Imperialismus heute, Fortsetzung

KRIEG ODER FRIEDEN?

Man weiß eigentlich nicht, wie man den derzeitigen Zustand benennen soll.
Aufrüstung allerorten.
Manöver, Sanktionen, lokale Kriege oder „Einsätze“ und wechselnde Bündnisse.

Hier ist wieder eine neue Pinnwand fällig.


23 Antworten auf „Imperialismus heute, Fortsetzung“


  1. 1 NN 19. Dezember 2018 um 13:28 Uhr

    »Flegel auf Gossenniveau«
    Russlands Außenminister Sergej Lawrow zur Politik gegenüber Kiew, Washington und London

    Von Reinhard Lauterbach

    Der russische Außenminister Sergej Lawrow hat die Ukraine in drastischen Worten vor einem Angriff auf die Krim gewarnt. In einem am Montag veröffentlichten umfangreichen Interview mit der Zeitung Komsomolskaja Prawda sagte er, bei einer Aggression werde der ukrainische Präsident Petro Poroschenko »eine Antwort erhalten, bei der ihm Hören und Sehen vergeht«. Er zitierte russische »Erkenntnisse«, wonach die Ukraine noch vor dem Jahresende eine »Provokation« an der Staatsgrenze vorhabe. Die Krim gehöre nach den Referenden des Jahres 2014 zu Russland, daran werde sich nichts mehr ändern. Gleichzeitig betonte er Unterschiede zwischen der russischen Politik gegenüber der Krim einerseits und den Volksrepubliken des Donbass andererseits. Deren diplomatische Anerkennung oder eine Beitrittsperspektive zur Russischen Föderation lehnte Lawrow ab. »Denn was kommt danach?«, fragte er die Interviewerin rhetorisch. Wolle sie die Ukraine auf Dauer von Russland entfremden? Nicht Moskau kämpfe gegen die Uk raine, sondern die russischsprachigen Uk rainer im Donbass gegen ein von Neonazis geprägtes Regime in Kiew, das der Westen verfassungswidrig an die Macht gebracht habe.

    Generell gab sich Lawrow in dem Interview als Stimme der Vernunft und der Mäßigung. Es war der Part der Interviewerin Darja Aslamowa, eine offensichtlich in Teilen der russischen Gesellschaft kursierende Frustration über die »lasche« Außenpolitik der Moskauer Führung zu artikulieren und Lawrow so die Vorlage für diese Selbstdarstellung zu liefern. Immer wieder riet der Außenminister dazu, die Folgen emotional motivierter Aktionen mitzubedenken. Von kurzfristiger patriotischer Begeisterung könne sich langfristig niemand etwas kaufen. Als sich Aslamowa über den Abriss sowjetischer Denkmäler in Polen erregte und fragte, warum Russland nicht als Vergeltung Bulldozer an der polnischen Gedenkstätte in Katyn auffahren lasse, fragte Lawrow nur zurück: »Meinen Sie das ernst?« Und auf Aslamowas bejahende Antwort sagte er: »Das tut mir leid für Sie.« Gräber zu verwüsten, sei »unchristlich«. Zur Gefahr eines neuen großen Krieges sagte Lawrow, zwar hätten sich in Europa ähnlich tiefgehende Interessenkonflikte angestaut wie am Vorabend des Ersten Weltkriegs, doch gebe er die Hoffnung nicht auf, dass die europäischen Völker ihren Regierungen nicht erlauben würden, sie in einen Krieg zu treiben.

    Tiefe Enttäuschung über den westlichen Umgang mit Russland ließ auch Lawrow erkennen. Dem britischen Außenminister warf er »übertriebene Eigenliebe« und fehlende Manieren vor, Poroschenko sei ein »Flegel, wie ich noch keinen erlebt habe«. Es müsse in den internationalen Beziehungen ein Minimum an Anstand gewahrt bleiben, und Russland sei bemüht, nicht »auf Gossenniveau« zu antworten. Die Verschärfung des antirussischen Kurses seitens der US-Administration führte Lawrow auf den Dauerwahlkampf in den USA zurück; außerdem habe der Sieg von Donald Trump das Establishment aus der Bahn geworfen. Moskau bleibe aber jederzeit zu einem »professionellen Dialog« mit den USA über Fragen des beiderseitigen Interesses bereit. So auch über die Vorwürfe, Russland verletze mit einem neuentwickelten Marschflugkörper den INF-Vertrag von 1987, aus dem die USA deshalb aussteigen wollen. Leider habe Washington auf Gesprächsangebote der russischen Seite nicht reagiert.

    Lawrow räumte ein, dass Russland in Teilen der postsowjetischen Welt im Kampf um politischen Einfluss gegenüber dem Westen ins Hintertreffen geraten sei. Er begründete dies damit, dass Russland nicht so viel Geld wie die USA oder die EU ausgeben könne, um alle möglichen NGOs zu sponsern. Das Argument der Interviewerin, dass in Georgien und Armenien nun eine für Russland verlorene, weil auf den Westen orientierte junge Generation heranwachse, konterte er mit dem Verweis auf die kürzlich in Aserbaidschan erfolgte Gründung einer Außenstelle der Moskauer Diplomatenhochschule MGIMO. Sie sei dort eine außerordentlich beliebte Ausbildungsstätte.

  2. 2 Nestor 19. Dezember 2018 um 20:38 Uhr

    Darja Aslamova ist die Reporterin der Komsomolskaja Prawda in Kriegsgebieten und seit Jahren für die KP im Donbass und in Syrien unterwegs. Eine Art russische Variante von Christiane Amanpour, wenngleich seriöser.

    Wenn sie am liebsten irgendwohin eine Bombe schmeissen würde, ist das verständlich, weil sie hat in den letzten Jahren wirklich ziemlich viel mitgekriegt über die Schweinereien des Imperialismus.

  3. 3 Anmut 20. Dezember 2018 um 7:57 Uhr

    Weihnachtsmärchen oder:

    Presseskandal beim SPIEGEL:

    Diverse ausgezeichnete Reportagen und Kriegsberichte, angeblich „vor Ort“, wurden frei am Schreibtisch erfunden …

    http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/fall-claas-relotius-spiegel-legt-betrug-im-eigenen-haus-offen-a-1244579-druck.html

  4. 4 Rudolf_Rednose 20. Dezember 2018 um 10:52 Uhr

    Der Standpunkt des Spiegel-Repoters war a) Unterhaltung der Leserschaft, also das, was grad so gefragt ist, mit hübschen Bildchen, Sex, Crime und Kindchenschicksalen, b) dasselbe auf literarische Niveau, um damit Literaturpreise gewinnen zu können, dafür müssen c) dem Elaborat literarisch ein paar Quentchen von möglicher Wahrscheinlichkeit beigemischt werden.

    Dass es STERN und SPIEGEL um so was geht, um damit Kasse zu machen, war bereits dunnemals die Botschaft der angeblichen Hitler-Tagebücher. Leider werden in den Verfilmungen solcher Stories, die daraus wieder Kassenschlager über Erfolg und Scheitern zusammenschustern, all die Leser und kunstsinnigen Kommentatoren, die derlei abgeschmackten Reportagekitsch als unterhaltsam goutieren, nicht veräppelt …

    Unterhaltsam ist so was nämlich nur, wenn man all die Feindbilder des freien Westens teilt, denen hier ein literarischer Heiligenschein aufgesetzt werden soll.

  5. 5 Nestor 20. Dezember 2018 um 11:18 Uhr

    Ja, und das ist auch der Grund, warum solche Fälschungen prämiert werden und lange durchgehen – weil genau das vermittelt wird, was dem Leser vermittelt werden soll.

    Als Fake News wird hingegen das angeprangert, was nicht ins (Feind-)Bild paßt, ganz unabhängig von dessen Wahrheitsgehalt.

  6. 6 NN 21. Dezember 2018 um 1:34 Uhr

    Kiew will Russland testen
    Ukrainischer Sicherheitsratschef Turtschinow kündigt neuen Versuch an, Straße von Kertsch zu durchbrechen

    Von Reinhard Lauterbach

    Die Ukraine wird nach den Worten ihres Sicherheitsratschefs Olexander Turtschinow erneut versuchen, Militärschiffe durch die Meerenge von Kertsch zu schicken. Turtschinow sagte gegenüber der britischen BBC, es müsse verhindert werden, dass Russland das Asowsche Meer zu einem »russischen Binnengewässer« mache. Er bezeichnete es als wünschenswert, wenn an einer solchen neuen Provokation an Bord der ukrainischen Schiffe internationale Vertreter, etwa von der OSZE oder der NATO, teilnehmen würden.

    Am 25. November hatte die russische Küstenwache drei ukrainische Boote, die unangemeldet versuchten die Meerenge zu passieren, aufgebracht und in den Hafen von Kertsch geschleppt. Die Besatzungsmitglieder sind inzwischen in einem Moskauer Untersuchungsgefängnis und müssen sich wegen Grenzverletzung verantworten.

    Reaktionen von seiten der angesprochenen internationalen Organisationen gab es zunächst nicht. In der Ukraine wurde spekuliert, ob ein Anfang der Woche zu einem Flottenbesuch in Odessa eingelaufenes Vermessungsschiff der britischen Marine eventuell einem solchen ukrainischen Durchbruchsversuch Geleitschutz geben könne.

    Turtschinow verkündete auch, im Falle einer Bedrohung die neue Brücke auf die Krim zu zerstören. Die ukrainische Marine sei in der Lage, russische Schiffe sogar in ihren Heimathäfen mit Raketen zu versenken. Russland reagierte offiziell nicht auf Turtschinows Äußerungen. Einzelne Politiker warnten die Ukraine vor neuen »Provokationen«. Beim nächsten Versuch würden ukrainische Schiffe nicht mehr aufgebracht, sondern versenkt.

    In Russland herrscht eine gewisse Nervosität wegen der Lage um die Krim. Außenminister Sergej Lawrow hatte am Montag in einem Interview der Komsomolskaja Prawda von »Erkenntnissen« gesprochen, dass die Ukraine in den letzten Tagen dieses Jahres eine »bewaffnete Provokation« an der Grenze zur Krim planen könne; unter anderem um einen Vorwand zu haben, den Kriegszustand zu verlängern und die im März geplanten Präsidentenwahlen zu verschieben.

    Einstweilen gehen im Land Einschüchterungsversuche gegen politischen Opponenten von Präsident Petro Poroschenko weiter. Das Parteibüro der für einen Frieden im Donbass eintretenden Partei »Vernünftige Kraft« in Kiew wurde vorige Woche von maskierten und schwarzgekleideten Schlägern überfallen, die anwesenden Parteifunktionäre schwer verprügelt.

    Ohne unmittelbare Gewaltanwendung verlief ein ähnlicher Überfall von Angehörigen der nationalistischen Bande »C14« auf das Kiewer Herzzentrum. Einige Dutzend schwarzgekleidete »junge Männer von sportlicher Figur« hatten versucht, die Wiederwahl des ärztlichen Direktors der Klinik, Boris Todurow, zu verhindern. Dies gelang nicht. Die Beschäftigten bestätigten ihn einstimmig für eine weitere Amtszeit.

    Gesundheitsministerin Uljana Suprun wollte Todurow ablösen, nachdem er ihre Entscheidung kritisiert hatte, den Import von Medikamenten aus Russland und generell die staatliche Finanzierung von Arzneimitteln für die Krankenhäuser zu stoppen. Suprun stammt aus der ukrainischen Diaspora in den USA und war nach Kiew geholt worden, um das Gesundheitswesen zu »reformieren«. Sie vertritt die Ansicht, Finanzierung und Medikamentenimport seien nicht nötig, weil Herz- und Krebskranke an ihrer Situation selbst schuld seien: Sie hätten »ungesund gelebt«.

    Am Mittwoch verabschiedete unterdessen das ukrainische Parlament eine Liste der 2019 offiziell zu begehenden Gedenktage. Der Zyklus beginnt am Neujahrstag mit dem 110. Geburtstag des Nazikollaborateurs und Nationalistenführers Stepan Bandera. Weitere gedenkwürdige Persönlichkeiten aus diesem Milieu sind der selbsternannte Hetman Symon Petljura und der nationalistische Aktivist Iwan Klymiw.

    Das jüdische Komitee der Ukraine protestierte und nannte es eine Kuriosität, dass auch der Vorsitzende der ukrainisch-israelischen Parlamentariergruppe für den entsprechenden Beschluss gestimmt habe. Eduard Dolinskij, Vorsitzender des Komitees, schrieb im Internet, Klymiw sei persönlich für schwere antijüdische Pogrome im Zusammenhang mit der Proklamation der »Westukrainischen Volksrepublik« Anfang 1919 verantwortlich und habe »das Blut Hunderter jüdischer Frauen und Kinder« an den Händen.

    Dass Petljuras Herrschaft in Teilen der Ukraine während des ­sowjetischen Bürgerkriegs mit der Ermordung einiger zehntausend jüdischer Zivilisten einherging, ist historisch aktenkundig. 1926 erschoss den ins französische Exil gegangenen Petljura in Paris Samuel Schwartzburd, der bei den Petljuraschen Pogromen Angehörige verloren hatte. Die Geschworenen sprachen ihn damals von der Anklage des Mordes frei.

    Hintergrund: Putin zur Ukraine

    Der russische Staatspräsident Wladimir Putin hat sich auf seiner jährlichen Pressekonferenz am Donnerstag auch zur Lage in der Ukraine geäußert. Wir dokumentieren Auszüge:

    »Das Donbass ist Teil der ­Ukraine, und wir wünschen uns, dass dort und in der ganzen Ukraine Frieden einkehrt. Wer hat denn die Blockade zwischen dem Donbass und dem Rest der Ukraine eingerichtet? Die ukrainischen Machthaber. Sie blockieren ein Territorium, von dem sie erklären, es sei das ihre. Wir liefern den Menschen im Donbass humanitäre Unterstützung, damit sie dort überleben können, und wir werden das weiter tun. Man muss ein für allemal verstehen, dass alle Versuche, politische Fragen mit Gewalt zu lösen, zum Scheitern verurteilt sind.

    Wir werden niemals eine Politik unterstützen, die zur Spaltung führt. Dazu, dass das russische und das ukrainische Volk auseinandergerissen werden. Genau diese Aufgabe versuchen heute die ukrainischen Machthaber zu lösen: Sie zerren das russische und das ukrainische Volk auseinander. Und dafür wird ihnen alles durchgehen gelassen, alles.

    Hier ist die Rede gewesen vom schweren Los der Menschen im Donbass und im Gebiet Lugansk, darüber, wie niedrig dort der Lebensstandard ist. Und, ist er in der Ukraine vielleicht besser? Dort ist es genauso wie im ganzen Donbass: Es wird immer schlechter. Alles wegen des Krieges und der Kampfhandlungen und der Spannung. Das wird der Ukraine im Ausland alles durchgehen gelassen.

    Die Ukraine wird dafür aber bezahlen. Jetzt hat sie die nächste Kreditrate vom IWF bekommen. Wir wissen, was das bedeutet: Man schafft es gerade so, die Renten und die Gehälter der Staatsbediensteten auszuzahlen, aber die Rechnung geht an die nächsten Generationen. Das ist der Grund für die negative Gesamtsituation in der Politik, der Wirtschaft und im sozialen Bereich, in der Innenpolitik. Das geht uns allen nahe, denn unsere Völker sind einander historisch eng verwandt, und wir werden alles dafür tun, dass das so bleibt.

    Es geht dabei nicht um Personen, sondern um das Verhältnis zwischen den Menschen. Wir wollen, dass in der ganzen Ukraine Frieden und Wohlstand herrschen. Wir sind daran interessiert, weil der Handelsumsatz zwischen der Ukraine und Russland trotz allem weiter wächst. Die Ukraine ist für uns ein wichtiger Handelspartner. Und wir sprechen permanent über den Austausch von Gefangenen. Erst vor kurzem war Wiktor Medwetschuk im Auftrag von Petro Poroschenko hier und hat über eine Freilassung der Seeleute gesprochen. Wir werden auf dieses Thema zurückkommen, sobald die strafrechtlichen Ermittlungen gegen die Seeleute abgeschlossen sind.« (rl)

  7. 7 Nestor 21. Dezember 2018 um 12:09 Uhr

    Die EU ist mit der Ukraine-Situation wirklich in der Zwickmühle. Es ist ja nicht nur der IWF, der immer wieder Geld hinüberschieben muß, weil die Ukraine sonst zahlungsunfähig wäre.
    Auch die EU muß diese korrupte Kamarilla stndig unterstützen, die dann politisch – und auch ökonomisch! – macht, was sie will, und was den USA auch recht ist.

  8. 8 NN 25. Dezember 2018 um 20:54 Uhr

    Volksrepublik Donezk kündigt Ankunft von Eisenbahnzug mit Giftstoff an

    Laut dem Geheimdienst der Volksrepublik Donezk ist auf dem unter Kontrolle der ukrainischen Sicherheitskräfte stehenden Donbass-Territorium im Gebiet von Donezk ein Eisenbahnzug mit einer giftigen chemischen Substanz eingetroffen. Dies teilte der stellvertretende Befehlshaber des Einsatzkommandos der Donezker Volksrepublik, Eduard Bassurin, mit.

    Moskau besorgt: Kiew könnte in den nächsten Tagen zu Kampfhandlungen übergehen

    Das russische Außenministerium schließt nicht aus, dass die ukrainische Armee in den nächsten Tagen zu großangelegten Kampfhandlungen im Donbass übergehen wird.

    Britisches Militärschiff in Odessa: Ukraine wird zu Provokationen angestiftet

    Russlands Botschaft in London hat den Besuch des britischen Spähschiffs „HMS Echo“ im Hafen von Odessa verurteilt, schreibt die Zeitung „Kommersant“ am Montag.

  9. 9 Nestor 27. Dezember 2018 um 10:57 Uhr

    Oh, die Weißhelme und die Giftfässer sind wieder da!

    Aus Syrien haben sie sich offenbar geschlichen, jetzt suchen sie ein neues Betätigungsfeld, mit Hilfe ihrer Gönner.

  10. 10 NN 27. Dezember 2018 um 18:41 Uhr

    Russland verkündet erfolgreichen Test von Hyperschall-Rakete

    Mit der Rakete „Avangard“ will Russland Abwehrsysteme etwa der Amerikaner aushebeln. Die neue Hyperschall-Waffe habe den abschließenden Test bestanden, heißt es aus Moskau. 2019 soll sie einsatzbereit sein.

    Putin: Russland hat jetzt neue Art von strategischen Waffen

    Die russische Armee hat die Tests des Systems Avantgarde abgeschlossen. Laut Präsident Wladimir Putin soll die neue superschnelle Gleiter-Rakete mit interkontinentaler Reichweite demnächst an die Truppe gehen. Die neuartige Waffe, die mit unglaublichen 20 Mach im Zick-Zack ins Ziel fliegen können soll, hatte Putin bereits im März vorgestellt.

    Russland gibt Geschwindigkeit der neuesten Hyperschall-Rakete „Avangard“ preis

    Russlands neueste Hyperschall-Rakete „Avangard“ hat bei den jüngsten Tests eine Geschwindigkeit von 27 Mach erreicht. Darüber berichtet der TV-Sender „Rossija-24“ unter Berufung auf den Vizepremier Juri Borissow.

  11. 11 NN 27. Dezember 2018 um 23:52 Uhr

    Kampf um »Nord Stream 2«
    Jahresrückblick 2018: Washington will die Ostseegasleitung aus Eigeninteresse stoppen. Berlin hält dagegen. Ausgang ungewiss

    Von Reinhard Lauterbach

    Technisch geht es mit »Nord Stream« 2 voran. Inzwischen sind bereits etwa 300 Kilometer der zweiten Ostseepipeline zwischen Russland und der Bundesrepublik verlegt. Die Betreiber wollen offenkundig demonstrieren, dass sie die ihnen erteilten Genehmigungen nutzen und die Gasleitung bauen wollen. Das ist ihr gutes Recht. Und ein Rückzug würde um so kostspieliger, je weiter das Vorhaben schon vorangeschritten ist.

    Das alles schert Washington wenig. Trotz der geschaffenen Fakten geben die USA ihre Versuche, das Projekt doch noch zum Scheitern zu bringen, nicht auf. Kurz vor Weihnachten hat der Senat eine Resolution verabschiedet, die die Bundesregierung im Namen der Rücksicht auf andere EU-Staaten auffordert, »Nord Stream« 2 zu beenden. Das hohe Haus der 100 einflussreichen Territorialfürsten tut einfach so, als ginge es die Sache irgend etwas an.

    »Hilferufe« aus Osteuropa

    Die Senatoren berufen sich gerne auf die Hilferufe aus Polen, den baltischen Staaten und Teilen Skandinaviens. Genauer noch, insbesondere Warschau und die kleinen Baltenrepubliken setzen darauf, dass Kongress und US-Regierung ihre Interessen durchboxen. Sie wollen nicht nur Russland als Gaslieferanten aus der EU drängen. Polen und Litauen haben bereits Flüssiggasterminals an ihren Ostseeküsten errichtet und hoffen, diese Anlagen mit dem Reexport des fossilen Brennstoffs, den sie aus dem Nahen Osten und den USA zu beziehen hoffen, in Drittstaaten zu amortisieren. Das ist letztlich nichts anderes als das, was auch deutsche Unternehmen mit einem Teil des Gases aus dem Projekt vorhaben.

    Ginge es nur darum, wer am Energieimport verdient, könnte man sagen: Je mehr Gas auf dem Markt ist, desto besser für die Konsumenten. Das Problem des Liquefied Natural Gas (LNG) ist aber, dass es auf absehbare Zeit um mindestens ein Drittel teurer sein wird als das aus der russischen Pipeline. Für dieses spricht also insbesondere der Kostenfaktor. Dass die Sowjetunion selbst im tiefsten Kalten Krieg den Energieexport nach Westeuropa nie eingestellt hatte – sie brauchte schlicht die Deviseneinnahmen, und bei Russland ist das heute nicht anders –, spricht gegen die von den Projektgegnern immer wieder geäußerten Befürchtungen, Europa mache sich »erpressbar«. Das ist es bei Flüssiggas aus Übersee auch, und zwar schlicht und einfach durch den Markt. Flüssiggastanker lassen sich mit einer E-Mail umleiten, wenn irgendwo auf dem Globus etwas höhere Preise gezahlt werden als – dank der Gasversorgung durch Russland – in Europa. Das ist der wesentliche Grund, warum das LNG-Geschäft bisher überwiegend mit Ostasien stattfindet – dort sind die Preise höher.

    Eigeninteresse der USA

    Abgesehen von starrer antirussischer Geopolitik, verfolgt auch die US-Regierung mit ihrem Widerstand gegen »Nord Stream« 2 substantielle Eigeninteressen. Präsident Donald Trump hat seinem Land das Ziel gesetzt, zu einer »Energiesupermacht« zu werden. Zu diesem Zweck soll Schiefergas, das in den USA reichlich vorhanden, allerdings immer noch relativ teuer zu fördern ist, in den globalen Markt gedrückt werden. Das geht am besten, wenn das allgemeine Preisniveau steigt.

    Diese Tendenz ist durchaus neu. Über Jahrzehnte hatten die USA ihre heimischen Rohstoffvorräte geschont und Öl und Gas lieber importiert. Fiskalisch hatten sie dadurch, dass sie in den 1970er Jahren in einem Geheimabkommen mit Saudi-Arabien durchgesetzt hatten, dass dieses sein Öl nur gegen Dollar verkauft, die weltweite Ölnachfrage zu einer Nachfrage nach der US-Währung gemacht. Auf dieser Grundlage konnte es Washington egal sein, ob der Ölpreis hoch oder niedrig war. Unter anderem das hat die extreme Verschuldung der USA (Handels- und Leistungsbilanzdefizite) ermöglicht, ohne dass die Frage nach der Zahlungsfähigkeit des Landes ernsthaft gestellt worden wäre. Das beginnt sich derzeit zu ändern. Russland und China wollen ihren Handel, auch den mit Öl und Gas, auf Landeswährung umstellen, der EU hat Russlands Exporteur Gasprom vorgeschlagen, Lieferungen künftig in Euro zu bezahlen. Brüssel ist auf dieses Angebot bisher nicht eingegangen. Die EU-Kommission weiß, wie die Versuche von Saddam Hussein und Muammar Al-Ghaddafi ausgegangen sind, ihr Öl nicht mehr in Dollars zu handeln.

    Gegen »Nord Stream« 2 gehen die USA mit dem ganzen Arsenal politischer Erpressungen vor, das ihnen zu Gebote steht: exterritoriale Anwendung eigener Rechtsvorschriften und Sanktionsdrohungen gegen am Bau beteiligte Unternehmen. Bisher nicht mit größerem Erfolg. Die Bundesregierung hat lange versucht, Washington mit Zugeständnissen in Einzelfragen ruhiger zu stellen. Doch das hielt nie lange vor. Weder die Zusage der Bundeskanzlerin Angela Merkel, an der deutschen Nordseeküste ein LNG-Terminal zu bauen, über das dann US-Schiefergas geliefert werden könnte, noch ihre Forderung an Russland, einen »substantiellen Gastransit« durch die Ukraine beizubehalten, hat die Scharfmacher drüben zufriedengestellt. Könne es denn angehen, »Putin noch mehr Macht über Europa« zu gewähren, nörgelte US-Botschafter Richard Grenell in der Vorweihnachtswoche.

    Frage der »Souveränität«

    Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hat sich festgelegt: Die Frage, woher die BRD ihre Energieträger beziehe, sei eine der deutschen Souveränität. Die Marke liegt also hoch. Berlin verteidigt – bisher – das Projekt als »rein kommerziell«. Doch so ganz stimmt das nicht. Die Bundesrepublik streitet mit ihrem Recht auf Osthandel auch um die relative Autonomie, die sie innerhalb des Westens während des Kalten Krieges aufgebaut hat. Und in einem ist die deutsche Hartnäckigkeit auch gegenüber den Vorbehalten der osteuropäischen Kritiker sehr »merkelianisch«: Die EU gern zum Hebel eigener Interessen zu machen, aber alles auszubremsen, was im Rahmen »europäischer Solidarität« den nationalen Interessen der BRD zuwiderlaufen könnte, ist die Zusammenfassung der EU-Politik der Kanzlerin in einem Satz.

    Wahrscheinlich wird »Nord Stream« 2 letzten Endes gebaut werden. Russland hat angekündigt, das Projekt notfalls auch allein zu finanzieren, sollten die Partnerunternehmen doch noch aussteigen. Die US-Aufforderungen an die Adresse Berlins, sich aus dem Projekt zurückzuziehen, sind letztlich Schall und Rauch. Denn rechtskräftige Genehmigungen sind rechtskräftige Genehmigungen, und wenn die Bundesregierung einen Stopp des Projekts erzwingen sollte, würde sie sich milliardenschweren Schadenersatzforderungen aussetzen. Die USA kümmert das nicht. Ihnen geht es um drei Ziele: Ein wegen überhöhter Preise nicht marktfähiges Produkt doch verkaufen zu können, dem geopolitischen Rivalen langfristige Einnahmen zu entziehen und den »geschätzten Alliierten« zu zeigen, wo der Hammer hängt.

    Nicht nur die Kader
    Beziehungen Russland–USA

    Von Reinhard Lauterbach

    In der Sowjetunion gab es ein Prinzip, politische Aufgaben zu lösen: »Die Kader entscheiden alles« (Stalin). Praktisch gesagt: Setz den richtigen Menschen an die richtige Stelle, und das gewünschte Ergebnis wird sich einstellen. Logisch ausgeschlossen wurde dadurch, dass ein Problem vielleicht falsch gesehen oder unlösbar sein könnte. Das Interview von Sergej Lawrow mit dem Nachrichtensender Sputnik, das er den westlichen Führern am sogenannten Heiligabend unter den Christbaum gelegt hat, trägt Spuren dieser Herangehensweise. Die tiefsitzende Feindseligkeit der USA und ihrer westlichen Trabanten gegenüber Russland wird auf alle möglichen subjektiven Faktoren zurückgeführt: den Dauerwahlkampf in den USA, eine angebliche Tendenz Washingtons, alle anderen Staaten nicht als »Wert an sich« zu behandeln, sondern instrumentell im Sinne ihrer Interessen – als wäre es nicht Grundprinzip jeder Außenpolitik, die eigenen Interessen zugrunde zu legen. Und auf der Gegenposition die russische Hoffnung, dass »der gesunde Menschenverstand auch in Washington obsiegen« möge.

    Wenn Lawrow sich da mal nichts vormacht. Erinnert sei an eine andere berühmte Stalinsche Sentenz: »Die Hitler kommen und gehen, … der deutsche Staat aber bleibt«. Man gewinnt den Eindruck, in Moskau wolle man partout nicht zur Kenntnis nehmen, dass zwar die Trumps und Merkels kommen und gehen, aber dass sie eben Exekutoren einer Kontinuität von imperialistischer Staatsräson sind, mit der auskömmliche Beziehungen mit Russland nur ausnahmsweise zu vereinbaren sind. Historisch zu Zeiten der Antihitlerkoalition, als Nazideutschland in seiner Hybris dumm genug war, mit dem Angriff auf die Sowjetunion ein Bündnis zu schmieden, das ohne diese Voraussetzung nie entstanden wäre. Russische Versuche, heute eine Antiislamismuskoalition zu proklamieren, sind im Westen nie ernstgenommen worden. So schlimm ist der Terrorteufel aus westlicher Sicht nicht, dass er eine Koalition mit Russland – oder China – rechtfertigen würde.

    Wladimir Putin hat in seiner Jahresendpressekonferenz die Motivation der US-Politik gegenüber Russland besser charakterisiert: »Sie wollen uns als Konkurrenten nicht hochkommen lassen«. Rational gefasst hat das zwei Seiten: erstens, wir wollen im Prinzip dasselbe wie ihr; Alternative zu sein, strebt Russland nicht mehr an. Zweitens: Selbstbehauptung geht nur gegen euch. Anders formuliert, die Feindseligkeit in den westlich-russischen Beziehungen entspricht einem Grundinteresse amerikanischer Politik – nämlich die 1991 errungene Position als einzige Weltmacht um jeden Preis zu verteidigen. Dass das vielleicht nicht jeden Preis wert sei, ist die Lektion, die Russland versucht, den USA beizubringen. Die Erfolgschancen dieser »Pädagogik«, den Krieg lieber zu unterlassen, sind ungewiss. Imperialismen lernen immer nur aus Niederlagen. Und das lediglich vorübergehend.

    Interview des russischen Außenministers

    Der Sender RT Deutsch veröffentlichte am Mittwoch auf seiner Internetseite die deutschsprachige Fassung eines Interviews des Nachrichtensenders Sputnik mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow vom Montag.

  12. 12 Nestor 29. Dezember 2018 um 22:42 Uhr

    Das von Lauterbach bekrittelte Reduzieren des westlichen Imperialismus auf ein unangenehmes Zusammentreffen von unangenehmen Faktoren liegt eben daran, daß Rußland – wie auch die Sowjetunion – ein Idealist der Souveränität und der gegenseitigen Anerkennung ist.

    Letztlich steht und fällt auch die Legitimation der eigenen Herrschaft mit diesem Idealismus der geregelten Verfahrendformen zwischen feindseligen Mächten.

  13. 13 NN 31. Dezember 2018 um 0:05 Uhr

    Poroschenko unterzeichnet Gesetz über Verdopplung ukrainischer Meereszone

    Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko hat ein neues Gesetz über die angrenzende Zone des Landes unterzeichnet. Eine entsprechende Erklärung wurde auf der Webseite des Staatsoberhaupts veröffentlicht.

    Scheitern von Nord Stream 2 wegen USA unmöglich – Gazprom-Chef Miller

    Die USA versuchen zunehmend Druck auf das Projekt Nord Stream 2 aufzubauen, um es langfristig zu stoppen. Laut dem Chef von Gazprom, Alexey Miller, wird das Projekt jedoch unabhängig von jeglichen amerikanischen Aktionen erfolgreich starten.

    Rückkehr zu Parität
    Russland testet erfolgreich Hyperschallrakete. Putin: Keine militärische Überlegenheit angestrebt

    Von Reinhard Lauterbach

    Russland hat nach eigenen Angaben vor kurzem erfolgreich eine der im März von Präsident Putin angekündigten neuartigen Waffen getestet. Wie das Verteidigungsministerium mitteilte, wurde am 26. Dezember eine Hyperschallrakete des Typs »Awangard« von einem Testgelände im Gebiet Orenburg südlich des Urals auf ein Ziel auf der Halbinsel Kamtschatka abgefeuert. Der Test sei erfolgreich verlaufen, der potentielle Sprengkopf habe das 7.000 Kilometer entfernte Ziel präzise getroffen. Putin verfolgte den Test im Kontrollzentrum der russischen Raketenstreitkräfte in Moskau.

    Hyperschall bedeutet, dass das Projektil zunächst mit einer konventionellen Rakete gestartet wird. In etwa 100 Kilometern Höhe trennt sich dann der eigentliche Sprengkopf vom Trägersystem und gleitet ohne eigenen Antrieb mit bis zu 30facher Schallgeschwindigkeit – also etwa 27.000 Kilometer pro Stunde – auf sein Ziel zu. Dabei ist nach russischer Darstellung das Besondere an der Waffe, dass sie beim Anflug auf das Ziel für jedes Abwehrsystem unberechenbare Volten schlagen und deshalb nicht abgefangen werden kann.

    Als Putin in seiner Rede an die Föderalversammlung im März erstmals Videoanimationen dieser neuen Waffen vorgeführt hatte, war im Westen noch von Science-Fiction die Rede gewesen. Doch schon wenig später gab ein US-amerikanischer Viersternegeneral in einer Senatsanhörung zu, dass diese Bedrohung, wenn sie denn Realität würde, von den USA sehr ernst genommen werden müsse. Dirk Zimper, Programmkoordinator Wehrtechnik beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, ergänzte dieser Tage in einer Wissenschaftssendung des Deutschlandfunks, es gebe noch keine effizienten Abwehrmittel gegen solche Waffen. Geforscht werde aber sowohl in Russland als auch in den USA und China. Nach Zimpers Worten ist die Geschwindigkeit der Projektile von »Awangard« so hoch, dass der Sprengkopf nicht einmal nuklear oder konventionell bewaffnet sein müsse; allein die kinetische Energie seines Einschlags sei mit der eines Meteoriten vergleichbar und könne großen Schaden anrichten. Hinzu komme die durch die hohe Geschwindigkeit enorm verkürzte Vorwarnzeit.

    Wladimir Putin war in seiner Pressekonferenz kurz vor Weihnachten nochmals auf diese neuartigen Waffen eingegangen. Er sagte, der Vorteil, der Russland aus dem Besitz solcher Systeme erwachse, sei nur vorübergehend, weil früher oder später auch andere Großmächte sie haben würden. Sein Land strebe demnach auch keine Überlegenheit an, sondern die Rückkehr zur strategischen Parität, die die USA seit Jahren mit ihrem Ausstieg aus verschiedenen Rüstungskontrollabkommen aufgekündigt hätten.

    Die Akte Putin
    Eingebetteter Geheimdienstjournalismus auf britisch. Mark Urban sammelt Indizien, um eine Verantwortung Russlands für die Skripal-Vergiftung zu belegen

    Von Reinhard Lauterbach

    Inzwischen ist es um die Vergiftung des einstigen Doppelagenten Sergej Skripal und seiner Tochter Julia im britischen Salisbury am 4. März dieses Jahres still geworden. Vater und Tochter haben überlebt und sind offenbar in Großbritannien abgetaucht. Je nachdem, wie man es nimmt: beschützt oder von der Außenwelt abgeschirmt durch den britischen Geheimdienst. Was man über die Affäre weiß, weiß man von dort. Dieser Vorbehalt steht auch über Mark Urbans Buch »Die Akte Skripal«. Ohne intensive Nutzung vertraulicher Mitteilungen aus dem britischen Geheimdienst hätte es kaum entstehen können, und der Autor verschweigt das auch gar nicht.

    Eigentlich ist es ja schon seltsam. Da arbeitet ein Offizier des russischen Militärgeheimdienstes GRU jahrelang für die Gegenseite, verrät für einige tausend US-Dollar die Organisationsstruktur des eigenen Dienstes und mutmaßlich auch etliche eigene Leute; dann wird er kurz nach einem weiteren konspirativen Treffen mit seinem Führungsoffizier in Russland verhaftet und verurteilt, nach einigen Jahren im Straflager ausgetauscht und bekommt in Großbritannien einen neuen Start ermöglicht – und dann fängt er an, einem Journalisten des größten Mediums seines Gastlandes seine Geschichte zu erzählen. Die quellenkritische Vorsicht rät zur Präzisierung: die Geschichte, die er erzählen soll. Denn was Urban ganz am Schluss über die Lebenssituation Skripals nach dem Anschlag sagt: Er und seine Tochter seien »so abhängig von der britischen Regierung, dass sie alle Gründe hatten, die Ratschläge ihrer Betreuer anzunehmen«, bis hin zur Formulierung von Julia Skripals Presseerklärungen, das gilt natürlich für die Zeit zwischen seiner Übersiedlung und der Vergiftung ganz genauso.

    Ob das, was Urban, hauptberuflich Redakteur des BBC-Fernsehmagazins »Newsnight«, über Skripals Vergangenheit und seine Entscheidung, die Seiten zu wechseln, berichtet, interessant ist, mag jeder für sich beurteilen. Im Kern ist es die Geschichte eines im sowjetischen Patriotismus erzogenen Offiziers, dem mit dem Ende der So­wjetunion das Vaterland abhanden kam, der den Dienst habe quittieren wollen, aber nicht gehen gelassen worden sei. Statt dessen habe man ihm die Aufgabe übertragen, in Spanien ein Netz von »Schläfern« zu pflegen, die, so Urban, im Konfliktfall, wenn die über die Botschaft und andere offizielle Legenden akkreditierten Geheimdienstler ausgewiesen sein würden, an deren Stelle hätten treten sollen. Wie sie das hätten tun sollen, ohne große Vorbereitungen, aus unauffälligen Ziviljobs heraus, erläutert Urban nicht näher.

    Das Argument, das Skripal gemäß Urbans Darstellung zum Verrat bewog, ist banal: Geld. Sein Sold reichte in den neunziger Jahren nicht, um halbwegs standesgemäß zu überleben; Skripal habe nebenher ins Immobilienbusiness in Spanien einsteigen, ein Hotel kaufen wollen. 3.000 Dollar pro Treffen, insgesamt eine mittlere fünfstellige Summe, kassierte er von den Briten. Der Mann hat seine Offiziersehre billig verkauft. Das Haus, das der Geheimdienst Skripal nach seinem Austausch gekauft habe, sei mit Abstand die größte Investition Ihrer Majestät in den Agenten gewesen, schreibt Urban. Und es wurde nach dem Anschlag wieder vom britischen Staat übernommen. Nach dieser Logik sind die Kosten also unter dem Strich überschaubar gewesen.

    Im Grunde eine trostlose Story, und im Grunde wohl auch gar nicht die Story, die Urbans Informanten durch seine Vermittlung loswerden wollten. Die wahre Agenda von Urbans Buch ist die Belastung von Wladimir Putin, eingeführt als »zwielichtiger ehemaliger KGB-ler« im Regierungsapparat von Boris Jelzin. Der soll nach dieser Darstellung schon Ende der 90er dafür gesorgt haben, dass potentielle Gegner Jelzins physisch oder moralisch aus dem Weg geräumt wurden. Weitere Zitate aus dem Zettelkasten darüber, dass »Verräter böse enden« würden und dergleichen komplettieren das Bild eines Präsidenten, dem der Anschlag auf Skripal wenn nicht nachgewiesen, so doch zumindest politisch zugetraut werden könne. Das angebliche Motiv: potentiellen Verrätern in den eigenen Reihen zu zeigen, dass kein Ausland sie vor der Rache ihrer einstigen Kollegen schützen könne. Nachweise bringt Urban nicht, soweit reichen offenbar auch die Erkenntnisse von MI5 (dem Inlandsgeheimdienst) und MI6 (den fürs Ausland zuständigen Kollegen) nicht. Dass der Anschlag auf Skripal nicht nur Großbritannien, sondern praktisch dem ganzen Westen höchst gelegen kam, um die Aktionsmöglichkeiten des russischen Geheimdienstes in Westeuropa durch massive Ausweisungen radikal einzuschränken, und dass es somit auch auf westlicher Seite durchaus ein Motiv gab, so einen Anschlag eventuell zu inszenieren, verschweigt Urban nicht einmal. Zumal das eingesetzte Gift »Nowitschok« in den Neunzigern vom BND aus Russland ausgeschmuggelt und in Proben an die »Freunde« verteilt wurde. Dass die britischen Dienste Skripal nach dem Anschlag anboten, ihn mit einer neuen Identität in den USA oder »einem anderen englischsprachigen Land« unterzubringen, widerspricht dieser Hypothese nicht: benutzt, verbrannt, entsorgt.

    Früher hatte die BBC einmal einen Ruf für ihre Distanz auch gegenüber dem eigenen Land. Das machte während des Zweiten Weltkriegs ihre Propaganda glaubwürdig, im Unterschied etwa zur deutschen. Generationen von Redakteuren auch des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Westdeutschland sind nach diesen Standards ausgebildet worden. Davon ist in diesem Buch nichts übriggeblieben. Urban kokettiert im Nachwort selbst mit seiner Sympathie für die »eigenen« Geheimdienste. Deren Version ist hier zu lesen.

    Mark Urban: Die Akte Skripal. Der neue Spionagekrieg und Russlands langer Arm in den Westen. Droemer, München 2018, 351 Seiten, 19,99 Euro

    Bald Omega für Alfa-Bank?
    Übernahmegerüchte rund um größte russische Privatbank reißen nicht ab. Unklar ob Rettung oder Verdrängung

    Von Reinhard Lauterbach

    Die größte private Bank Russlands könnte bald von einem staatlichen Konkurrenten übernommen werden. Diese Meldung des kleinen Wirtschaftsnachrichtendienstes BNE Intellinews vom 5. Dezember wurde in dieser Woche von der Financial Times im wesentlichen bestätigt. Die Zeitung schrieb unter Berufung auf mindestens sieben »mit den Vorgängen vertraute Personen«, dass die staatliche Außenhandelsbank VTB unter den möglichen Erwerbern der wahrscheinlichste sei. Die dem staatlichen Gasgiganten Gasprom gehörende Bank sei im Gespräch und auch mit der italienischen Unicredit – sie hält etwa zehn Prozent – sei über eine Aufstockung ihres Anteil gesprochen worden. Eine Erhöhung würde allerdings der aktuellen Linie der italienischen Bank widersprechen, die angesichts der Krise im eigenen Lande zuletzt ihre eigenen Auslandstöchter abgestoßen hat, zum Beispiel in Polen.

    Es liegt in der Natur der Sache, dass laufende Verhandlungen von einem Regen von Dementi begleitet werden. Manche sind ohnehin Nebelkerzen, wie das der staatlichen Sparkasse Sberbank – denn dass die in die mutmaßliche Übernahme einbezogen sei, hatte niemand behauptet. Ein VTB-Sprecher bestritt, dass die Bank »auf Sicht von drei Jahren« Übernahmepläne gegenüber Alfa habe. Und in längerer Perspektive? Im vergangenen Sommer ist ein hochrangiger VTB-Manager in den Vorstand der Alfa-Bank gewechselt – als »trojanisches Pferd«, um sich den Laden von innen anzuschauen? Die Alfa-Bank selbst dementierte, dass es irgendwelche wirtschaftlichen Gründe für einen Verkauf gebe: Man verdiene eine Eigenkapitalrendite von 13 bis 14 Prozent, erklärte ein Vorstandsmitglied in Moskau. Wenn es der Alfa-Bank aber so gut geht, wäre kaum zu erklären, warum laut Financial Times Alfa-Eigentümer Michail Fridman nur den auf gut sieben Milliarden US-Dollar veranschlagten Buchwert des Instituts erlösen will, ohne jeden Verweis auf »Übernahmephantasie« oder andere kurssteigernde Faktoren. Ist die allseits dementierte Transaktion also ein Notverkauf, und um welche Notlage geht es?

    An sich steht die Alfa-Bank in der russischen Finanzbranche tatsächlich nicht schlecht da. Sie ist nach den staatlichen Instituten Sberbank, VTB, Gasprombank und der 2017 von der Zentralbank »geretteten« Privatbank Otkrytije die fünftgrößte Bank des Landes. Alfa hat knapp 16 Millionen Privat- und 550.000 Geschäftskunden und beschäftigt 25.000 Angestellte in 774 Filialen in ganz Russland.

    Gegründet wurde sie 1990 von Michail Fridman. Er zählt zu den »Goldjungen« der Jugendorganisation Komsomol der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, die später zu Oligarchen mutierten. Politische Rückendeckung war immer vorhanden. Pjotr Aven, kurzzeitig einmal Russlands Außenminister, stieg 1991 als Miteigentümer ein und hält noch heute einen Minderheitsanteil von etwa 10 Prozent. Fridman gilt als einer der letzten russischen Privatkapitalisten, für die Präsident Wladimir Putin ein offenes Ohr hat. Oft wurde die Auffassung vertreten, der Kreml sei selbst daran interessiert, diese Bank in privater Hand zu belassen. Denn so könne dem Vorwurf westlicher Investoren entgegentreten werden, der gesamte russische Finanzsektor sei staatlich kontrolliert. Tatsächlich gilt dies aktuell für »nur« 72 Prozent der Branche.

    An einigen Fronten hat sich jedoch die für Fridman vorteilhafte Ausgangslage zu seinem Nachteil geändert. Fridman hatte 2013 seinen Anteil an der Ölfirma TNK-BP für 28 Milliarden US-Dollar an den staatlichen Rosneft-Konzern verkauft. Danach aber ignorierte er systematisch die Aufforderung Wladimir Putins, den Erlös in Russland zu reinvestieren. Der von Fridman gegründete Fonds Letter One mit Sitz in Großbritannien begann, rund um die Welt Unternehmen aller Art aufzukaufen. Man kann das Kapitalflucht in besonders großem Ausmaß nennen. Doch in der Zwischenzeit traten nach und nach die antirussischen Sanktionen in Kraft, und Fridman bekam wegen seiner russischen Verwurzelung Schwierigkeiten.

    Die US-Behörden verweigerten seiner Firma aus »Gründen der nationalen Sicherheit« den Zugriff auf Schieferölvorhaben in Texas. Fridman »musste« statt dessen auf der anderen Seite des Rio Grande Ölfelder in Mexiko kaufen. Parallel wurde er von den britischen Behörden gehindert, die Anteile von Eon an Nordseeölfeldern in britischen Gewässern zu übernehmen. Vom rein geschäftlichen Standpunkt aus ist also nachvollziehbar, dass Fridman ein Interesse entwickeln konnte, sich aus dem sanktionsbedrohten Russland abzusetzen. Das würde auch die relativ niedrige Preisforderung, die die Financial Times nannte, erklären.

    Persönlich hat Fridman ohnehin schon lange seinen Wohnsitz nach Großbritannien verlegt. Angesichts eines so betont »unpatriotischen« Verhaltens des Oligarchen Fridman kann es aber auch plausibel erscheinen, dass jemand im Kreml den Hebel umgelegt und entschieden hat, dass jene 13 bis 14 Prozent Eigenkapitalrendite nicht unbedingt einer Gestalt wie Fridman zugute kommen müssten. Solche Profite können staatliche Banken, die wegen der Sanktionen ohnehin erhöhten Risiken ausgesetzt sind, auch gut gebrauchen.

  14. 14 Nestor 31. Dezember 2018 um 14:05 Uhr

    Für das von Lauterbach besprochene Buch von Urban hatten wir in den 80-er Jahren eine eigene Rubrik, eine Art Service für den Leser:
    weg damit!

  15. 15 Hinweis 10. Januar 2019 um 9:31 Uhr

    Suitbert Cechura:

    Der UN-Migrationspakt – eine Übereinkunft, die zu nichts verpflichtet?

    Am 10. Dezember 2018 haben die Regierungen von über 160 Ländern in Marrakesch den UN-Migrationspakt per Akklamation angenommen (übrigens eine Woche später um einen Flüchtlingspakt ergänzt). Im Vorfeld dazu hatte es eine lebhafte Diskussion in der deutschen Öffentlichkeit gegeben, vor allem darüber, ob dieser Pakt nicht eine Einladung an alle Elenden der Welt darstelle, „zu uns“ zu kommen…

    https://www.magazin-auswege.de/data/2019/01/Cechura_Migrationspakt.pdf

  16. 16 Nestor 10. Januar 2019 um 13:07 Uhr

    Soweit ich das verstehe, ein relativ folgenloses Dokument, mit dem sich aber alle Unterzeichner für zuständig erklären.

    Nachdem es nicht gelungen ist, diverse „Transitländer“ ins Gebet zu nehmen, so wird gerade Marokko, das ein Sonderabkommen mit Spanien hat, als Land ausgesucht, wo man diese Absichtserklärung vom Stapel läßt.

  17. 17 NN 11. Januar 2019 um 17:56 Uhr

    Pokern im Handelskrieg
    Keine Woche der Entscheidungen: Zollstreit Washingtons mit Beijing steckt fest. EU und USA ebenfalls ohne Deal. Zeit wird knapp

    Von Jörg Kronauer

    Bleierne Zeiten in den Trumpschen Handelskriegen: Die Gespräche über eine Beilegung des Strafzollkonflikts zwischen den USA und der EU stecken fest. In den Verhandlungen zwischen Washington und Beijing genügt ein Trump-Tweet, um auf den Aktienmärkten Hoffnungen zu wecken. Nur die Bemühungen des Westens, einen Schulterschluss gegen China im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO) zu erzielen, machen gewisse Fortschritte. Viele hatte sich von den alles in allem viertägigen Verhandlungen in dieser Woche mehr erhofft.

    Kein Ergebnis konnte EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström nach ihrem Treffen mit dem US-Handelsbeauftragten Robert Lighthizer zu Wochenbeginn vorweisen. Eigentlich hätte es vorwärtsgehen sollen in den Gesprächen über ein umfassendes Handelsabkommen, auf die sich EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und US-Präsident Donald Trump im vergangenen Juli geeinigt hatten. Trump hatte bessere Konditionen für die eigene Wirtschaft verlangt und zugesagt, die Drohung, Strafzölle auf die Einfuhr von Autos zu erheben, einzufrieren, solange die Gespräche über ein Abkommen liefen. Nun zeigt sich: Die Verhandlungen stecken fest. Man sei sich nicht einmal einig, über welche Branchen man reden wolle, räumte Malmström am Dienstag in Washington ein.

    Der Hauptgrund: Brüssel besteht darauf, Agrarprodukte aus den Gesprächen auszuklammern. Das ist vor allem der starken Agrarlobby Frankreichs geschuldet, das seine Interessen hier – noch – gegen Deutschland behaupten kann. Umgekehrt sind die USA nicht bereit, auf Exporterleichterungen für ihre Landwirtschaft zu verzichten. Diese trägt längst schwer an den Handelskriegen ihres Präsidenten: Die Gegenzölle vor allem Chinas, aber auch weiterer Staaten schaden ihr empfindlich. Trump hatte am Tag nach der Einigung mit Juncker prahlend verkündet: »Wir haben soeben Europa für euch Farmer geöffnet.« Das stimmte zwar nicht, die Landwirte haben es aber nicht vergessen, und Washington kann nun kaum dahinter zurück. Langsam stellt sich die Frage, wie lange sich Trump den Stillstand in den Verhandlungen gefallen lässt. Zuletzt war zu hören, die US-Behörden hätten inzwischen ihre Untersuchungen über die Kfz-Importe aus der EU abgeschlossen. Ergebnis: Strafzölle ließen sich durchaus begründen. Damit steigt der Druck. Nur Frankreich hätte durch Kfz-Strafzölle, anders als die Bundesrepublik, kaum etwas zu verlieren. Für Paris besteht also kein Anlass, die EU-Handelsschranken für den Import von US-Agrarprodukten jetzt preiszugeben.

    Unklar ist weiterhin der genaue Stand im Handelskrieg USA-China. Die Volksrepublik hat in den jüngsten Gesprächen vom Montag bis Mittwoch gewisse Angebote gemacht. Demnach ist sie bereit, ihre Importe aus den Vereinigten Staaten deutlich zu steigern, um das US-Handelsdefizit zu verringern. Genannt wurden Agrarprodukte, Energierohstoffe, Industriegüter und Dienstleistungen. Wirklich neu ist das nicht. Beijing hatte Washington bereits vor Trumps jüngster Strafzollrunde höhere Einfuhren im Falle einer gütlichen Einigung in Aussicht gestellt. Die US-Administration allerdings verlangt viel mehr. Hinter ihrer jetzt wiederholten Forderung, »strukturelle Änderungen beim erzwungenen Technologietransfer, beim Schutz des geistigen Eigentums, bei nichttarifären Handelshemmnissen« sowie bei angeblichen »Cyberangriffen und Cyberdiebstahl« vorzunehmen, steckt letztlich der Plan, Chinas High-Tech-Programm »Made in China 2025« zu beschädigen.

    Es ist nicht zu erwarten, dass Beijing diesbezüglich in Kernfragen einknickt. Doch Zugeständnisse scheinen möglich. So hat ein Sprecher des Handelsministeriums am Mittwoch bestätigt, man habe auch über den Technologietransfer und den Schutz des geistigen Eigentums gesprochen. Die Volksrepublik hat ohnehin begonnen, die Investitionsbedingungen für ausländische Konzerne ein wenig zu erleichtern. Soll der Handelskrieg beigelegt werden, dann müsste allerdings die Trump-Administration auf das verzichten, was ihr am meisten am Herzen liegt: Einschnitte bei »Made in China 2025« oder gar die Preisgabe des Programms. Die Frage ist wohl, ob der Druck der Agrarlobby oder die jüngsten Einbrüche von Apple und anderen im China-Geschäft den US-Präsidenten früher oder später zu einem solchen Verzicht bewegen können. Ob Trumps Tweet, die Verhandlungen liefen bestens, darauf hindeutet, bleibt freilich Spekulation.

    Während in den Handelsfragen also weiter laviert wird, einigten sich Malmström, Lighthizer und der japanische Handelsminister Hiroshige Seko am Mittwoch in Washington darauf, auf WTO-Ebene in Sachen Technologietransfer und staatliche Industriesubventionen gemeinsam gegen China Front zu machen. Gleichzeitig publizierte der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) gestern ein Positionspapier, in dem er ebenfalls forderte, den Druck auf chinesische Unternehmen zu erhöhen. Der Wirtschaftskrieg gegen die Volksrepublik würde also auch dann, wenn die Trump-Administration bei den Strafzöllen nachgäbe, an anderer Stelle weitergeführt.

    Der neue Systemkonflikt (II) (11.01.2019)

    BERLIN/BEIJING (Eigener Bericht) – In einem neuen Grundsatzpapier stuft der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) die Beziehungen zwischen dem Westen und China als neuen „Systemwettbewerb“ ein und dringt auf Schritte zur Abwehr chinesischen Einflusses in der EU. Zwar sei die Volksrepublik mit ihrer weiterhin schnell wachsenden Wirtschaft und ihrem riesigen Innovationspotenzial nicht nur ein bedeutender Absatzmarkt, sondern auch ein unverzichtbarer High-Tech-Kooperationspartner, räumt der BDI ein. VW-Chef Herbert Diess etwa hat erst diese Woche erklärt: „Die Zukunft von Volkswagen entscheidet sich auf dem chinesischen Markt.“ Zugleich gerieten chinesische Unternehmen jedoch immer stärker in Rivalität zu Firmen aus der Bundesrepublik, warnt der BDI. Hinzu komme, dass die USA – Deutschlands Wirtschaftspartner Nummer eins – sich an der ökonomischen „Entkopplung“ („Decoupling“) von China versuchten. Zwar schreibt der BDI zu diesen Plänen: „Die deutsche Industrie lehnt sie ab“. Dennoch verlangt der Verband von Berlin und der EU, sich stärker gegen Beijing in Stellung zu bringen.

    Technologische Führungsnation

    Gegenstand einer aktuellen Debatte in der deutschen Wirtschaft, aus der das Grundsatzpapier des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) hervorgegangen ist und auf die es nun Einfluss zu nehmen sucht, ist der rapide Aufstieg Chinas. Die Volksrepublik verfügt mittlerweile über die zweitgrößte Wirtschaftsleistung der Welt und wird, wenn ihr Wachstum anhält, in nicht allzu ferner Zukunft auch die aktuelle Nummer eins, die Vereinigten Staaten, überholen. Vor allem aber ist sie, wie der BDI konstatiert, dabei, „sich in Richtung einer technologischen Führungsnation“ zu entwickeln. „Chinesische Unternehmen haben in wichtigen Zukunftstechnologien bereits heute zur Weltspitze aufgeschlossen“, heißt es in dem Grundsatzpapier. Dazu habe nicht nur Unterstützung durch staatliche Stellen beigetragen: „Chinas Marktgröße, technologiebegeisterte Gesellschaft, große Mengen an privatem und öffentlichem Wagniskapital, ein ausgeprägtes, innovatives Unternehmertum und ein hohes Maß an Wettbewerb auf dem asiatischen Markt insgesamt spielen ebenfalls eine wichtige Rolle.“[1] Ein Beispiel für die außergewöhnliche Innovativität chinesischer Unternehmen liefert der Huawei-Konzern, der in seiner Branche zur Weltspitze zählt.[2] Huawei hat im Jahr 2017 allein in Europa 2.398 Patente angemeldet – mehr als Siemens (2.220).[3]

    Chinas Wissensvorsprung

    Chinas Aufstieg und sein hohes Innovationspotenzial bieten deutschen Konzernen große Chancen. Volkswagen etwa hat im vergangenen Jahr rund 40 Prozent seiner Fahrzeuge in der Volksrepublik verkauft; die Kernmarke VW lieferte dort sogar mehr als die Hälfte ihrer Pkw aus. Inzwischen hat das Unternehmen begonnen, China nicht mehr nur als Produktionsstandort und Absatzmarkt zu nutzen, sondern dort auch die wichtigsten Zukunftsmodelle zu entwickeln. Die chinesische Industrie ist der deutschen Konkurrenz in der Elektromobilität und beim autonomen Fahren schon überlegen; Volkswagen kooperiert deshalb auf beiden Feldern mit chinesischen Unternehmen. „Bisher haben wir europäische Technologie nach China gebracht“, wird VW-Chef Herbert Diess zitiert: „Das ist vorbei.“[4] Diess urteilt: „Die Zukunft von Volkswagen entscheidet sich auf dem chinesischen Markt.“ Der Wolfsburger Konzern ist beileibe kein Einzelfall. Deutsche Firmen suchten bereits „zunehmend nach Beteiligungen in China, um vom dortigen Wissensvorsprung auf Gebieten wie der Künstlichen Intelligenz zu profitieren“, hielt kürzlich ein Wirtschaftsjournalist fest.[5] Auf die Kooperation mit chinesischen High-Tech-Unternehmen könne man künftig, wolle man den Anschluss an die technologische Entwicklung nicht verlieren, kaum verzichten.

    Neue Rivalen

    Gleichzeitig führt die rasante industriell-technologische Entwicklung der Volksrepublik dazu, dass chinesische Unternehmen deutschen Konkurrenten den Rang ablaufen. Es entstünden „zunehmend Felder“, warnt der BDI in seinem neuen Grundsatzpapier, auf denen „deutsche und chinesische Hersteller in direkter Konkurrenz stehen“. Dies gilt zunächst für den chinesischen Markt. Dort hält etwa Siemens eine starke Stellung auf dem Markt für Medizintechnik, der bisher vor allem von ausländischen Unternehmen dominiert wurde. Das High-Tech-Programm „Made in China 2025″ sieht nun beispielsweise vor, dass bis zum Jahr 2020 Krankenhäuser auf Kreisebene „die Hälfte ihrer medizinischen Geräte im gehobenen und High-End-Segment“ bei Herstellern aus dem Inland erwerben sollen, um der Abhängigkeit von auswärtigen Konzernen zu entkommen. Bis 2025 soll sich der Anteil auf 70 Prozent, bis 2030 auf 95 Prozent erhöhen.[6] Siemens drohen Einbußen. Hinzu kommt, dass deutsche Unternehmen auch in Drittstaaten in zunehmendem Maß Aufträge an chinesische Rivalen zu verlieren drohen. So geht beispielsweise die Seidenstraßen-Initiative (Belt and Road Initiative, BRI) mit einer starken Expansion chinesischer Konzerne einher. Siemens gelingt es bisher noch, Projekte im Rahmen der BRI an sich zu ziehen. Allerdings entsteht dabei in nicht wenigen Fällen eine spürbare Abhängigkeit von Beijing.

    Decoupling

    Hinzu kommt wachsender Druck aus den USA. Dort scheint die Trump-Administration zunehmend auf eine Strategie zu setzen, die im Washingtoner Establishment mit dem Schlagwort „Decoupling“ („Entkopplung“) umschrieben wird.[7] Demnach soll Chinas Aufstieg gestoppt werden, indem das Land von der modernsten Technologie abgeschnitten und möglichst weitgehend isoliert wird. Dazu dient neben dem Handelskrieg unter anderem die Boykottkampagne gegen Huawei (german-foreign-policy.com berichtete [8]). Die Strategie ist mit zahlreichen Widersprüchen behaftet – nicht zuletzt, weil auch US-High-Tech-Konzerne weiterhin in der Volksrepublik investieren. Dennoch ist die Trump-Administration bestrebt, verbündete Staaten in sie einzubeziehen. Weil die Vereinigten Staaten immer noch singuläre Bedeutung für die deutsche Wirtschaft haben – sie sind größter Absatzmarkt und mit riesigem Abstand größter Investitionsstandort deutscher Unternehmen [9] –, kann die deutsche Industrie ihren Druck nicht ignorieren. Die Diskussion darüber spiegelt sich auch in dem Grundsatzpapier des BDI.

    „Kooperation trotz Konkurrenz“

    Wie der BDI erklärt, wäre „eine wirtschaftliche Entflechtung von China“ für die deutsche Wirtschaft „aufgrund der derzeitigen Position der deutschen Industrie auf dem chinesischen Markt sowie den bestehenden Potenzialen im Chinageschäft … mit enormen Kosten verbunden“. Zu den Entkopplungsplänen heißt es daher: „Die deutsche Industrie lehnt sie ab und sieht mit Sorge, dass sie in den USA zunehmend thematisiert“ werden. Der Verband konstatiert: „Kooperation ist notwendig – trotz Konkurrenz.“ Dabei müsse die Bundesrepublik sich aber mehr als bisher auf die wachsende ökonomische und politische Rivalität mit China vorbereiten.

    Die Doppelstrategie des BDI

    Dazu setzt der BDI auf eine Doppelstrategie. So soll zum einen die EU massiv gestärkt werden – wirtschaftlich, aber auch in der Weltpolitik, heißt es in dem Grundsatzpapier. Zum anderen sei es unumgänglich, Vorkehrungen gegen die expandierende chinesische Wirtschaft zu treffen. Der BDI nennt etwa „handelspolitische Schutzinstrumente“, aber auch die Ermöglichung von Maßnahmen gegen chinesische Investoren. Er beschreibt die Rivalität als einen „neuen Systemwettbewerb“ [10], in dem sich die Volksrepublik mit ihrer „staatlich gelenkten Wirtschaft“ und der „liberale“ Westen gegenüberstünden. Dabei werde es „immer wichtiger“, „mögliche Risiken eines Engagements in China im Auge zu behalten“ und wirtschaftliche Aktivitäten in der Volksrepublik „gegebenenfalls durch eine weitere Diversifizierung von Wertschöpfungsketten, Produktionsstandorten und Absatzmärkten auszubalancieren“: wohl für den Fall, dass der neue „Systemwettbewerb“ eskaliert.

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    Integrity Initiative – Deutsche Zelle ein Rohrkrepierer?

    Sputnik setzt seine Analyse des geleakten Berichtes zur Bildung einer Deutschen Zelle für antirussische Propaganda fort. Im Moment sieht es allerdings so aus, dass die Zelle durch den Leak einen Fehlstart hinlegt oder zumindest deutlich kleiner ausfällt. Sputnik hat bei den potentiellen Mitgliedern nachgefragt.

    Streitfall: Militärische Forschung an deutschen Unis

    Zu Wochenbeginn berichteten wir über den Aufbau einer deutschen Zelle des britischen Propaganda-Programms „Integrity Initiative“, das maßgeblich vom britischen Außenministerium und der NATO finanziert wird und die öffentliche Diskussion pro NATO, pro Militär und vor allem gegen Russland beeinflussen soll. Dieser Bericht blieb nicht unbeachtet. Der Leiter der Kieler Instituts für Sicherheitspolitik (ISPK) – der ebenfalls zum Umfeld der Integrity Initiative zählt – nahm einen verbalen Rundumschlag vor – unser Artikel sei demnach eine „russische Desinformationskampagne gegen ein wissenschaftliches Projekt zur Analyse russischer Desinformationspolitik“. Außerdem sei sein Institut weder direkt noch indirekt vom Verteidigungsministerium oder der Rüstungsindustrie finanziert. Absurd.

    Von Jens Berger.

  18. 18 Nestor 12. Januar 2019 um 12:23 Uhr

    1. Integrity Initiative

    An dieser komischen Initiative zur Meinungsbeeinflussung merkt man, wie das ganze Tamtam um die Meinungsfreiheit von einem manipulatorischen Ideal geleitet ist: Die Meinung soll frei geäußert werden dürfen, damit dann genau diejenige Meinung herauskommt, die wir wollen!

    Das zweite Bemerkenswerte an diesen Versuchen, die richtigen Fake News durchzubringen, ist die, daß die Hauptgefahr für die richtige Deutung der Wirklichkeit nicht bei irgendwelchen kritischen Geistern im eigenen Land verortet wird und die mundtot gemacht werden sollen. Das ist längst über die Bühne gegangen, die Intelligenzia singt das Lied ihres Herrn oder schweigt.
    Nein, eine fremde Macht, ein imperialistischer Konkurrent ist die ärgerliche Quelle des Angriffs auf das westliche freie Meinungsmonopol.

    2. Handelskriege

    Der ganze Versuch, China zurückzudrängen, hat seinen ersten Haken darin, daß sowohl die USA als auch die EU China brauchen wie nur was: als Markt und als Lieferanten von Rohstoffen, Vorprodukten und Konsumgütern.

    Zweitens auch darin, daß es ja nicht nur diese 3 Akteure auf der Welt gibt. Das hätten die USA vielleicht gern.
    Rußlands Anteil am Welthandel mag zwar gering sein, aber von den Ressourcen und dem Know How her spielt es in einer anderen Liga, vor allem aufgrund seines Autarkiepotentials. Und der Rest der Welt, um den gibt es einen Wettlauf.

  19. 19 NN 12. Januar 2019 um 14:33 Uhr

    „Keine Statisten der Reality Show“: So wehrt sich Berlin gegen US-Druck

    Außenminister Heiko Maas hat erneut die US-Kritik an Nord Stream 2 zurückgewiesen – über EU-Energiepolitik soll in Europa entschieden werden. Nur ein Beispiel einer langen theatralischen Auseinandersetzung, in der, so scheint es, „Regisseure“ und „Statisten“ weder bereit sind, ihre Rollen anzuerkennen noch entscheidende Schritte zu unternehmen.

    Großen Bruder düpiertImperium im Wartestand

    Von Simon Zeise

    Der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft (OA) bittet die Bundesregierung inständig, endlich etwas gegen die Russland-Sanktionen zu unternehmen, mit denen Brüssel und Washington ihr das Exportgeschäft vermiesen. Seit Inkrafttreten habe die deutsche Industrie Einbußen von 100 Milliarden Euro hinnehmen müssen.

    Während die Strafmaßnahmen der Europäischen Union klar definiert und an Fortschritte bei der Umsetzung des Minsker Friedensabkommens geknüpft seien, handele Washington nach Gutdünken. Die US-Argumente würden zunehmend »irrational«, sagte der OA-Vorstandsvorsitzende Wolfgang Büchele am Freitag. Einmal laute der Vorwurf, die Bundesrepublik mache sich abhängig von russischen Gaslieferungen, ein andermal stehe ein russischer Überfall auf die Ukraine kurz bevor. Die Kriterien würden gezielt vage gefasst – jeder solle wissen, dass es ihn treffen kann. Zudem habe die US-Regierung unverblümt zugegeben, dass es ihr mit den Sanktionen darum gehe, die eigenen Gasexporte zu erhöhen.

    Immerhin halte Berlin am Bau der Gaspipeline »Nord Stream 2« fest, obwohl die US-Regierung nicht müde wird, daran beteiligten Konzernen mit empfindlichen Strafen zu drohen. Zum deutsch-russischen-Projekt gebe es keine Alternative, weil der Bezug von Flüssiggas aus den USA teurer und klimaschädlicher sei. Und die Lieferungen der Niederlande, des größten Gasförderers in der EU, würden in fünf bis sechs Jahren eingestellt. Sollte Washington so weit gehen und Länder unter Druck setzen, die Gas aus der deutsch-russischen Leitung beziehen, werde die völkerrechtliche Souveränität der Bundesrepublik in Frage gestellt.

    Doch die Äußerungen der Vertreter der Exportkonzerne haben nicht nur rein defensiven Charakter. Berlin müsse zusehen, nicht auf dem Weltmarkt abgehängt zu werden. »Wir leben in einem Jahrhundert, das kein europäisches, sondern ein asiatisches sein wird«, heißt es in dem Positionspapier des Ost-Ausschuss. Die EU könne nur gegenüber der Konkurrenz aus China und den USA bestehen, wenn sie als ein Block agiere. Die Volksrepublik werde als Handelspartner für Russland immer attraktiver, weil sie günstigere Finanzierungsbedingungen anbiete und Maschinen produziere, die mindestens westlichen Standards entsprächen. Und auch die Konkurrenz in der EU schlafe nicht: Während die Handelsbeziehungen zwischen Berlin und Moskau immer schlechter würden, stießen Frankreich und Italien in die sich auftuende Lücke vor. Langfristig müsse die deutsche Wirtschaft die 140 Millionen potentiellen Konsumenten in Russland im Auge haben.

    Erschütterte Vorherrschaft

    Der Euro blieb seit der Finanzkrise von 2008 schwach, die Bundesrepublik wurde stärker, der Aufstieg Chinas beschleunigte sich: Eine Bilanz der Machtverschiebungen nach zehn Jahren

    Von Jörg Kronauer

    Mehr als zehn Jahre liegt die globale Finanzkrise zurück. Sie gipfelte im Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers am 15. September 2008. Mit dem Platzen der US-Immobilienblase hatte sie im Sommer 2007 begonnen, mit Mühe und Not gelang es, sie halbwegs einzuhegen. Wie üblich wurden die Schäden der Allgemeinheit aufgedrückt, die Profite blieben privat. Die Folgen sind bis heute zu spüren. Zu den vielfältigen Konsequenzen zählen unter anderem auch solche, die das internationale Staatensystem betreffen und umfassende Auswirkungen auf die Weltpolitik haben. Sie beeinflussen die globalen Machtkämpfe bis heute.

    Euro-Krise ungelöst

    Um beim eigenen Land anzufangen: Das Krisenjahr 2008 war das letzte, in dem Deutschland sich mit dem Titel »Exportweltmeister« schmücken konnte. Dass China die Bundesrepublik als Staat mit den meisten Warenausfuhren ablösen würde, war schon zuvor abzusehen. Die Krise führte dazu, dass die deutschen Exporte von 2008 auf 2009 um 18 Prozent einbrachen – und hievte, obwohl auch die chinesischen Ausfuhren schrumpften, die Volksrepublik auf Platz eins. Dort ist sie seitdem geblieben. Auch bei der Wirtschaftsleistung hat die Krise klare Verhältnisse geschaffen. Lag das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Bundesrepublik noch 2006 über demjenigen Chinas, so verlor Deutschland mit dem Einbruch 2009 endgültig den Anschluss an die Volksrepublik. Wer die stärkere Wirtschaft und die größere Exportkraft hat, das hat die Krise nicht überraschend, aber abrupt geklärt: Die Bundesrepublik fiel zurück.

    Darüber hinaus hat die Krise Berliner und Brüsseler Illusionen zerschlagen, die den Euro betrafen. »Die USA werden ihren Status als Supermacht des Weltfinanzsystems verlieren«, gab sich Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) noch im September 2008 vor dem Bundestag gewiss. Es kam anders. Zwar ging die Bedeutung des US-Dollars ein wenig zurück: Ende 2007 wurden 64,8 Prozent der Währungsreserven weltweit in US-Dollar gehalten, im Herbst 2018 waren es 62,7 Prozent. Aber der Anteil des Euro schrumpfte noch stärker: von 25,6 auf 20,1 Prozent.

    Für den Einflussverlust gab es eine klare Ursache: Die Finanzkrise stürzte die EU direkt in die Krise des Euro. Die Wirtschaft taumelte von 2007 bis 2009, die Arbeitslosigkeit stieg, die Bankenrettungen waren überaus teuer – all das trieb die Staatsschulden in der Union in die Höhe. Waren sie vor der Krise in der gesamten EU von 69,9 Prozent des BIP im Jahr 1996 auf 57,6 Prozent des BIP im Jahr 2007 gesunken, so stiegen sie nun rasch an: auf 73,5 Prozent im Jahr 2009 und 79,0 Prozent 2010. Das war der Zeitpunkt, zu dem Griechenland abstürzte und herausgepaukt werden musste, um weitere, vor allem südliche Euro-Länder vor dem Kollaps zu bewahren. Die Euro-Krise ist bis heute nicht wirklich gelöst, was sich unter anderem daran zeigt, dass die Schuldenquote, deren Senkung das offizielle Ziel der von Berlin oktroyierten Haushaltskürzungen war, bei 81,6 des BIP verharrt, während die Wirtschaft gewichtiger Euro-Länder wie Frankreich nicht auf die Beine kommt und – siehe Italien – neue Eskalationen drohen. Der Rückgang des Euro-Anteils an den weltweiten Währungsreserven kann da kaum verwundern.

    Chinas Hilfe

    Hat die große Krise des Jahres 2008 zur Schwächung des Euro geführt, so ist die Bundesrepublik auf nationaler Ebene recht gut aus ihr herausgekommen. Die deutsche Wirtschaftsleistung brach im Jahr 2009 zwar ein, lag aber schon 2010 wieder über dem Wert von 2008. Deutschland war – neben Luxemburg – das einzige Land der EU, in dem die Arbeitslosigkeit von 2008 bis 2010 sank; lag sie im Jahr 2008 genau wie diejenige Griechenlands bei 7,8 Prozent, so verzeichneten die deutschen Behörden für das Jahr 2010 eine Quote von 7,7 Prozent, während die griechische auf 12,7 Prozent gestiegen war und vor der Explosion stand. Ursache waren zum einen die Konjunkturhilfen der Bundesregierung, die insbesondere die Autoindustrie retteten, zum anderen aber der rasante Anstieg der Ausfuhr nach China: Die deutschen Verkäufe dorthin stiegen von 29,9 Milliarden Euro im Jahr 2007 auf 53,6 Milliarden Euro im Jahr 2010, also um fast 80 Prozent binnen drei Jahren. Das war zudem kein Strohfeuer, sondern eine langfristige Entwicklung, der die Krise einen starken Schub gab. Sie hat dazu beigetragen, dass Deutschland seine Position innerhalb der EU stärken und seine Dominanz ausbauen konnte.

    Der Anstieg der deutschen Ausfuhr nach China kam nicht von ungefähr. Mit einem gewaltigen Konjunkturprogramm in Höhe von rund 460 Milliarden Euro, mehr als zehn Prozent ihres BIP im Jahr 2008, hatte die Volksrepublik ihre Wirtschaft angekurbelt; von ihm profitierten aber nicht nur westliche Exporteure, sondern es half auch in Asien vielen über die Krise. So mancher asiatische Unternehmer, der 2008 und 2009 Käufer im Westen verlor, wandte sich China zu. Diese Tendenz sei schon vor der Krise erkennbar gewesen, erläuterte ein südostasiatischer Anlageverwalter unlängst gegenüber der BBC; die globale Finanzkrise habe diesen Prozess lediglich beschleunigt – aber immerhin: »Sie war der Beginn dafür, dass Asien seinen Blick vom Westen wegzuwenden begann.«

    Die Krise hat nicht nur Chinas Stellung in der Weltwirtschaft verändert, sondern auch den Aufstieg der Schwellenländer beschleunigt. Auch dieser war längst im Gang, wie ein Blick in die Statistiken des Internationalen Währungsfonds (IWF) belegt. Demnach war der Anteil der Industriestaaten am Welt-BIP nach Kaufkraftparität – berechnet nach realer Kaufkraft unabhängig von Wechselkursen – von 63,5 im Jahr 1990 kontinuierlich zurückgegangen und hatte sich 2007 mit dem BIP-Anteil der Schwellen- und Entwicklungsländer, der 1990 noch bei nur 36,6 Prozent gelegen hatte, bei 50 Prozent getroffen. Seitdem fällt er – beschleunigt in den Krisenjahren – immer weiter zurück. 2018 stellten die Industrieländer nur noch 40,2 Prozent des globalen BIP – die USA 15,2 Prozent nach 21,8 Prozent 1990, Deutschland 3,2 nach sechs Prozent 1990 –, während die Schwellen- und Entwicklungsländer bereits auf 59,2 Prozent kamen. Größte Volkswirtschaft nach Kaufkraftparität ist inzwischen China mit einem Anteil von 19,2 Prozent an der globalen Wirtschaftsleistung. Die Krise hat den Schwellenländern einen ersten Durchbruch auf politischer Ebene verschafft. Das zeigen auch zwei weltpolitische Formate, die schon vor der großen Krise gegründet wurden, ihre heutige Bedeutung aber erst in deren Verlauf erlangten.

    Abstieg EU-Europas

    Die Gruppe der G 20, der 19 Industrie- und Schwellenländer sowie die EU angehören, kam auf Anregung der G 7 zum ersten Mal 1999 auf Ebene der Finanzminister zusammen, um Antworten auf die Finanzkrisen Ende der 1990er Jahre zu suchen. Mitte November 2008 trafen sie sich zu ihrem ersten Gipfel in Washington. Seien bis dahin die G 7 bzw. G 8 »ein zentraler globaler Agenda-Setter« gewesen – sozusagen eine Art »Lenkungsausschuss« der Weltpolitik –, so seien sie wegen der Heftigkeit der Krise und wegen des neuen Einflusses der Schwellenländer nun nicht mehr umhingekommen, die G 20 in die »Diskussion und Koordinierung einer globalen Antwort auf die Finanzkrise« einzubinden, konstatierte 2015 rückblickend die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Zwar sind die G 7, wie der britische Finanzminister George Osborne 2013 beschrieb, darum bemüht, dass sich »ihre politischen Ziele auf der G-20-Agenda wiederfinden«, dass sie also sozusagen vom Rücksitz aus lenken. Ihre alleinige globale Steuerungsfähigkeit aber hat die Krise des Jahres 2008 zunichte gemacht.

    Ein zweites Format, das durch die Krise Auftrieb erhalten hat, ist – auch wenn seine Zukunft nach dem Machtwechsel in Brasilien ungewiss scheint – der Zusammenschluss der BRICS. Brasilien, Russland, Indien und China hatten erstmals im September 2006 auf Ebene der Außenminister getagt. Im Juni 2009 trafen sie sich zu ihrem ersten Gipfeltreffen. Man trete dezidiert für »ein diversifizierteres internationales Währungssystem« ein, hieß es damals in der Abschlusserklärung. Das bedeutete offene Opposition gegen die Dominanz des US-Dollars. Die BRICS, denen seit Ende 2010 auch Südafrika angehört, gründeten nach vergeblichen Versuchen, ihr Stimmgewicht in IWF und Weltbank zu erhöhen, im Juli 2014 die New Development Bank – eine Art Alternative zur Weltbank. Vor der Krise wäre das bei der damals noch nicht erschütterten Vorherrschaft des Westens im Weltfinanzsystem kaum vorstellbar gewesen.

    Der Euro – bei gestärkter deutscher Dominanz innerhalb der EU – geschwächt, China und die Schwellenländer teils rasant im Aufstieg, Asien mit größerem Selbstbewusstsein gegenüber dem Westen: Das sind Verschiebungen, die die große Krise von 2008 zwar nicht verursacht, aber doch wenigstens beschleunigt haben. Hinzu kommt eine einschneidende Entwicklung, auf die zuletzt der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze hingewiesen hat: eine gewisse Entfremdung zwischen den Finanzbranchen von EU und USA. Die 1990er sowie die frühen 2000er Jahre, daran erinnerte Tooze unlängst in der US-Zeitschrift Foreign Affairs, waren durch überaus enge Bindungen zwischen beiden geprägt; das war auch die Ursache, weshalb die Finanzkrise so heftig von den USA auf die EU übergriff. Was im Verlauf der Krise geschah, beschrieben Experten bereits im Jahr 2012: Hielten Banken der Euro-Zone im September 2007 noch gut die Hälfte aller US-Aktiva, die sich in auswärtigen Händen befanden, so fiel ihr Anteil bis zum Sommer 2012 auf 30 Prozent. »Deutsche Bank Research« berichtete damals, dass vor allem kanadische und japanische Banken zusammengenommen größere Anteile in den USA hielten als die Euro-Banken.

    In diesen Kontext gehört, urteilt Tooze, dass die Deutsche Bank im Frühjahr 2018 entschied, ihre Präsenz an der Wall Street zu reduzieren. Im Jahr 2021 werde sie neue Räumlichkeiten in New York beziehen und die Bürofläche um 30 Prozent verkleinern, teilte sie im Mai 2018 mit. Das sei eine »Folge des Teilrückzugs der Deutschen Bank aus dem größten Kapitalmarkt der Welt«, hieß es in der deutschen Wirtschaftspresse. Nicht nur das; es sei »ein verspätetes Beispiel des breiteren europäischen Rückzugs«, der mit der Krise begonnen habe, erläutert Tooze. Gleichzeitig mit ihm hätten Schwellenländer die Bühne betreten, die dank der US-Niedrigzinsen inzwischen tief mit dem US-Finanzsystem verflochten seien. Der Aufstieg dieser Staaten spiegelt sich darin ebenso wider wie der relative Abstieg Europas. Auch die zunehmenden Spannungen im alten transatlantischen Bündnis finden ihre Entsprechung im Teilrückzug der Banken des Euro-Raums aus dem US-Finanzsystem. Widerspruchsfrei ist diese Entwicklung freilich nicht: Die transatlantische Verflechtung der deutschen Industrie ist nach wie vor außergewöhnlich groß.

    Jörg Kronauer ist Journalist, Buchautor und Redaktionsmitglied des Internetportals german-foreign-policy.com. Zuletzt erschien von ihm: »Meinst Du, die Russen wollen Krieg? Russland, der Westen und der zweite Kalte Krieg«. PapyRossa Verlag, Köln 2018, 207 Seiten, 14,90 Euro

    US-Flotte im Schwarzen Meer: Auf Unruhestifter warten Kampfjets, Radare und Raketen

    Welchen Zweck hat es, dass ein Landungsschiff der 6. US-Flotte ins Schwarze Meer eingelaufen ist? Wollen die Amerikaner unweit der russischen Küste nur die Muskeln spielen lassen? Sollte das gefährliche Treiben mehr sein als nur Flagge-Zeigen, dann haben die russischen Streitkräfte vorgesorgt, schreibt das Portal „Swobodnaja pressa“.

    Goebbels wäre begeistert – Springerpresse hetzt mit Nazijargon gegen russische Medien

    Die Bild-Zeitung benutzt wieder Nazi-Sprache, um gegen russische Medien zu hetzen. In einem Artikel wird vom Fernsehsender RT Deutsch als „Feindsender“ geschrieben. Auch andere deutsche Medien haben in dieser Woche gegen aus Deutschland berichtende russische Medien gewettert. Eine abgestimmte Propaganda-Kampagne steht natürlich nicht dahinter.

  20. 20 NN 12. Januar 2019 um 14:41 Uhr

    Großen Bruder düpiert
    Ostseepipeline »Nord Stream 2«: Verschärfter Konflikt zwischen Bundesregierung und US-Administration

    Von Jörg Kronauer

    Im Streit um die Ostseepipeline »Nord Stream 2« bezieht Außenminister Heiko Maas offen Position gegen die Vereinigten Staaten. »Fragen der europäischen Energiepolitik müssen in Europa entschieden werden, nicht in den USA«, erklärte Maas am Donnerstag abend. Hintergrund sind die anhaltenden US-Drohungen, Sanktionen gegen Unternehmen zu verhängen, die in den Bau der Pipeline involviert sind. Dies treffe nicht zuletzt die beiden deutschen Energiekonzerne Uniper (ehemals Eon) und Wintershall. Sanktionen seien im Falle der Erdgasleitung »nicht der richtige Weg«, bekräftigte Maas beim Neujahrsempfang des Ostausschusses und Osteuropavereins der Deutschen Wirtschaft in Berlin.

    Noch schärfere Kritik hat auf dem Empfang der Vorsitzende des Ostausschusses, Wolfgang Büchele, geübt. Er beschwerte sich, die Rund-um-die-Uhr-Agitation von US-Stellen gegen »Nord Stream 2« sei »nicht akzeptabel«. Vertreter der US-Administration meinten offenbar, »dass sie über unsere Energiepolitik bestimmen können«. Tatsächlich macht vor allem US-Botschafter Richard Grenell unablässig gegen die Röhre mobil. Büchele urteilt, dabei gehe es inzwischen »um unsere Selbstachtung und Souveränität«. Washington versucht, seine Verbündeten in den sich zuspitzenden globalen Konflikten klar auf US-Positionen festzulegen, wozu eine unerbittliche Konfrontationspolitik gegen Moskau gehört. Berlin hingegen, das seinerseits eine eigenständige EU-Weltpolitik anstrebt, sucht in der Erdgasbranche weiterhin die Kooperation mit Russland: Das dort geförderte Erdgas ist nicht nur günstiger als Flüssiggas; »Nord Stream 2« verschafft Deutschland zudem eine mächtige Stellung als Verteilzentrale in der EU.

    Mit Blick auf den zunehmenden Druck aus Washington will sich Berlin offenbar auch über »Nord Stream 2« hinaus die Option zu einer punktuellen weltpolitischen Kooperation mit Moskau nicht gänzlich verbauen. Maas, der gewöhnlich mit seiner transatlantischen Orientierung kokettiert, äußerte auf dem Neujahrsempfang des Ostausschusses, zwar habe Russland »in den letzten Jahren viel Vertrauen verspielt«. Dennoch gelte: »Wir brauchen Russland weiter als Partner in der Außenpolitik.« Dessen ungeachtet ließ Maas allerdings keinen Zweifel daran, dass ganz allgemein der Druck auf Moskau aufrechterhalten werde, solange es sich weigere, außenpolitische Forderungen des Westens etwa in der Ukraine zu erfüllen: Die Wirtschaftssanktionen, die freilich die Erdgasbranche aussparen, würden fortgesetzt.

    Der Ostausschuss hat im Anschluss an seinen Neujahrsempfang am Freitag noch ein Positionspapier vorgelegt, in dem er – im Interesse der ostorientierten Fraktion der deutschen Industrie – eine »neue Agenda für die europäisch-russischen Wirtschaftsbeziehungen« skizziert. Darin identifiziert er insgesamt 15 »strategische Themenfelder«, auf denen auch jenseits von »Nord Stream 2« eine engere Kooperation möglich sei. Ergänzend zu einer Intensivierung der Wirtschaftsbeziehungen plädiert der Verband für eine »Wiederbelebung« der politischen Zusammenarbeit. So sollten etwa die deutsch-russischen Regierungskonsultationen neu gestartet werden. Langfristig plädiert der Ostausschuss weiterhin für die »Schaffung eines gemeinsamen Wirtschaftsraums von Lissabon bis Wladiwostok«. Zuletzt hatte sich dieser Forderung im Oktober 2018 Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier angeschlossen.

  21. 21 NN 13. Januar 2019 um 18:16 Uhr

    Drohbriefe zur Ostsee-Pipeline – Scharfe Kritik an US-Botschafter Grenell

    Richard Grenell hat deutschen Firmen, die sich an der Gaspipeline Nord Stream 2 beteiligen, mit Sanktionen gedroht. Das Auswärtige Amt rät von einer Antwort ab, Politiker fordern die Bundesregierung zum Protest auf.

  22. 22 Nestor 13. Januar 2019 um 21:42 Uhr

    Langsam wirds eng für die EU als Konkurrenzprojekt zur USA.

  23. 23 NN 14. Januar 2019 um 0:08 Uhr

    Erzwungener Antiimperialismus

    Russland wurde nach dem Ende der Sowjetunion 1991 in den Kapitalismus gestoßen, aber nicht als gleichberechtigter Partner anerkannt. Der Expansion des Westens begegnet es mit Widerstand

    Von Reinhard Lauterbach

    Es ist ein Mechanismus, nach dem die Uhr gestellt werden kann: Läuft im politischen Betrieb des Westens etwas tatsächlich oder vermeintlich schief, dauert es Stunden, bis der erste Verdacht gegen Russland oder China aufkommt. Ob aus Sicht des US-Establishments der falsche Mensch Präsident wird oder in Berlin Privatdaten etablierter Politiker an die Öffentlichkeit gebracht werden, stereotyp heißt es: Cherchez le Russe.

    Natürlich ist es nicht falsch zu sagen, so gehe eben Feindbildpflege, und natürlich kann man die Infamien und Lächerlichkeiten, zu denen sich die versteigt, kritisieren oder dem Spott preisgeben. Nur erklärt das nicht, warum es genau dieses Feindbild ist und nicht ein anderes. Hierzu nachstehend ein paar Überlegungen.

    Was den Westen nicht stört

    In bezug auf Russland ist das ganz sicher nicht die Systemfrage. Die ist seit 1991 erledigt, als die Sowjetunion ihren Gesellschaftsentwurf aufgab und sich der alleinseligmachenden Lehre des Kapitalismus anschloss. Russland wollte sich in den Weltkapitalismus integrieren. Aber der Westen stellte systematisch solche Konditionen, dass dieser Wille, was die Integration angeht, inzwischen auf eine harte Probe gestellt wird. Russland ist insbesondere durch die Sanktionen auf einen Weg paralleler kapitalistischer Entwicklung mehr gestoßen worden, als dass es ihn gewählt hätte.

    Viele Vorwürfe betreffen die inneren Verhältnisse Russlands. Sie laufen darauf hinaus, dass es dort anders zugehe, als es die idealistischen Verbrämungen imperialistischer Politik verlangen. Der Großteil dieser Vorwürfe fällt zumindest insofern auf den Westen zurück, als er sie gegenüber Russland, egal, ob sie in der Sache berechtigt sind oder nicht, selektiv und damit heuchlerisch erhebt.

    Sind Geschäftsleute, die politischen Einfluss nehmen und ihr Geld steuervermeidend ins Ausland schaffen, in der »freien Welt« unbekannt? Es wird so getan, indem man für sie ein neues Wort in Umlauf bringt und sie »Oligarchen« nennt. Korruption mag in Russland verbreitet sein, aber das Land befindet sich mit einem Hoffnungsträger des Westens laut Transparency International auf gleicher Höhe: In dessen Index lag 2017 Russland auf Platz 135 und die Ukraine auf Platz 130 – bei Verschlechterung von Kiews Plazierung seit dem sogenannten Euromaidan. Notorische Mafiastaaten wie Kosovo oder Montenegro, letzteres seit 2017 NATO-Mitglied, erfreuen sich wohlwollender westlicher Betreuung. Korruption stört also nicht, wenn sie auf der geopolitisch richtigen Seite auftritt. Eindringen in fremde Computernetze? Kerngeschäft aller Geheimdienste, mit der NSA an der Spitze. Nur dass Angela Merkel, als das Hacking ihres eigenen Mobiltelefons bekannt wurde, nicht mehr einfiel, als zu behaupten, Verbündete auszuspionieren, das »gehe nun wirklich überhaupt nicht«. Doch, es geht.

    Was undemokratische innere Verhältnisse angeht: NATO-Partner wie die Türkei unter Recep Tayyip Erdogan, der mit US-Hilfe an die Macht gebrachte brasilianische Präsident Jair Bolsonaro oder der philippinische Staatschef Rodrigo Duterte haben mit Sicherheit mehr Dreck am Stecken als Wladimir Putin. Und dass Russland Kriege in seinem Umland führt? Das unterscheidet das Land, selbst wenn es so stimmen würde, wie es behauptet wird, nicht von etlichen Protegés des Westens wie Israel und Saudi-Arabien. Apropos Saudi-Arabien: Nach dem Fall Chaschukdschi (Khashoggi) sollte es eigentlich um die Affäre Skripal im Westen ganz schnell totenstill werden. Der erste Blick zeigt also: Es gibt keine Scheußlichkeit, die der Westen Russland anlastet, die er nicht selbst begeht oder durchgehen lässt.

    Was den Westen stört

    Gern wird im Westen behauptet, Russland habe mit der »Annexion« der Krim 2014 die »Friedensordnung nach dem Ende des Kalten Krieges« verletzt. Das ist in mehrfacher Hinsicht verlogen. Erstens deshalb, weil nach dem Ende des (ersten) Kalten Krieges keine Friedensordnung entstand. In Ostdeutschland gab es noch sowjetische Truppen, als die auferstandene Regionalmacht BRD die Aufteilungskriege in Jugoslawien nicht nur politisch förderte, sondern die neuen Klientelstaaten gleich noch mit nicht mehr benötigten NVA-Waffen ausstattete. Im Nahen Osten führten die USA schon 1990 den ersten Krieg so, wie sie ihn sich vorstellen: selbst provoziert. Saddam Hussein hatte die USA vorab über seine Pläne in bezug auf Kuwait informiert und zu hören bekommen, die USA seien in der Frage desinteressiert. War es Zufall, dass Hussein ein langjähriger Verbündeter der Sowjetunion gewesen war?

    Verlogen ist die Formel von der »Friedensordnung nach dem Ende des Kalten Krieges« auch insofern, als sie keine »Ordnung« war. Die setzt jemanden voraus, der ordnet, und jemanden, der sich einordnet, also die eigene Unterwerfung anerkennt. Diese Genugtuung hatte der Westen mit Blick auf Russland nur wenige Jahre in den Neunzigern. Aber es brachte ihn auf den Geschmack. In Moskau waren damals Leute an der Macht, die nicht nur unfähig waren, der Expansion des einstigen Gegners etwas entgegenzusetzen, sondern auch unwillig dazu. Ob Michail Gorbatschow 1990 wirklich so dumm oder so vertrauensselig war, sich das im Zuge der Zwei-plus-vier-Gespräche gegebene mündliche Versprechen, der Westen werde sich über das Gebiet der DDR hinaus nicht nach Osten ausdehnen, nicht schriftlich bestätigen zu lassen, oder ob die Interpretation zutrifft, eine solche Expansion habe damals in Moskau niemand auch nur gedanklich auf dem Schirm gehabt – egal, US-Außenminister James Baker konnte später in seinen Memoiren schreiben, man habe Russland aus Osteuropa hinausgetrickst (»we ­cheated them out«). Die »Friedensordnung von 1991« war eine Niederlage, die nicht nur materiell, sondern auch als bewusste Demütigung dem nahekommt, was die Gegner des deutschen Kaiserreiches dem Nachfolgestaat 1919 in Versailles aufgezwungen hatten.

    Russische Einwände etwa gegen die Förderung der Sezession des Kosovo von Serbien wurden vom Westen systematisch missachtet; die Moskauer Warnung, dass dieser Präzedenzfall einer Grenzveränderung ohne völkerrechtliche Grundlage noch schlimme Folgen haben werde, wurde in den Wind geschlagen. Der zweite derartige Fall war der Sturz des Libyers Muammar Al-Ghaddafi durch Frankreich, Großbritannien und die USA 2011. Erneut traf es einen der wenigen verbliebenen Alliierten Russlands, und noch einmal sah dieses dem üblen Spiel aus der Ferne zu. Aber die Libyen-Intervention war aus Moskauer Sicht der Rubikon in der Politik gegenüber dem »fernen Ausland«: Noch einmal würde Russland vergleichbare Alleingänge des Westens nicht tatenlos hinnehmen.

    Solange es nur verbal oder symbolisch protestierte, konnte es sich der Westen leisten, das zu ignorieren: So wie 1999, als der damalige Ministerpräsident Jewgeni Primakow auf die Nachricht vom NATO-Bombardement Belgrads hin sein Regierungsflugzeug, mit dem er auf dem Weg nach Washington war, in der Luft umkehren ließ. Nach zwei NATO-Erweiterungsrunden in Osteuropa in Richtung der Grenzen Russlands und nach der Aufkündigung mehrerer Rüstungskontrollverträge durch die USA kritisierte Wladimir Putin auf der »Münchner Sicherheitskonferenz« 2007 den westlichen Unilateralismus erstmals explizit – alle westlichen Zuhörer taten überrascht. Dabei klang Putin noch mahnend, fast im Ton alter Fürstenspiegel: Die westliche Politik sei unklug und kurzsichtig, weil sie Instabilität säe. Weltherrschaft eines Zentrums sei ein Zustand, der allenfalls vorübergehend existieren könne. Aber in ihrer Klarheit machte die Rede Geschichte. Die Kritik, unipolare Herrschaft dauere nie ewig, verweist auf Kräfte, die ihr aktiv ein Ende machen. Anderthalb Jahre nach dieser Rede, Putin war als Präsident nicht mehr im Amt, machten russische Truppen den georgischen Versuch zunichte, die Anfang der neunziger Jahre von Georgien abgespaltene Region Südossetien gewaltsam zurückzuerobern. Der Fünftagekrieg war Konter auf die Annäherungspolitik Georgiens unter Präsident Micheil Saakaschwili an die NATO.

    Erste rote Linie

    Mit ihm hatte Russland eine erste rote Linie gezogen. Der Westen nahm zur Kenntnis, dass eine weitere Expansion Richtung Osten nicht mehr so glatt ablaufen würde wie bisher. Verzichtet haben NATO und EU auf solche Versuche deshalb nicht. Wenige Monate nach der taktischen Niederlage in Georgien zog die EU etwas Neues aus dem Ärmel: die Politik der »Östlichen Nachbarschaft«. Sie zielt darauf, die Länder an Russlands westlicher und südlicher Peripherie auch unterhalb der Schwelle einer EU-Mitgliedschaft – die EU-intern ohnehin nicht durchzusetzen gewesen wäre – an diese zu binden. Ein »nahes Ausland« Brüssels soll geschaffen werden, eben das, was der Westen Russland seit 1991 als Hegemonialpolitik vorwirft. Am dramatischsten fielen die Ergebnisse dieser Konkurrenz in der Ukraine aus, die 2013 von Brüssel vor die Alternative gestellt worden war, sich für eine Einflusssphäre zu entscheiden: EU oder Eurasische Wirtschaftsunion. Die Folgen sind bekannt. Es reicht festzuhalten, dass die russisch-westlichen Beziehungen vom Westen von dem Moment an durch Sanktionen verschlechtert wurden, als Russland sich nicht gefallen ließ, was ihm bei weiterer Tatenlosigkeit gegenüber dem verfassungswidrigen Staatsstreich westlich gesponsorter Kräfte in Kiew gedroht hätte: Der Verlust der Krim als Marinebasis, von der aus das Schwarze Meer kontrolliert, die russische Schwarzmeerküste gesichert und Macht in den Mittelmeerraum projiziert werden konnte. Notfallpläne für diesen Fall lagen sicher schon früher in den Schubladen des Generalstabs in Moskau; jetzt wurde diese Karte gezogen. Das russische Eingreifen in den Syrien-Krieg im Herbst 2015 war der nächste Schritt. Demonstriert wurde: Mit uns ist wieder zu rechnen. Widerwillig hat der Westen das zur Kenntnis genommen.

    Der Kern des Konflikts

    Genau dies, dass Russland der westlichen Expansion nicht mehr nur rhetorischen, sondern auch praktischen Widerstand entgegensetzt, ist der Kern des Konflikts. Deshalb ist er so prinzipiell und nicht einfach zu beenden. Alles westliche Gerede von »werteorientierter Außenpolitik« verschleiert dies nur mühsam. Denn »Werte« sind ein Begriff, der in der Außenpolitik zunächst einmal nichts zu suchen hat – und übrigens auch vom Westen in der eigenen außenpolitischen Praxis so behandelt wird: maximal als Begleitmusik; es sei nochmals an solche vom Standpunkt »liberaler Werte« aus betrachtet unappetitlichen Bündnispartner wie Saudi-Arabien erinnert. Außenpolitik ist die Sphäre der Interessen, denn in ihr treten sich Subjekte gegenüber, die einander prinzipiell gleich sind. Zwischen gleichen Rechten entscheide die Gewalt, hat Hegel gesagt – oder der Kompromiss. Genau zu solchen machtpolitischen Kompromissen sah der Westen keine Veranlassung mehr, als er in den Neunzigern anfing, werteorientierte Außenpolitik zu betreiben. Denn über Werte gibt es nichts zu diskutieren. Wer seine Werte exportieren will, verhält sich gegenüber dem Rest der Welt so wie im 19. Jahrhundert die europäischen Kolonialmächte, die beanspruchten, »die Zivilisation« nach Afrika zu tragen. »Werteorientierte Außenpolitik« ist eine triumphalistische Formel für den Anspruch, keine entgegenstehenden Interessen mehr gelten lassen zu müssen. Immerhin ist der abgehobenste der geopolitischen Sprüche aus jener Zeit, der vom »Ende der Geschichte« (Francis Fukuyama), inzwischen in der Versenkung verschwunden. Denn passiert ist das Gegenteil.

    Es wird heute viel darüber geklagt, dass Russland sich unter Putin »von Europa abgewandt« habe. Die Ironie besteht darin, dass Putin ursprünglich ein russischer Westler und »Europäer« wie aus dem Bilderbuch war. Nur ist sein Werben um eine gleichgewichtige Einbeziehung seines Landes in den Westen von dessen Seite so oft zurückgewiesen und mit klassischer Hegemonialpolitik erwidert worden, dass er gezwungen war, zu tun, was er ursprünglich nicht vorhatte: Russland zu einem »Gegenpol« des westlichen Unilateralismus zu machen.

    Dass vor diesem Hintergrund inzwischen in Russland eine »orthodox-slawische Zivilisation« herbeigeredet wird, ist Folge und nicht Ursache dieser Entwicklung. Ebenso ist es Folge und nicht Ursache, dass auf dieser Grundlage eine Allianz Russlands mit China herangereift ist. Beide ehemals sozialistischen Großmächte haben in einem Punkt ein gemeinsames Interesse: nicht von den »alten« Hegemonialmächten USA und EU in ihre Entwicklung hineinregiert zu bekommen. Dass die Entwicklungsziele dabei durchaus unterschiedlich sind, begrenzt die Reichweite solcher Allianzen, aber erst langfristig. Russland will sich als kapitalistische Macht unter den ersten fünf Volkswirtschaften der Welt etablieren, das kann gelingen oder auch nicht; China verfolgt nachholende Entwicklungsziele zu einer »harmonischen Gesellschaft«, die dann vielleicht noch Sozialismus heißt, vielleicht aber auch anders. Wer immer eigene Ambitionen entwickelt, ob Russland, der Iran oder China, bekommt es mit den USA zu tun; sogar die Bundesrepublik wird mit Sanktionen bedroht, sollte sie die Frechheit besitzen, ihren Gasimport aus Russland auszubauen.

    Man soll die »Multipolarität« der »Weltordnung« nicht schönreden. Sie wird, falls sie zustande kommt, gestützt auf die »Pole« Washington, Moskau und Beijing sowie vielleicht Brüssel, ein Dreier- oder Viererdirektorium werden, das an die Situation vor dem Ersten Weltkrieg erinnert. Ob, wie Russland offenkundig hofft, daraus ein System abgesprochener Interessenausgleiche wird, steht keinesfalls fest. Der BRD-Historiker Fritz Fischer zeigte vor mehr als 50 Jahren, wie die Befürchtungen der Führung des deutschen Kaiserreichs, einem späteren Krieg nicht gewachsen zu sein, diese veranlasst hatten, die Entscheidung lieber heute als morgen zu suchen. Und der Hoffnung, dass die inzwischen erreichten Zerstörungspotentiale insbesondere die vom relativen Abstieg bedrohten Teile dieses Direktoriums veranlassen würden, vom Mittel des Krieges angesichts der zerstörerischen Folgen für sie selbst abzusehen, steht eine weitere Erkenntnis Hegels entgegen: »Was die Erfahrung aber und die Geschichte lehren, ist dieses, dass Völker und Regierungen niemals etwas aus der Geschichte gelernt und nach Lehren, die aus derselben zu ziehen gewesen wären, gehandelt haben.« Auch die Oktoberrevolution kam erst nach dem Krieg.

    Reinhard Lauterbach studierte Geschichte und Slawistik und arbeitete mehr als 25 Jahre als Journalist für den Hessischen Rundfunk. Er ist ständiger jW-Autor und veröffentlichte zuletzt als Buch: »Das lange Sterben der Sowjetunion. Schicksalsjahre 1985–1999«. Edition Berolina, Berlin 2017, 224 Seiten, 9,99 Euro

    Zum Boxen nach Kiew
    FBI-Ermittlungen zeigen Verbindungen zwischen US-Rassisten und ukrainischen Nazis

    Von Reinhard Lauterbach

    US-amerikanische Rassisten und ukrainische Nazis sind offenbar dabei, sich zu vernetzen. Zu diesem Schluss kommt ein Artikel, der vor einigen Tagen auf dem linken US-Nachrichtenportal New Cold War veröffentlicht wurde. Demnach haben Ermittlungen des FBI in Kalifornien zu Hinweisen geführt, dass Aktivisten der kalifornischen Rassistenvereinigung RAM (Rise Above Movement) im Frühjahr 2018 nach Kiew gereist sind. Gastgeber sei das »Asow«-Regiment gewesen, jene faschistische und paramilitärische Formation, die die Wolfsangel als ihr Erkennungszeichen zeigt.

    Die Gruppe RAM veranstaltete 2017 in den US-Bundesstaaten Kalifornien und Virginia rassistische Umzüge und griff dabei Gegendemonstranten an. Deshalb ist sie ins Visier US-amerikanischer Ermittler geraten. Diese fanden heraus, dass im April 2018 einige RAM-Mitglieder über die Bundesrepublik und Italien nach Kiew gereist seien, wo sie mit Gesinnungsgenossen den Geburtstag Hitlers begangen und an einem Boxturnier europäischer Faschisten teilgenommen hätten. Im Rahmen des Besuchs hätten die US-Rassisten sich auch mit der Vertreterin von »Asow« für internationale Verbindungen, Olena Semenjaka, getroffen.

    Was dabei besprochen wurde, geht aus den Ermittlungen des FBI, die überwiegend gestützt auf Ergüsse der US-Rechten bei Facebook sich auf die den Verdächtigen vorgeworfenen Taten in den USA konzentrieren, nicht hervor. Aber allein der Umstand, dass sich die Vertreterin des Regiments, das inzwischen unter dem Namen »Nationalkorps« eine offizielle politische Partei darstellt, überhaupt mit den Gästen eines obskuren Boxturniers getroffen hat, deutet darauf hin, dass es sich um mehr als einen Höflichkeitsbesuch handelte.

    Vom »Asow«-Regiment ist im übrigen bekannt, dass es wie die Gäste aus den USA eine Ideologie des »White Supremacism«, der Vorstellung einer rassischen Überlegenheit der Weißen, vertritt. Andrji Bilezkij, Chef des Regiments und des »Nationalkorps« hat solche Ideen wiederholt formuliert. Unter ukrainischen Nazis ist die Auffassung geläufig, die Ukrainer seien die wahren »Arier« und unterschieden sich insbesondere hierdurch von den Russen und anderen »Mischvölkern«. Mehrfach gab es im letzten Jahr rassistische Übergriffe gegen Roma von Seiten ukrainischer Nazis. Dabei wurden Roma-Camps am Rande ukrainischer Städte von Nationalisten angegriffen und niedergebrannt, Bewohner verletzt und in einem Fall sogar getötet. Dabei war auch die mutmaßlich vom ukrainischen Innenministerium finanzierte Gruppe »C14« – die Zahl verweist auf eine aus 14 Worten bestehende Parole der »White Supremacists« – aktiv und vertrieb Roma etwa vom Kiewer Hauptbahnhof.

    Die Verbindungen, auf die die US-Ermittler jetzt gestoßen sind, könnten einige der Meldungen erklären, die von Zeit zu Zeit in Medien der international nicht anerkannten Volksrepubliken im Donbass auftauchen. In den Reihen der ukrainischen Streitkräfte und insbesondere der inzwischen in diese integrierten ehemaligen Freiwilligenbataillone kämpfen offenbar auch Ausländer. Durch Selbstzeugnisse in sozialen Medien ist die Beteiligung von Faschisten aus den meisten Ländern Westeuropas bekannt. Ein im US-Kongress verabschiedetes Verbot US-amerikanischer Unterstützung für das »Asow«-Regiment wegen dessen faschistischer und antisemitischer Ideologie wird offenbar in der Praxis umgangen. Dass in den Beständen von »Asow« auch neuere US-amerikanische Waffen wie etwa die Panzerabwehrraketen des Typs »Javelin« gesehen wurden, kann dabei nicht nur damit erklärt werden, dass die Kiewer Regierung das Material weitergegeben hat. Es gibt auch Fotos in sozialen Netzwerken, die US-Offiziere und Angehörige von »Asow« bei gemeinsamen Besprechungen zeigen.

    Heilende Feindbilder
    USA: Shutdown und Konsequenzen

    Von Jörg Kronauer

    Donald Trump bricht Rekorde. Er ist unter den US-Präsidenten seit dem Zweiten Weltkrieg derjenige, der ein Jahr nach seinem Amtsantritt die niedrigsten Zustimmungswerte erzielte. Und er ist derjenige, der stärker polarisiert als all seine Amtsvorgänger: Keiner von ihnen verzeichnete an seiner eigenen Parteibasis so hohe Zustimmungswerte wie Trump; keiner von ihnen wurde an der Basis der anderen Partei so heftig gehasst. Und keiner von ihnen hat im Streit um ein politisches Symbol – die Mauer an der Grenze zu Mexiko – eine so lange Haushaltssperre in Kauf genommen wie er. Am gestrigen Sonntag dauerte der Shutdown bereits 23 Tage. Trump drohte, er könne noch »sehr lange« währen.

    Dies würde dann die politische Zerrissenheit der Vereinigten Staaten und die soziale Spaltung weiter verschärfen: Die zuständigen Regierungsstellen werden schon bald keine Mietzuschüsse mehr zahlen und keine Lebensmittelmarken an rund 38 Millionen verarmte Familien mehr ausgeben können, wenn sich Washington nicht schnell auf einen Haushalt einigt. Dabei basiert die politische Zerrissenheit gerade auf jener verheerenden sozialen Spaltung – unter den 36 OECD-Ländern rangieren die USA in puncto Armut und Ungleichheit bereits auf dem drittletzten Platz.

    Was tun, wenn die Spaltung im Innern alles blockiert? Nun, eines geht immer: Der Gedanke, man müsse bei allem Streit doch wenigstens die eigene Weltmachtposition gegen Konkurrenten und widerspenstige Staaten verteidigen, findet auf beiden Seiten des tiefen politischen Grabens Beifall. Und so kann die Trump-Administration sich diesbezüglich fast beliebig austoben. Chinas Aufstieg stoppen? Aber immer: Die neue demokratische Mehrheit im Repräsentantenhaus wird den Handelskrieg gegen die Volksrepublik nach Einschätzung von Beobachtern wohl eher verschärfen als bremsen. Russland bashen? Na klar: Auch darin ist sich das Politestablishment mit Ausnahme einiger erratischer Momente des Präsidenten einig.

    Und so kann der US-Botschafter in Berlin, Richard Grenell, sich aufführen wie der Poltergeist persönlich, wenn es nur gegen Moskau geht. Jüngstes Beispiel: Grenell hat mehreren deutschen Unternehmen jüngst schriftlich mitgeteilt, sie »untergrüben« die »Sicherheit Europas« und gingen deshalb ein »Sanktionsrisiko« ein, sollten sie sich an der Ostsee-Pipeline »Nord Stream 2« beteiligen. Inhaltlichen Widerspruch aus Washington muss er nicht befürchten, auch wenn seine Schreiben in der deutschen Hauptstadt inzwischen offen als »Drohbriefe« bezeichnet werden. Diplomatisch ist das eigentlich ein Skandal. Und auch an der Sanktionsschraube gegen Teheran dreht die Trump-Administration: Spätestens im Mai sollten die Öleinkäufe in Iran auf Null reduziert werden, teilte Brian Hook, der US-Sonderbeauftragte für Iran, am Wochenende mit. Bei aller inneren Spaltung: Aggression geht immer – vielleicht gerade dann, wenn sie das Einzige ist, was den Laden noch zusammenhält.

    Trumps Sicherheitsberater forderten Optionen für Angriff auf Iran an – Medien

    Sicherheitsberater von US-Präsident Donald Trump haben laut einem Bericht des „Wall Street Journal“ Optionen für einen Angriff auf den Iran vom Pentagon angefordert.

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