Die Verdummung und Verhetzung der Bevölkerung durch die Medien

ÜBERBLICK 3.11. 2018

Die heutigen Abendnachrichten im ORF hatten es an sich.

1. Der 12-Stunden-Tag in Österreich

Erst wurde darüber berichtet, daß der inzwischen in Österreich legale 12-Stunden-Arbeitstag und die 60-Stunden-Woche zu „Mißbrauch“ führt und gegen „schwarze Schafe“ gesetzlich vorgegangen werden soll. Das gaben die Häupter der Regierungskoalition kund.
Die Gewerkschaften kündigten Protestaktionen – in Form von Demos – an und verlangten, daß „der 12-Stunden-Tag neu verhandelt“ werden müsse.

Daß – in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit – die in Arbeit Stehenden ausgequetscht werden, wie eine Zitrone, ruft keinen Sturm der Entrüstung hervor.
Das ist beachtlich angesichts der Tatsache, daß seinerzeit – und auch lange danach – der 8-Stunden-Tag als große Errungenschaft gegen die Ausbeutung gefeiert wurde, daß es für seine Erkämpfung in zahlreichen Ländern zu Toten kam und daß die Regierungen selber anerkannten, daß eine solche Strapazierung der arbeitenden Menschheit den Erhalt – und die Benützung! – ihrer Bevölkerung gefährdete. Leute, die 12 Stunden von 24 arbeiten müssen, halten nicht lange. Die menschliche Physis gibt dergleichen nicht her. Das sind offenbar Wegwerf-Arbeitskräfte, deren Verschleiß inzwischen von der Politik in Kauf genommen wird, in der Überzeugung, daß für jeden kranken, invaliden oder toten Arbeiter sowieso ein paar weitere schon Schlange stehen, um an einen solchen tollen Arbeitsplatz zu kommen.

Gleichzeitig wird sich über „Facharbeitermangel“ beklagt und herumproblematisiert, wie es eigentlich dazu kommen konnte und wie dem beizukommen sei.

Die Gewerkschaften, also die institutionellen Vertreter der arbeitenden Menschheit, haben offensichtlich auch ihren Frieden mit der Vertretung der solchermaßen Benutzten gemacht. Sie fordern keine Rückkehr zum 8-Stunden-Tag, sondern wollen nur den 12-Stunden-Tag „neu verhandeln“.
Man merkt hier, wie staats- und kapitalnützlich diese Art von Interessensvertretung der Arbeiterschaft ist, die zwar alles Mögliche vertreten mögen, – die Interessen der arbeitenden Menschen jedenfalls nicht. Ihnen ist nur wichtig, die Arbeiterschaft ruhigzustellen und mit Alibi-Aktionen bei der Stange zu halten. Hauptsache, sie werden von der Staatsführung weiter – als Kontrollorgan über die Arbeiter – als Institution und Verhandlungspartner anerkannt. Alle Aktionen, die sie starten, dienen einzig und allein diesem Zweck. Gegen Ausbeutung haben sie auf jeden Fall nichts – die ist vielmehr die Geschäftsgrundlage dieser „Arbeitnehmervertreter“.

Die hochoffizielle Drohung von Kurz und Strache, gegen „schwarze Schafe“ vorzugehen, versetzt in der Unternehmerschaft niemanden in Angst und Schrecken. Wenn die Ausnutzung eines Beschäftigten 12 Stunden pro Tag und 60 Stunden pro Woche legal ist, worin soll denn dann bitte der „Mißbrauch“ bestehen? Diese Regelung wurde doch getroffen, um sie zu nutzen!
Österreich will sich hier sichtlich einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Staaten verschaffen, die strengere Arbeitsrecht-Vorschriften haben.

Wer nichts hat im Kapitalismus, ist heute mehr angeschmiert denn je. Haben Leute keine Arbeit, so werden sie medial als „Sozialschmarotzer“ beschimpft und von den Behörden drangsalisiert.
Haben sie jedoch einen Job, so müssen sie sich benützen lassen bis zum Umfallen.
Darin sind sich offenbar Staat, Unternehmer und Gewerkschaften, zumindest in Österreich, einig.

Leider gibt es noch einige ärgerliche Beispiele, daß man auch anders kann.

2. Großbritannien verabschiedet sich vom Sparkurs!

Der britische Finanzminister verkündet, daß Großbritannien die Sparerei nicht als Königsweg betrachtet und fest in den Sozialstaat investieren wird.
Gesundheitswesen, Bildungssektor und Soziales sollen ordentlich Kohle bekommen. Außerdem wurden Steuererleichterungen für alle Bevölkerungsschichten ins Auge gefaßt.
Großbritannien hat eine eigene Währung, es kann sich dergleichen Schritte leisten.

Unerhört!

Die wollen die EU verlassen und gleichzeitig in den Sozialstaat investieren! Obwohl hierzulande und EU-weit doch überall herumtrompetet wird, daß das nicht geht und „wir“ uns das nicht leisten können!
Und diese unverschämten Italiener das auch machen wollen und damit den Euro gefährden!

Sowohl Nachrichtensprecher als London-Korrespondentin ergingen sich in unverhüllten Drohungen, daß das nicht gutgehen kann und die Briten für den Brexit fest zahlen werden müssen. Der Brexit wird teuer! Das nächste Sparpaket kommt auch in GB ganz sicher!
Der Ärger war unverhüllt, daß die britischen Politiker praktisch machen können, was sie wollen, und nicht an EU- und Euro-Vorgaben gebunden sind.
Ebenfalls ärgerlich ist, daß die EU kaum etwas in der Hand hat, um diese Drohungen gegenüber GB wahrzumachen. Die EU ist auf den britischen Markt und die City nach wie vor angewiesen.

Sogar der Labour-Führer Corbyn, der sonst als Schreckgespenst verwendet wird, weil er eine Kritik am derzeitigen Verhältnis von Kapital und Arbeit hat (oder zumindest zu haben vorgibt), wurde als Kritiker dieses Budgetplans präsentiert.
Da ist es dann schon gleichgültig, daß er die wohltuende Wirkung dieser Maßnahmen anzweifelte. Corbyn meinte, es würde nicht genug in die Gesellschaft investiert, sondern immer noch zu viel gespart. Er hatte also die umgekehrte Kritik der ORF-Fuzis. Sie meinten: Viel zu viel! Er meinte: Viel zu wenig!

Als dritten Punkt brachten die Nachrichten, grün vor Neid, eine Meldung über den Erfolg Chinas.

3. Chinas Weg zur Marktwirtschaft – ärgerlich bis zum Geht-Nicht-Mehr

China feiert seine Reformen zur Marktwirtschaft als eine einzige Erfolgsgeschichte, und ehrt Deng-Hsiao-Ping als deren Initiator.

Gezeigt wurde die Metropole Shenzen – am Festland neben Hongkong –, eine moderne Riesenstadt mit vielen Wolkenkratzern. Dort nahmen die marktwirtschaftlichen Reformen ihren Anfang, zunächst als Experiment. Heute ist es eine der vielen Boom-Regionen Chinas.

Zufriedene junge Chinesen wurden interviewt, die meinten, bei ihnen ist alles ganz super. Dauernd entstehen neue Unternehmen, und kommen gut voran.

Der Korrespondent vor Ort gab am Schluß zum Besten: wirtschaftliche Reformen schön und gut, und daß sie erfolgreich waren, wollte er auch nicht so recht beanstanden. Die Marktwirtschaft in China ist 1A. Was will man denn dagegen sagen? Aber wo bleibt die politische Reform?! Sie sucht man vergebens!

Man fragt sich, was die Politiker in China denn reformieren sollten, wenn ohnehin alles gut läuft?

****

Ich hoffe, daß es vielen Betrachtern dieser Nachrichtensendung so gegangen ist wie mir: Daß ihnen die Galle hochgekommen ist

1. gegen dieses Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, wo die arbeitende Menschheit ausgequetscht wird bis sie umfallt,

2. gegen die Politiker, die dieses System verwalten,

3. gegen die Gewerkschaften, die dem – kritisch, aber doch – ihren Segen geben, und

4. gegen die medialen Herolde, die die Ausnutzung und Verarmung der Bevölkerung gut und selbstverständlich finden, und mit der eigenen Gewalt einen Schulterschluß machen gegen Staaten, die es anders machen – oder das Gleiche machen, aber erfolgreicher.
Das ist nämlich nicht nur nieder-, sondern auch kriegsträchtig.


20 Antworten auf „Die Verdummung und Verhetzung der Bevölkerung durch die Medien“


  1. 1 Samson 03. November 2018 um 23:57 Uhr

    Seit wann ist der 12-Stunden-(Arbeits)Tag ihn Österreich wieder legal, und gilt das für alle Branchen oder nur für ‚ausgewählte‘?

    Abgesehen davon, finde ich deinen emotionalen Ausbruch überragend ;)

  2. 2 Nestor 04. November 2018 um 20:23 Uhr

    Den genauen Stichtag weiß ich auch nicht, aber wenn so darüber geredet wird wie oben beschrieben, so ist die Sache offenbar gesetzlich durchgesetzt.
    Es war einer der ersten Beschlüsse der Schwarz-Blau-Koalition nach ihrem Regierungsantritt, dieser Forderung der Unternehmerschaft nachzukommen.
    Als die Unternehmer Kurz unterstützt haben, so haben sie diese Arbeitszeitflexibilisierung offenbar bei ihm bestellt.

    Daß Politik und Kapital solchermaßen zusammenarbeiten, ist ja nicht verwunderlich.

    Was mich aber verwundert, ist, daß von nirgends irgendwie nennenswerter Protest kam. Weder von den Resten der Linken, noch von den Gewerkschaften, noch von der Kirche. Sogar im Internet findet sich relativ wenig Aufregung.
    Wenn hingegen irgendwo in einem Burschenschaft-Liederbuch antisemitische Texte „entdeckt“ (was erwartete man sonst dort?) werden, so ist die Entrüstung groß.

  3. 3 Samson 05. November 2018 um 17:41 Uhr

    Ich hab deswegen gefragt, weil ich wissen will, ob der 12-h-Tag quasi ‚obligatorisch‘ wird oder, wie bspw. in D in bestimmten Branchen als maximal zulässig definiert ist, i.d.S. von ‚Flexibilisierung‘.

    In D ‚darf‘ bspw. in der Industrie die maximale tägliche Arbeitszeit incl. Überstunden 11 h nicht überschreiten. Derlei Überstunden sind aber formal immer freiwillig, zudem ist in Tarifen eine Zuschlagszahlung fixiert (einer der Gründe, weshalb viele Firmen nur noch tariflose Arbeitsverträge abschließen). Lässt ein Chef seine Leute länger ackern, macht er sich zwar nicht gleich ’strafbar‘, bekommt aber ggf. Ärger mit der Berufsgenossenschaft. Auch LKW-Fahrer müssen sog. Ruhezeiten einhalten, m.W. nach maximal 11 Lenkstunden mindestens 8 h.

    Allgemein ‚flexibilisert‘ das produzierende Gewerbe aber schon seit Jahren ganz anders. Entweder werden komplette Produktionseinheiten ‚ausgelagert‘, d.h. so verkauft, dass der Käufer die Arbeiter nicht samt iherer Verträge übernimmt, oder ein Produktionsstandort wird geschlossen und der Krempel von irgendeinem Anbieter eingekauft, der ggf. nebenan eine Fabrik neugebaut hat und nur Leute einstellt, die deutlich weniger Lohn bekommen, als bspw. Gewerkschaften ‚aushandeln‘.

    Und genau für diesen Zweck war die sog. Agenda 2010 incl. Hartz-‘Reformen‘, die weit mehr umfass(t)en als die deutliche Herabsetzung von Arbeitslosengeld, Sozialhilfe, Renten etc. notwendige politische Voraussetzung.

    Was mich aber verwundert, ist, daß von nirgends irgendwie nennenswerter Protest kam. Weder von den Resten der Linken, noch von den Gewerkschaften, noch von der Kirche.

    Die Linken sind m.E. wegen prinzipieller Fragen nicht nur in zumeist unversöhnliche Fraktionen (wenn man den die Splittergruppen so bezeichnen will) gespalten, darüber hinaus sind sie sich i.d.R. genau deswegen spinnefeind. Bei den Gewerkschaften kann man zuweilen noch Unterschiede zwischen Basis und ‚Führung‘ ausmachen, allerdings tendiert letztere je höher die Hierarchie-Ebene wird, immer weiter dazu, die Argumente der Gegenseite zu postulieren. Und dafür gibts m.E. nur zwei Erklärungen. Entweder sind diese Leute korrumpiert oder sie glauben ernsthaft den Schwachsinn, den sie verzapfen. Zur Kirche fällt mir immer nur die Katholische Soziallehre ein, aber selbst das nach Nell-Breuning benannte Institut gibt m.E. ziemlich kleinlaut zu verstehen: „Lange lag der Fokus auf Reflexionen zu Erwerbsarbeit und Eigentum. Die Zukunftsaufgaben der Wirtschaftsethik liegen in den heutigen gesellschaftlichen Herausforderungen, wie z.B. dem Klimawandel und seinen Folgen, einer sozial-ökologischen Transformation der Industriearbeit und eine gerechten (Welt-)Wirtschaftsordnung.“

    Dazu fällt mir dann wirklich nicht mehr so furchtbar viel ein …

  4. 4 Nestor 05. November 2018 um 20:07 Uhr

    @Samson

    ob der 12-h-Tag quasi ‚obligatorisch‘ wird

    Wie soll denn das gehen?

    Der Gesetzgeber braucht doch dem Unternehmer die Ausbeutung nicht vorschreiben. Die Sache der Gesetzgebung ist es nur, die Rahmenbedingungen zu schaffen, auf die sich das Kapital dann nach seinen Möglichkeiten nutzen kann.
    Es ist klar, daß diese neue Flexibilisierung nur den großen Kapitalen nützt, weil nur die haben die Maschinerie, die keine Minute stillstehen soll. Klein- und Mittelbetriebe haben davon nichts.
    Es sollen eben damit, so mein Eindruck, Multis nach Österreich gelockt werden.

    Geschehen ist aber anderes – surprise, surprise! Wie heute berichtet wurde, meinen Arbeitgeber in der Gastronomie, sie könnten ihr Personal jetzt zum gleichen Gehalt 10-20 Stunden mehr arbeiten lassen.
    So war es offenbar auch nicht gemeint.

    In D ‚darf‘ bspw. in der Industrie die maximale tägliche Arbeitszeit incl. Überstunden 11 h nicht überschreiten.

    In Österreich ab jetzt eben schon.

    Daß die Linken gespalten und verfeindet sind, ist eine Sache. Aber darüber hinaus ist einfach das Proletariat und die Ausbeutung gar nicht mehr ihr Thema. Sie sind enttäuscht über den Nationalismus der Arbeiterklasse und wenden sich eben entweder der Vergangenheit, oder der Umwelt (Tierrechte!! Klimawandel!) oder dem Antifa oder den Flüchtlingen, und ähnlichen Themen zu.
    Wenn ich mich mit Linken unterhalte, oder zumindest Leuten, die sich für solche halten, so merke ich, was für biedere Staatsbürger sie sind. Die soziale Frage gibt es bei ihnen gar nicht, und allen gehts hier eh viel zu gut.

  5. 5 simply red 05. November 2018 um 20:21 Uhr

    Zum Gegenstand Kirche/kirchliche Soziallehre, politische Ökonomie und Gerechtigkeit fällt mir folgendes Buch ein:

    Ungleich gerecht?: Kritik moderner Gerechtigkeitsdiskurse und ihrer theoretischen Grundlagen von Heinz-Jürgen Dahme und Norbert Wohlfahrt. Wohlfahrt ist Professor für Sozialmanagement an der evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe, Heinz Jürgen Dahme ist Professor für Verwaltungswissenschaften an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Kapitalismuskritik aus einer evangelischen Hochschule heraus. Obwohl mich dieses Buch ein bisschen ratlos hinterlässt, denn wie sehen die aus einer Kritik der vorherrschenden Gerechtigkeitsvorstellungen im Kapitalismus zu ziehenden Konsequenzen aus?

    Aus dem Vorspann:

    Normative Gerechtigkeitstheorien und darauf fußende politische Diskurse haben in jüngster Zeit wieder erheblich an Bedeutung gewonnen, vor allem seitdem der Wohlfahrtsstaat radikal um- und abgebaut wird. Die Frage nach einer gerechten Konstruktion von Staat und Gesellschaft hat in dem Maße Konjunktur, in dem die Auswirkungen des Kapitalismus soziale Gegensätze weltweit manifestieren und vertiefen.

    Der vorliegende Band analysiert moderne gerechtigkeitstheoretische Theorien mit Blick darauf, was sie an den polit-ökonomischen Verhältnissen erklären und nicht erklären. Er kritisiert dabei vor allem eine Theoriebildung, die an Stelle der Analyse von Kapital, Staat und Gesellschaft deren Idealisierung in Form von falschen philosophischen Abstraktionen betreibt. Die Autoren diskutieren an ausgewählten Beispielen der Gesellschafts-, Wirtschafts- und Sozialpolitik, wie gerechtigkeitstheoretische Bausteine zu Zwecken politischer Selbstbeschreibung benutzt oder eigens dazu produziert werden. Sie hinterfragen zudem, welchen Zwecken sie in der Steuer-, Sozial-, Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik dienen: der Produktion von (mehr) Gerechtigkeit jedenfalls nicht!

  6. 6 Nestor 07. November 2018 um 8:53 Uhr

    Gerechtigkeitskritik vom Standpunkt der „wirklichen“ Gerechtigkeit, so sieht es aus.
    Das ist so ein Wert, an dem offenbar kein Gesellschaftskritiker rütteln will.

  7. 7 Fatzer 11. November 2018 um 9:56 Uhr

    Den Standpunkt, dass die, die als überflüssig gelten, auch möglichst an jedem Cent selber bemerken sollen, dass sie als solche gelten, weil, ein auskömmliches Leben gibt es ja auch nicht für die, die ganz unten sich bei der Maloche reinhängen sollen [aber für die ist stattdessen der herablassende Proletenstolz den Abgehängten gegenüber vorgesehen – die sollen sich kein Bier leisten können,die sind selber schuld etcpp -], diesen ‚Fürsorge-Standpunkt 2018′ exerziert auch die deutsche Bundesregierung, also die Christen und die Sozen, minutiös durch. Weihnachten dürfen wir alle dann mit uns allen das Gefühl von Mitleid zelebrieren.

    http://www.fr.de/wirtschaft/arbeit-soziales/hartz-iv-regierung-spart-durch-tricks-milliarden-a-1507704

    Die Rechten ergänzen die offizielle Sortierung durch ihr nationalistische Hetze: erstens sollen die Bürger für Notfälle und Rente selber mehr vorsorgen, das ist das gemeinsame Credo mit den anderen Parteien. Zweitens sollen nur Deutsche die Leistungen in Anspruch nehmen dürfen. Ganz prinzipiell…

    Da inszeniert die deutsche Presse immer wieder mal diesen oder jenen Skandal um die „Tafeln“ für die „Bedürftigen“ …

    https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/essener-tafel

  8. 8 simply red 13. November 2018 um 14:46 Uhr

    Es gibt sicher eine einigende Klammer in den Auffassungen der Bürger. Andererseits muss ich Fatzer doch widersprechen, denn diese politische usw. Auffassungen differenzieren sich im Detail doch beträchtlich voneinander. Es ist ja nicht so, dass politische Auffassungen immer und bei Jedem in Ausgrenzung und Gewalt gegen andere ökonomische Akteure in der bürgerlichen Gesellschaft münden.

    Wie findet Meinungsbildung im Kapitalismus statt? Politische Meinungsbildung, Auffassungen und Meinungen im Kapitalismus, bewegen sich entlang von Widersprüchen entlang. Einerseits befindet wir uns im Kapitalismus in einer Welt von ökonomischen Gegensätzen, andererseits verbindet die Bürger eine Vorstellung von Gemeinschaftlichkeit, die das Ganze der bürgerlichen Gesellschaft für sich vereinnahmen möchte. Sehr oft versuchen z.B. Bürger völkische Vorstellungen, wie z.B. Mut und Erfindungsreichtum, zu einer prähistorischen Gemeinschaftlichkeit eines Volkes zu universalisieren, und damit das Ganze der bürgerlichen Gesellschaft damit zu vereinnahmen. Was man in Aufklärung dagegen setzen könnte ist, die Zusammenhänge in der bürgerlichen Gesellschaft darzustellen und begreiflich zu machen.

    Es ist ja nicht von ungefähr, dass eine Spaltung der Gesellschaft diagnostiziert wird, nicht nur in ökonomischer Hinsicht sondern auch was politische Meinungsbildung betrifft. Rechte oder Rechtsradikale kriegen es z.B. hin, nicht nur ein Ausschlussbedürfnis gegen Andere auf die Spitze zu treiben, sondern auch besonders viel Wert auf (völkisch motivierte) Vorstellungen von Gemeinschaftlichkeit zu legen. Das liegt darin, daß hinsichtlich der eigenen sozialen Lage Mißstände diagnostiziert worden sind, zugleich aber knallhart auf auf eine völkisch motivierte Vorstellungswelt von Gemeinschaftlichkeit festgehalten werden soll. Das sind eben die Widersprüchen entlang das Massenbewusstsein der Lohnarbeiter und Bürger sich in der bürgerlichen Gesellschaft bewegt.

    Was den Sozialstaat bzw. einen Fürsorge-Standpunkt des Staats angeht, da schwingt auch eine gehörige Portion Distanzierung zu dem proletarischen Bürgerstandpunkt bzw. (radikalisierten) Ausschlussbedürfnis mit rein. Der Staat hat halt das ganz Große im Überblick, abgesehen davon daß auch klassenspezifische und elitäre Gesichtspunkte mit eine Rolle spielen.

    By the way, ich habe heute ein digitales Plakat gelesen, ein sogenannter „Herz für Rentner e.V.“ wirbt um Spenden und sonstige Zuwendungen, da habe ich erst einmal meinen Augen nicht getraut.

  9. 9 Fatzer 13. November 2018 um 15:41 Uhr

    @ Simply Red

    „Was den Sozialstaat bzw. einen Fürsorge-Standpunkt des Staats angeht, da schwingt auch eine gehörige Portion Distanzierung zu dem proletarischen Bürgerstandpunkt bzw. (radikalisierten) Ausschlussbedürfnis mit rein. Der Staat hat halt das ganz Große im Überblick, abgesehen davon daß auch klassenspezifische und elitäre Gesichtspunkte mit eine Rolle spielen.“

    Das habe ich nicht verstanden. Gegen was richtest du dich hier, und was willst du stattdessen also unterstreichen?
    (Vielleicht bin ich grad ein wenig ‚begriffstutzig‘, wie man so sagt?
    Worin genau wolltest du mir widersprechen / hast du mir widersprochen? Dass es „eine Spaltung“ der Gesellschaft gibt, ökonomisch wie politisch, da bin ich mir auch nicht sehr sicher, was genau du damit meinst, mit der poli. Spaltung?)

  10. 10 simply red 13. November 2018 um 17:19 Uhr

    Zunächst einmal richte ich mich nicht „gegen“ jemanden oder irgend einen Erklärungsgegenstand, sondern ich möchte aufklären. Es ging ja darum wie die gesellschaftlichen Institutionen Armut im Kapitalismus rechtfertigen. Da habe ich das Beispiel Gerechtigkeit im Kapitalismus, und wie die Kirche sich mit diesem Thema wissenschaftlich auseinandersetzt, aufgegriffen. Dann hast du das Thema „Gerechtigkeit“ weiter eingegrenzt, bist sogar davon abgekommen, und das Verhältnis von „oben“ (wer soll das sein?) und „unten“, im Besonderen zur Klientel im Sozialstaat nehme ich an, zum Thema gemacht. Darin habe ich dir mit meinem obigen Kommentar widersprochen, denn so wie du es darstellst funktioniert der Sozialstaat und sein Personal nicht.

    Was ich über den Staat im Verhältnis zu seiner Unterabteilung zu sagen habe ist eigentlich folgendes, dass Mitmenschlichkeit und Fürsorge für den Staat und im Sozialstaat Werte sind, die sowohl funktional für diesen sind (Reproduktion der Ware Arbeitskraft und der Manövriermasse des Volkes), als auch das Bewusstsein des Staatsapparats für das übergeordnete große Ganze begleiten und wiedergeben.

  11. 11 Fatzer 13. November 2018 um 17:49 Uhr

    Interesse des Staates ist nicht, auf die Überflüssigen einzudreschen, damit die ganz unten Arbeitenden darin noch einen sie positiv stimmenden Abstand zu sich entdecken können. Das ist eine verkehrte Bestimmung dessen, warum der Staat die Hartz4-Sätze derart elendig gering hält. (Ist es so gemeint?)

    Wenn es nicht um einen solchen Abstand zum benutzten Teil der Arbeiterklasse geht, dann geht es dem Staat stattdessen – auch – darum, dass darin gewollt wird, „… auch das Bewusstsein des Staatsapparats für das übergeordnete große Ganze [zu| begleiten und wieder[zu]geben.“ Ich verstehe das so, dass Sozialpolitik in ihrer Ausgestaltung sich nach so was auch richtet wie dem „Gesellschaftsbild“ der jeweiligen Partei, und das sei bei z.B. der Linkspartei und der FDP nicht identisch. (?)

  12. 12 simply red 13. November 2018 um 18:07 Uhr

    Ehrlich gesagt erkenne ich bei Fatzer überhaupt kein Interesse irgendeine ernsthafte Diskussion zu führen. Für mich ist diese Debatte hiermit erledigt.

  13. 13 Fatzer 13. November 2018 um 19:31 Uhr

    Zu einer Debatte ist es ja gar nicht gekommen.

    Außer Hinweisen, dass noch weitere Aspekte zu bedenken seien, habe ich aus deinen Beiträgen das dir vermutlich stattdessen Wesentliche stattdessen nämlich gar nicht bemerkt.

    [Aber vielleicht kann nestor oder wer mal präzisieren, worum es simply red überhaupt eigentlich ging? Ich bin manchmal anscheinend reichlich begriffsstutzig…]

  14. 14 Guurt 13. November 2018 um 20:06 Uhr

    Es besteht kein Zweifel daran, dass sich der Papst in seiner Schrift „Freude des Evangeliums“ als Kapitalismuskritiker geoutet hat: „Der Kapitalismus tötet!“ lautet sein Diktum, das begeistert begrüßt, halbherzig gescholten, als naiv bezeichnet, oder zu einer Sache theologischer Auslegung erklärt wurde. Wie dem auch sei, der Satz ist in der Welt ….

    … meint Freerk Huisken in seiner Gegenrede 33
    https://www.magazin-auswege.de/data/2014/01/Huisken_Gegenrede33_Der-Papst_als_Kapitalismuskritiker.pdf

  15. 15 Guurt 13. November 2018 um 22:38 Uhr

    Österreich: Zehntausende Arbeiter nach Abbruch der Lohnverhandlungen im Warnstreik.
    Kampf auch um soziale Errungenschaften
    Von Michael G. Maier, Wien (jw, 14.11.18)

    (…) Die Verhandlungen über den Metallerkollektivvertrag verliefen entgegen der vergangenen Jahre von Beginn an konfrontativ. Dies liegt nicht nur an den Produktivitätszuwächsen in der Industrie, mit der die Beschäftigtenvertreter ihre Forderungen begründen. Die Gespräche finden vor dem Hintergrund der von der rechtskonservativen Bundesregierung aus Volkspartei (ÖVP) und Freiheitlicher Partei (FPÖ) zu Herbstbeginn beschlossenen Novellierung des Arbeitszeitgesetzes statt.

    Seit dem 1. September ist es österreichischen Unternehmern erlaubt, ihre Beschäftigten bis zu zwölf Stunden täglich und 60 Stunden pro Woche arbeiten zu lassen. ÖGB-Vertreter hatten bereits vor Beginn der Lohnrunde klargestellt, dass diese Verschlechterung für die Beschäftigten bei den Verhandlungen eine Rolle spielen werde. ÖGB-Präsident Wolfgang Katzian hatte die Unternehmer als »Besteller dieses Gesetzes« bezeichnet, von denen man nun Kompensation erwarte. So fordern Pro-Ge und GPA-djp etwa auch höhere Zuschläge für Überstunden.

    Ein Termin für weitere Gespräche stand bis Dienstag nicht fest. Gebe es in den kommenden Tagen kein »­substanzielles Angebot« der Unternehmer, dann werde es ab dem 19. November »richtig ernst«, so Pro-Ge-Vorsitzender Wimmer am Montag.

    https://www.jungewelt.de/artikel/343512.warnstreiks-in-%C3%B6sterreich-metaller-machen-ernst.html

  16. 16 simply red 13. November 2018 um 23:22 Uhr

    Nicht nur dass der Papst Kapitalismuskritiker ist, Jesus war sogar Kommunist.

  17. 17 Guurt 14. November 2018 um 0:34 Uhr
  18. 18 Guurt 14. November 2018 um 7:53 Uhr

    Dass die Neoliberalen und die Völkischen aus der Freiheitlichen Partei und die von der christlich-konservativen medial als extrem moderne und junge Partei gelobhudelten Schwätzer der ÖVP ihre Liberalismus-Phrasen nicht nur so in ihre Reden hineinschreiben, sondern dass sie das dann auch, kaum dass sie regieren, als Politik für das Kapital umsetzen, denn so tun sie dann ja was für ihren Patriotismus, für unser aller Land, d a s könnte man mal skandalisieren ….
    (So verstehe ich nestors Ausgangspost bzw. Threadbeitrag, der mir den Focus zu sehr – nur in der Überschrift – auf die Medien legt. An denen ist auffällig, wie sehr sie die Logik der Patrioten, dass alles gut ist, was Österreichs Standortkapitalismus befördert, gefressen haben.

    Und dass die Presse dann dies, nestor zufolge, gar nicht weiter zum Thema macht, denn unpatriotisch, und „nur an sich denkend“,- das will ja kaum noch jemand sein.
    Da ist die angeblich verbissene Kampfbereitschaft der Kollegen – hoffentlich – mehr als bloße heiße (hw-) Luft …
    Leider gibt der jw-Artikel zu solchen Hoffnungen wenig Anlass, weil „… man nun Kompensation erwarte. So fordern Pro-Ge und GPA-djp etwa auch höhere Zuschläge für Überstunden“ – so wie nestor es oben ausgeführt hat. Als ob man größeren systematischen Verschleiß durcch irgendeine Taschengeld-Erhöhung „kompensieren“ könnte ….

  19. 19 Guurt 14. November 2018 um 9:09 Uhr

    Führerqualitäten werden von der Presse gehypt: jung, dynamisch, zupackend, das Land vorwärts bringend …

    Und was dem einen sein Kurz, ist dem anderen Land – mindestens, was den Medien-Hype betrifft – übrigens sein jung-dynamisches Grünen-Duo…

  20. 20 Nestor 14. November 2018 um 15:46 Uhr

    Mit dem Streik ist es so eine Sache. Ein Streik ist ja kein Selbstzweck, damit will die daran beteiligte Arbeiterschaft etwas erreichen.
    Und es ist definitiv so, daß das Eintreten für den 8-Stundentag nicht auf der Agenda der Gewerkschaften steht. Das merkt man auch am obigen Artikel. Sie genehmigen das ausdrücklich, wollen aber dafür „kompensiert“ werden.
    Glücklich ein Proletariat, das solche Führer hat!
    Das erste, was die Arbeiterschaft zum Teufel jagen müßte, so sie einen Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit austragen wollten, wären einmal die eigenen Gewerkschaftsführer.
    Es sieht aber so aus, als ob auch die Arbeiterschaft nichts mehr wünscht, als den frieden mit den eigenen Ausbeutern.
    Der 12-Stunden-Tag und seine Genehmigung bauen also auf auf Jahrzehnten der Sozialpartnerschaft, dem österreichischen Weg der Klassenversöhnung.

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