Serie „Lateinamerika heute“. Teil 5: Argentinien

„DIE EWIGE WIEDERKEHR DER ARGENTINISCHEN KRISE

Der Abzug von Kapital aus den Schwellenländern beeinträchtigt die Wirtschaft. Der Peso hat seit Jänner 50 % seines Wertes eingebüßt, der Zinsfuß steht bei 60 %, die Inflation wächst in einem fort und das BIP wird 2018 schrumpfen.“ (El País, 16.9. 2018)

Der Titel des Artikels gibt schon vor, wie man die Sache betrachten soll: Argentinien ist einfach ein Krisenland, nichts zu machen, das ist eine Eigenart dieses Landes. (Hat natürlich nichts mit Kapitalismus, Geld, Kredit, Weltwirtschaft und dgl. zu tun.)
Auch der Begriff des „Schwellenlandes“ (im Original heißt es: „aufstrebenden Landes“) hat es an sich, obwohl das sozusagen als Selbstverständlichkeit unterstellt wird: Es gibt einen Haufen Länder, die bemühen sich ständig, so erfolgreich zu werden wie wir hier in Europa, und das ist ja auch redlich und gut, sie schaffen es aber einfach nicht.
Niemand fragt nach, warum eigentlich diese Länder schon so lange in der Warteschlange zur erfolgreichen Kapitalakkumulation stehen, aber partout nie den Schritt über die „Schwelle“ tun.

Auch das mit der Wiederkehr der Krise hat es in sich. Wir haben ja im Verlauf der letzten 10 Jahre einen Haufen Schuldenkrisen erlebt, die EU schiebt einen riesigen Schuldenberg vor sich her, von den Maastricht-Kriterien hört man schon lange nichts mehr – und jetzt sollen die Probleme Argentiniens so betrachtet werden, als wäre das ganz was besonderes, hinter den 7 Bergen bei den 7 Zwergen, und hat mit „uns“ überhaupt nichts zu tun.

Zur argentinischen Schuldenproblematik siehe auch:

Macris Schwanengesang? 11.5. 2018
Argentinien schifft wieder ab 31.1. 2016
Fleundschaft! 15.8. 2015
Der Argentinien-Krimi, neueste Folge 11.7. 2014
Argentinien am Scheideweg 19.6. 2014
Aasgeier kreisen über Argentinien 24.2. 2013
Der IWF, Teil 6: Argentiniens Zahlungsunfähigkeit 2.8. 2011

Verschuldung

1. Die Vorgeschichte

sei hier einmal kurz zusammengefaßt: Unter dem Finanzminister der Regierung von Carlos Menem, Domingo Cavallo, schloß Argentinien mit dem IWF 1991 ein Abkommen, das als „Plan Cavallo“ in die Geschichte einging. Die argentinische Regierung privatisierte alles, was nur ging, und der IWF bescheinigte im Gegenzug, daß der Peso so viel wert sei wie der Dollar. Diese Dollar-Peso-.Parität, genannt „currency board“, galt damals als das non-plus-ultra der Inflationsbekämpfung und Geldwertstabilität, der „Plan Cavallo“ wurde als Geniestreich gelobt. Im Zuge dieser Euphorie, endlich den Stein der Weisen gefunden zu haben, führte Ecuador im Jahr 2000 gleich den Dollar ein, um es noch besser zu machen.

Heute ist diese Politik vorbei. Auf eine kritische Betrachtung seitens der Wirtschaftswissenschaften oder gar eine Selbstkritik des IWF wartet man bisher vergeblich. Das Currency Board starb 2002.

Die Privatisierung führte zu großflächigen Betriebsschließungen, beraubte das Land eines guten Teils seiner Produktion und erhöhte den Importbedarf Argentiniens. Die USA und vor allem die EU waren die Gewinner, ihnen erschloß sich ein Markt. Und ein zahlungsfähiger, da ihre Gewinne aufgrund der Peso-Dollar-Parität problemlos transferierbar waren.

Um den ständig wachsenden Importbedarf zu finanzieren, begab Argentinien jede Menge Anleihen auf den Börsen von New York und Frankfurt. Sie waren lange Zeit sehr begehrt, aber mit der Zeit mußte Argentinien immer höhere Zinsen anbieten, um sie loszuwerden. Zum gestiegenen Importbedarf gesellte sich ein ständig wachsender Schuldendienst.
Als sich bereits dunkle Wolken über Argentinien zusammenzogen, verhandelte es mit dem IWF einen neuen Beistandskredit. Der Devisenschatz war aber bereits so geschrumpft, daß der Wunderknabe Cavallo (heute unterrichtet er wieder Wirtschaftswissenschaften in Harvard) die Sperre der Bankguthaben verfügte. Im darauf folgenden Volksaufstand trat die Regierung De La Rúa zurück, Argentinien war 2 Wochen ohne Regierung, der IWF hatte keinen Verhandlungspartner mehr, und Argentinien war zahlungsunfähig.

Unter dem 2003 gewählten Präsidenten Néstor Kirchner wurden mit über 90 % der Gläubiger Argentiniens Vergleiche geschlossen, denen zufolge sie auf einen guten Teil ihrer Forderungen verzichteten, um überhaupt etwas von ihrem Geld zu sehen.
Argentinien konnte sich allerdings seit dem Bankrott Anfang 2002 nicht mehr auf den internationalen Finanzmärkten verschulden. Obwohl man an diesem Fall schön studieren kann, wer bei den Krediten an Argentinien gut gefahren ist und wie sehr sie Argentinien geschadet haben, war die Sehnsucht groß, wieder in den Schoß des Finanzkapitals zurückzukehren. Nur mit Hilfe Venezuelas und Chinas kamen die Regierungen von Néstor und Christina Fernandez de Kirchner an Kredit. Auf eine Zusammenarbeit mit dem IWF war niemand neugierig.

2. Macri verspricht die Lösung aller Probleme

Der zum Jahresende 2015 gewählte Präsident Mauricio Macri versprach, mit allen angeblichen Fehlern seiner Vorgängerregierungen aufzuräumen. Er verhandelte offensichtlich im Vorfeld seiner Wahl mit Gläubigern und Banken, dem Gericht in New York, den „Geierfonds“ usw. und versprach jede Kooperation. Auch zu Hause gelang es offenbar, die Unternehmerschaft und die politische Klasse davon zu überzeugen, daß sich unter ihm alles zum Guten wenden würde. Über das auch in Argentinien vorhandene Klientelwesen reichte das dann für einen Wahlsieg, der von der internationalen Presse euphorisch begrüßt wurde. Mit unglaublicher Idiotie und Verdrehung der Tatsachen wurde das Notprogramm, das unter den Kirchners die argentinische Ökonomie in Gang hielt, als „Mißwirtschaft“ abgetan. Der Bankrott 2001/2002 war keiner Erwähnung wert, und soziale Programme wie die Stützung von Energie- und Lebensmittelpreisen und rudimentäre Zuwendungen an die Ärmsten der Armen wurden als Geldverschwendung, unterlassene infrastrukturelle Reparaturen als Korruption und Schlendrian verurteilt. Auch die chinesischen Investitionen wurden heruntergemacht, sie brächten „eigentlich“ Argentinien nichts.
Zum Unterschied von den Reformen, die Macri vorhätte, da würden natürlich blühende Landschaften entstehen. Denn eigentlich sei Argentinien ja

3. „Ein reiches Land“

Diese Phrase erklingt mit schöner Regelmäßigkeit in den Medien, wenn irgendwo eine mißliebige Regierung angeschwärzt werden soll. Da werden auf einmal Möglichkeiten des Wohlstands entdeckt, und auf seltsame Art und Weise der Unterschied bzw. Gegensatz zwischen abstraktem und konkretem Reichtum dingfest gemacht.

Argentinien verfügt über große, sehr fruchtbare und klimatisch begünstigte landwirtschaftliche Flächen. Während die Pampas im 19. Jahrhundert zwar als Viehweide dienten, aber hauptsächlich das Leder auf dem Weltmarkt nachgefragt wurde, wurde Argentinien im 20. Jahrhundert ein großer Agrarproduzent. Nach beiden Weltkriegen versorgte Argentinien das zerstörte Europa sehr günstig mit Getreide und Fleisch. Dem Präsidenten Juan Domingo Perón war diese Rolle jedoch nicht genug, er wollte zusätzlich eine eigene Industrie aufbauen, um die Hemdlosen mit heimischen Produkten zu bekleiden und auf dem Weltmarkt als gleichberechtigter Partner und nicht bloß als Rohstofflieferant auftreten zu können.
Die unter Perón aufgebaute Industrie wurde mit dem Menem-Cavallo-IWF-Privatisierungsprogramm größtenteils stillgelegt. Unter Cristina Fernandez de Kirchner kam es zu Wiederverstaatlichungen – ein Versuch, wieder etwas wie eine eigene Produktion aufzubauen.
Damit machte sich die argentinische Regierung nicht beliebt, weder beim IWF, noch bei den Politikern von EU und USA, noch bei Medien und „Experten“. Ein Land wie Argentinien soll sich gefälligst verschulden, um uns dann unser Zeug abkaufen zu können!

Was die agrarische Produktion angeht, so kam Argentinien auch am Höhepunkt des Rinderwahnsinns nicht zum Zug – die junge EU war 1992-3 nicht bereit, die Quoten für garantiert BSE-freies argentinisches Rindfleisch zu erhöhen, da sie ihren Agrarmarkt schützen wollte.

Bereits zu Zeiten der Dollarparität waren beträchtliche Teile der Bevölkerung der Nordprovinzen mangelernährt, da die Produkte der fetten Weiden und Äcker bei ihnen nur spärlich ankamen. Auch innerhalb Argentiniens muß man nämlich für Lebensmittel Geld hinlegen, und genau davon hatten viele Bürger Argentiniens einfach zu wenig.
Nach dem Bankrott 2002 verhungerten in den nördlichen Provinzen jede Menge Kleinkinder, und auch heute ist es nicht so, daß der angebliche „Reichtum“ dieses Landes der Mehrheit seiner Bewohner zu Gute käme. Inzwischen sind nämlich weite Flächen des Landes auf Cash Crops, Produkte für den Devisenexport reserviert. Vor allem Soja, mit jeder Menge Monsanto-Chemie aufgeblasen, wächst heute in Argentinien, der Haupt-Abnehmer dieses Produktes ist China.

Was Argentiniens fette Böden angeht, so trifft Eduardo Galeanos Überschrift von der „Armut des Menschen als Ergebnis des Reichtums der Erde“ zu. Er charakterisierte damit die Kolonialzeit, aber die Marktwirtschaft hat hier ein möglicherweise noch durchschlagenderes Ergebnis: Alles, was sich in Argentinien zu Geld machen läßt, soll als Geschäftsmittel dienen, damit soll Argentinien seine Schulden zahlen, so die ultimative Weisheit von IWF, Wirtschaftsexperten und G 20-Gipfeln. Wenn die Bevölkerung hungert oder massenhaft auswandert, so ist das eben Pech. Schicksal, hat jedoch mit Geschäft, Gewinn und Kredit nichts zu tun.

Macri wurde beklatscht, weil er das genauso sieht.

4. Argentinien und die Drogen

Argentinien war lange Zeit für den internationalen Drogenhandel ziemlich unwichtig. Die Kokainproduktion wurde nach Norden oder Osten verschifft, ausgeflogen oder sonstwie transportiert. Die Märkte waren in den USA und Europa.
Seit dem Zusammenbruch der Ökonomie nach dem Bankrott 2002 wurde Argentinien jedoch immer wichtiger für den Handel, sowohl als Abnehmer-, als auch als Transitland. Der soziale Abstieg und das Elend ließen den Konsum an harten Drogen ansteigen. Die Kämpfe der USA-Drogenbehörde DEA gegen den Drogenanbau und -handel in Kolumbien und Mexiko brachten die Drogenkartelle darauf, andere Vertriebsrouten zu suchen. Und sie entdeckten Argentinien als Land guter Straßen und Häfen, wo aufgrund der unerfreulichen wirtschaftlichen Umstände nicht so genau darauf geachtet wurde, was da so durch das Land fuhr und über die Häfen verschifft wurde.
Schließlich entdeckte der Drogenhandel auch Argentinien als Möglichkeit zur Geldwäsche. Der Anlagebedarf der Kartelle verschaffte Argentinien einen Immobilienboom und brachte Devisen ins Land.
Schließlich haben sich in Argentinien auch Labors für synthetische Drogen etabliert. Es ist also auch selbst zu einem Drogenproduzenten geworden.

Alle diese Sphären bringen Argentinien die dringend benötigten Devisen und wurden deshalb weder von den Kirchner-Regierungen noch von ihren Nachfolgern besonders bedrängt.

5. Die Entwicklung der Schuld

Als die Regierung Macri sich mit denjenigen Gläubigern einigte, die den Kirchnerschen Vergleichen nicht zugestimmt und Argentinien verklagt hatten, und ihnen die Schuld vollständig zurückzahlte, erkannte Argentinien damit de facto die gesamte Altschuld an. Mit dieser Einigung wuchs also die Schuld Argentiniens gewaltig an. Dafür erhielt Argentinien wieder Kredit, sodaß auch die Neuverschuldung rasant zunahm.

Es ist anzunehmen, daß Macri bei seinen Verhandlungen mit den großen US-Banken Versprechungen gemacht wurden, die dann nicht eingehalten wurden. Ihnen ging es um die Anerkennung der Altschuld.

„Die Staatsschuld, d.h. die Veräußerung des Staats – ob despotisch, konstitutionell oder republikanisch – drückt der kapitalistischen Ära ihren Stempel auf. Der einzige Teil des sogenannten Nationalreichtums, der wirklich in den Gesamtbesitz der modernen Völker eingeht, ist – ihre Staatsschuld. … Der öffentliche Kredit wird zum Credo des Kapitals. Und mit dem Entstehen der Staatsverschuldung tritt an die Stelle der Sünde gegen den heiligen Geist, für die keine Verzeihung ist, der Treubruch an der Staatsschuld.“ (Marx, Kapital I, Kap. 24/6)

Es ging also nur darum, einen Blöden – oder Agenten – zu finden, der diese Schuld wieder dem argentinischen Staat bzw. der argentinischen Bevölkerung umhängt. Macri hat in diesem Sinne seine Schuld getan und kann gehen. Er kann sich als Verdienst anrechnen, die argentinische Schuld gewaltig erhöht zu haben – es ist noch nicht genau heraußen, auf wieviel, die Rede ist von 200 bis 300 Milliarden Dollar, es kann aber auch mehr sein.

Die Sache ist damit aber noch nicht durchgestanden. Der Peso hat in diesem Jahr die Hälfte seines Wertes verloren, der Schuldendienst ist gewaltig, da teilweise zu 40 % verzinste Anleihen ausgegeben wurden. Inzwischen ist der Zinsfuß auf 60 % angelangt, der IWF verhandelt in einem fort, auf ein Stützungsprogramm folgt das nächste.

Einen neuerlichen Bankrott kann sich Argentinien und vor allem das Weltfinanzsystem nicht leisten.
Ob es gelingt, ihn zu verhindern, und wie, wird sich in den nächsten Monaten herausstellen.

Währungsverfall


6 Antworten auf „Serie „Lateinamerika heute“. Teil 5: Argentinien“


  1. 1 Hinweis 26. September 2018 um 17:07 Uhr

    Das Regime des internationalen Finanzkapitals und seine Widersprüche
    (am Beispiel der Verschuldung Argentiniens)

    Im Fall der Verschuldung Argentiniens gehen „… alle, die sich in der Affäre zu Wort melden, von der Macht des Privateigentums, den ganzen Globus samt den ihn beherrschenden Staaten als Anlagesphäre ins Visier und für seine Vermehrung in Anspruch zu nehmen, als einem globalen Recht aus, dem im Prinzip eben nicht bloß Privatpersonen, sondern auch Regierungen gerecht werden müssen. Das ist nicht frei von Widersprüchen, immerhin wird das Recht zur freien Anwendung der Macht privaten Eigentums durch Staaten überhaupt erst konstituiert: Innerhalb der Grenzen des eigenen Territoriums setzt ein Souverän seine Monopolgewalt für den Schutz des Privateigentums ein; durch seine Macht, Recht zu sprechen und zu garantieren, schafft er in seinem Hoheitsgebiet die notwendigen rechtlichen Voraussetzungen dafür, dass die ökonomische Macht des Eigentums sich in der Nation betätigen kann, und setzt damit die kapitalistische Verwendung von Eigentum bis in die Sphären des Kreditgewerbes als berechtigtes Interesse in Kraft.

    Daneben stiften Staaten kraft ihrer Hoheit ein nationales Zahlungsmittel, den Stoff, mit dem Privateigentümer ihre ins Recht gesetzten Interessen verfolgen, ein Geld, das bis zu den Grenzen einer Nation die vom Staat verbindlich gemachte und handgreifliche Inkarnation der Macht des Privateigentums ist. Das Recht zu grenzüberschreitendem Geschäft unterstellt einen Konsens all der Rechtsstaaten, die mit ihren Kapitalstandorten in den Weltmarkt integriert sind. Sie kommen in einer Weltgeschäftsordnung überein, die die globale Freiheit des Privateigentums und seine kapitalistische Funktion über alle Hoheitsgebiete hinweg regelt und absichert; für deren Verbindlichkeit nehmen die Mitglieder der Staatengemeinschaft sich wechselseitig in die Pflicht und verlangen sich gegenseitig ab, für die Ansprüche ausländischer Eigentümer mit ihrem Recht einzustehen. So sind alle kapitalistischen Staaten Urheber und Garanten einer globalen Geschäftsordnung, die der finanzkapitalistischen Anwendung von Privateigentum die Qualität eines supranationalen Rechts verleiht, dem die Staaten selber verpflichtet sind.

    Diese verpflichtende Übereinkunft souveräner Staaten schließt – wie auch innerhalb einer Nation – mehr ein als die rechtliche Absicherung des globalen Geschäftsverkehrs: Die Staaten garantieren die entscheidende materielle Grundlage für den grenzüberschreitenden Verkehr von Privateigentum, indem sie die diversen Produkte ihrer je national beschränkten Geldhoheit, die national verbindlichen Zahlungsmittel, als prinzipiell konvertibel anerkennen. Dadurch billigen die Staaten in aller Form ihren nationalen Geldzeichen wechselseitig zu, dasselbe zu repräsentieren: die quantitativ bemessene Macht des Privateigentums über alles, was für Geld zu haben ist. Das schließt die praktische Schuldigkeit ein, die Gleichartigkeit der Schöpfungen ihrer Notenbanken durch eine Garantie des wirklichen Austauschs ihrer Gelder materiell zu untermauern.

    Die formelle Identität, die mit der Konvertibilität der nationalen Zahlungsmittel hergestellt ist, begründet einen entscheidenden Unterschied. Denn wie viel eine Währung im Verhältnis zu einer anderen wert ist, entscheidet sich mit deren Austauschbarkeit nicht. Wenn Staaten die Gleichsetzung ihrer Währungen im Austausch vereinbaren, etablieren sie definitiv keine Gleichwertigkeit ihrer nationalen Zahlungsmittel. Die sind nämlich, ihrem ökonomischen Inhalt nach, Zugriffsmittel auf die Quellen kapitalistischer Verwertung, deren Schöpfung den privaten Kalkulationen der Geschäftsbanken der Nation obliegt: Moderne Währungen sind von Staats wegen als Geld anerkannte Kreditzeichen. Der Wert solchen Kreditgelds hängt von seiner Verwendung als Mittel des Finanzkapitals im Land und der Bewährung des nationalen Kapitalismus in der internationalen Konkurrenz ab.
    Die Feststellung dieses Werts im Verhältnis der Währungen zueinander ist – unter mal kleineren, mal schwerwiegenden politischen Vorbehalten – dem Finanzgewerbe überantwortet, das mit den diversen Valuta handelt und nach seinem geschäftlichen Bedarf und Ermessen über Angebot und Nachfrage entscheidet: Sein spekulatives Urteil darüber, ob und inwieweit eine Währung als Mittel des internationalen Finanzkapitals taugt, ist die maßgebliche Bestimmungsgröße für das Austauschverhältnis nationaler Kreditzeichen.

    In der Hinsicht hat es das internationale Finanzkapital weit gebracht. Den größten Teil seiner Kreditgeschäfte wickelt es in einigen wenigen Währungen ab, vorzugsweise denen der größten und potentesten Weltwirtschaftsmächte, die die produktivsten und schlagkräftigsten Kapitale aus Industrie, Handel und dem Bankgewerbe beheimaten. Deren gesetzliche Zahlungsmittel macht es zum Ausgangs- und Endpunkt seines Engagements in und mit anderen landesüblichen Kreditzeichen. Dieser selektive Gebrauch von Währungen durch das internationale Finanzgewerbe begründet eine entscheidende qualitative Differenz: Einige wenige Währungen – allen voran der US-Dollar, gefolgt vom Euro und dem britischen Pfund – sind Weltgeld, definitive Repräsentanten der Macht des privaten Eigentums, die das Versprechen, Wert zu sein, jenseits der Grenzen ihrer hoheitlichen Hüter einlösen. Im Verhältnis dazu erfahren alle übrigen Währungen eine qualitative Abwertung – zu bloßen Stellvertretern, die dort, wo sie als gesetzliches Zahlungsmittel gelten, allemal ihren Dienst als Zugriffsmittel auch für ausländische Investoren verrichten, aber für die Gemeinde der internationalen Finanzspekulanten ansonsten mehr eine Geldforderung darstellen, deren wirkliche Einlösung letztlich nur der Austausch gegen eines der paar Weltgelder leistet.
    Welche Folgen das für Staaten haben kann, die sich als aktive Teilhaber und Nutznießer des globalen Geschäftslebens betätigen und es mit ihrem Kredit doch immer nur bis an die „Schwelle“ zu einer konkurrenzfähigen Kapitalakkumulation und mit ihrem Kreditgeld nur zu bedingter Anerkennung durchs internationale Finanzgewerbe bringen: Dafür ist der aktuelle Fall Argentinien ein Exempel…“ (aus: GSP 3/14 über die Entscheidung des US-Gerichtes betr. ‚die Geierfonds‘ vs. Argentinien)

    https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/argentinien-vs-geierfonds#section2

  2. 2 Paquito 27. September 2018 um 7:20 Uhr

    Pressespiegel zu Argentinien:

    https://amerika21.de/pressespiegel/1

    Daraus:

    Trump gibt dem argentinischen Präsidenten volle Rückendeckung

    Das Weisse Haus steht nach wie vor hinter Präsident Macri. Die Vertrauensbekundung hat aber am Dienstag noch nicht zu einer raschen Einigung zwischen dem IMF und Argentinien über eine beschleunigte Auszahlung von Hilfsgeldern geführt. Der argentinische Peso notierte am Dienstag erneut etwas schwächer. (NZZ, 5.9.18)

    https://www.nzz.ch/wirtschaft/trump-gibt-dem-argentinischen-praesidenten-volle-rueckendeckung-ld.1417357

    Argentinien am Rande des Kollapses
    https://derstandard.at/2000086551724/Argentinien-wandelt-am-Rande-des-Kollapses

  3. 3 Nestor 27. September 2018 um 14:48 Uhr

    Ob das Schulterklopfen von Trump viel hilft, wage ich zu bezweifeln. Immerhin geht es um Geld, da wird nicht nur mit Vertauensboni gehandelt.

    Der Standard-Artikel ist etwas aelter, da brannte der Hut zwar auch schon, aber nnoch etwas weniger.

    Interessant ist die Geschichte mit dem ausgeglichenen Budget.
    Die argentinische Regierung soll eine Berechnung vorlegen, nach der sie 2019 oder 2020 ein Nulldefizit hinlegen wird. Diese dicke Lüge – angesichts der fehlenden Einnahmen und des Schuldendienstes ist das unmöglich – soll Argentinien möglichst glaubwürdig praesentieren, um das Vertrauen „der Maerkte“ zurückzugewinnen.

    Hm.

  4. 4 Nestor 27. September 2018 um 15:09 Uhr

    Noch was.

    Unter Menem wurde den Gouverneuren der Nordprovinzen gestattet, eigene Anleihen auszugeben, die „Bonos“. Die im Umlauf befindliche Geldmenge wurde also damit am IWF vorbei (aber sicherlich nicht ohne das Wissen seiner Leitung) gesteigert. Diese Provinz-Bonos waren nur innerhalb der Provinz gültig.

    Als Macri für die Einigung mit den Geierfonds die Zustimmung des Parlaments brauchte, versprach er, das wieder zu erlauben.
    Was da jetzt in Jujuy, Salta oder Santiago del Estero an Lokalschulden angehaeuft wurde, wird sich vielleicht nie ganz herausstellen, es ist aber ein weiterer Stolperstein für ein Nulldefizit …

  5. 5 Hinweis 09. Oktober 2018 um 7:50 Uhr

    Aus Sicht des IWF muss immerzu weiteres Geld dazu gegeben werden, denn wenn Argentinien als erstes der Schwellenländer offiziell bankrott geht, dann dürfte das Misstrauen ratzfatz alle möglichen weiteren Schulden vergiften …

    Eigentümlich nimmt sich dazu aus, dass die in Frage stehenden ‚Krisenstaaten‘ (bzw. deren Kredit, der ja aus den Metropolen ihnen per IWF gegeben werden muss…) allesamt brav dazu das Ideal des ausgeglichenen Haushaltes herunterbeten.

    https://www.berliner-zeitung.de/wirtschaft/gewitterstimmung-weltwirtschaft-am-ende-des-wachstums---vorbereitung-auf-krisenmodus-31409606

    https://www.nzz.ch/finanzen/fatale-fehleinschaetzung-ld.1416724

    ….

    und in Brasilien:

    https://www.nzz.ch/wirtschaft/keine-rezepte-gegen-die-krise-ld.1425877

    Insgesamt scheint auch in Lateinamerika der Populismus sich durchzusetzen, wo ausgerechnet irgendwelche Geldmilliardäre behaupten, sie gehörten nicht zum Establishment, daher seien ausgerechnet sie nicht korrupt, ausgerechnet sie seien Gegner des Systems und deshalb seien sie die besten Vertreter der Anliegen der kleinen Leute, von denen sie darob massenhaft gewählt werden. Dafür, dass sie es ernst meinen, dafür taugen aus Sicht der Wähler bereits ihre diverse rechtsextremen Sprüche über die Drangsalierung von Minderheiten und Frauen, die Abschaffung von Versicherungen und Rechtsstaatmodalitäten und und und …

  6. 6 Nestor 09. Oktober 2018 um 10:12 Uhr

    Die Wähler sind offenbar überall gleich blöd.
    Dazu kommt noch, daß die anderen zur Auswahl stehenden Politiker auch nicht viel besser sind.

    Man kann feststellen, daß heute – nicht nur in Brasilien! – im allgemeinen nicht derjenige gewählt wird, der verspricht, daß es seinen Wählern besser gehen wird. Sondern der, der verspricht, daß es sicher anderen – Schmarotzern, Migranten und anderen Sündenböcken – schlechter gehen wird.

    Was Argentinien und andere „Schwellenländer“ angeht – daß dieser Ausdruck niemandem mehr komisch vorkommt, ist auch bemerkenswert –, so muß der IWF offenbar seine Politik modifizieren, und ähnlich der EZB für die Euro-Pleitestaaten, unbeschränkt Kredit ausleeren, um die Pleite zu vermeiden. Neben den in den von dir geposteten Artikeln erwähnten Staaten erinnere ich noch an die Ukraine, der ja auch hinter den Kulissen immer wieder Geld hinübergeschoben wird.

    Dafür sind offenbar Bekenntnisse zum Nulldefizit die Gegenleistung.

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