Serie „Lateinamerika heute“. Teil 4: Chile

45 JAHRE DANACH

Als der Putsch in Chile die Volksfrontregierung mit einer Gewaltorgie wegräumte, die sogar damals eher ungewöhnlich war, ging ein Aufschrei durch die damalige Presse. Die Pinochet-Partie legte nämlich Wert darauf, durch möglichst öffentliches Zeigen ihrer Brutalität den mit der Volksfrontregierung sympathisierenden europäischen Regierungen zu zeigen: Haltet euch da raus, jetzt sind wir dran!

Während es in den 70-er und sogar noch 80-er Jahren Veranstaltungen zu den Opfern des Terrors der Militärregierung und dem von der Volksfrontregierung vertretenen Programm der „Revolution in der Legalität“ gab, ebbte dann das Interesse an Chile ab. Diese Veranstaltungen bezogen sich vor allem auf das, was vorher los war.

Was ist aber eigentlich seit 1973 in Chile geschehen?

1. Die Chicago boys

Der Umstand, daß das Pinochet-Regime sofort mit allen sozialen Errungenschaften der Volksfrontregierung und sogar der vorher regierenden Christdemokraten aufräumte, und Arbeitsschutzgesetze, Mindestlohn, Kündigungsschutz usw. auf einmal nicht existierten, machte Chile zum idealen Betätigungsfeld für überzeugte Absolventen der Chicago School und der Lehren Milton Friedmans. Es handelte sich dabei um junge Chilenen aus dem Anti-Volksfront-Lager, denen durch ein großzügiges Stipendienprogramm verschiedener in den USA beheimateter antikommunistischer Stiftungen zum Studium in den USA, vor allem eben auf der Universität von Chicago, verholfen worden war.

Der Staat, so der Kern der Doktrin dieser Menschenfreunde, solle nur die Rahmenbedingungen – Geld, Gewalt – zur Verfügung stellen, und alle wirtschaftliche Tätigkeit der „Privatinitiative“, sprich: dem Kapital überlassen.

Einerseits ist das eine sehr harte Auskunft über die Rolle von Staat und Kapital und wie die Bevölkerung in deren Überlegungen vorkommt: Wen das Kapital nicht braucht, der kann ruhig verhungern oder sonst irgendwie an Mangel zu Grunde gehen, und wer sich gegen das wehrt, der gehört weggeräumt.
Andererseits zeigt sich, daß sich der Staat nicht auf diese ihm von den Liberalen zugedachten Aufgaben reduzieren läßt, sondern noch in anderer Form in das Wirtschaftsgeschehen eingreifen muß, um seine eigenen Grundlagen zu erhalten.

Bemerkt hat das chilenische Regime diesen Umstand an der Grundfrage des Geldes.

Im Zuge der Umgestaltung zu einer Marktwirtschaft ohne Wenn und Aber wurden die Gewerkschaften zerschlagen, die Abfindungen und das Streikrecht abgeschafft, und alles, was möglich war, privatisiert, so auch das Bildungswesen und das Pensionssystem.
Die Verminderung der Zölle und die Liberalisierung des Zugangs zu Devisen für einheimische Importeure führten schließlich zu einer immer stärkeren Abhängigkeit von Importen und einer negativen Handelsbilanz, und im Jahr 1982 zu einem mittleren Börsencrash, der auf den Auslandsschuldendienst Chiles und den Wechselkurs äußerst negative Folgen hatte.

In Folge des Beinahe-Bankrotts und der Rezession, in die Chile 1982 geriet, wurden die Chicago boys aus den einflußreichen Posten hinauskomplimentiert. Außerdem versuchte die Pinochet-Partie von da an so etwas wie staatliche Wirtschaftspolitik, um die Ökonomie Chiles zu diversifizieren und außer dem wichtigsten Produkt Chiles, dem Kupfer, auch noch andere Wirtschaftszweige zu entwickeln, mit denen Chile Devisen an Land ziehen konnte. Das waren der Obstanbau und die Waffenproduktion.

2. Das Kupfer

Außer den allgemeinen strategischen Überlegungen der Weltmacht Nr. 1, die in ihrem Hinterhof keine kommunistischen Experimente wollte, machte sich die Volksfront-Regierung mit ihrer Verstaatlichung der Kupferbergwerke in den Augen der US-Regierungen und des CIA vollends unmöglich.
Dazu muß man bemerken, daß die Idee, den Kupferabbau von den vor allem amerikanischen Aktionären zurückzukaufen oder auf andere Art in das Nationaleigentum Chiles zu überführen, nicht erst mit der Volksfrontregierung aufkam. Verschiedene Vorgängerregierungen hatten in dieser Richtung bereits gehandelt, so auch unter Allendes unmittelbarem Vorgänger Frei Montalva. Zunächst gelangte der chilenische Staat durch Aktienkäufe zu einer Mehrheit und durch eine Verfassungsänderung und dem Gesetz 17450 aus dem Jahr 1971, die vom Parlament einstimmig angenommen wurden, wurde der chilenische Staat schließlich der alleinige Besitzer der Kupferbergwerke.
Die Verstaatlichung der Kupferbergwerke wurde von der Militärregierung beibehalten. Hier gab es nichts mit Privatisierung oder Restitution. Es ist wahrscheinlich, daß Pinochet sich das bei seinen Verhandlungen mit seinen USA-Kollegen ausbedungen hatte. Es wurden zwar neue Konzessionen ausgegeben, aber die unter der Volksfrontregierung verstaatlichten Bergwerke blieben staatlich und wurden 1976 zu einem großen Konzern, CODELCO, vereinigt. Zumindest bis in die Mitte der 90-er Jahre mußte CODELCO einen Teil seiner Gewinne an das Militär abliefern. Einnahmen aus dem Kupferbergbau wurden also zur Finanzierung des Gewaltapparates verwendet.
Heute ist Chile der größte Kupferproduzent mit 27% Anteil an der Weltproduktion, CODELCO der größte Kupferkonzern der Welt. Außer dem Kupfer wird Molybdän, Silber und Gold abgebaut. Das Molybdän hat in den letzten Jahrzehnten als Härtungsmittel und Katalysator an Bedeutung zugenommen. CODELCO ist über verschiedene Kooperationen auch in den Produktionsgüter-Riege aufgestiegen und produziert selber Bergbautechnik.

Einerseits hat inzwischen jede chilenische Regierung durch die vereinigten Bemühungen der Regierungen von Allende und Pinochet Zugriff auf einen Teil der Gewinne, die aus den Bodenschätzen des Landes gewonnen werden.
Andererseits ist sie dadurch eben von den Weltmarktpreisen abhängig und die entscheiden darüber, ob in der Staatskasse Ebbe ist oder ob sie sich gut gefüllt präsentiert.

KupferChart
An dieser etwas älteren Graphik läßt sich erkennen, welche Sprünge der Kupferpreis macht, gerade um den Putsch von 1973 herum …

3. Normalität 2018

Seit Anfang der 90-er Jahre wurde wieder Demokratie „gewagt“ und Elemente des Sozialstaats und des Arbeitsrechts eingeführt – in Maßen, versteht sich.

Derzeit protestieren – wieder einmal – Schüler und Studenten gegen das Erbe der Militärdiktatur und der Chicago boys: Die gesamte höhere Bildung ist entweder in den Händen der Kirche, oder sie ist privatisiert, oder beides: Die jungen Leute müssen sich nach dem anglosächsischen System bis über die Ohren bei den Banken verschulden, um studieren zu können.


28 Antworten auf „Serie „Lateinamerika heute“. Teil 4: Chile“


  1. 1 Hinweis 11. September 2018 um 7:09 Uhr

    Chiles tragende Säule: Chiles Wohlstand basiert auf Kupfer

    Tjerk Brühwiller, Calama [in der NZZ vom 14.1.2014]

    (…) Mehr als ein Drittel aller ausländischen Direktinvestitionen floss in den letzten zehn Jahren in den Bergbau. Der Anteil der Privatunternehmen an der Kupferproduktion beträgt heute zwei Drittel, 1990 war es noch ein Drittel gewesen. Die Nachfrage aus Asien und der Boom des Kupferpreises ab 2004 sorgten ebenfalls dafür, die Rolle des Kupfers als Stützpfeiler von Chiles Wirtschaft zu festigen.

    Das robuste Wachstum des Landes und der gestiegene Wohlstand basierten zum grössten Teil auf den hohen Kupferpreisen der vergangenen Jahre, sagt Patricio Meller. Der Ingenieur und Ökonom war unter Präsident Lagos (2000 bis 2006) in der Direktion von Codelco, danach präsidierte er den Verwaltungsrat. Dadurch sei die Kupferproduktion zu einem hochrentablen Geschäft geworden, wovon nicht nur die vielen Bergbaufirmen, sondern vor allem auch der Staat profitiere. Ein grosser Teil der Gewinne wandert über Codelco nämlich direkt in die Staatskasse. Der Konzern generierte 2011 mehr als 12% der öffentlichen Einnahmen. Zusammen mit den Steuern der Privatfirmen hat das Land mehr als einen Fünftel seiner Einkünfte sowie auch die Speisung der Staatsfonds dem Kupfer zu verdanken. (…)
    Dass die Minenarbeiter jedoch mehr verdienen als die meisten Chilenen, ist bekannt. Das schnelle Wachstum des Sektors und der Mangel an Fachkräften treiben Saläre und Boni in die Höhe. In vielen chilenischen Minen verdient ein Lastwagenfahrer heute mehr als seine Kollegen in den USA.

    55 000 Beschäftigte zählt der gesamte Kupferbergbau im Land. Viele von ihnen leben in Calama. Die Stadt, rund 20 km von Chuquicamata entfernt, hat sich innert wenigen Jahren zum Zentrum der chilenischen Kupfergewinnung entwickelt; mehr als 30 Minen gibt es in der Region. Auf den Strassen Calamas wimmelt es von grossen Pick-ups, neu gebaute Siedlungen mit grünen Gärten bieten komfortablen Wohnraum zu horrenden Preisen. In den Shoppingcentern wird eifrig konsumiert. Jeder Job im Bergbau schaffe drei weitere Stellen, heisst es. (…)

    Chuquicamata und andere ältere Gruben: Die Filetstücke sind abgebaut, der Kupfergehalt des Erzes nimmt ab; lag er einst bei 1,5%, beträgt er heute noch 0,8%. Um die Tagesproduktion von 850 t Feinkupfer zu halten, werden in der Mine 100 000 t Kupfererz und – da nur eine Flanke der Grube erzhaltig ist – 500 000 t Gestein abgebaut. Die einst potenteste Mine und das Herzstück von Codelco hat in den letzten Jahren einen herben Effizienzverlust erlitten. Die Produktion sank 2012 auf 356 000 t, womit sie sich innert zehn Jahren halbiert hat.

    Um die Produktion zu halten, hat das staatliche Unternehmen einen der ambitiösesten Investitionspläne seiner Geschichte ausgearbeitet. Bis zu 25 Mrd. $ will Codelco in den kommenden fünf Jahren investieren, um verschiedene Projekte voranzutreiben. Eines davon betrifft auch Chuquicamata. Tief unten im Krater bohren sich die Maschinen in den Fels hinein zu den reichhaltigen Erzen. 18 km der Tunnel stehen bereits. In ihnen soll ab 2020 der Abbau unter Tag aufgenommen werden. Ein Problem hat Codelco allerdings: Die Gewinne des Unternehmens fliessen vollumfänglich in die Staatskasse, und über die Investitionen bestimmt der Finanzminister. Die Aufwendungen von Codelco stehen so in direkter Konkurrenz zu Investitionen im Gesundheits- oder Bildungswesen. Die Finanzierung sei eine der grössten Herausforderungen, lässt das Unternehmen verlauten; man schliesse eine Verschuldung nicht aus. (…)

    Steigende Produktionskosten und schrumpfende Gewinne hätten zur Folge, dass die Investoren sich nach anderen Anlageobjekten umsehen würden, sagt Patricio Meller. Letztlich hänge aber alles vom Kupferpreis ab; solange dieser hoch sei, werde sich nichts ändern. Und daran glaubt Meller. Die Nachfrage werde nicht zurückgehen, sagt er mit Blick auf Asien. China werde weiter wachsen, und wenn Indien dem Weg Chinas folge, werde Chile noch lange von seinem Kupfer profitieren. «Der Hauptgang kommt erst noch.» Meller geht so weit, dass er fordert, die Wirtschaft des Landes müsse sich noch viel stärker als bisher auf das Metall fokussieren. (…)
    Wenn sich Indien nicht im selben Tempo wie China entwickeln sollte oder neue, günstigere Produzenten wie zum Beispiel Peru hinzukämen, würden die Kupferpreise mittelfristig sinken – mit ernsthaften Folgen für Chile. Sinke die Notierung auf ein langfristig tieferes Niveau, gehe die Rechnung Chiles nicht mehr auf.
    Wie stark die chilenische Wirtschaft mit dem Kupferpreis steht und fällt, zeigt die derzeitige Entwicklung. Nach Jahren mit einem Wirtschaftswachstum von 5% und mehr muss Chile 2013 mit einem Wachstum von 4% bis 4,5% rechnen. Hauptgrund sind die nachlassende Nachfrage Chinas und die dadurch tieferen Kupferpreise. (…)
    Codelco liefert 100% der Gewinne an den Staat ab und ist dank den hohen Kupferpreisen inzwischen für mehr als 10% der öffentlichen Einnahmen verantwortlich. Auch operativ ist der unternehmerische Spielraum beschränkt, da der Staat das Codelco-Budget festlegt. Kommt dazu, dass das Staatsoberhaupt die Führung des Konzerns bestimmt. (…)
    Es würden 83% der Chilenen gar einer kompletten Verstaatlichung des Bergbausektors zustimmen. Das Misstrauen der Chilenen gegenüber den privaten Bergbaukonzernen dürfte unter anderem darauf zurückzuführen sein, dass diese in Chile lediglich eine moderate Unternehmenssteuer auf ihre Gewinne entrichten, aber keine Konzessionsgebühren zahlen. Da es sich bei den meisten privaten Bergbaukonzernen um ausländische Firmen handelt, bleibt nur ein verhältnismässig bescheidener Anteil der Gewinne aus dem lukrativen [privaten] Rohstoffgeschäft im Land.

    https://www.nzz.ch/wirtschaft/chiles-tragende-saeule-1.18220429

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    Der Peso verliert, der Kupferpreis stürzt ab – und dennoch wird Chile dieses Jahr am stärksten wachsen in Lateinamerika. (…)
    Auch sonst geniesst das Andenland in Lateinamerika wirtschaftlich den Ruf des Klassenbesten
    Doch genau diese volkswirtschaftliche Öffnung ist seit einigen Wochen für Chile zum Problem geworden: Die wachsenden Spannungen in der Weltwirtschaft wirken sich sofort auf die Wirtschaft des Landes aus. So ist der Kupferpreis seit Mitte Juni zeitweise um 18% gesunken. Etwa die Hälfte der Exporte Chiles besteht aus Kupfer – das grösstenteils auch noch nach China verschifft wird. Kupfer ist der wichtigste Faktor für die Konjunkturentwicklung. 13% des Bruttoinlandproduktes (BIP) Chiles hängen von ihm ab. Preis und Absatz des roten Metalls bestimmen über den Zustand des Staatshaushaltes, die Stärke des Peso und letztlich die Leistungsbilanz.
    Gleichzeitig belasten die steigenden Erdölpreise die Handelsbilanz: 16% aller Importe des energiearmen Andenlandes entfallen auf Öl. Für JP Morgan ist Chile in Lateinamerika das anfälligste Land für Handelsspannungen und externe Risiken. Die lokalen Finanzmärkte haben denn auch sogleich reagiert: Zeitweise gewann der Dollar 13% gegenüber dem Peso. Die Börse in Santiago hat seit Jahresbeginn an Wert eingebüsst und bildet nach Buenos Aires das Schlusslicht in der Region.
    Umso erstaunlicher ist, dass Chile trotz der Zitterpartie auf den Finanzmärkten und drohendem Handelskrieg dieses Jahr rekordmässig wachsen wird. Der Internationale Währungsfonds (IMF) hat gerade die BIP-Wachstumsprognose für 2018 auf 3,8% (von 3,4%) angehoben – während die Experten in Washington die Aussichten für ganz Lateinamerika nach unten revidiert haben. (NZZ, 28.8.18)

    https://www.nzz.ch/wirtschaft/die-chilenen-wollen-die-fruechte-des-wohlstandes-ernten-ld.1415315

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    Der Einsturz der Mine San José in Chile

    Ein Bergwerksunglück ist eigentlich nichts Besonderes. Weltweit kommen ständig Bergleute ums Leben. Der Abbau in der Tiefe ist gefährlich, die Rentabilität der Minen verlangt, dass gewisse Risiken eingegangen werden, und mit der Bereitschaft zu höheren Risiken können auch höhere Renditen erzielt werden. Das gilt überall, wo der Staat dafür sorgt, dass der Bergbau marktwirtschaftlich betrieben wird. Und eben auch in einer Bergbaunation wie Chile, wo die Arbeit in den Minen einen großen Teil des nationalen Reichtums schafft.

    https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/einsturz-mine-san-jose-chile-unglueck-bilderbuch

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    https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/pinochet-verhaftet

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    Pinnwände etc zu Chile:

    a) https://amerika21.de/geo/chile

    b) https://amerika21.de/pressespiegel/4

    c) https://lateinamerika-nachrichten.de/laender/chile/

    d) http://www.trend.infopartisan.net/trd0606/t440606.html

    https://www.youtube.com/watch?v=Ry7KHOjSLvY

  2. 2 Nestor 11. September 2018 um 10:09 Uhr

    Diese San José-Mine, wo 2010 die spektakuläre Rettungsaktion stattfand, ist eine seltsame Angelegenheit. Sie existierte nämlich seit dem 19. Jahrhundert, wurde aber bei der Verstaatlichung 1971 nicht erfaßt, sondern blieb weiter privat.
    Der Grund kann sein, daß dieses Bergwerk lange hauptsächlich Silber förderte und erst später auf Kupfer und Gold umstieg.

    Nach dem Grubenunglück von 2010 wurde sie geschlossen, wobei die Eigentümer auch ihren – inzwischen gesetzlich verankerten – Abfindungsverpflichtungen nicht nachkamen. Deswegen ist bis heute eine Klage der betroffenen Bergleute anhängig, allerdings gegen den Staat, der die Firma nicht zur Zahlung verpflichtet hat.

  3. 3 Nestor 13. September 2018 um 15:59 Uhr

    Oh, oh! Der neue Präsident übt sich in Allende-bashing:
    https://amerika21.de/2018/09/212367/chile-pinera-allende-salvador-demokratie

    Das verheißt nichts Gutes für die chilenische Bevölkerung – mit dergleichen Anwürfen gegen die Volksfrontregierung soll wohl Sozialabbau eingeleitet werden.

  4. 4 Historicus 15. September 2018 um 7:09 Uhr

    Darüber, wie [wenig] revolutionär manche linke Regierung in Lateinamerika aufgestellt ist, geben auch folgende Zeugnisse Kunde, die anlässlich des Jahrestages des Putsches gerade aktuell von der G r a n m a veröffentlicht wurden:

    „Allende war zu Beginn des Putsches vom 11. September [1973] um das Schicksal seines „Freundes“ Pinochet besorgt, der, wie er noch glaubte, im Kampf gegen die Verschworenen den Tod gefunden haben musste.“
    Etwas später, ebenfalls schon während des Putsches, verkündete Allende seine Visiont:
    „„Arbeiter meines Vaterlandes: ich habe Vertrauen in Chile und sein Schicksal. Andere Männer werden diesen grauen und bitteren Moment überwinden, in dem der Verrat sich durchsetzen will. Seid Euch weiterhin dessen bewusst, dass viel eher als später die großen Alleen geöffnet sein werden, durch die der freie Mensch ziehen wird, um eine bessere Gesellschaft zu errichten.“
    Und in seiner Abschiedsrede im Radio verlas Allende „die Liste der Anklagepunkte gegen die militärische Untreue, die Ambitionen der nationalen Oligarchie und deren Unterwerfung unter Washington…“

    http://de.granma.cu/mundo/2018-09-11/die-momentane-niederlage-einer-idee-die-nicht-gesturzt-werden-kann

    Der Spruch an die Arbeiter: „Seid Euch weiterhin dessen bewusst, dass viel eher als später die großen Alleen geöffnet sein werden, durch die der freie Mensch ziehen wird, um eine bessere Gesellschaft zu errichten“ ist dabei in seinem Pathos sehr abwartend, denn, dieser Konzeption zufolge, muss der Arbeiter auf bessere Zeiten warten, in denen ihm von oben der Weg bereitet worden ist. Dieses Vertrauen darauf, dass von oben die besseren Zeiten einzurichten wären, ist gerade in diesem Falle schockierend uneinsichtig.

    --

    Zur Unidad Populär gab es bei deutschen Linken damals zeitgenössische Berichte. Den Artikel aus der Münchener Studentenzeitung zum Putsch in Chile (1973) habe ich aber leider nur als Scann der gesamten Zeitung gefunden. Erst die späteren Artikel der MG wurden anscheinend digitalisiert.

    https://www.mao-projekt.de/BRD/BAY/OBB/Muenchen_VDS_004/Muenchner_Studentenzeitung_19731102.shtml

    http://www.msz1974-80.net/MIR.html (1974)

    http://www.msz1974-80.net/Chile.html (1976)

    https://msz.gegenstandpunkt.com/artikel/freiheit-statt-sozialismus (1985)

    Freiheit statt Sozialismus in Chile
    SCHEITERT DIE DIKTATUR AN IHREN ERFOLGEN?
    „Die Chilenen sind nicht irgendein farbiges Entwicklungsvolk, sie sind eine große Kulturnation mit ungeheurer Tradition.“ (Franz Josef Strauß)
    Als General Augusto Pinochet im September 1973 den demokratisch gewählten Präsidenten Allende stürzte und ermorden ließ, stieß das chilenische Militär im Freien Westen auf viel Verständnis: Wie anders als per Putsch und Gewalt lässt sich schließlich die Freiheit vor der sozialistischen Gefahr retten, wenn ein „verführtes“ Volk mehrheitlich hinter seiner Volksfrontregierung steht und befürchtet werden muss, dass es die wieder wählt? 15 Jahre später, im Oktober 1988, fordert die Freie Welt nachhaltig den Abgang Pinochets und seine Ersetzung durch einen Präsidenten, der aus demokratischen Wahlen hervorgegangen ist. Was haben sie denn auf einmal gegen ihren Freiheitshelden in Chile? Wie man ein Land reif für die Demokratie macht…

    https://msz.gegenstandpunkt.com/artikel/scheitert-die-diktatur-ihren-erfolgen

  5. 5 Nestor 15. September 2018 um 12:53 Uhr

    Ja, die MüSz habe ich leider nicht mehr digitalisiert, weil keine Zeit dafür.

  6. 6 Samson 23. September 2018 um 16:00 Uhr

    Die Pinochet-Partie legte nämlich Wert darauf, durch möglichst öffentliches Zeigen ihrer Brutalität den mit der Volksfrontregierung sympathisierenden europäischen Regierungen zu zeigen: Haltet euch da raus, jetzt sind wir dran!

    Mir ist das bischen anders in Erinnerung, und zwar in zwei Versionen, die aber politisch passen täten. Jemand, der in den frühen 1970ern von einem in die DDR geflohenen Chilenen Spanisch lernte, erzählte mal, dass seinerzeit die ‚Basis‘ der Unidad Popular resp. die in Gewerkschaften Organisierten sehr wohl ahnten/wussten, dass irgendwas-im-Busch war und Allende aufforderten, die Arbeiter zu bewaffnen, um die sozialen Errungenschaften der Volksfrontregierung zu verteidigen, dieser das aber ablehnte und bis zuletzt nicht wahrhaben wollte, dass sein früherer Vertrauter Pinochet die Seite gewechselt hatte. Immerhin war der erst kurz vorher zum Oberkommandierenden ernannt, und zwar auf Vorschlag seines gerade zurückgetretenen Vorgängers, der merkwürdigerweise ein Jahr später selber Opfer eines Attentats wurde.

    Die zweite Version bezieht sich ausdrücklich auf tatsächliche europäische Sympathisanten, den Ostblock nämlich. In einem Film über Allendes letzte Stunden (Titel hab ich vergessen), der gelegentlich spätabends oder nachts auf 3sat, arte etc. läuft, wird gesagt, 1) war Allende kurz vor dem Putsch auf ‚Tournee‘ u.a. bei Breshnew und wollte einen Kredit, bekam aber eine Abfuhr, 2) habe die SU-Regierung via ‚Geheimdienst-Kanäle‘ der US-Regierung ’signalisiert‘, die Füße still zu halten, falls die in ‚ihrem Hinterhof aufräumen‘ wollten o.s.ä.

    Über Breshnews Gründe zu spekulieren erscheint (mir) müßig, mit den vielgepriesenen Internationalismus hatte das jedenfalls wenig zu tun. Vielleicht war auch Vietnam seinerzeit der ‚heißere Brandherd‘ im sog. Kalten Krieg (wenn das mal kein Paradoxon ist :evil: ).

    Die Frage wäre hier einerseits, wie souverän der chilenische Staat resp. die Staatsmacht da gewesen sein soll, um gegnerisch eingestellten Regierungen zu signalisieren, die mögen sich gefälligst raushalten o.s.ä. und andererseits, wer mit wem tatsächlich sympathisierte. Und die Gründe für derlei ‚Sympathien‘ sind m.E. ebenso ökonomischer Natur wie die sozialen Errungenschaften der Volksfrontregierung ausschließlich ideologisch begründet wurden.

  7. 7 Hinweis 23. September 2018 um 21:35 Uhr

    Das Zitat von nestor habe ich auch noch mal oben im Ausgangsthread nachgelesen. Stimmt, damals gab es sog. „Eurokommunisten“ in Europa, die vielleicht Sympathien mit der Unidad Popular gehabt haben mögen. Regierungsbeteiligungen hatten die aber, meiner Erinnerung zufolge, nicht (mit Ausnahme einer kurzen Periode in Frankreich vielleicht).
    https://de.wikipedia.org/wiki/Parti_communiste_fran%C3%A7ais#1970er_Jahre
    Also nix mit Sympathien in europä. Regierungen!
    Grad umgekehrt, waren die europäischen Christdemokraten solidarisch mit den Pinochet-Henkern, nicht nur Franz Josef Strauß hat sich da lauthals als Antikommunist mit Sympathien fürs Kommunistenabschlachten positioniert.

    Samsons erste Version habe ich auch so in Erinnerung, meiner Erinnerung zufolge hat sich wegen der in der Partei virulenten Bewegung die Sozialistische Partei nach dem Putsch im Exil in der DDR gespalten.
    https://www.deutschlandfunk.de/die-freiheit-in-jene-machtigen-mulltonnen-unter-der.media.26b91850eda8d0813c0caaab8eae60c1.pdf
    (vgl. dort S. 21)
    Ein Teil hat damals mit der MIR zusammengearbeitet, die Jugendorganisation sowieso schon vor dem Putsch.
    inzwischen ist die Sozialistische Partei wieder vereint,
    und lobt die chilenische Demokratie.

    Was das aber nun mit Nestors Ausgangszitat zu tun hat, weiß ich nicht so recht.

    Zu Version 2 von Samson fällt mir nur ein, dass damals die Rüstungskontrollpolitik zwischen den USA und der UdSSR angelaufen war – und zwar damit, die eigenen Atomraketen dadurch wirkungsvoll zu erhalten, dass die Gegenseite sich verpflichtete, die Abwehrraketen gegen sie, die ABM-Waffen, [ausgerechnet…] zu begrenzen …
    [Der Chile-Putsch war 1973.]

    26.05.1972: Leonid Breschnew und Richard Nixon unterzeichen das SALT-1-Abkommen. Darin werden die strategischen Offensiv- und Defensivwaffen begrenzt. Der ABM-Vertrag sieht die Begrenzung von 200 Abfangraketen auf zwei Gebiete/Areale vor.

    03.07.1974: Die USA und die Sowjetunion einigen sich auf eine weitere Begrenzung um jeweils die Hälfte. Von nun an sind nur noch 100 Abfangraketen für jeweils einen Standpunkt vorgesehen.

    https://www.atomwaffena-z.info/geschichte/ruestungskontrolle/abm-vertrag.html

  8. 8 Samson 23. September 2018 um 23:03 Uhr

    Nachtrag:
    Abgesehen davon, wie man das Zustandekommen südamerikanischer Militärdiktaturen politisch bewerten mag, ist es m.E. wenigstens ‚blauäugig‘ anzunehmen, auch nur eine einzige europäische Regierung außerhalb des Ostblocks habe seinerzeit ernsthaft mit Allende sympathisiert.

    Offizielle Geschichtsschreibung ist zwar, hinter jeder Schweinerei habe in letzter Instanz die CIA als Inspirator, Auftraggeber etc. gestanden, aber ‚Unternehmungen‘ wie Operation Condor belegen hinreichend, dass die Europäer ihre dreckigen Finger zumeist ebenso im Spiel hatten. Offenen Terror gegen die ‚eigenen Leute‘ praktizier(t)en Faschisten, die sich an die Macht putschen, ebenso wie bewaffnete Organe im Auftrag demokratisch gewählter Regierungen. Nicht von ungefähr heißt eine Variante davon französische Doktrin

    Das ‚Model‘ westeuropäischer ‚Wohlfahrtsstaaten‘ basierte eben nicht, wie die Legenden behaupten, auf US-Krediten, sondern wesentlich auf gemeinsamer Ausplünderung der sog. ‚Entwicklungsländer‘, ‚3. Welt‘ etc. Wer da nicht (mehr) mitspielen wollte, stand mehr oder weniger auf der Abschussliste, egal ob er, wie Allende Staatspräsident oder wie Aldo Moro grad ‚nur‘ Parteichef war oder gar wie Alfred Herrhausen ein für einen Banker „untypisches Interesse für die Belange der Dritten Welt“ o.s.ä. entwickelte und „… einen teilweisen Schuldenerlass für Entwicklungsländer auf einer Tagung der Weltbank in Washington im Jahre 1987“ forderte.

    Solche Leute sind inzwischen für die Geschäfte des längst transnational agierenden Kapitals weit gefährlicher als in sich ohnehin zerstrittene ‚Aufstandsbewegungen‘ und werden, weil sie nicht ohne weiteres auf bedeutungslose Posten abgeschoben werden können, eben ‚beseitigt‘. Ersetzt werden sie stets durch Leute, die halt ‚typische Interessen‘ vertreten … :mrgreen:

    @Hinweis
    Ich hab mit Absicht genau die Stelle von Nestor zititiert, weil ich eben bezweifle, dass irgendeinde Regierung von-sich-aus mehr anstellen kann, als meinetwegen Voraussetzungen, Bedingungen etc. zu schaffen, unter denen das Kapital profitabel agieren kann. Genau das haben bspw. die sog. Chicago boys gemacht, auf die Nestor m.E. zu Recht hinweist. Ob das historisch als meinetwegen ‚neoliberaler Testballon‘ einzuordnen wäre, lässt sich so ohne weiteres nicht sagen. Ich würde es aber bezweifeln.

    In keinem Fall aber kann eine Regierung mit Terror gegen die ‚eigenen Leute‘, wie Nestor behauptet, anderen Regierungen deren Antipathien ‚nehmen‘ oder gar ‚umdehen‘.

    Warum sich die chilenischen Sozialisten in der DDR zerstitten haben, lässt sich pauschal vermutlich kaum beurteilen, fraglich vor allem, ob es mit der Entwicklung in der DDR zu tun hatte, und wenn, dann ist m.E. noch zweifelhafter, welchen Grund die hatten, sich hinterher ‚wiederzuvereinigen‘. Die ‚Rückkehr zur Demokratie‘ in Chile hat m.E., ähnlich wie bspw. in Südafrika mehr mit der meinetwegen ‚geopolitischen Großwetterlage‘ zu tun als mit Demokratie als erstrebenswerter Staatsform.

    Viel blöder erscheint mir in dem von dir verlinkten Text, was José Rodriguez Elizondo auf Seite 7 zum proletarischen Klassenbewusstsein vom Stapel lässt. Klar ist es Quatsch, wenn (Partei)Kommunisten fordern, alle haben erstmal, unabhängig von ihrer Qualifikation, in die Produktion zu gehen. Aber noch idiotischer ist es, wenn vermeintliche Intellektuelle vermeintlich attraktivere Angebote ins Feld führen, um sich weigern zu können. Aus dieser Perspektive lässt sich nämlich gegen das Kapital resp. die Marktwirtschaft überhaupt nix sagen.

  9. 9 Hinweis 24. September 2018 um 7:36 Uhr

    Einverstanden, dass Westeuropa nicht mit der Allende-Regierung sympathisiert hat. Einzig Spanien war dabei nicht mal groß eine Ausnahme – war aber als zugewiesener und selbst ausgesuchter „Betreuer“ für spanische und gesateuropäische Interessen in Lateinamerika möglicherweise nach außen hin in einer atwas anderen Art der Selbstdarstellung ihrer Politik unterwegs …
    Das waren aber allenfalls kosmetische Differenzen, wie Felipe Gonzales später auch darin deutlich machte, dass Pinochet viel friedlicher gewesen sei als Maduro heute.
    http://www.rebelion.org/noticia.php?id=203922
    Nachdem Pinochet nicht mehr in Amt und Würden war, ist er bekanntlich mittels des Haftbefehls eines spanischen Staatsanwaltes in London festgehalten worden. Wohlgemerkt: das alles aber erst, als die Diktatur vorbei war – und Spanien sich Einflüsse auf das Nach-Pinochet-Chile erarbeiten wollte…

    (Die sozialistische Partei Chiles hatte sich übrigens meiner Erinnerung zufolge in der DDR in mindestens drei Flügel gespalten… – und dass nach Pinocht zunächst die angeblich sauber gebliebenen Frei-Christdemokraten, und danach dann die Sozialdemokraten, ans Regieren kommen durften, das hatte dann wirklich mit der Abschaffung des Ost-West-Gegensatzes im Weltmaßstab zu tun, damals hat sich ja auch andernorts dies und anderes geändert, nicht nur in Südafrika.)

  10. 10 Nestor 26. September 2018 um 8:11 Uhr

    @Samson & Hinweis

    1. innerhalb Chiles

    Es war eben nicht die „Basis der Unidad Popular“, die die Bewaffnung der Bevölkerung forderte, sondern MIR, die „Bewegung der Revolutionären Linken“. Damit gerieten sie in Gegensatz zur offizellen Linie der „Revolution in der Legalität“ und wurden vor allem von der Kommunistischen Jugend heftig bekämpft.

    Was Pinochet angeht: Die USA suchten jahrelang nach jemandem, der die Drecksarbeit machen würde. Das chilenische Militär war aber loyal. Der erste Oberkommandierende der Streitkräfte, Schneider, wurde entführt, unter Druck gesetzt und nach seinem „Nein!“ ermordet. Sein Nachfolger, Prats, wurde mit einer Intrige aus dem Amt entfernt und später in Buenos Aires ermordet, um nicht zu viele Details zu verraten.
    Pinochet und Co. tarnten sich lange als Sportverein und betrieben ihre Verschwörung, sodaß Prats nicht mitbekam, daß er sich inzwischen zum Mann der USA gewandelt hatte, als er ihn zu seinem Nachfolger ernannte.

    2. Europa

    Daß die sozialistischen Staaten Osteuropas mit der Volksfront-Regierung sympathisierten, ist klar. Die Geschichte mit dem Kredit und Breschnjew würde ich nicht überschätzen: Ich denke, daß auch ein Kredit der Regierung nichts geholfen hätte, weil sie ja sowieso auf der Abschußliste von CIA und Pentagon stand. Es mag sein, daß die sowjetische Führung das ähnlich sah – daß diese „Revolution in der Legalität“ so oder so zum Scheitern verurteilt ist, weil die USA das nicht dulden würden.
    In Westeuropa waren es nicht nur die Eurokommunisten, sondern auch die sozialdemokratischen Regierungen Deutschlands, Schwedens und Österreichs, die hofften, über die Volksfrontregierung Chiles ihren Fuß in den Hinterhof der USA setzen und mit Lateinamerika ins Geschäft kommen zu können, und das wurde ihnen sowohl von den USA als auch von Pinochet & Co. sehr übel genommen.

  11. 11 Nestor 26. September 2018 um 8:22 Uhr

    @Samson

    Die Frage wäre hier einerseits, wie souverän der chilenische Staat resp. die Staatsmacht da gewesen sein soll

    Pinochet && Co. hatten freie Hand, sie sollten ein Exempel statuieren und anderen lateinamerikanischen Staaten auch die Rute ins Fenster stellen, oder ein Vorbild abgeben. Das nützten sie weidlich aus, und mit Erfolg:

    März 1976: Putsch in Argentinien, Militärregierung bis 1983

    In Paraguay war sowieso Stroessner seit geraumer Zeit an der Macht, und wurde dort gerne gesehen.

    Der Putsch in Uruguay war übrigens 2 Monate vor dem in Chile, über Zusammenhänge kann man nur spekulieren bzw. ich habe jetzt nicht die Zeit, da lange herumzusurfen. Aber es kann schon sein, daß US-Experten, die dort als Berater tätig waren, dann nach Chile reisten.

    Alles im Rahmen der Operation Condor, die inzwischen relativ gut dokumentiert ist, u.a. durch die 1992 in Paraguay aufgetauchten Archive des Terrors.

  12. 12 Hinweis 26. September 2018 um 11:15 Uhr

    „In Westeuropa waren es nicht nur die Eurokommunisten, sondern auch die sozialdemokratischen Regierungen Deutschlands, Schwedens und Österreichs, die hofften, über die Volksfrontregierung Chiles ihren Fuß in den Hinterhof der USA setzen und mit Lateinamerika ins Geschäft kommen zu können…“

    Ja, es gab damals so etwas wie eine „Sozialistische Internationale“ unter Willy Brandt u.a., die in Buenos Aires, Santiago u.a. Dependancen der Friedrich-Ebert-Stiftung einrichteten, um dort mehr Einfluss gewinnen zu können. Und generell gab es verstärkte Versuche, überall auf dem Weltmarkt neben ökonomischen Exporterfolgen dort auch politisch präsent werden zu wollen.

    Dass die Amis das als Eingriff in ihre Hemisphäre betrachtet haben, wird so sein. Aber in der SPD hatte sich ja, in der Spätzeit der Regierung Brandt, eher der Entschluss breit gemacht, es mit den Amerikanern unter gar keinen Umständen verderben zu wollen. Und so hat Kanzler Schmidt, SPD, dann ja angeboten, die Fläche der BRD zum Stationierungsland für die PershingII-Raketen der Amerikaner herrichten lassen zu wollen, um sich so als für die USA unverzichtbarer Bündnispartner nachhaltig aufzubereiten.
    Dass die Amis trotzdem das erstarkende Herumfuhrwerken der BRD und der EU auf dem gesamten Globus als [‘potentiell‘] bedrohlich für die Stellung der USA haben kennzeichnen wollen, stimmt also auch. Erst recht in ‚ihrem Hinterhof‘.
    (Im Fall von Schweden gab es nach dem Tod von Olaf Palme allerhand Gerüchte, wer den als störend habe beseitigen lassen. Aufgeklärt worden ist der Fall meines Wissens nicht.) Auch ansonsten haben die Amis viel Geld aufgebracht, um ihre Vasallen in Europa zu schmieren, von Italien bis Deutschland. (Diverse kritische Dichter- und Intellektuellenzeitungen im Nachkriegs- Europa, sowieso…)
    Dass es in ihrer Weltordnung letztlich und vor allem gemäß ihrer Richtlinienkompetenz zuzugehen habe, war das A und O der Amis. In den Ländern, die sie als ihren Einflussbereich definiert hatten, sowieso.

  13. 13 Hinweis 26. September 2018 um 13:43 Uhr

    Die Nachhaltigkeit, mit der der american way of life, die Geltung amerikanischer Interessen und die weltweite ‚Orientierung‘ an ihnen überall – und vor allem in Lateinamerika und Europa – propagiert und praktiziert wurde, fällt im Nachhinein daran auf, wie sehr ein globales Herumwuseln der Chinesen nicht nur entlang ihrer Seidenstraße heutzutage hier in D als ziemlich skandalös dargestellt wird.

    Weltweiter Regelsetzer zu sein (bzw. werden zu wollen) heißt eben vor allem, dass alle möglichen Konflkte und Gewaltfragen als bereits vorab entschiedene dann nicht mehr blutig ausgetragen werden müssen, so dass die Weltordnung als eine des globalen Friedens erscheint. Dafür, dass die als zwingend präsent bleibt, wurde im Kalten Krieg immer wieder mal ein unbotmßig gewordenes Land blutig auf Linie gebracht.
    Und darum haben Kissinger und Co. schon damals daraus kein großes Geheimnis daraus gemacht, wer hinter der Operation Condor gesteckt hat:
    „Pinochet && Co. hatten freie Hand, sie sollten ein Exempel statuieren und anderen lateinamerikanischen Staaten auch die Rute ins Fenster stellen, oder ein Vorbild abgeben.“ (Nestor)

  14. 14 Nestor 27. September 2018 um 14:36 Uhr

    Zu der Geschichte mit dem Kredit und Breschnjew faellt mir noch Folgendes ein:
    In Chile gab es unter anderem einen grossen Streik in einer oder mehreren Kupferminen, weil die Arbeiter nicht einsehen wollten, dass die Gewinne aus den endlich verstaatlichten Minen nicht ins Budget, sondern in den Schuldendienst fließen müssen.
    Es mag sein, dass Allende aus diesem Grund in der SU war. Damit hat er sich natürlich noch mehr unmöglich gemacht bei den Amis.
    Die SU vergab aber damals prinzipiell keine Devisenkredite an niemanden, weil sie damit beschaeftigt war, überhaupt Devisen zu erwirtschaften, um solche High Tech-Importe wie Getreide zu finanzieren.

  15. 15 Hinweis 25. Oktober 2018 um 7:49 Uhr
  16. 16 Brechreiz 29. Oktober 2018 um 21:33 Uhr

    Politikr, die das Militär rufen, sagen damit ja ein Stück weit: wir sind im nationalen Notstand. (Das ist Definitionsfrage, was man da genau als solchen bezeichnen will. Oft gibt es sogar noch Gesetze, die angeblich regeln, wann man sie verlassen darf.
    Aber auch die Nazis wurden ganz normal gewählt mit dem Notstandsprogramm: wir wollen ins Parlament, um es zuzusperren.)

    Aber zu sagen, diese Außerkraftsetzung demokratischer Verfahrensweisen, das braucht gar keinen besonderen Notstandsanlass. Mein ganzes Programm ist bereits, dass die Definition gelten soll, dass hier Notstand herrscht. So definiere ich unseren staatlichen Alltag.

    An dem wird anschließend einzig nur geändert, dass meine Anhänger gegen als Linke Verrufene vorgehen sollen, und dafür kriegen sie Waffen. Die gehören nicht zu uns, die vertreiben oder killen wir. Obendrein bauen wir das Militär in die ansonsten zivile Regierung ein. Und das feiern wir, dass wir die Wahl gewonnen haben. Denn wir befinden uns ja in einem furchtbaren Notstand.

    „Erklärbar“ wird mir das nur so, dass der Wahlgewinner gemeint hat, damit kann er die Wahl gewinnen. Weil – so denke eine Mehrheit, die ihn dann ja auch dafür gewählt hat, dass da einer mal durchgreifen solle. Wenigstens haben dann die nationalen Schädlinge nichts mehr von der Politik (und – „nur“ – daran erfreue ich mich, wenn ich feststelle, dass es mir schlecht geht).

    Wahlprogramm, das hierzulande kommuniziert wurde, ist einzig, dass der Kandidat sich als Held habe feiern lassen, damit man gegen innere Gegner seines Staatsprogramms losschlagen wolle.
    D a s ist schon sein Programm???

    https://www.jungewelt.de/artikel/342972.bolsonaro-wird-pr%C3%A4sident-faschist-an-der-macht.html

    http://www.fr.de/politik/stichwahl-in-brasilien-zeitenwende-in-brasilien-a-1610146

  17. 17 Hinweis 30. Oktober 2018 um 7:45 Uhr

    Das letzte Mal war Brasilien in der hiesigen Presse ziemlich groß präsent als Merkwürdigkeit des – scheinbaren … – Aufstieges eines ‚Schwellenlandes‘ in die Elite der Weltherrschaften, welches man fortan zu Weltwirtschaftsgipfeln, Umweltgipfeln etc. einzuladen habe …

    Brasiliens Aufstieg – eine imperialistische Erfolgsstory
    Land und Volk im Dienst kapitalistischen Wachstums und nationaler Macht

    Im Fall des brasilianischen Lula hat sich schnell herausgestellt, dass seine Klagen über den „Ausverkauf“ der Nation und seine Empörung über Hunger und Elend seines Volkes nie als Einspruch gegen die Rechnungsweisen der kapitalistischen Weltökonomie gemeint waren. Seine Unzufriedenheit gilt dem mangelnden Erfolg der Bemühungen Brasiliens, den Status des ewigen Schwellenlandes zu überwinden: Den Zustand der Volksmassen wie der heimischen Ökonomie nimmt er als Zeichen dafür, dass das große Brasilien nicht den Platz in der Konkurrenz der Nationen einnimmt, der ihm nach seiner Auffassung zusteht. Diesen Zustand will er mit aller Macht korrigieren. Dafür werden Land und Leute – koste es sie was es wolle – als produktive Basis hergerichtet und damit alle Hoffnungen des Volkes auf ein besseres Leben auf diesen nationalen Erfolgsweg verpflichtet.
    Dass Brasilien in der „Ära Lula“ den Sprung in die Liga der Wirtschaftsmächte geschafft hat, verdankt sich allerdings nicht einfach dem nationalistischen Willen seiner Anführer zur Korrektur der Konkurrenzverhältnisse, der weder früheren Militärdiktatoren noch späteren zivilen Regierungen fremd war, sondern einer veränderten Weltmarkt- und Weltmachtlage. Die verschafft Brasilien neue Mittel und Gelegenheiten für das staatliche Bedürfnis nach nationalem Erfolg auf dem Weltmarkt und in der Konkurrenz der Mächte…

    … – und diese imperialistische ‚Erfolgsstory‘ erläuterte der GSP noch 2011

    https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/brasiliens-aufstieg-eine-imperialistische-erfolgsstory

    -----

    Außerdem: diverse linke Pinnwände u.a. zu Brasilien:

    https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/suche?modus=AND&volltextsuche=Brasilien

    https://amerika21.de/pressespiegel/3

    https://lateinamerika-nachrichten.de/tag/brasilien/

    https://amerika21.de/geo/brasilien

    https://www.ila-web.de/search/global/brasilien

    https://www.iz3w.org/search?SearchableText=Brasilien

    ----

    Ein zusammenfassender Artikel über „die aktuelle Lage“

    Von Raul Zelik, Rio de Janeiro:
    Die Rechte und die «Überflüssigen»

    Die reaktionäre Identitätspolitik beherrschte den Wahlkampf, die soziale Misere spielte keine Rolle.

    aus: WOZ, Nr. 43/2018 vom 25.10.2018

    https://www.woz.ch/1843/brasilien/die-rechte-und-die-ueberfluessigen

  18. 18 Hinweis 30. Oktober 2018 um 9:52 Uhr

    Eine Analyse der aktuellen Lage Brasiliens von
    Fabio Luis Barbosa dos Santos
    (Professor, São Paulo und Autor von ‚Jenseits der PT. Die Krise der brasilianischen Linken‘)

    Brasilien: Zum Verständnis der Wahlen

    Das, worüber die Bourgeoisie streitet, ist die politische Form der Verwaltung der brasilianischen Krise. Wer wird das Gesicht der institutionellen, juristischen und kulturellen Ordnung sein, die die ‚Neue Republik‘ ersetzen, die endgültig zum Scheitern verurteilt ist? (…)
    Wer auch immer gewinnt, wird die Probleme des Neoliberalismus mit noch mehr Neoliberalismus bekämpfen (23.10.18)

    https://amerika21.de/analyse/215581/brasilien-verstaendnis-wahlen-2018

    ---

    Rückblick auf 2014: WM und Korruption …
    (aus Sicht des dt. Gewerkschaftsbundes)

    http://gegenblende.dgb.de/artikel/++co++5ac52200-02cb-11e4-bb90-52540066f352

  19. 19 Hinweis 30. Oktober 2018 um 12:21 Uhr

    Niklas Franzen: Warum wählt Brasilien rechtsextrem?

    Aufstieg und Fall Brasiliens liegen dicht beieinander. In den 2000er Jahren boomte die Wirtschaft im größten Staat Lateinamerikas: Rohstoffexporte spülten jede Menge Devisen in den Haushalt, das Land baute die Agrarindustrie aus und entwickelte sich zum zweitgrößten Nahrungsmittelexporteur der Welt. Schon bald war Brasilien ein gefeierter Global Player und ein treibender Motor des internationalen Wirtschaftswachstums. Mit den Einnahmen aus dem Rohstoffgeschäft konnte die seit 2003 regierende sozialdemokratische Arbeiterpartei PT (Partido dos Trabalhadores) Sozialprogramme und steigende Mindestlöhne finanzieren. Millionen von BrasilianerInnen entkamen der Armut, der Hunger konnte fast komplett verbannt werden, mehr Schwarze und Arme schrieben sich, auch dank Quotenregelungen, an den Universitäten ein. Präsident Luiz Inácio Lula da Silva schied Anfang 2011 mit einer rekordverdächtigen Zustimmungsrate von über 85 Prozent aus dem Amt aus. Diese optimistische, ja geradezu überschwängliche Stimmung ist heute geradezu ins Gegenteil umgeschlagen.

    2013 geriet Brasilien aufgrund von Nachwirkungen der Weltfinanzkrise und sinkenden Rohstoffpreisen in eine schwere Wirtschaftskrise. Seitdem befindet sich das Land im Sinkflug. Millionen von BrasilianerInnen sind wieder auf Suppenküchen angewiesen, in den Krankenhäusern fehlen Medikamente, Beamte warten monatelang auf ihre Löhne. Die wirtschaftliche Talfahrt nahm im Jahr 2015 die Form einer schweren Krise des Staates und der Gesellschaft an, als das gigantische Ausmaß der Korruption im Lande ans Licht kam: Abgeordnete fast aller Parteien hatten sich von Unternehmen üppige Schmiergelder für die Zustimmung zu Projekten zahlen lassen. Ein Ermittlungsverfahren von historischer Bedeutung wurde eingeleitet und stürzte das Land noch tiefer ins Chaos. Die Hälfte der derzeit 594 Kongressmitglieder steht unter Verdacht, sich bereichert zu haben.

    (…)

    https://www.rosalux.de/publikation/id/39464/

    Niklas Franzen ist Journalist und Redakteur bei der Tageszeitung ‚Neues Deutschland‘. Im Oktober 2018 reiste er nach Brasilien, um von der Präsidentschaftsstichwahl zu berichten

  20. 20 Nestor 30. Oktober 2018 um 15:25 Uhr

    Ich muß mir das mit Brasilien irgendwann einmal genauer anschauen.

    Eine Sache ist die Erklärung mit ökonomischem Aufstieg und Fall. Dazu erinnere ich mich, daß im GSP-Umfeld auf dem Höhepunkt von Brasiliens Erfolg darauf hingewiesen wurde, daß Brasilien selbst gar nicht das Subjekt seines Aufstiegs war, sondern die gesteigerte Nachfrage des tatsächlichen Aufsteigers China.

    Aber es kommt noch einiges hinzu.

    Erstens, warum wurde Rousseff parlamentarisch weggeputscht? Das hat etwas mit den BRICS zu tun und den seinerzeitigen Plänen, auf bilateraler Basis Handel zu betreiben, um den Dollar als Zwischenstadion zu vermeiden.
    Von dem Projekt hört man, was Brasilien betrifft, inzwischen nichts mehr. Das dürfte unter Temer gestoppt worden zu sein, was den Außenhandel negativ beeinflußt, und die Krise verschärft – oder vielleicht auch hervorgerufen? – hat. Brasilien wollte doch Rußland großflächig mit allem Möglichen beliefern, als dieses die Lebensmittelimporte aus der EU stoppte.

    Das zweite, was mir auffällt: Diese Petrobras-Gesellschaft, die im Mittelpunkt von Korruptionsermittlungen steht, ist eine der größten Erdölgesellschaften der Welt. Sie wurde unter dem Präsidenten Getulio Vargas verstaatlicht, der diesen Akt um genau ein Jahr überlebt hat. Sie ist auch heute noch mehrheitlich Staatsbesitz.
    Ich würde mich nicht wundern, wenn man bald etwas von Privatisierung von Petrobras hören wird.

    Das dritte ist, daß Lula sich zwar bei europäischen Linken einer hohen Beliebtheit erfreut, zu Hause aber offenbar schon länger nicht mehr. Das kann nicht nur an Propaganda und Politjustiz liegen.
    Offenbar hat die PT doch keine so segensreiche Wirkung entfaltet, wie hierzulande verkündet wird und wurde. Ähnlich wie unter Kirchner in Argentinien handelte es sich um eine etwas mildere Form von Armutsverwaltung. Die Sozialprogramme, von denen die hiesigen Linken schwärmen, wurden offenbar durch Zugeständnisse an die Kapitalistenklasse ermöglicht.

    Außerdem erinnere ich mich an geschleifte Slums vor der Fußball-WM, und Meldungen über Polizeimorde, die schon an mexikanische Verhältnisse erinnern.

    Ansonsten erinnere ich wieder einmal an meinen älteren Beitrag zur Wende in Lateinamerika:
    http://nestormachno.blogsport.de/2016/05/31/rollback-in-lateinamerika/

  21. 21 Nestor 30. Oktober 2018 um 17:13 Uhr

    Ach ja, und zu den Steaks: Man kann nicht so einfach Fleisch in die EU einführen. Der EU-Agrarmarkt wird durch Zölle und Vorschriften ziemlich geschützt.

    Als der Rinderwahnsinn tobte – also die Hysterie um diese Krankheit – da wollte Argentinien einspringen mit garantiert biologisch gezüchteten Fleisch (damals weideten auf den Pampas vor allem Rinder, Sojabohnen gab es kaum) und erhielt von der damals noch recht jungen EU ein deutliches „Nein“.

    Die Brasilianer suchen offenbar nach einem Ersatzmarkt für Fleisch, das jetzt nicht mehr nach Rußland geliefert wird/werden kann.

  22. 22 Nerd 31. Oktober 2018 um 8:19 Uhr

    Ja, die Rätsel mit a) ökonomischer Aufstieg und rapider Fall, und b) Korruption, haben jeweils anscheinend sowohl eine innen- wie eine außenpolitische Seite in Brasilien.

    ---

    Mir fällt übrigens, erstmal ohne moralische Anwürfe etcpp, daran das Rationelle des Vorwurfs gegen so ein Ein-Frau-Blog-Projekt auf, dass Wissenserarbeitung ja eigentlich eine kollektive Sache ist, wenn es denn wirklich um das Wissen geht.
    Dass das dann auch nur so verläuft, dass man die vorliegenden Theorien auf Widerspruchsfreiheit überprüft, und dass dafür mehrere Leute, die ihrer gemeinsamen Parteilichkeit wegen solche Widersprüche evtl. gar nicht bemerken, nicht schon pur ein Rezept sind, ist schon auch wahr. Und selbst und auch beim Bloggen muss der Schreiber sich selber beim Schreiben den Gegenstand vorlegen, und die Verschriftlichung eigener vager Ideen nötigt – häufiger – zur Disziplinierung. D.h., beim Konstruieren bemerkt man, was einem an Wissen fehlt. Andererseits fällt das ja evtl. auch dem Leser auf. Solches mag also öfters passieren.
    Und wenn jemand 20 Jahre lang auf ‘ diversen Terminen und Diskussionsveranstaltungen sitzt, ohne auch nur ein einziges Mal einen einzigen Pieps von sich gegeben zu haben (ein extremer Ausnahmefall, zugegeben!) – ist meiner Vermutung zufolge es mit der kollektiven Wissenserarbeitung auch nicht unbedingt so weit her. (Kann aber ja trotzdem passieren!). Wieso denke ich denn nur, dass dies eine moralische Retourkutsche ist? (… Vermutlich sehe ich mich Infrage gestellt….)
    ---
    Im Artikel im Gegenstandpunkt geht es weniger um die Probleme der Erarbeitung und Vermittlung von Wissen – sondern um Probleme der Moralität – auch bei dem, was als veröffentlichte Meinung hierzulande einen eher guten Ruf hat….
    ---

    Protokoll zum Jour Fixe München vom 22.10.2018:
    Netz – versus „seriöse“ Öffentlichkeit (GS 3-18)
     
    https://de.gegenstandpunkt.com/sites/default/files/jf-protokolle/jf181022-netz-versus_serioese_oeffentlichkeit.pdf
     
    Vgl. dazu auch den entspr. GSP-Artikel:
    https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/netz-versus-serioese-oeffentlichkeit

  23. 23 Nerd 31. Oktober 2018 um 8:48 Uhr

    Der Anwurf gegen Schweiger und bloße Mitleser und Mitzuhörer lautet, dass diese zu ihrem eigenen Anliegen sich widersprüchlich verhalten, denn dass jemand ganz prinzipiell niemals hilfreiche Beiträge zur Debatte einbringt, und auch zweifelnde und kritische Fragen bringen das Projekt voran, nötigen die anderen zu größerer Klarheit, so sich dann auch, das ist darin auch eine Sabotierung des gemeinsamen Anliegens.

  24. 24 Nestor 31. Oktober 2018 um 9:34 Uhr

    Diese 2 Beiträge scheinen einem anderen Anliegen geschuldet sein als dem Thema Lateinamerika.

    Ich bin eigentlich auf solchen methodischen Käse nicht besonders scharf.

    Wenn man sich dauernd überlegt, wie Wissensvermittlung „eigentlich“ geht und was eigentlich Wissen ist und wie es „erarbeitet“ wird, so kommt man nie zu Tisch.

    Ich empfehle einfaches Nachdenken.

  25. 25 Hinweis 31. Oktober 2018 um 10:32 Uhr

    Grenzen in Lateinamerika sind gelegentlich sehr umstritten.
    Z.B. zwischen Chile und Bolivien geht es um einen Flussverlauf.
    Auch die Grenzen des Titicacasees sind gelegentlich umstritten, Zugänglichkeit und Verkehrsanbindung sind auch bei den Höllenstraßen in den Anden in der Region oft ein Problem…
    Und immer wieder mal gibt es Streiks und Grenzblockaden, weil das eine Land nicht zulassen mag, dass dies oder jenes Produkt, jenseits der Grenze, ganz anders vermarktbar ist…
    Oder Konflikte wie dieser hier:
    https://amerika21.de/2018/10/215878/chile-boliven-haag-grenzfluss-silala

  26. 26 Nestor 31. Oktober 2018 um 11:35 Uhr

    In den 90-er Jahren gab es zwischen Chile und Argentinien einen Grenzstreit um eine Gegend namens „Wüstensee“. Ich weiß nicht, ib der inzwischen beigelegt ist.
    Aber der Name sagt schon, daß das auch eine Gegend ist – irgendwo in Patagonien – wo sich eigentlich nicht viel abspielt.

  27. 27 Nestor 31. Oktober 2018 um 12:32 Uhr

    Der designierte Wirtschaftsminister von Bolsonario, Paulo Guedes, lebte in den 80-er Jahren in Chile, als die „Chikago boys“ sich dort austoben durften, und es gibt die Annahme, daß er jetzt in Brasilien ähnlich verfahren wird.
    Sein großes Vorbild scheint dieser Typ zu sein:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Sergio_de_Castro_Spikula

  28. 28 Leser 05. November 2018 um 8:49 Uhr

    Neuer brasilianischer Präsident Jair Bolsonaro:
    Der Mann hat Radikales vor

    Bolsonaro wurde von der konservativen Elite Brasiliens auf den Schild gehoben, um endlich wieder Ruhe zu haben vom Gerede über Armutsbekämp­fung, Agrarreform und Chancengleichheit…
    … meint Jule Reimer im DLF …
    (…) Sorgen macht zudem die Straffreiheit, die Bolsonaro im Kampf gegen die hohe Kriminalität für Polizisten verkündet hat, ein Freibrief für künftige Massaker in den Armenvier­teln. Oben drauf kommt ein Militärkorps, das in der Wahlnacht bewaffnet auf Lkws durch einige Städte fuhr und jetzt vor Selbstbewusstsein strotzt.
    (…) Sein neuer Superminister für Wirtschaft, Planung und Finanzen, der ultraliberale Wirtschafts­wis­senschaftler Paulo Guedes, ist – noch – der Liebling der Börsen. Er will Staatsbetriebe wie den Ölkonzern Petrobras – die Cashcow einer jeden Regierung – privatisieren und das Rentensystem umkrempeln. Dass das so kostspielig ist, liegt aber vor allem an den üppigen Renten, die sich Brasiliens Oberschicht genehmigt.
    Im armen Nordosten verdient eine Grundschulrektorin gerade mal 450 Euro im Monat – an deren Rente liegt es jedenfalls nicht, wenn das System unfinanzierbar wird.

    Allerdings muss Bolsonaro einen Teil seiner Pläne erst noch durch das Parlament bringen. Seine Unterstützergruppen sind die Evangelikalen Kirchen, die Großgrundbesitzerclans, die Wirtschaftselite und die Militärs. Die haben alle keinesfalls die gleichen Interessen. Die Mili­tärs setzen auf Staatsunternehmen, Infrastrukturausbau, sind protektionistisch ausgerichtet. Eilig wurde bereits dementiert, demnächst könnten der Zentralbank Wechselkurs und Zinsraten vorgeschrieben werden.

    https://www.deutschlandfunk.de/neuer-brasilianischer-praesident-jair-bolsonaro-der-mann.720.de.html?dram:article_id=432243

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