktkrise 2008 ähnlich.)

    Übrigens dürfte Kaufmann genau deswegen das genau so formuliert haben ….

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    … Und übrigens: das bürgerliche Theatern und Musizieren, das ist schnell abgesagt. Der Kriegskurs gegen Russland aber nicht…
    https://www.heise.de/tp/features/Hoehere-Gewalt-contra-NATO-Manoever-4682736.html

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    Eine Gegenposition aus Italien …

    In dem folgenden Bericht beschreiben Freund*innen aus Italien die dort herrschenden Bedingungen, die Ursachen der eskalierenden Krise und die Art und Weise, wie die italienische Regierung die Situation ausnutzt, um ihre Befugnisse zu stärken…

    https://de.crimethinc.com/2020/03/12/gegen-das-coronavirus-und-den-opportunismus-des-staates-anarchistinnen-aus-italien-berichten-uber-die-ausbreitung-des-virus-und-die-quarantane

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    Das Maßnahmepaket der Dt. Bundesregierung nimmt das Virus wahr wie eine Finanzkrise. Systemisch gefährdet seien nun aber nicht nur wie 2008 die Banken: sondern der gesamte nationale Kapitalismus.

    https://www.heise.de/tp/features/Covid-19-Kreditprogramm-ohne-Begrenzung-4682790.html

    Der US-Präsident ruft seinetwegen ebenfalls den nationalen Notstand aus.

  12. 12 Carola 13. März 2020 um 23:25 Uhr

    Das nationale „Wir“, das da durch frisches Geld und Kreditprogramme gestärkt werden soll, ist übrigens bekanntlich nicht vorrangig das Pflegepersonal von Kliniken. Kliniken sind als Geschäftsgelegenheiten organisiert worden, haben also den hohen Auftrag, mit ihrem Pflegepersonal als zu verbilligendem Kostenfaktor umzugehen.
    Auch der Schutz der Gesundheit der Bürger ist nicht primär das, was nun vor allem gestärkt werden müsse.

    Sondern gestärkt werden sollen die systemischen wirtschaftlichen Stützen dieser Ordnung. Also ein paar weitere „strategisch wichtige“ Großfirmen mehr – als wie 2008 nur die Banken:

    „Viel Geld ist nicht das einzige Mittel, über das in der Regierung nachgedacht wird. Im Interview mit dem Spiegel hatte Wirtschaftsminister Altmaier die vorübergehende Beteiligung des Staates an strategisch wichtigen Unternehmen nicht ausgeschlossen. Er habe in seiner Industriestrategie diese Möglichkeit bereits genannt, etwa wenn es um Firmen aus hochsensiblen Bereichen gehe, sagte der CDU-Politiker. „Auch in einer Krise wie der durch das Coronavirus können sich ähnliche Fragen im Hinblick auf die technologische und wirtschaftliche Souveränität stellen“, zitiert dpa aus dem Interview.“

    https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/corona-krise-regierung-gibt-unbegrenzte-kreditzusage-li.78435

  13. 13 Carola 14. März 2020 um 7:50 Uhr

    Den neoliberalen und hardcoreliberalen Konservativen [zumindestens in Frankreich] passt die ganze Anti-Corona-Ausrichtung nicht…

    „Befürchtet wird, dass Frankreich in der kommenden Woche das „neue Italien“ ist. Darauf reagierte Macron mit den Schulschließungen, mit seinem Appell an die Älteren ab 70 Jahren, möglichst zuhause zu bleiben, mit der Direktive, dass die Menschen, wenn möglich zuhause arbeiten (wer das nicht kann und Kinder unter 16 Jahren zu betreuen hat, kann sich krankschreiben lassen) – und mit der ungewöhnlichen Ankündigung, das der Staat das Arbeitslosengeld für Kurzarbeit übernehmen werde.

    Dies hat wohl auch zur Bezeichnung „Schockmaßnahmen“ bei der unternehmerfreundlichen Wirtschaftszeitung Les Echos beigetragen und dazu, dass seine Rede von der ebenfalls wirtschaftsnahen Zeitung La Tribune als „antiliberale Tirade“ gewertet wird.“

    https://www.heise.de/tp/features/Macron-verkuendet-Schock-Massnahmen-4682654.html

    ---

    Tipps zum Schutz vor dem Virus werden hier aufgelistet

    https://www.heise.de/tp/features/Coronavirus-Versagen-in-Deutschland-Anleitung-zum-Selbstschutz-4682239.html

  14. 14 Nestor 14. März 2020 um 12:33 Uhr

    Ich weiß eigentlich nicht, wie der Coronavirus jetzt hier hereinkommt. Als eine Art universelle Ansteckung? :-)

    Ja, ja, ich mach gleich einen Thread dazu auf.

    @Greet

    Fehler in bezug auf was? Wenn etwas ein Fehler sein soll, muß dabei doch auch eine Absicht unterstellt sein, in bezug auf welche dieser Fehler gemacht wird. Wenn es jemanden um Einsortieren von guten und schlechten Regierungen geht, so liegt nicht unbedingt ein „Fehler“ vor. Der Glaube an „good government“ oder einen guten Staat, der seinen Bürgern ein angenehmes Leben bereiten soll, ist wie der Glaube an Gott nicht als „Fehler“ zu bezeichnen.
    Das würde unterstellen, sie wollten eigentlich etwas anderes und wählen dafür die verkehrte, hmmm, Herangehensweise.

    Nur um dieses manchmal etwas inflationär angewendete Gerede von den „Fehlern“, die alle angeblich machen würden, etwas zurechtzurücken.

    Was die nicaraguanischen Ereignisse oder die Ortega-Regierung angeht, so sollte es eben nicht um eine Einreihung in Gut und Böse gehen.
    Ich wollte nur darauf hinweisen, daß die Möglichkeiten von Regierungen in Lateinamerika recht beschränkt sind, ihrer Bevölkerung die Errungenschaften des 20. Jahrhunderts zugute kommen zu lassen – und man daher die Latte eben nicht zu hoch anlegen sollte.
    Deshalb mein Hinweis auf einige Staaten in ihrer Umgebung, wo man sich seines Lebens nicht sicher sein kann, die also praktisch für viele ihrer Bürger unbewohnbar sind.

    „DIE MAUER BEGINNT IM SÜDEN“

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