Italien – ein paar Nummern zu groß

DER EURO UND SEINE SCHULDENMACHER

Die Medien können sich derzeit nicht entscheiden, ob sie durch Kassandra-Rufe die Krise rund um Italiens Regierung und Schulden erhöhen oder durch Gesundbeten und Beschwören der EU-Einheit womöglich unglaubwürdig werden.

Diejenigen, die „Gefahr!“ schreien, tun es jedenfalls mit dem Tenor, daß es nur an der italienischen Regierung liegt, alles wieder ins Lot zu bringen. Wenn die doch nur vernünftig werden, diese Populisten!
Händeringend wird so getan, als hätten Di Maio und Salvini persönlich diesen Schuldenhaufen hingesetzt, an dem Italien laboriert. Oder aber, als wären diese gewaltigen Schulden überhaupt kein Problem, – wenn man sie nur richtig handhaben würde!

Teilweise wird bedauert, daß auch in Italien Regierungen durch demokratische Wahlen zustandekommen und nicht einfach verläßliche „Technokraten“ gleich von Brüssel aus, mit Hilfe des italienischen Präsidenten ernannt werden können – wie es seinerzeit mit Monti eine Zeitlang gelungen ist.

Kritische Stimmen sehen es natürlich anders …

„Italien ist pleite. Das kann man so sagen, auch wenn es niemand wirklich ausspricht. 2,3 Billionen (!) Euro stehen auf der Schuldenuhr. Das sind 2.300 Milliarden Euro. Mit Abstand der höchste Schuldenberg in ganz Europa. Und in Prozent der Wirtschaftsleistung ausgedrückt sind es 131 Prozent … Alleine in den nächsten Jahren muss Italien jährlich rund 50 Milliarden Euro nur für Zinszahlungen aufbringen! Mit diesem Geld werden noch keine alten Schulden beglichen, sondern nur die Zinslast bedient. … Der Europäische Rettungsschirm (ESM), der kriselnde Euroländer finanziell unterstützen soll, würde von Italien in zwei Jahren kaputt randaliert werden: Aktuell befinden sich dort rund 400 Milliarden Euro. Italien benötigt in den nächsten beiden Jahren alleine fast 500 Milliarden Euro.“ https://www.kleingeldhelden.com/2018/06/eurovederci-italiens-schuldenkrise/

Diese Website propagiert, daß Italien den Euro verlassen sollte, im allgemeinen Interesse.
Sie sind sich offenbar nicht darüber im Klaren, was das heißen würde …

Daß die bisherigen Mechanismen für Italien nicht ausreichen würden, sehen auch andere Analysten:

„Italien ist zu groß zum Retten …
Noch ist die Krise längst nicht so heftig wie 2012. Dafür ist sie umso gefährlicher, weil sie sich auf viel höherem Niveau abspielt. Denn Griechenland war im Vergleich zu Italien ein Schulden-Leichtgewicht. Während Hellas laut Eurostat gerade mal rund 320 Milliarden Euro Schulden auf die Waage bringt, belaufen sich Italiens Schulden auf rund 2,3 Billionen Euro – mehr als siebenmal so viel. Athen steht für weniger als ein Zwanzigstel der Schulden aller Euroländer. Italien, das drittgrößte Mitglied der Eurozone, dagegen für fast ein Viertel.“ (ntv, 30.5.)

Hier lautet die Lösung wiederum, notfalls die EZB an die Rettungsfront zu schicken, um „die Märkte“ zu beruhigen. Aber auch die hat ihre Grenzen:

„Seit Beginn ihres Kaufprogramms 2015 hat die EZB in drei Jahren Staatsanleihen aller Euroländer für rund zwei Billionen Euro erworben. Sie wird also nicht plötzlich Schuldscheine für 2,3 Billionen Euro nur aus Italien kaufen – zumal sie schon jetzt 15 Prozent aller italienischen Staatsanleihen hält.“ (ebd.)

In der EZB wachsen die Widerstände gegen die Finanzierung der südeuropäischen Schulden, weil das einer Art Transfer von erfolgreichen zu erfolglosen Nationen betrachtet wird, ein Durchfüttern von Sozialfällen, und dem Image der Wirtschaftsgemeinschaft Abbruch tut.
Das sind alles keine reinen Geschmacksurteile oder Ideologien, weil sie ja den Ruf dieses (noch?) international anerkannten Geldes betreffen. Und der steht für die Wirtschaftsmacht der EU und kann durch den Anschein der Unsolidität leicht beschädigt werden.

Das Handelsblatt übt sich in Zweckoptimismus:

„Der Chef der Eurogruppe sieht die Gefahr größerer Verwerfungen durch die politische Einigung in Italien vorerst gebannt. Mario Centeno, der auch Finanzminister in Portugal ist, sagte am Montag mit Blick auf die Bildung einer Regierung in Italien: »Das sind sehr gute Nachrichten.«“ (Handelsblatt, 4.6.)

Na, wenn es der Herr aus Portugal sagt, muß doch was dran sein!

Besonders dumm ist der Schönwetter-Artikel Erich Freys im Standard. Erst denkt er sich eine nicht vorhandene Position aus:

„Italiens Beitritt zum Euro war ein Fehler“ (Standard, 5.6.)

– weil das sagt ohnehin keiner.
Dann kommen dumme Geschichtsinterpretationen, um seine Märchen zu unterstützen:

„Ab Mitte der 1980er-Jahre koppelte deshalb auch Italien die Lira an die D-Mark, musste aber in der Krise des Europäischen Währungssystems (EWS) 1992 noch einmal abwerten.“ (ebd.)

Letzteres geschah aufgrund der Spekulation von Soros, die die Lira zu Absturz brachte. Das löste die Krise des EWS aus, zusammen mit dem Angriff auf das Pfund. Wie man sieht, zogen die Regierungen Italiens und Großbritanniens verschiedene Schlüsse aus dem relativen Verfall ihrer Währungen: Die einen wollten in den Euro, die anderen nicht.

„Danach war die Regierung von Romano Prodi entschlossen, die Beitrittskriterien für den Euro im Maastricht-Vertrag zu erfüllen. Diese waren auf Drängen Deutschlands so gestaltet worden, dass sie Italien nicht erreichen sollte.“ (ebd.)

Diese Behauptung Freys ist eine glatte Lüge.

„Doch Prodi schaffte es 1998 durch einen beinharten Sparkurs ganz knapp.“ (ebd.)

Ja, so hätte es Frey gern, daß man alles „es“ mit Sparkurs schafft!
Italiens Staatsschuld lag bereits 1998 weit über den 60% der Maastricht-Kriterien, es machte aber nichts. Deutschland und auch andere wollten Italien – als große Volkswirtschaft – unbedingt drinnen haben.

„Und sobald Italien im Euro war, stürzte Prodi. Seine Nachfolger setzten den Reformkurs nicht fort …“ (ebd.)

Das ist also laut Frey das einzige Problem Italiens: Falsche Regierungen, die nicht genug „sparen“.
Und das, obwohl der Euro doch eigentlich eine Art Care-Programm für Südeuropa war:

„Deutschland hat ebenso wie Österreich, die Niederlande und andere frühere Hartwährungsländer das Beste aus der gemeinsamen Währung gemacht. Aber gerade Deutschland braucht sie am wenigsten.“ (ebd.)

Laut Frey sollte also Deutschand und Österreich den Euro verlassen und Italien in der Scheisse sitzenlassen. Die italienischen Euro-Schulden betreffen seiner Ansicht nach sowieso hauptsächlich italienische Kreditgeber, würden diese ruinieren und hätte gar keine besonderen Auswirkungen auf die restliche EU. (So jemand gilt als Wirtschafts- und Krisenexperte!)

„Ein Horrorszenario, das die Regierung in Rom rasch beenden kann: indem sie auf die Steuer- und Ausgabenpläne verzichtet.“ (ebd.)

Sparen! Sparen! – dann wird alles gut.

Und alle in obigen Artikeln besprochenen Zahlen, Fakten und Lösungsversuche betreffen nur die Staatsschulden. Die italienischen Banken, die selber seit Jahren kurz vor der Pleite stehen, werden gar nicht zum Thema gemacht. Ihr Gedeih oder Verderb hängt jedoch von der Entwicklung der Staatsschuld ab und könnte noch weitere Euro-Schulden fragwürdig werden lassen.


13 Antworten auf „Italien – ein paar Nummern zu groß“


  1. 1 Samson 08. Juni 2018 um 23:39 Uhr

    Ihr Gedeih oder Verderb hängt jedoch von der Entwicklung der Staatsschuld ab und könnte noch weitere Euro-Schulden fragwürdig werden lassen.

    Auf so einen Einfall kommt man eben auch nur, wenn man davon ausgeht, das ohnehin alles Geld aus Schulden herrührt und sich von der Produktion längst ‚emanzipiert‘ hat o.s.ä. Mag ja sein, dass du recht behältst, nur täte ich dann nicht (mehr) kapitalistischer Produktion reden.

  2. 2 Last_Time 09. Juni 2018 um 6:57 Uhr

    Außer dem gehaltvollen vorwurf, die Offenbarung würde hier entstellt, habe ich die ganzen letzten drei Wochen nichts Erhellendes zur italienischen Krise von Krim, Samson, ricardo und sonstig sich orthodox gerierenden Großmarxisten hier vernommen. Dass man darin sogar noch Wal Buchenberg recht geben muss, ist geradezu das Allerletzte, was ich mir je hätte vorstellen können…

    Vermutlich wollen diese Großmarxisten auch gar nichts anderes, als sich darin abfeiern, dass sie Vertreter [ihrer] Heiligen Leere sind…

    Aber zur Euro-Krise nie was Substantielleres zu sagen außer, dass Geld was mit Wert zu tun hat und dass daher irgendwie Geld irgendwie mit der Verwertung des Kapitals „zusammenhängt“ – das sind ja Auskünfte von Superklasse…! Die einzige Überlegung, die darüber hinausgeht, ist, wie man genau die Umschlaggeschwindigkeit hinein- hinausrechnen kann, damit ein Entsprechungsverhältnis abgezählt werden könne…

    Sehr nett auch der letzte Satz:
    „Mag ja sein, dass du recht behältst, nur täte ich dann nicht (mehr) kapitalistischer Produktion reden.“

    Die Sache selber interessiert Samson nämlich kaum.
    Aber richtig benamst werden muss sie trotzdem schon!
    Benamsung – d a s ist nämlich sein Interesse…

    ---

    Nicht derart bescheiden ist Stephan Kaufmann …

    http://www.fr.de/wirtschaft/italien-kehrt-die-krise-zurueck-a-1520693,PRINT?_FRAME=33

  3. 3 Nestor 09. Juni 2018 um 7:55 Uhr

    Die Frage ist hier, was als „kapitalistisch“ bezeichnet wird.
    Kapitalverwertung ist nämlich schon angesagt.
    Auch wenn es sich nur um fiktives Kapital handelt, um Schuldtitel, die nicht verfallen dürfen.

  4. 4 Hinweis 09. Juni 2018 um 8:32 Uhr

    Die Geschäfte, mit denen sich Geldinstitute als kapitalistische Unternehmen bewähren – ihr Wirken gehorcht ihrer eigenen Gewinnrechnung, zielt auf kontinuierliche Steigerung von Umsatz und Überschüssen –, verhelfen ihren Betreibern nicht nur zu ansehnlichen Bilanzen – wenn die sich in einer Nation aufs Dreifache des zusammengezählten Bruttoinlandsprodukts eines Jahres belaufen, gilt das als normal und eher moderat –, sondern auch zu einem besonderen Ruf. Höchster Wertschätzung erfreuen sich die Dienste, die das Finanzgewerbe fürs Funktionieren der Marktwirtschaft erbringt: Ihm verdanken ‚die Märkte‘ die Geldversorgung, die Unternehmen aller Geschäftszweige die Ausstattung mit Kapital. (…)

    Der profitable Handel mit Geld und Kredit befähigt seine Akteure zur Erledigung zentraler Aufgaben im marktwirtschaftlichen Gefüge. Deren Art der Bereicherung ist unerlässliche Bedingung und Hebel des kapitalistischen Wachstums, der Mehrung von Geldreichtum; sie begründet die Macht des Geldkapitals über die ökonomischen Leistungen in allen Abteilungen der Marktwirtschaft, was diesem Privatgeschäft nicht erst in der Krise eine besondere staatliche Fürsorge sichert.
    Das ist zu erklären.

    https://de.gegenstandpunkt.com/sites/default/files/buch/werbung/finanzkapital_inhalt_1.pdf

    https://de.gegenstandpunkt.com/publikationen/buchangebot/finanzkapital

  5. 5 Samson 09. Juni 2018 um 21:40 Uhr

    @Last_Time

    Aber zur Euro-Krise nie was Substantielleres zu sagen außer, dass Geld was mit Wert zu tun hat und dass daher irgendwie Geld irgendwie mit der Verwertung des Kapitals „zusammenhängt“ – das sind ja Auskünfte von Superklasse…!

    Vorallem ist das deine Interpretation, ebenso, wem du dabei rechtgeben zu müssen bedauerst. Du guckst halt auf Geld und meinst, eine Währung sei ‚in der Krise‘, ohne auch nur einen Gedankenfurz darauf zu verschwenden, was, mal unterstellt, es handele sich 1) tatsächlich um kapitalistische Produktion, denn deren Zweck sei und was meinetwegen die Substanz von Geld wäre. Vielleicht käme dir auf die Art ein Gedankenblitz oder eine Ahnung davon, was das wirkliche Wesen dessen ist, das dir als ‚Euro-Krise‘ erscheint.

    Btw, den von dir inkriminierten Satz hast du nur einfach nicht kapiert, weswegen dir die Einbildung darüber, was mich interessieren täte, auch so ungemein wichtig und erwähnenswert erscheint :mrgreen:

    @Nestor

    Die Frage ist hier, was als „kapitalistisch“ bezeichnet wird.
    Kapitalverwertung ist nämlich schon angesagt.

    Eben, nur hat die Verwertung zwingend was mit Mehrwert zu tun, damit die Formel G – G‘ hinhaut. Selbst die 50 Milliarden vom IWF für Argentinien, auf die du im anderen Thread verweist, sollen in letzter Instanz irgendwie ‚die Wirtschaft ankurbeln‘, Offenbar ist aber selbst IWF-Chefin Christine Lagarde klar, dass es blanke Illusion ist, „die Wirtschaft zum Nutzen aller Argentinier zu stärken“.

    Fiktives Kapital ist halt Geld, das zu irgendeinem Zeitpunkt nicht als Kapital fungiert, bspw. weil es keine rentable Anlagemöglichkeit gibt. Dass Schuldtitel „nicht verfallen dürfen“ ist dagegen eine politische Entscheidung (womöglich um damit, wie wohl im Fall der argentinischen Auslandsschulden, ggf. ‚politischen Druck‘ machen zu können).

    @Hinweis
    Die „kontinuierliche Steigerung von Umsatz und Überschüssen“ ist das Anliegen aller kapitalistischen Geschäfte, aber wie die ‚Geldversorgung‘ ‚der Märkte‘ ohne tatsächliche Mehrwert-Produktion resp. erweiterte Warenproduktion gehen soll, kann auch der GSP nicht erklären. Dass Bilanzen, egal wie hoch auch immer, irgendwem etwas ‚gelten‘, besagt wenig. Zudem würde ich im Zusammenhang mit Finanz- und/oder Währungs-Krisen nicht unbedingt von „Funktionieren der Marktwirtschaft“ reden, eher von deren staatlich inszenierter Simulation. Die aber hätte ausschließlich (macht)politische Gründe.

  6. 6 Nestor 10. Juni 2018 um 8:59 Uhr

    @Samson

    nur hat die Verwertung zwingend was mit Mehrwert zu tun, damit die Formel G – G‘ hinhaut.

    Wie „zwingend“ das ist, ist eben die Frage. Die luftigen Kunststücke des Finanzkapitals versuchen jedenfalls, den soliden Mehrwert aus Warenproduktion und -verkauf obsolet zumachen.
    Es wird jede Menge Gewinn eingestreift, wo gar keine Produktion in Sicht ist.

    Selbst die 50 Milliarden vom IWF für Argentinien … sollen in letzter Instanz irgendwie ‚die Wirtschaft ankurbeln‘

    Das ist, falls es irgendwer so hinsagt, die Sonntagsrede. Faktisch sollen IWF-Kredite Altschulden beglaubigen, um Neuschulden aufnehmen zu können, um die alten bezahlen zu können. Sie sind Überbrückungskredite zur Erhaltung der Kreditfähigkeit.

    Fiktives Kapital ist halt Geld, das zu irgendeinem Zeitpunkt nicht als Kapital fungiert

    Ganz im Gegenteil. Es fungiert als Kapital, und hat Anspruch auf Gewinn. Sonst wäre es ja kein Kapital. Wenn es nicht angelegt würde, so wäre es ja kein Kapital, sondern ein Schatz in einer Matratze.
    Genau deshalb dürfen die Schuldtitel nicht verfallen, weil sonst aller Kredit fragwürdig würde.

    So war es ja bei der subprime-Angelegenheit: Hypothekarkredite in den USA wurden fraglich, am Ende krachte das ganze Weltwährungssystem.

  7. 7 Samson 11. Juni 2018 um 22:45 Uhr

    @Nestor

    Die luftigen Kunststücke des Finanzkapitals versuchen jedenfalls, den soliden Mehrwert aus Warenproduktion und -verkauf obsolet zumachen.

    Und derlei Versuche sind über kurz oder lang noch jedesmal gescheitert, sonst gäbe es nicht die ‚geplatzten Blasen‘. Der Witz ist eben, dass zum tatsächlichen Wachstum erweiterte Warenproduktion braucht, also etwas, worin sich der Mehrwehrt realisiert.

    Faktisch sollen IWF-Kredite Altschulden beglaubigen, um Neuschulden aufnehmen zu können, um die alten bezahlen zu können.

    Ja klar doch, weil Produktion resp. Verkauf von Waren weder Bedienung noch Rückzahlung der Altschulden gewährleisten täten. Deswegen übte sich ja Lagarde auch so in vornehmer Zurückhaltung. Btw, Hatte nicht Argentinien Anfang der 2000er die Rückzahlung der numehrigen Altschulden ganz verweigert?

    Es fungiert als Kapital, und hat Anspruch auf Gewinn. Sonst wäre es ja kein Kapital.

    O.K. ich hab mich falsch ausgedrückt, nur liegst du auch knapp daneben ;)
    Es fungiert nicht, aber es wird von Banken dem Zins abwerfenden, also wirklich fungierenden Kapital quasi unterschiedslos zugerechnet. Bezogen auf den Reproduktionsprozess der Gesellschaft gilt aber m.E. entweder, was in MEW 25 unter Geldkapital und wirkliches Kapital steht, bspw. „Staatseffekten wie Aktien und andere Wertpapiere aller Art sind Anlagesphären für verleihbares Kapital, für Kapital, das bestimmt ist, zinstragend zu werden. Sie sind Formen, es auszuleihen. Aber sie sind nicht selbst das Leihkapital, das in ihnen angelegt wird. Andrerseits, soweit der Kredit direkte Rolle im Reproduktionsprozeß spielt: Was der Industrielle oder Kaufmann braucht, wenn er Wechsel diskontiert haben oder eine Anleihe aufnehmen will, sind weder Aktien noch Staatspapiere. Was er braucht, ist Geld. Er versetzt oder verkauft also jene Wertpapiere, wenn er das Geld sich anders nicht beschaffen kann.“, oder man lässt die Unterscheidung weg, kann dann aber nicht mehr wirklich von kapitalistischer Produktion, Marktwirtschaft etc sprechen, und zwar nur i.d.S., dass die Kritik der Ökonomie dann auch keine Erklärung für Krisen,Kriege etc (mehr) bietet.

  8. 8 Jacko 12. Juni 2018 um 7:57 Uhr

    Ausgerechnet die Experten des Systems (…) interpretieren den Krisenfall regelmäßig so, dass sich damit rückwirkend die eigentlich von Anfang an feststehende Nichtigkeit einer nur künstlich aufgeblasenen Geschäftstätigkeit herausstellen würde; „Finanzblase“ ist das Stichwort, in dem diese Deutung sich zusammenfasst. Sie fingieren damit einen Unterschied zwischen einem haltbaren Kreditgeschäft, das eigentlich nie „platzen“ kann, und einer unhaltbaren Abteilung, deren Wachstum ein einziger Missgriff ist, ein Fremdkörper im redlichen Bankwesen…

    https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/finanzkapital-iv#fn18

    Dieser Unterschied zwischen einem ‚normalen‘ (eher guten) Kredit, dessen [Größe und darin] ‚Berechtigung‘ man ‚ausrechnen‘ könne (Umlaufgeschwindigkeit plus minus mal diesen oder jenen Faktor, Ersetzung von Verschleiß etcpp) und einem „fiktiven“ oder „faulen“ oder „völlig übertriebenen“ (eher bösen) Kredit (bei attac kann man nachlesen, das wieviel Zigfache der realen Akkumulationssumme als fikttive Summe herumschwirre…) wird kritisch herausgestellt. Problem ist nur: die Banken behandeln entweder bestimmte Risikogeschäfte als solche, oder aber ansonsten jeglichen Kredit nach ihren Bank-Kriterien, in denen sie vom Staat reguliert werden. Im Nachhinein haben es natürlich alle gewusst, dass dies faule und böse Kredite waren [wie das gesamte Personal dort eigentlich charakterlich Bangster seien]…

    Seit dem 18. und 19. Jahrhundert sind darin wesentliche Unterschiede eingekehrt, dass damals Privatbanken ihre Bankgelder herausgegeben haben, und auch ansonsten erst ein Resultat der größeren Banken- und Börsenzusammenbrüche war, dass der Staat beim Geld nunmehr das ausschließliche Münzmonopol hat, dementsprechend auch seine Banken reguliert.

    Jeder Krieg, der stattfindet, muss in seiner eigenen Logik erklärt werden. Da ist es geradezu schädlich, immerzu vorauszusetzen, man wüsste schon, was dabei grundlegend herauskommen werde, die Ökonomie nämlich.
    Das ist die Ersetzung von Analyse durch Glauben an höhere Mächte, oder: das Wortungetüm einer marxistisch-leninistischen „Weltanschauung“, die als Vorurteil an alles und jedes herangeschleppt wird. Kein Wunder, dass über dergleichen als „Religionsersatz“ gespottet wird.

  9. 9 Samson 12. Juni 2018 um 10:09 Uhr

    Jeder Krieg, der stattfindet, muss in seiner eigenen Logik erklärt werden.

    Und dabei sind stets die kriegführenden Subjekte als vom Himmel gefallene umstandslos vorauszusetzen. Amen!

  10. 10 Jacko 12. Juni 2018 um 10:46 Uhr

    Dass das Analysieren die vorausgesetzte Parteilichkeit und das eigene Vorurteilsdenken möglichst nicht zur Richtschnur des eigenen Untersuchens machen sollte, was daran soll skandalös sein? Dass die kriegführenden Subjekte ihre Kriegsgründe nicht z.B. in den Biografien der großen Männer und Helden der Weltgeschichte haben werden, – das wird schon so sein. Na und?

    Ob die Kriegsgründe nun darin liegen, dass sich Mächte als Hegemonialmächte über Regionen ‚aufspielen‘, denen das ‚nicht zukommt‘, ob es um Raub von Rohstoffen geht, ob ein Regime Change angestrebt wird, weil man eine bessere Regierung erwartet, ob ein Land zum failed state zerbombt wird, quasi als Merkmal, oder was auch immer.

    Der Allerweltspruch: Irgendwie wird es schon um Ökonomie gehen, taugt gar nichts. Auch wenn er vermutlich irgendwie genau so stimmt für irgendeinen sogenannten „Fußballkrieg“ in Lateinamerika, oder den Weltkrieg 2.

    Der Hinweis, dass es dir eher um Moral als um Analyse geht, der scheint ja zu stimmen.

  11. 11 Samson 12. Juni 2018 um 13:56 Uhr

    Wenn jeder Krieg, der stattfindet, „in seiner eigenen Logik erklärt werden“ [muss], dann gibt es auch keine Unterscheidung zwischen Revolution und Weltkrieg, weil die eine Parteinahme des Analytikers voraussetzen täte.

    Das als Moral abzutun, blamiert eher den sich selbst für unparteilich haltenden Kritiker, der hinterher eh immer alles besser weiß.

  12. 12 Jacko 12. Juni 2018 um 17:03 Uhr

    „Wenn jeder Krieg, der stattfindet, „in seiner eigenen Logik erklärt werden“ [muss], dann gibt es auch keine Unterscheidung zwischen Revolution und Weltkrieg…“

    Ich habe wirklich andere Sorgen auf der Welt, als deine beleidigten Nachtretereien auch noch inhaltlich auseinanderzunehmen. Selbstverständlichkeiten, wie die, dass man jeder Logik nachsteigen muss, gelten übrigens auch für Schreiber in Internet-Foren. Auch da muss man versuchen, der Logik der Sache gerecht zu werden, und nicht Positionen moralisch als Parteinahme für xyz abzuwatschen.

    Unterscheidungen macht man und entstehen bei der Untersuchung einer Sache. Wenn du behauptest, dass du ohne vorausgesetzte Parteilichkeit ansonsten den ersten Weltkrieg nicht von der Münchener Räterepublik unterscheiden kannst, dann kann ich das inhaltlich gar nicht einsehen. Glauben tue ich dir also nicht, dass man diese Unterscheidung ohne vorherige Parteinahme nicht hinbekäme. Die damaligen Figuren haben dies und jenes gesagt und getan, das lässt sich gut erklären. [Falls man an einer Erklärung interessiert ist.]

    … Als ob es dir pur nur um Moral geht, so führst du dich hier auf, musst es aber doch gar nicht. [Demnächst werd ich von jemandem, der nicht den Ersten Weltkrieg verstehen könne, noch zum sonstigen Beelzebub erklärt.] Es stimmt doch gar nicht. Pur um Moral geht es nie jemandem. Auch nicht, wenn er sich auf den Schlips getreten fühlt.

    Ich bin übrigens erst einmal weg hier.
    (Vielleicht diskutiert später mal jemand doch über Italien, EZB, Euro, ohne stattdessen die eigene höhere Moralität als Linker zum Thema zu machen.)

  13. 13 Nestor 12. Juni 2018 um 21:42 Uhr

    Oh weh,
    was ist denn das für eine seltsame „Analyse“, die meint, „alles“ müsse aus der Ökonomie erklärt werden?
    Und dort alles wieder aus dem „Mehrwert“?

    Da verwandeln sich allerdings die Marx’schen Kategorien in Glaubensinhalte.

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