Gold und Geld

DAS MASS DER WERTE

„“Der Goldpreis schleicht sich langsam nach oben“, sagt Fondsmanager Ronald-Peter Stöferle bei der Präsentation seines Überblicks zum Goldmarkt. Die Notenbanken kaufen demnach gerade Gold wie zuletzt vor einem halben Jahrhundert. Auch gebe es mehr Signale für eine Rezession in den USA.“ (Industrie-Magazin, 28.5.)

Worauf beruht eigentlich der Wert einer Währung? Er wird im allgemeinen im Verhältnis zu anderen Währungen gemessen. a Euro = b Dollar = c Pfund = d Yen usw.
Sie haben also kein gemeinsames Bezugselement, sondern die eine Währung stützt sozusagen die andere, verleiht ihr ihren relativen Wert. Natürlich spielt die Wirtschaftsleistung eines Landes eine Rolle, die in BIP und Wirtschaftswachstum gemessen wird.
Aber heute spielen die Schulden eines Landes eine wichtige Rolle. Alle international wichtigen Währungen, die auch außerhalb der Landesgrenzen zirkulieren, schieben gewaltige Schuldenberge vor sich her und ihre Regierungen tun einiges, um diese Schulden zu beglaubigen. Das heißt, sie garantieren, daß diese Schulden bedient werden. Deshalb müssen Banken gerettet und die Schulden zahlungsunfähiger Staaten wie Griechenland durch die anderen Staaten der Eurozone durch speziell dafür eingerichtete Fonds anderer Eurostaaten gültig gehalten und bedient werden.
Das heißt also, daß der Wert einer Währung heute darauf beruht, wie sehr es den Regierungen, den Nationalbanken und den Wirtschaftstreibenden als Gemeinschaftswerk gelingt, die Bedienung der Schulden glaubwürdig zu halten. Also die Überzeugung zu verbreiten, daß diese ständig wachsenden Schulden morgen und übermorgen auch bedient werden können.

Zurückgezahlt können sie niemals werden, das ist inzwischen klar. Es geht nur darum, daß sie durch Zinsenzahlung und Umschuldungen, also durch neue Schulden gültig gehalten werden.)

Es gab einmal einen Regierungschef im kommunistischen Rumänien, der beschloß, alle Schulden Rumäniens zurückzuzahlen. Er wurde gestürzt und hingerichtet. Jugoslawien ist unter anderem deswegen auseinandergebrochen, weil es seine Schulden nicht mehr bedienen konnte. Der ganze Realsozialismus ist unter anderem aufgrund der Schulden gescheitert, die die Staaten des Ostblocks bei westlichen Banken aufgenommen hatten.

Es gibt heute offenbar Zweifel, ob die wichtigen Mächte dieser Welt weiterhin für die Gültigkeit ihrer Schulden geradestehen können.
Zuallererst haben diese Bedenken offenbar die Notenbanken dieser Staaten selbst.

Dazu kommt China, das selber in diesem Schuldenkarussell nur insofern beteiligt ist, als es viele Schuldtitel anderer Staaten in seinem Staatsschatz hat. Die eigene Währung ist bis heute nicht freigegeben, was soviel heißt, daß niemand außerhalb Chinas Schuldtitel in Renminbi hält. China steht also für seine Schulden auf jeden Fall, aber auch für die Schulden anderer Staaten gerade. Würde es auf einen Satz alle auf Euro lautenden Anleihen aus seinem Staatsschatz auf den Markt werfen, so könnte es damit den Euro zu Fall bringen. Genauso wäre es mit dem Dollar.

In dieser Situation beginnen also die Notenbanken Gold zu kaufen.

Gold war neben Silber lange das Maß der Werte, bis beide vom Papiergeld abgelöst wurden. Dann diente es als Deckung der nationalen Währungen, bis auch diese Funktion verlorenging. Erst mit dem Bretton Woods-System, das alle Währungen auf den Dollar als Leitwährung verpflichtete, und dann 1971, als die USA unter Nixon die Bindung des Dollar zum Gold aufgaben, weil sie sich als beengendes Korsett bei der Finanzierung des Vietnamkriegs erwies.

„Ein wesentlicher Trend sei auch die De-Dollarization, also die Abkehr vom US-Dollar als Weltwährung, meint Stöferle. „Die massiven Goldkäufe durch Notenbanken seitens der Russen, aber auch der Chinesen – wobei China da ein bisschen verdeckt agiert –- zeigen, dass sich die Welt sukzessive vom US-Dollar emanzipiert.“ 2018 habe es die meisten Goldkäufe durch Notenanken seit dem Jahr 1971 gegeben. „Seit dem Ende von Bretton Woods haben Notenbanken noch nie so viel Gold gekauft, das waren mehr als 650 Tonnen Gold.“ Auch heuer werde es ähnlich aussehen. „Ungarn hat seine Goldbestände zuletzt verzehnfacht, auch Polen hat massiv zugekauft.“ Russland wolle sich durch Gold gegen seine Abhängigkeit vom Ölpreis und von Ölexporten absichern, und auch der Iran baue seine Goldbestände auf, um den US-Dollar als zentrale Verrechnungswährung zu umgehen.“ (ebd.)

Während der Euro dem Dollar im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr (ca. 41:39 %) dicht auf den Fersen ist, dümpelt er als Reservewährung bei 20 % herum, gegenüber dem Dollar bei 65 %.
Das heißt, daß zwar viele Geschäfte in Euro gemacht werden, er aber nach wie vor wenig Vertrauen als Leitwährung genießt. Die Geldhändler und Notenbanken der Welt trauen dem Dollar immer noch mehr Durchhaltevermögen zu, wenn es hart auf hart kommt.
Aber auch dieses Vertrauen hat seine Grenzen, wie die zunehmenden Goldkäufe zeigen. Wenn auch der Dollar eingeht, so denken offenbar viele Notenbanker und Regierungen, so haben wir immerhin Gold als Reserve.
Zu dieser Entwicklung tragen auch die niedrigen Zinsen bei, die auf Staatsanleihen gezahlt werden. Während Anleihen als Staatsschatz Zinsen erbringen, kann Gold nur durch Wertsteigerung die Staatsschätze anwachsen lassen. Hier wedelt der Schwanz mit dem Hund: Wenn mehr Gold gekauft wird, steigt der Goldpreis, und damit kann Gold die niedrig verzinsten Staatsanleihen in den Staatsschätzen – und auch Bankschätzen, wenn die Banken Gold ankaufen – überholen.

Auch die Goldkäufe von Polen und Ungarn sollten gewürdigt werden.

Als diese Staaten der EU beitraten, mußten sie den Währungskorb aufgeben, mit dem sie ihre nationale Währung bisher an die Weltwährungen gebunden hatten, und sich ausschließlich an den Euro binden. Sie müssen seither Anleihen in Euro an den Börsen der Euro-Staaten begeben, um ihren Wechselkurs zum Euro stabil zu halten. Das heißt, sie müssen sich in Euro verschulden, um den Wert ihrer Währung zu erhalten.

Und wenn sie jetzt massiv Gold kaufen, so heißt das, daß sie dem Euro nicht trauen und sich von ihm emanzipieren wollen.

„Auch würde die Notenbanken ihre Goldbestände repatriieren. „Das haben wir bei den Holländern gesehen, das haben wir bei den Deutschen gesehen, zuletzt Rumänien und natürlich auch Österreich.““ (ebd.)

Warum haben eigentlich Staaten ihre Goldbestände im Ausland gelagert?
Das war deshalb, weil diese Staaten sich gegen den sozialistischen Block verbündet hatten und deswegen ihr Allerheiligstes anderen Staaten anvertrauten, die dafür die nötigen Sicherheitseinrichtungen aufgebaut hatten. Außerdem war es auch für den damaligen Welthandel wichtig, sein Gold nahe den Metropolen desselben zu parken.

Diese Einheit ist dahin und die neue Feindschaft gegenüber Rußland kann diese einigende Klammer nicht ersetzen. Um so weniger, als im westlichen Lager Zwist herrscht, Rußland inzwischen Handelspartner ist und die Stellung zu China ökonomisch anders verläuft, als die militärischen Bündnisse.

Also wollen alle ihr Gold zu Hause haben – für den Fall X, wenn, wie Peter Tosh sang, „the day the dollar die“.

Oder eben der Euro.

Warum erzähle ich euch das alles, liebe Leser?
Um ein Bewußtsein zu wecken, was sich an das Geld, das wir jeden Tag in der Hand halten, für imperialistische Interessen knüpfen. Die uns allen eines Tages auf den Kopf fallen werden, wenn wir nicht darüber nachdenken, dieses ganze System einmal gründlich in Frage zu stellen – theoretisch und praktisch.


18 Antworten auf „Gold und Geld“


  1. 1 Nestor 15. Juni 2019 um 10:34 Uhr

    @Neoprene

    daß all die in der Tat enorme imperialistische Gewalt keine nachhaltige Geldvermehrung durch Kapitalakkumulation garantieren kann.

    Mit der Leerformel „nachhaltig“ kann man sich halt immer über theoretische Verlegenheiten hinwegschummeln, oder aber gerade diese offenbaren.

    Was ist denn eine „nachhaltige Geldvermehrung“? Das kann man wohl dem „Kapital I“ entnehmen, daß jede Mehrwertproduktion sich am Markt bewähren muß und an dem Salto mortale auch scheitern kann.
    Das heißt, der in der Produktion in die Welt gesetzte Mehrwert ist erst einer, wenn er auf dem Markt realisiert wird.
    Erst dann kann wieder zum nächsten Zyklus geschritten, also akkumuliert werden.
    „Nachhaltig“, d.h. gesichert, falls mit dem blöden Wort das gemeint sein soll, kann Kapitalproduktion und -Akkumulation also nie sein.

    Auch zwischen den Staaten ist es nicht völlig ausgemacht, daß ein Kreditgeberstaat immer durchsetzen kann, daß er seine vergebenen Kredite von den Schuldnerstaaten wiederbekommt.

    Kein Staat und keine Bank wollen unbedingt ihre Kredite „wiederbekommen“, zum Teufel noch einmal!
    Das ist einmal zur Kenntnis zu nehmen.
    Ein Kredit, der abgezahlt, also getilgt wird, muß ja wieder neu vergeben werden, um dem Gläubiger Einnahmen zu generieren.

    Die Frage dreht sich auf diesen Ebenen nur darum, ob diese Bedienung gewährleistet ist. Bei Griechenland läuft das inzwischen, wie bei allen EU-Problemstaaten, über die EZB.
    Bei Argentinien habe ich so meine Zweifel, weil das hat eben keine EZB hinter sich.

    Wenn du mit dem Privatkonkurs daherkommst, so vermischt du hier eben Ebenen. Die Behandlung von Privatpersonen und überhaupt den Konsumentenkredit muß man gesondert betrachten.
    Ich verweise da auf ältere Schriften von mir:
    http://www.alanier.at/BankenOsterr.html
    http://nestormachno.blogsport.de/2016/08/05/die-neueste-absurditaet-des-kreditwesens/

    Was die Firmeninsolvenz angeht, so ist genau die der Grund, warum die Banken immer weniger Kredite an Firmen vergeben, weil dort noch eine Entschuldung auf Kosten der Gläubiger möglich ist.

    Hat es doch nun wirklich immer wieder gegeben.

    Natürlich.
    Und meiner Ansicht nach arbeitet die Gesetzgebung inzwischen dran, daß das immer unmöglicher wird. Und die ganzen Schulden irgendwo in einer Art staatlich garantiertem Kühlschrank gültig gehalten werden, auch wenn schon längst keine Mehrwertproduktion oder kein Wachstum mehr dahintersteht.

    Ob das ad infinitum geht, habe ich genauso wie du oder Samson ebenfalls meine Zweifel, aber wie schon öfters bemerkt, die diesbezüglichen Bemühungen der staatlichen Geldemittenten sind zunächst einmal zur Kenntnis zu nehmen.

  2. 2 Jörg 15. Juni 2019 um 12:09 Uhr

    Was den Euro, den EU-Haushalt, und die Banken betrifft, so ist sich die EU uneins wie selten zuvor.
    Bemerkenswert scheint zu sein, dass Macron seinen Franzosen als Kommissions-Oberhaupt durchdrücken will, und dann muss der Brexit ‚abgeschlossen‘ worden sein – und vermutlich gibt es erst ab November größere Klarheiten…

    https://www.euractiv.de/section/finanzen-und-wirtschaft/news/keine-einigung-ueber-das-euro-haushaltsinstrument-minister-schicken-heisse-kartoffel-an-die-regierungschefs-zurueck/

    https://www.fr.de/wirtschaft/europawahl-kann-eurozone-stabiler-gemacht-werden-12294230.html

    Angeblich soll es nun zwar erste Ansätze für Richtlinien für einen EU-Haushalt geben (das ist Macrons Idee, um die Gesamtstaatlichkeit Europas aufzuwerten), – aber quasi nur symbolisch: mit einem Mini-Haushaltsvolumen…

    Im Dtail müssen sich die Regierungschefs einigen, und dann die neue EU-Kommission beauftragen:

    „Wenn die Staats- und Regierungschefs sich darauf einigen, den Schutz der EU-Außengrenzen substanziell zu verbessern, so würde dies über einen Zeitraum von sieben Jahren 20 bis 25 Mrd. Euro kosten. Vor allem für Personal und Unterstützung nationaler Grenzschutzsysteme im Umland. Wenn aber ein umfassendes EU-Grenzschutzsystem mit allem Pipapo aufgebaut werden soll, macht das schon 150 Mrd. Euro.

    Ein anderes Beispiel ist der Rüstungsfonds, auf den sich die EU-Mitglieder bereits im vergangenen Jahr geeinigt haben. Da fließen bis 2020 knapp 600 Millionen Euro rein. Aber was passiert danach? Begrenzt man die EU-Kompetenz auf die Entwicklung bestimmter Rüstungstechnologien, den Kampf im Netz und einige weitere klar abgegrenzte Aufgaben, ist das für 3,5 Milliarden zu haben. Soll die EU sich aber wirklich strategisch unabhängig machen und dafür sorgen, dass die eigene Rüstungsindustrie global wettbewerbsfähig ist, müsste das ihren Mitgliedern schon zehn Milliarden wert sein.“

    Nur ist das mit der Einigung so eine Sache. Was z.B. die Unterstützung div. Gruppen in Libyen betrifft, so kämpfen in Libyen französisch unterstützte gegen italienisch unterstützte.
    Aber die Außengrenzen sollen jetzt mal wieder vordringlich gemeinsam geschützt werden.
    Und wenn die Rüstungskooperation beinhaltet, als wichtig geltende nationale Rüstungsschmieden zuzumachen, und stattdessen den EU-Nachbarstaat mit dessen Klitsche zu stärken, dann ist es mit der gemeinsamen Sache auch ratzfatz wieder rum…

  3. 3 Nestor 15. Juni 2019 um 12:23 Uhr

    Ja, erst war im Medienwald das Jubelgezwitscher groß, daß die rechten Parteien bei den Europawahlen doch nicht soooo stark wurden, wie befürchtet.

    Dann stellt sich heraus, daß die jetzt tatsächlich gewählten Knallköpfe auch keine Ahnung haben, wie denn das Projekt EU weitergebracht werden soll.

  4. 4 Nestor 25. Juni 2019 um 13:54 Uhr

    Ganz interessante Einblicke in die Politik der EZB und die Praxis des Geldschwemmen-Kritikers Weidmann:

    Kauf von Monsanto mit Steuergeldern finanziert
    Die Bundesbank unter Jens Weidmann, der EZB-Chef werden will, hat mit dem Wertpapierkaufprogramm der EZB die Monsanto-Übernahme mit finanziert
    https://www.heise.de/tp/features/Kauf-von-Monsanto-mit-Steuergeldern-finanziert-4453665.html

  5. 5 Kloeterich 27. Juni 2019 um 6:33 Uhr

    War die Übernahme von Monsanto durch Bayer eine riskante Spekulation oder ein selten dämliches Geschäftsversagen?

    Stephan Kaufmann behauptet: Kapitalismus ist (nahezu) identisch mit Roulette – und das zeige das Beispiel Monsanto.

    Und all die aufgeregten linken Kritiker „… nähren die Mär vom Kapitalismus, dessen Ergebnisse prinzipiell berechenbar und dessen Pleiten und Krisen daher vermeidbar sind – eine Kontrollillusion, die integraler Teil jeder Religion ist.“

    https://www.neues-deutschland.de/artikel/1121457.monsanto-wahrscheinlich-daemlich.html

  6. 6 Nestor 27. Juni 2019 um 11:14 Uhr

    Um welche „aufgeregten linken Kritiker“ handelt es sich da?

    Der Kauf wurde doch, was ich mich erinnere, vor allem von irgendeiner Wettbewerbsbehörde beeinsprucht, und mußte erst genehmigt werden.
    Aber linke Kritiker, wer wäre das?

  7. 7 Kloeterich 27. Juni 2019 um 11:40 Uhr

    Schon recht, die GRÜNEN waren die Aufreger …

    Weiteres im Artikel der taz, und deren Leserbriefen dazu ….

    https://taz.de/Falscher-Bericht-ueber-Monsanto-Kauf/!5603531/

    - sowie, was „die Anleger“ dabei betrifft …

    https://www.euractiv.de/section/finanzen-und-wirtschaft/news/neue-juristische-strategie-beschert-bayer-aufwind/

    Übrigens – ging es mir nicht um eine bilige Blamage von Linken-‘ußerungen, sondern positiv darum, dass es im Kapitalismus keine „Erfolgsstrategie“ (und also auch keine ‚Misserfolgsstrategie‘), gibt – getrennt davon, was sich am Markt durchsetzt.
    Ob also ein Risikoinvestment in die Pleite, oder in die Gewinnzone fährt, oder jene durch diese, oder vice versa, dafür gibts im KAPITALISMUS keine SICHEREN Rezepte…

  8. 8 Nestor 27. Juni 2019 um 16:14 Uhr

    Ja, das habe ich schon verstanden, aber in dem Kaufmann-Artikel waren nur Kritiker aus der Wirtschaftsecke selbst angeführt.

  9. 9 Nestor 08. Juli 2019 um 19:59 Uhr

    Streit über Zinspolitik
    Erdogan entlässt Notenbankchef der Türkei

    Damit will die Regierung der schrumpfenden türkischen Wirtschaft ein neuen Schub geben. Analysten halten es für möglich, dass die Zentralbank unter neuer Leitung auf ihrer Sitzung am 25. Juli eine Zinssenkungsrunde beginnt. Unklar ist, wie die Abberufung an den Finanzmärkten und bei ausländischen Investoren ankommen wird.

    https://www.cash.ch/news/politik/streit-ueber-zinspolitik-erdogan-entlaesst-notenbankchef-der-tuerkei-1361476

    Es ist ähnlich wie vor Jahren in Ungarn: Die hohen Zinsen führen im Inland zu „faulen“ (= nicht mehr bedienten) Krediten und Firmenzusammenbrüchen, aber der Nationalbankchef hielt daran fest, um den Wechselkurs zu halten. Er dachte dabei vor allem an die Handelsbilanz.

  10. 10 Pedder 16. Juli 2019 um 8:01 Uhr

    Finanzkapital wird entwertet

    Stephan Kaufmann: Mit der Konjunktur geht es bergab, die Börse boomt

    Die EZB hat signalisiert, dass sie zu weiteren Zinssenkungen bereit ist, die US-Zentralbank (Fed) war noch bis vor kurzem auf einem eindeutigen Zinserhöhungskurs. Doch auch der ist nun beendet worden: Am Mittwoch erklärte US-Zentralbankchef Jerome Powell vor dem Kongress, seine Institution stehe bereit, »angemessen zu handeln«, um nachhaltiges Wachstum zu sichern. Risiken gingen vor allem vom Handelsstreit aus.

    Für die Finanzmärkte waren diese Worte ein deutliches Zeichen dafür, dass die US-Leitzinsen am 31. Juli gesenkt und danach weiter zurückgenommen werden. »Bei den Fed-Oberen wächst unzweifelhaft die Nervosität, dass sich die Abwärtsrisiken für die Konjunktur materialisieren«, kommentierte die DZ Bank.

    Die Ankündigungen der Zentralbanker zeigen Wirkung: Rund um den Globus geht es mit den Zinsen bergab. Das treibt ungewöhnliche Blüten. Festverzinsliche Wertpapiere über weltweit 13 Billionen Dollar haben inzwischen eine negative Rendite, bringen also keinen Zins mehr, im Gegenteil: Die Gläubiger zahlen dafür, Geld verleihen zu dürfen. (…) Das bedeutet: Sichere Erträge gibt es heutzutage nicht mehr. Wer risikolos anlegen will, kann mit keiner Rendite rechnen, sondern verliert Geld. Was die Zentralbanken hier betreiben, ist eine kontrollierte Entwertung von Finanzkapital.(…)

    Aus dieser Lage r e s u l t i e r t der Handelskonflikt: Angesichts des Überangebots an Gütern führen die Regierungen einen Kampf darum, wer sein Angebot losschlagen kann. Die kommenden technologischen Umwälzungen wiederum führen zu dem Kampf um »technologische Dominanz« auf Feldern wie Elektromobilität, Plattformunternehmen, Daten, Telekommunikation…

    (aus: ND, 13.7.2019)

    https://www.neues-deutschland.de/artikel/1122800.deutsche-wirtschaft-ab-ins-risiko.html

    ---

    Anm.: Wenn im Boom die Konkurrenz also darüber geht, mittels Hochzinspolitik möglichst viel von dem weltweiten Kredit auf die eigene Währung, bzw. das eigene Land [EURO] zu ziehen, geht es in der Krise darum, die fällige Entwertung des Kredits zu managen. Und zwar möglichst so, dass diese Schädigung die Konkurrenten trifft, und man selber die Schwächung der Konkurrenten später ggf. als ‚günstige Bedingung‘ für zukünftig eigenes nationales Wachstum ausnutzen kann …
    … und dann immerzu so weiter …
    (Wobei, dass die Entwertung bei aller Gegensätzlichkeit nicht zum Ruin eines der Konkurrenten führen darf – das gilt nur deswegen, weil man selber davon betroffen wäre. Und ‚Handelskonflikte‘ so ausgeweitet und in ihrer [einen selbst schädigenden] Wirkung eingegrenzt werden…
    … Sollen.
    (Falls dies denn ermöglichbar wäre.)

  11. 11 Nestor 16. Juli 2019 um 10:45 Uhr

    Dieser Versuch, die Entwertung des in Form der Währung eingestuften nationalen Kapitals und des akkumulierten privaten Kapitals beim Konkurrenten ist sehr kriegsträchtig.

    Weil, wie Pedder schreibt, soll der Konkurrent ja mitspielen und seine fortgesetzte Schädigung in Kauf nehmen, ohne das Spiel aufzukündigen.

    (Ich erinnere an Mexiko 1861. Benito Juarez verkündete einen Zahlungsstopp und die Franzosen marschierten ein – nachdem sie vorher England und anderen Nationen ihre Verbindlichkeiten sozusagen abgekauft hatten.)

    Empfehlung:

    Krise – Krisenkonkurrenz – Gewaltkonkurrenz – Krieg
    https://www.argudiss.de/krise-krisenkonkurrenz-gewaltkonkurrenz-krieg

  12. 12 Guurd 05. August 2019 um 15:30 Uhr

    Anlässlich des Projekts von Facebook, ein eigenes Inernet-Geld zu etablieren (quasi als weltweite interne ‚Verrechnungseinheit‘, – als könne man die weltweit gültigen Maßstäbe der Preise qua Verrechnung schiedlich friedlich weltweit ‚vereinheitlichen‘) erläutert Stephan Kaufmann die diversen Funktionen des Geldes – und stellt sie vor allem an den Aktivitäten der USA und ihres Dollars dar.

    https://www.neues-deutschland.de/artikel/1123424.libra-wessen-geld-die-welt-regiert.html

    Stephan Kaufmann:
    Mit Libra stellt Facebook die ultimative Machtfrage

    Facebook plant eine neue Währung: die Libra. Sie wäre für viele Menschen wohl sehr attraktiv. Genau das macht das Projekt für die Staaten so gefährlich.

    Eine Gruppe rund um den US-Konzern Facebook plant die Schaffung eines neuen Zahlungsmittels: die Libra. Mit ihr soll ab kommendem Jahr elektronisch gekauft, bezahlt und gespart werden können. Die Politik ist alarmiert: „Die Herausgabe einer Währung gehört nicht in die Hände eines Privatunternehmens, denn sie ist ein Kernelement staatlicher Souveränität“, warnt Finanzminister Olaf Scholz. Noch ist nicht sicher, was die Libra überhaupt sein wird. Sicher ist aber: Im Streit um die „Facebook-Währung“ verläuft die Front nicht bloß zwischen Privatkonzernen und Staaten. Sondern ebenfalls zwischen den Staaten um die Frage, wer von dem neuen Geld profitieren wird….

    https://www.fr.de/wirtschaft/libra-stellt-sich-ultimative-machtfrage-12882279.html

    Die Haltung der G7 zu Facebooks Kryptowährung:

    https://www.euractiv.de/section/finanzdienstleistungen/news/g7-mit-schweren-bedenken-gegen-facebooks-kryptowaehrung/

  13. 13 Nestor 05. August 2019 um 22:29 Uhr

    Zu dem Libra-Konzept fällt mir ein: Solange die Libra zu 100 % gedeckt ist, was macht dann ihre Attraktivität aus – sowoh für den Herausgeber als auch für den Nutzer – was wäre der Nutzen?

    Das ganze Konzept der 100%-Deckung erscheint mir unrealistisch, genauso wie es das zur Zeit der Einführung des Papiergeldes war.

    Auch damals herrschte ein Deckungsverhältnis, das Vertrauen schaffen sollte.

    Natürlich, damit würde Facebook die Autorität der Staatsgewalt, die über dem allgemeinen Äquivalent wacht, in Frage stellen.

    Letztlich beruht auch die Macht des Finanzkapitals auf dieser Autorität – d.h., Facebook und die mit ihm verbündeten Konzerne würden die ohnehin seit der Krise auf dem Zahnfleisch gehende Branche mit neuer Konkurrenz konfrontieren.

  14. 14 Neoprene 14. August 2019 um 10:22 Uhr

    Financial Times vom 11.8.2019:
    „“there are plenty of worried market participants, as best evidenced by the $14tn horde of negative-yielding bonds around the world. When this many are willing to pay for the “security” of losing only a little bit of money as a hedge against losing quite a lot, you know there’s something deeply wrong in the world“
    Der Artikel ist leider hinter einer Bezahlschranke, ich habe nur dieses Zitat auf Facebook bei John Keeley gefunden.

  15. 15 Fred 15. August 2019 um 22:57 Uhr

    “America First!” as Economic War
    by Geoffrey McDonald (April 18, 2018)

    The big powers holding dollars – the EU, Japan, China – are not threatening to get rid of them. They are not contesting Trump other than by trying to promote their own money as world money, as an alternative to the dollar. This is not a warlike response, but an accommodating response. China is not threatening to dump the dollars that it holds in its treasury because these guarantee China’s own financial credibility and the money that it wants to add to the list of globally desirable currencies. Secondly, dumping dollars would cut the value of the dollar, so China would be ruining itself by using this weapon. So far, the rest of world has not responded with a debt competition to see who can print the most money and have it accepted as money. The trade war is not (yet) a currency war.

    In other words, the major states and the business world are confirming Trump: They too believe that economic growth finally rests on superior force. The fact is that America is building up its economy at the expense of the world in order to build up its military to enforce its global hegemony, and this is the best guarantee that the dollar and dollar-denominated bonds can get. The world of states recognizes the logic of this new situation and the markets can’t refute it – because, ultimately, all capitalist wealth rests on the power of the state that creates this wealth.

    The contradiction that Trump is in – that he is destroying the basis by which America got wealthy and powerful, the international order – does not seem to be something the world can speculate against at the current time.

    https://www.counterpunch.org/2018/04/18/america-first-as-economic-war/

  16. 16 Nestor 16. August 2019 um 11:50 Uhr

    Ich stimme dem Herrn McDonald insofern zu, als ich auch nicht glaube, daß China Dollars auf den Markt werfen wird. Das hat es auch nicht nötig. Es gibt andere Möglichkeiten der Währungskonkurrenz.

    Was diese betrifft, so ist Japan in Sachen Weltgeld seit dem Yen-Sturz als Konsequenz von Fukushima ziemlich abgemeldet – der Yen figuriert mit einem Anteil von 5% am Welthandel bzw. als Reservewährung, weit abgeschlagen hinter Dollar und Euro. Ich erkenne auch von Japan keine Absichten, geschweige denn Anstrengungen, daran etwas zu ändern.

    Der Euro hat ebenfalls als Konkurrenzwährung zum Dollar seinen Zenit überschritten und kann aufgrund seiner internen Schwierigkeiten mit der EZB-gestützten Staatsschuld keine Höhenflüge mehr unternehmen, sondern nur weiter abbauen.

    So bleibt als einzige ernsthafte Konkurrenz gegenüber dem $ der Yuan-Renminbi. Diese Konkurrenz hat mehrere Ebenen, oder Dimensionen.

    Die erste, wichtigste ist, daß sich der Yuan dem Weltmarkt insofern entzieht, als diese Währung nicht freigegeben ist und daher nicht gegen sie spekuliert werden kann. Die chinesische Staatspartei hat es in der Hand, sie nach Belieben auf- oder eben abzuwerten.

    Die zweite ist, daß er auf dem Weltmarkt durchaus präsent ist, durch seinen Außenhandel, aber auch durch seine Sonderziehungsrechte im IWF-Währungskorb. Er stellt dadurch sozusagen eine graue Eminenz da, die sich nicht ignorieren läßt.

    Das dritte ist, daß China durch die Schanghai-Korporation und seine Entwicklungsbank eine Art Finanzmacht darstellt, die sich in Asien und anderen Teilen der Welt als Konkurrenz zu Wallstreet und IWF betätigt. Dazu trägt auch sein Devisenschatz bei, den es dabei einsetzt. Es werden also bei der chinesischen Staatsbank aufgeschatzte Dollars u.a. für den Ausbau der neuen Seidenstraße verwendet, was möglicherweise nicht ganz im Sinne der sie ausgebenden Macht ist.

    Und viertens, China arbeitet mit Rußland zusammen an einem System der bilateralen Verrechnung der Handelsströme, was auch mit Japan und anderen ostasiatischen Staaten schon recht weit gediehen ist und den Dollar als Weltwährung verdrängt.

    Das alles ist etwas anderes als im Schlußsatz des obigen Artikels angekündigt ist: China will nicht „gegen den Dollar spekulieren“, es will seine Dominanz bestreiten.
    Und da ist es ganz gut unterwegs. Das ist m.E. der Hauptgrund, warum Trump so satt auf China ist, nicht nur wegen der Handelsbilanz.

  17. 17 Guurd 16. August 2019 um 14:32 Uhr

    Yuans mögen zwar nicht freigegeben sein, zirkulieren aber ja doch auf dem Weltmarkt. Mindestens beim Händewechsel zwischen diversen mit China befassten Unternehmungen. Und mindestens deshalb halten div. Institute Yuan-Reserven.
    Es scheint also, so verstehe ich den NZZ-Bericht, auch einen weltweiten Kurs zu geben, zu dem diese auf dem Weltmarkt gehandelt [und von Banken gehalten und verzinst] werden. Was einen nicht wundern sollte: Auch damit will das Finanzkapital seine Geschäfte machen ….

    Hierzulande wurden/werden div. polit. Entscheidungen, z.B. den Euro betreffend, – auch – den Entscheidungen der Märkte überantwortet, – so lautet ja auch z.B. die derzeitige Drohung/Abmahnung der EZB an Italien! – weil die spekulative Geldmasse des Finanzkapitals derart gewaltig ist, dass eine einzelne Nationalbank gegen Spekulationswellen des Finanzkapitals gar nicht dagegenhalten könnte, – das war ja auch ein Grund, warum die Weltmächte zumindestens früher dabei – auch – ‚zusammengearbeitet‘ haben (sollen).

    S o l c h e spekulativen Geldmassen an Yuan sind in der Tat (derzeit noch) nicht weltweit unterwegs.

    https://www.nzz.ch/finanzen/russland-pfeift-auf-den-dollar-und-deckt-sich-mit-yuan-ein-ld.1450442

  18. 18 Nestor 16. August 2019 um 20:21 Uhr

    Ja, das erinnert an die Zeit, als Soros das Pfund und die Lira in den Keller rasseln lassen konnte.

    Einer der Vorteile des Euro sollte ja sein, dergleichen zu unterbinden. Mit der Eurokrise hat sich herausgestellt, daß der Euro die Finanzspekulation nur auf eine andere Ebene verlegt hat.

    Die Staaten wollen sich des Finanzkapitals bedienen, um ihre Währung gültig und werthaltig zu machen und zu halten. Bei dieser Zusammenarbeit ist eben oft nicht klar, wer der Herr ist und wer der Knecht, weil ohne einander können beide auch nicht.

    Was den Yuan betrifft, so hat ja China einiges unternommen, um ihn tröpfchenweise auf den Weltmarkt zu bringen, über Londoner Banken und die eigenen Börsen. Ich muß gestehen, so besonders kenne ich mich da nicht aus.
    Die letzte Abwertung war jedenfalls eine Reaktion auf Bewegungen an diesen Börsen.

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