Serie „Lateinamerika heute“. Teil 4: Chile

45 JAHRE DANACH

Als der Putsch in Chile die Volksfrontregierung mit einer Gewaltorgie wegräumte, die sogar damals eher ungewöhnlich war, ging ein Aufschrei durch die damalige Presse. Die Pinochet-Partie legte nämlich Wert darauf, durch möglichst öffentliches Zeigen ihrer Brutalität den mit der Volksfrontregierung sympathisierenden europäischen Regierungen zu zeigen: Haltet euch da raus, jetzt sind wir dran!

Während es in den 70-er und sogar noch 80-er Jahren Veranstaltungen zu den Opfern des Terrors der Militärregierung und dem von der Volksfrontregierung vertretenen Programm der „Revolution in der Legalität“ gab, ebbte dann das Interesse an Chile ab. Diese Veranstaltungen bezogen sich vor allem auf das, was vorher los war.

Was ist aber eigentlich seit 1973 in Chile geschehen?

1. Die Chicago boys

Der Umstand, daß das Pinochet-Regime sofort mit allen sozialen Errungenschaften der Volksfrontregierung und sogar der vorher regierenden Christdemokraten aufräumte, und Arbeitsschutzgesetze, Mindestlohn, Kündigungsschutz usw. auf einmal nicht existierten, machte Chile zum idealen Betätigungsfeld für überzeugte Absolventen der Chicago School und der Lehren Milton Friedmans. Es handelte sich dabei um junge Chilenen aus dem Anti-Volksfront-Lager, denen durch ein großzügiges Stipendienprogramm verschiedener in den USA beheimateter antikommunistischer Stiftungen zum Studium in den USA, vor allem eben auf der Universität von Chicago, verholfen worden war.

Der Staat, so der Kern der Doktrin dieser Menschenfreunde, solle nur die Rahmenbedingungen – Geld, Gewalt – zur Verfügung stellen, und alle wirtschaftliche Tätigkeit der „Privatinitiative“, sprich: dem Kapital überlassen.

Einerseits ist das eine sehr harte Auskunft über die Rolle von Staat und Kapital und wie die Bevölkerung in deren Überlegungen vorkommt: Wen das Kapital nicht braucht, der kann ruhig verhungern oder sonst irgendwie an Mangel zu Grunde gehen, und wer sich gegen das wehrt, der gehört weggeräumt.
Andererseits zeigt sich, daß sich der Staat nicht auf diese ihm von den Liberalen zugedachten Aufgaben reduzieren läßt, sondern noch in anderer Form in das Wirtschaftsgeschehen eingreifen muß, um seine eigenen Grundlagen zu erhalten.

Bemerkt hat das chilenische Regime diesen Umstand an der Grundfrage des Geldes.

Im Zuge der Umgestaltung zu einer Marktwirtschaft ohne Wenn und Aber wurden die Gewerkschaften zerschlagen, die Abfindungen und das Streikrecht abgeschafft, und alles, was möglich war, privatisiert, so auch das Bildungswesen und das Pensionssystem.
Die Verminderung der Zölle und die Liberalisierung des Zugangs zu Devisen für einheimische Importeure führten schließlich zu einer immer stärkeren Abhängigkeit von Importen und einer negativen Handelsbilanz, und im Jahr 1982 zu einem mittleren Börsencrash, der auf den Auslandsschuldendienst Chiles und den Wechselkurs äußerst negative Folgen hatte.

In Folge des Beinahe-Bankrotts und der Rezession, in die Chile 1982 geriet, wurden die Chicago boys aus den einflußreichen Posten hinauskomplimentiert. Außerdem versuchte die Pinochet-Partie von da an so etwas wie staatliche Wirtschaftspolitik, um die Ökonomie Chiles zu diversifizieren und außer dem wichtigsten Produkt Chiles, dem Kupfer, auch noch andere Wirtschaftszweige zu entwickeln, mit denen Chile Devisen an Land ziehen konnte. Das waren der Obstanbau und die Waffenproduktion.

2. Das Kupfer

Außer den allgemeinen strategischen Überlegungen der Weltmacht Nr. 1, die in ihrem Hinterhof keine kommunistischen Experimente wollte, machte sich die Volksfront-Regierung mit ihrer Verstaatlichung der Kupferbergwerke in den Augen der US-Regierungen und des CIA vollends unmöglich.
Dazu muß man bemerken, daß die Idee, den Kupferabbau von den vor allem amerikanischen Aktionären zurückzukaufen oder auf andere Art in das Nationaleigentum Chiles zu überführen, nicht erst mit der Volksfrontregierung aufkam. Verschiedene Vorgängerregierungen hatten in dieser Richtung bereits gehandelt, so auch unter Allendes unmittelbarem Vorgänger Frei Montalva. Zunächst gelangte der chilenische Staat durch Aktienkäufe zu einer Mehrheit und durch eine Verfassungsänderung und dem Gesetz 17450 aus dem Jahr 1971, die vom Parlament einstimmig angenommen wurden, wurde der chilenische Staat schließlich der alleinige Besitzer der Kupferbergwerke.
Die Verstaatlichung der Kupferbergwerke wurde von der Militärregierung beibehalten. Hier gab es nichts mit Privatisierung oder Restitution. Es ist wahrscheinlich, daß Pinochet sich das bei seinen Verhandlungen mit seinen USA-Kollegen ausbedungen hatte. Es wurden zwar neue Konzessionen ausgegeben, aber die unter der Volksfrontregierung verstaatlichten Bergwerke blieben staatlich und wurden 1976 zu einem großen Konzern, CODELCO, vereinigt. Zumindest bis in die Mitte der 90-er Jahre mußte CODELCO einen Teil seiner Gewinne an das Militär abliefern. Einnahmen aus dem Kupferbergbau wurden also zur Finanzierung des Gewaltapparates verwendet.
Heute ist Chile der größte Kupferproduzent mit 27% Anteil an der Weltproduktion, CODELCO der größte Kupferkonzern der Welt. Außer dem Kupfer wird Molybdän, Silber und Gold abgebaut. Das Molybdän hat in den letzten Jahrzehnten als Härtungsmittel und Katalysator an Bedeutung zugenommen. CODELCO ist über verschiedene Kooperationen auch in den Produktionsgüter-Riege aufgestiegen und produziert selber Bergbautechnik.

Einerseits hat inzwischen jede chilenische Regierung durch die vereinigten Bemühungen der Regierungen von Allende und Pinochet Zugriff auf einen Teil der Gewinne, die aus den Bodenschätzen des Landes gewonnen werden.
Andererseits ist sie dadurch eben von den Weltmarktpreisen abhängig und die entscheiden darüber, ob in der Staatskasse Ebbe ist oder ob sie sich gut gefüllt präsentiert.

KupferChart
An dieser etwas älteren Graphik läßt sich erkennen, welche Sprünge der Kupferpreis macht, gerade um den Putsch von 1973 herum …

3. Normalität 2018

Seit Anfang der 90-er Jahre wurde wieder Demokratie „gewagt“ und Elemente des Sozialstaats und des Arbeitsrechts eingeführt – in Maßen, versteht sich.

Derzeit protestieren – wieder einmal – Schüler und Studenten gegen das Erbe der Militärdiktatur und der Chicago boys: Die gesamte höhere Bildung ist entweder in den Händen der Kirche, oder sie ist privatisiert, oder beides: Die jungen Leute müssen sich nach dem anglosächsischen System bis über die Ohren bei den Banken verschulden, um studieren zu können.


9 Antworten auf „Serie „Lateinamerika heute“. Teil 4: Chile“


  1. 1 Hinweis 11. September 2018 um 7:09 Uhr

    Chiles tragende Säule: Chiles Wohlstand basiert auf Kupfer

    Tjerk Brühwiller, Calama [in der NZZ vom 14.1.2014]

    (…) Mehr als ein Drittel aller ausländischen Direktinvestitionen floss in den letzten zehn Jahren in den Bergbau. Der Anteil der Privatunternehmen an der Kupferproduktion beträgt heute zwei Drittel, 1990 war es noch ein Drittel gewesen. Die Nachfrage aus Asien und der Boom des Kupferpreises ab 2004 sorgten ebenfalls dafür, die Rolle des Kupfers als Stützpfeiler von Chiles Wirtschaft zu festigen.

    Das robuste Wachstum des Landes und der gestiegene Wohlstand basierten zum grössten Teil auf den hohen Kupferpreisen der vergangenen Jahre, sagt Patricio Meller. Der Ingenieur und Ökonom war unter Präsident Lagos (2000 bis 2006) in der Direktion von Codelco, danach präsidierte er den Verwaltungsrat. Dadurch sei die Kupferproduktion zu einem hochrentablen Geschäft geworden, wovon nicht nur die vielen Bergbaufirmen, sondern vor allem auch der Staat profitiere. Ein grosser Teil der Gewinne wandert über Codelco nämlich direkt in die Staatskasse. Der Konzern generierte 2011 mehr als 12% der öffentlichen Einnahmen. Zusammen mit den Steuern der Privatfirmen hat das Land mehr als einen Fünftel seiner Einkünfte sowie auch die Speisung der Staatsfonds dem Kupfer zu verdanken. (…)
    Dass die Minenarbeiter jedoch mehr verdienen als die meisten Chilenen, ist bekannt. Das schnelle Wachstum des Sektors und der Mangel an Fachkräften treiben Saläre und Boni in die Höhe. In vielen chilenischen Minen verdient ein Lastwagenfahrer heute mehr als seine Kollegen in den USA.

    55 000 Beschäftigte zählt der gesamte Kupferbergbau im Land. Viele von ihnen leben in Calama. Die Stadt, rund 20 km von Chuquicamata entfernt, hat sich innert wenigen Jahren zum Zentrum der chilenischen Kupfergewinnung entwickelt; mehr als 30 Minen gibt es in der Region. Auf den Strassen Calamas wimmelt es von grossen Pick-ups, neu gebaute Siedlungen mit grünen Gärten bieten komfortablen Wohnraum zu horrenden Preisen. In den Shoppingcentern wird eifrig konsumiert. Jeder Job im Bergbau schaffe drei weitere Stellen, heisst es. (…)

    Chuquicamata und andere ältere Gruben: Die Filetstücke sind abgebaut, der Kupfergehalt des Erzes nimmt ab; lag er einst bei 1,5%, beträgt er heute noch 0,8%. Um die Tagesproduktion von 850 t Feinkupfer zu halten, werden in der Mine 100 000 t Kupfererz und – da nur eine Flanke der Grube erzhaltig ist – 500 000 t Gestein abgebaut. Die einst potenteste Mine und das Herzstück von Codelco hat in den letzten Jahren einen herben Effizienzverlust erlitten. Die Produktion sank 2012 auf 356 000 t, womit sie sich innert zehn Jahren halbiert hat.

    Um die Produktion zu halten, hat das staatliche Unternehmen einen der ambitiösesten Investitionspläne seiner Geschichte ausgearbeitet. Bis zu 25 Mrd. $ will Codelco in den kommenden fünf Jahren investieren, um verschiedene Projekte voranzutreiben. Eines davon betrifft auch Chuquicamata. Tief unten im Krater bohren sich die Maschinen in den Fels hinein zu den reichhaltigen Erzen. 18 km der Tunnel stehen bereits. In ihnen soll ab 2020 der Abbau unter Tag aufgenommen werden. Ein Problem hat Codelco allerdings: Die Gewinne des Unternehmens fliessen vollumfänglich in die Staatskasse, und über die Investitionen bestimmt der Finanzminister. Die Aufwendungen von Codelco stehen so in direkter Konkurrenz zu Investitionen im Gesundheits- oder Bildungswesen. Die Finanzierung sei eine der grössten Herausforderungen, lässt das Unternehmen verlauten; man schliesse eine Verschuldung nicht aus. (…)

    Steigende Produktionskosten und schrumpfende Gewinne hätten zur Folge, dass die Investoren sich nach anderen Anlageobjekten umsehen würden, sagt Patricio Meller. Letztlich hänge aber alles vom Kupferpreis ab; solange dieser hoch sei, werde sich nichts ändern. Und daran glaubt Meller. Die Nachfrage werde nicht zurückgehen, sagt er mit Blick auf Asien. China werde weiter wachsen, und wenn Indien dem Weg Chinas folge, werde Chile noch lange von seinem Kupfer profitieren. «Der Hauptgang kommt erst noch.» Meller geht so weit, dass er fordert, die Wirtschaft des Landes müsse sich noch viel stärker als bisher auf das Metall fokussieren. (…)
    Wenn sich Indien nicht im selben Tempo wie China entwickeln sollte oder neue, günstigere Produzenten wie zum Beispiel Peru hinzukämen, würden die Kupferpreise mittelfristig sinken – mit ernsthaften Folgen für Chile. Sinke die Notierung auf ein langfristig tieferes Niveau, gehe die Rechnung Chiles nicht mehr auf.
    Wie stark die chilenische Wirtschaft mit dem Kupferpreis steht und fällt, zeigt die derzeitige Entwicklung. Nach Jahren mit einem Wirtschaftswachstum von 5% und mehr muss Chile 2013 mit einem Wachstum von 4% bis 4,5% rechnen. Hauptgrund sind die nachlassende Nachfrage Chinas und die dadurch tieferen Kupferpreise. (…)
    Codelco liefert 100% der Gewinne an den Staat ab und ist dank den hohen Kupferpreisen inzwischen für mehr als 10% der öffentlichen Einnahmen verantwortlich. Auch operativ ist der unternehmerische Spielraum beschränkt, da der Staat das Codelco-Budget festlegt. Kommt dazu, dass das Staatsoberhaupt die Führung des Konzerns bestimmt. (…)
    Es würden 83% der Chilenen gar einer kompletten Verstaatlichung des Bergbausektors zustimmen. Das Misstrauen der Chilenen gegenüber den privaten Bergbaukonzernen dürfte unter anderem darauf zurückzuführen sein, dass diese in Chile lediglich eine moderate Unternehmenssteuer auf ihre Gewinne entrichten, aber keine Konzessionsgebühren zahlen. Da es sich bei den meisten privaten Bergbaukonzernen um ausländische Firmen handelt, bleibt nur ein verhältnismässig bescheidener Anteil der Gewinne aus dem lukrativen [privaten] Rohstoffgeschäft im Land.

    https://www.nzz.ch/wirtschaft/chiles-tragende-saeule-1.18220429

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    Der Peso verliert, der Kupferpreis stürzt ab – und dennoch wird Chile dieses Jahr am stärksten wachsen in Lateinamerika. (…)
    Auch sonst geniesst das Andenland in Lateinamerika wirtschaftlich den Ruf des Klassenbesten
    Doch genau diese volkswirtschaftliche Öffnung ist seit einigen Wochen für Chile zum Problem geworden: Die wachsenden Spannungen in der Weltwirtschaft wirken sich sofort auf die Wirtschaft des Landes aus. So ist der Kupferpreis seit Mitte Juni zeitweise um 18% gesunken. Etwa die Hälfte der Exporte Chiles besteht aus Kupfer – das grösstenteils auch noch nach China verschifft wird. Kupfer ist der wichtigste Faktor für die Konjunkturentwicklung. 13% des Bruttoinlandproduktes (BIP) Chiles hängen von ihm ab. Preis und Absatz des roten Metalls bestimmen über den Zustand des Staatshaushaltes, die Stärke des Peso und letztlich die Leistungsbilanz.
    Gleichzeitig belasten die steigenden Erdölpreise die Handelsbilanz: 16% aller Importe des energiearmen Andenlandes entfallen auf Öl. Für JP Morgan ist Chile in Lateinamerika das anfälligste Land für Handelsspannungen und externe Risiken. Die lokalen Finanzmärkte haben denn auch sogleich reagiert: Zeitweise gewann der Dollar 13% gegenüber dem Peso. Die Börse in Santiago hat seit Jahresbeginn an Wert eingebüsst und bildet nach Buenos Aires das Schlusslicht in der Region.
    Umso erstaunlicher ist, dass Chile trotz der Zitterpartie auf den Finanzmärkten und drohendem Handelskrieg dieses Jahr rekordmässig wachsen wird. Der Internationale Währungsfonds (IMF) hat gerade die BIP-Wachstumsprognose für 2018 auf 3,8% (von 3,4%) angehoben – während die Experten in Washington die Aussichten für ganz Lateinamerika nach unten revidiert haben. (NZZ, 28.8.18)

    https://www.nzz.ch/wirtschaft/die-chilenen-wollen-die-fruechte-des-wohlstandes-ernten-ld.1415315

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    Der Einsturz der Mine San José in Chile

    Ein Bergwerksunglück ist eigentlich nichts Besonderes. Weltweit kommen ständig Bergleute ums Leben. Der Abbau in der Tiefe ist gefährlich, die Rentabilität der Minen verlangt, dass gewisse Risiken eingegangen werden, und mit der Bereitschaft zu höheren Risiken können auch höhere Renditen erzielt werden. Das gilt überall, wo der Staat dafür sorgt, dass der Bergbau marktwirtschaftlich betrieben wird. Und eben auch in einer Bergbaunation wie Chile, wo die Arbeit in den Minen einen großen Teil des nationalen Reichtums schafft.

    https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/einsturz-mine-san-jose-chile-unglueck-bilderbuch

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    https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/pinochet-verhaftet

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    Pinnwände etc zu Chile:

    a) https://amerika21.de/geo/chile

    b) https://amerika21.de/pressespiegel/4

    c) https://lateinamerika-nachrichten.de/laender/chile/

    d) http://www.trend.infopartisan.net/trd0606/t440606.html

    https://www.youtube.com/watch?v=Ry7KHOjSLvY

  2. 2 Nestor 11. September 2018 um 10:09 Uhr

    Diese San José-Mine, wo 2010 die spektakuläre Rettungsaktion stattfand, ist eine seltsame Angelegenheit. Sie existierte nämlich seit dem 19. Jahrhundert, wurde aber bei der Verstaatlichung 1971 nicht erfaßt, sondern blieb weiter privat.
    Der Grund kann sein, daß dieses Bergwerk lange hauptsächlich Silber förderte und erst später auf Kupfer und Gold umstieg.

    Nach dem Grubenunglück von 2010 wurde sie geschlossen, wobei die Eigentümer auch ihren – inzwischen gesetzlich verankerten – Abfindungsverpflichtungen nicht nachkamen. Deswegen ist bis heute eine Klage der betroffenen Bergleute anhängig, allerdings gegen den Staat, der die Firma nicht zur Zahlung verpflichtet hat.

  3. 3 Nestor 13. September 2018 um 15:59 Uhr

    Oh, oh! Der neue Präsident übt sich in Allende-bashing:
    https://amerika21.de/2018/09/212367/chile-pinera-allende-salvador-demokratie

    Das verheißt nichts Gutes für die chilenische Bevölkerung – mit dergleichen Anwürfen gegen die Volksfrontregierung soll wohl Sozialabbau eingeleitet werden.

  4. 4 Historicus 15. September 2018 um 7:09 Uhr

    Darüber, wie [wenig] revolutionär manche linke Regierung in Lateinamerika aufgestellt ist, geben auch folgende Zeugnisse Kunde, die anlässlich des Jahrestages des Putsches gerade aktuell von der G r a n m a veröffentlicht wurden:

    „Allende war zu Beginn des Putsches vom 11. September [1973] um das Schicksal seines „Freundes“ Pinochet besorgt, der, wie er noch glaubte, im Kampf gegen die Verschworenen den Tod gefunden haben musste.“
    Etwas später, ebenfalls schon während des Putsches, verkündete Allende seine Visiont:
    „„Arbeiter meines Vaterlandes: ich habe Vertrauen in Chile und sein Schicksal. Andere Männer werden diesen grauen und bitteren Moment überwinden, in dem der Verrat sich durchsetzen will. Seid Euch weiterhin dessen bewusst, dass viel eher als später die großen Alleen geöffnet sein werden, durch die der freie Mensch ziehen wird, um eine bessere Gesellschaft zu errichten.“
    Und in seiner Abschiedsrede im Radio verlas Allende „die Liste der Anklagepunkte gegen die militärische Untreue, die Ambitionen der nationalen Oligarchie und deren Unterwerfung unter Washington…“

    http://de.granma.cu/mundo/2018-09-11/die-momentane-niederlage-einer-idee-die-nicht-gesturzt-werden-kann

    Der Spruch an die Arbeiter: „Seid Euch weiterhin dessen bewusst, dass viel eher als später die großen Alleen geöffnet sein werden, durch die der freie Mensch ziehen wird, um eine bessere Gesellschaft zu errichten“ ist dabei in seinem Pathos sehr abwartend, denn, dieser Konzeption zufolge, muss der Arbeiter auf bessere Zeiten warten, in denen ihm von oben der Weg bereitet worden ist. Dieses Vertrauen darauf, dass von oben die besseren Zeiten einzurichten wären, ist gerade in diesem Falle schockierend uneinsichtig.

    --

    Zur Unidad Populär gab es bei deutschen Linken damals zeitgenössische Berichte. Den Artikel aus der Münchener Studentenzeitung zum Putsch in Chile (1973) habe ich aber leider nur als Scann der gesamten Zeitung gefunden. Erst die späteren Artikel der MG wurden anscheinend digitalisiert.

    https://www.mao-projekt.de/BRD/BAY/OBB/Muenchen_VDS_004/Muenchner_Studentenzeitung_19731102.shtml

    http://www.msz1974-80.net/MIR.html (1974)

    http://www.msz1974-80.net/Chile.html (1976)

    https://msz.gegenstandpunkt.com/artikel/freiheit-statt-sozialismus (1985)

    Freiheit statt Sozialismus in Chile
    SCHEITERT DIE DIKTATUR AN IHREN ERFOLGEN?
    „Die Chilenen sind nicht irgendein farbiges Entwicklungsvolk, sie sind eine große Kulturnation mit ungeheurer Tradition.“ (Franz Josef Strauß)
    Als General Augusto Pinochet im September 1973 den demokratisch gewählten Präsidenten Allende stürzte und ermorden ließ, stieß das chilenische Militär im Freien Westen auf viel Verständnis: Wie anders als per Putsch und Gewalt lässt sich schließlich die Freiheit vor der sozialistischen Gefahr retten, wenn ein „verführtes“ Volk mehrheitlich hinter seiner Volksfrontregierung steht und befürchtet werden muss, dass es die wieder wählt? 15 Jahre später, im Oktober 1988, fordert die Freie Welt nachhaltig den Abgang Pinochets und seine Ersetzung durch einen Präsidenten, der aus demokratischen Wahlen hervorgegangen ist. Was haben sie denn auf einmal gegen ihren Freiheitshelden in Chile? Wie man ein Land reif für die Demokratie macht…

    https://msz.gegenstandpunkt.com/artikel/scheitert-die-diktatur-ihren-erfolgen

  5. 5 Nestor 15. September 2018 um 12:53 Uhr

    Ja, die MüSz habe ich leider nicht mehr digitalisiert, weil keine Zeit dafür.

  6. 6 Samson 23. September 2018 um 16:00 Uhr

    Die Pinochet-Partie legte nämlich Wert darauf, durch möglichst öffentliches Zeigen ihrer Brutalität den mit der Volksfrontregierung sympathisierenden europäischen Regierungen zu zeigen: Haltet euch da raus, jetzt sind wir dran!

    Mir ist das bischen anders in Erinnerung, und zwar in zwei Versionen, die aber politisch passen täten. Jemand, der in den frühen 1970ern von einem in die DDR geflohenen Chilenen Spanisch lernte, erzählte mal, dass seinerzeit die ‚Basis‘ der Unidad Popular resp. die in Gewerkschaften Organisierten sehr wohl ahnten/wussten, dass irgendwas-im-Busch war und Allende aufforderten, die Arbeiter zu bewaffnen, um die sozialen Errungenschaften der Volksfrontregierung zu verteidigen, dieser das aber ablehnte und bis zuletzt nicht wahrhaben wollte, dass sein früherer Vertrauter Pinochet die Seite gewechselt hatte. Immerhin war der erst kurz vorher zum Oberkommandierenden ernannt, und zwar auf Vorschlag seines gerade zurückgetretenen Vorgängers, der merkwürdigerweise ein Jahr später selber Opfer eines Attentats wurde.

    Die zweite Version bezieht sich ausdrücklich auf tatsächliche europäische Sympathisanten, den Ostblock nämlich. In einem Film über Allendes letzte Stunden (Titel hab ich vergessen), der gelegentlich spätabends oder nachts auf 3sat, arte etc. läuft, wird gesagt, 1) war Allende kurz vor dem Putsch auf ‚Tournee‘ u.a. bei Breshnew und wollte einen Kredit, bekam aber eine Abfuhr, 2) habe die SU-Regierung via ‚Geheimdienst-Kanäle‘ der US-Regierung ’signalisiert‘, die Füße still zu halten, falls die in ‚ihrem Hinterhof aufräumen‘ wollten o.s.ä.

    Über Breshnews Gründe zu spekulieren erscheint (mir) müßig, mit den vielgepriesenen Internationalismus hatte das jedenfalls wenig zu tun. Vielleicht war auch Vietnam seinerzeit der ‚heißere Brandherd‘ im sog. Kalten Krieg (wenn das mal kein Paradoxon ist :evil: ).

    Die Frage wäre hier einerseits, wie souverän der chilenische Staat resp. die Staatsmacht da gewesen sein soll, um gegnerisch eingestellten Regierungen zu signalisieren, die mögen sich gefälligst raushalten o.s.ä. und andererseits, wer mit wem tatsächlich sympathisierte. Und die Gründe für derlei ‚Sympathien‘ sind m.E. ebenso ökonomischer Natur wie die sozialen Errungenschaften der Volksfrontregierung ausschließlich ideologisch begründet wurden.

  7. 7 Hinweis 23. September 2018 um 21:35 Uhr

    Das Zitat von nestor habe ich auch noch mal oben im Ausgangsthread nachgelesen. Stimmt, damals gab es sog. „Eurokommunisten“ in Europa, die vielleicht Sympathien mit der Unidad Popular gehabt haben mögen. Regierungsbeteiligungen hatten die aber, meiner Erinnerung zufolge, nicht (mit Ausnahme einer kurzen Periode in Frankreich vielleicht).
    https://de.wikipedia.org/wiki/Parti_communiste_fran%C3%A7ais#1970er_Jahre
    Also nix mit Sympathien in europä. Regierungen!
    Grad umgekehrt, waren die europäischen Christdemokraten solidarisch mit den Pinochet-Henkern, nicht nur Franz Josef Strauß hat sich da lauthals als Antikommunist mit Sympathien fürs Kommunistenabschlachten positioniert.

    Samsons erste Version habe ich auch so in Erinnerung, meiner Erinnerung zufolge hat sich wegen der in der Partei virulenten Bewegung die Sozialistische Partei nach dem Putsch im Exil in der DDR gespalten.
    https://www.deutschlandfunk.de/die-freiheit-in-jene-machtigen-mulltonnen-unter-der.media.26b91850eda8d0813c0caaab8eae60c1.pdf
    (vgl. dort S. 21)
    Ein Teil hat damals mit der MIR zusammengearbeitet, die Jugendorganisation sowieso schon vor dem Putsch.
    inzwischen ist die Sozialistische Partei wieder vereint,
    und lobt die chilenische Demokratie.

    Was das aber nun mit Nestors Ausgangszitat zu tun hat, weiß ich nicht so recht.

    Zu Version 2 von Samson fällt mir nur ein, dass damals die Rüstungskontrollpolitik zwischen den USA und der UdSSR angelaufen war – und zwar damit, die eigenen Atomraketen dadurch wirkungsvoll zu erhalten, dass die Gegenseite sich verpflichtete, die Abwehrraketen gegen sie, die ABM-Waffen, [ausgerechnet…] zu begrenzen …
    [Der Chile-Putsch war 1973.]

    26.05.1972: Leonid Breschnew und Richard Nixon unterzeichen das SALT-1-Abkommen. Darin werden die strategischen Offensiv- und Defensivwaffen begrenzt. Der ABM-Vertrag sieht die Begrenzung von 200 Abfangraketen auf zwei Gebiete/Areale vor.

    03.07.1974: Die USA und die Sowjetunion einigen sich auf eine weitere Begrenzung um jeweils die Hälfte. Von nun an sind nur noch 100 Abfangraketen für jeweils einen Standpunkt vorgesehen.

    https://www.atomwaffena-z.info/geschichte/ruestungskontrolle/abm-vertrag.html

  8. 8 Samson 23. September 2018 um 23:03 Uhr

    Nachtrag:
    Abgesehen davon, wie man das Zustandekommen südamerikanischer Militärdiktaturen politisch bewerten mag, ist es m.E. wenigstens ‚blauäugig‘ anzunehmen, auch nur eine einzige europäische Regierung außerhalb des Ostblocks habe seinerzeit ernsthaft mit Allende sympathisiert.

    Offizielle Geschichtsschreibung ist zwar, hinter jeder Schweinerei habe in letzter Instanz die CIA als Inspirator, Auftraggeber etc. gestanden, aber ‚Unternehmungen‘ wie Operation Condor belegen hinreichend, dass die Europäer ihre dreckigen Finger zumeist ebenso im Spiel hatten. Offenen Terror gegen die ‚eigenen Leute‘ praktizier(t)en Faschisten, die sich an die Macht putschen, ebenso wie bewaffnete Organe im Auftrag demokratisch gewählter Regierungen. Nicht von ungefähr heißt eine Variante davon französische Doktrin

    Das ‚Model‘ westeuropäischer ‚Wohlfahrtsstaaten‘ basierte eben nicht, wie die Legenden behaupten, auf US-Krediten, sondern wesentlich auf gemeinsamer Ausplünderung der sog. ‚Entwicklungsländer‘, ‚3. Welt‘ etc. Wer da nicht (mehr) mitspielen wollte, stand mehr oder weniger auf der Abschussliste, egal ob er, wie Allende Staatspräsident oder wie Aldo Moro grad ‚nur‘ Parteichef war oder gar wie Alfred Herrhausen ein für einen Banker „untypisches Interesse für die Belange der Dritten Welt“ o.s.ä. entwickelte und „… einen teilweisen Schuldenerlass für Entwicklungsländer auf einer Tagung der Weltbank in Washington im Jahre 1987“ forderte.

    Solche Leute sind inzwischen für die Geschäfte des längst transnational agierenden Kapitals weit gefährlicher als in sich ohnehin zerstrittene ‚Aufstandsbewegungen‘ und werden, weil sie nicht ohne weiteres auf bedeutungslose Posten abgeschoben werden können, eben ‚beseitigt‘. Ersetzt werden sie stets durch Leute, die halt ‚typische Interessen‘ vertreten … :mrgreen:

    @Hinweis
    Ich hab mit Absicht genau die Stelle von Nestor zititiert, weil ich eben bezweifle, dass irgendeinde Regierung von-sich-aus mehr anstellen kann, als meinetwegen Voraussetzungen, Bedingungen etc. zu schaffen, unter denen das Kapital profitabel agieren kann. Genau das haben bspw. die sog. Chicago boys gemacht, auf die Nestor m.E. zu Recht hinweist. Ob das historisch als meinetwegen ‚neoliberaler Testballon‘ einzuordnen wäre, lässt sich so ohne weiteres nicht sagen. Ich würde es aber bezweifeln.

    In keinem Fall aber kann eine Regierung mit Terror gegen die ‚eigenen Leute‘, wie Nestor behauptet, anderen Regierungen deren Antipathien ‚nehmen‘ oder gar ‚umdehen‘.

    Warum sich die chilenischen Sozialisten in der DDR zerstitten haben, lässt sich pauschal vermutlich kaum beurteilen, fraglich vor allem, ob es mit der Entwicklung in der DDR zu tun hatte, und wenn, dann ist m.E. noch zweifelhafter, welchen Grund die hatten, sich hinterher ‚wiederzuvereinigen‘. Die ‚Rückkehr zur Demokratie‘ in Chile hat m.E., ähnlich wie bspw. in Südafrika mehr mit der meinetwegen ‚geopolitischen Großwetterlage‘ zu tun als mit Demokratie als erstrebenswerter Staatsform.

    Viel blöder erscheint mir in dem von dir verlinkten Text, was José Rodriguez Elizondo auf Seite 7 zum proletarischen Klassenbewusstsein vom Stapel lässt. Klar ist es Quatsch, wenn (Partei)Kommunisten fordern, alle haben erstmal, unabhängig von ihrer Qualifikation, in die Produktion zu gehen. Aber noch idiotischer ist es, wenn vermeintliche Intellektuelle vermeintlich attraktivere Angebote ins Feld führen, um sich weigern zu können. Aus dieser Perspektive lässt sich nämlich gegen das Kapital resp. die Marktwirtschaft überhaupt nix sagen.

  9. 9 Hinweis 24. September 2018 um 7:36 Uhr

    Einverstanden, dass Westeuropa nicht mit der Allende-Regierung sympathisiert hat. Einzig Spanien war dabei nicht mal groß eine Ausnahme – war aber als zugewiesener und selbst ausgesuchter „Betreuer“ für spanische und gesateuropäische Interessen in Lateinamerika möglicherweise nach außen hin in einer atwas anderen Art der Selbstdarstellung ihrer Politik unterwegs …
    Das waren aber allenfalls kosmetische Differenzen, wie Felipe Gonzales später auch darin deutlich machte, dass Pinochet viel friedlicher gewesen sei als Maduro heute.
    http://www.rebelion.org/noticia.php?id=203922
    Nachdem Pinochet nicht mehr in Amt und Würden war, ist er bekanntlich mittels des Haftbefehls eines spanischen Staatsanwaltes in London festgehalten worden. Wohlgemerkt: das alles aber erst, als die Diktatur vorbei war – und Spanien sich Einflüsse auf das Nach-Pinochet-Chile erarbeiten wollte…

    (Die sozialistische Partei Chiles hatte sich übrigens meiner Erinnerung zufolge in der DDR in mindestens drei Flügel gespalten… – und dass nach Pinocht zunächst die angeblich sauber gebliebenen Frei-Christdemokraten, und danach dann die Sozialdemokraten, ans Regieren kommen durften, das hatte dann wirklich mit der Abschaffung des Ost-West-Gegensatzes im Weltmaßstab zu tun, damals hat sich ja auch andernorts dies und anderes geändert, nicht nur in Südafrika.)

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