Macris Schwanengesang?

ARGENTINIEN BITTET DEN IWF UM KREDIT

Man hörte oder las eine Zeitlang nichts von Argentinien. Seit Macri an die Regierung gekommen war, die Altschuld Argentiniens durch Einigung mit den Geierfonds prinzipiell anerkannt und offenbar irgendwelche Deals im Hintergrund abgeschlossen hatte, und mit verschiedenen Praktiken der Ära Kirchner aufgeräumt hatte, war irgendwie mediale Funktstille. Niemand meldete, wie diese Maßnahmen sich auf Bevölkerung und Ökonomie Argentiniens auswirkten.

Jetzt läßt sich aber nicht mehr länger unter den Tisch kehren, daß Macri und seine Mannschaft der flotten Sanierer in jeder Hinsicht gescheitert sind.

„Die argentinische Regierung hat den Internationalen Währungsfond (IWF) um finanzielle Unterstützung gebeten. Damit reagiert sie auf die rapide Abwertung des argentinischen Pesos. Steigende Zinsen in den USA hatten zuletzt dazu geführt, dass Anleger ihr Geld aus Schwellenländern abzogen und in den USA investierten. Gerade Argentinien ist von dem Kapitalabzug betroffen.“ (Die Zeit, 8.5.)

Damit wird eingestanden, daß die Kredite, die seit Macris Amtsantritt nach Argentinien geflossen sind, lediglich dem vergleichsweise hohen Zinsfuß geschuldet waren, weniger dem Vertrauen in Argentiniens Zahlungsfähigkeit, und großflächig abgezogen werden, sobald sich eine sicherere Anlage mit halbwegs verträglicher Rendite anbietet.

Mit einer gewissen Häme konstatiert die Süddeutsche das Scheitern Macris:

„die Inflation von derzeit rund 25 Prozent bekam er nie in den Griff, auch das Wachstum zog nicht wie geplant an. Unter dem Strich wurde mit Macri das Leben für fast alle Argentinier teurer, rund 1,5 Millionen Menschen rutschen unter die Armutsgrenze. Vor allem die Anleger an den internationalen Finanzplätzen freuten sich über Macris Kurs, aber wie es halt so ist in diesem gnadenlosen Geschäft: Dieselben Anleger ließen ihn jetzt im Stich – für eine Handvoll Dollar mehr.“

Dabei ist es gar nicht die höhere Rendite, sondern die größere Sicherheit, die die Anleger aus den Schwellenländer ins Heimatland des Dollars lockt. Sie vollstrecken damit eine self-fulfilling prophecy: Die Fragwürdigkeit der Zahlungsfähigkeit Argentiniens wird durch den Abzug der Kreditgeber verstärkt.

Aus einer 2016 erhobenen Klage gegen Macri und den damals gerade zurückgetretenen Finanzminister Prat-Gay geht hervor, wie sich die Regierung Macri im ersten Regierungsjahr Geld zur Stützung des Wechselkurses beschafft hatte: durch Emission von Anleihen und Schatzscheinen mit bis zu 40% Zinsen, die die argentinische Schuld weiter erhöht hatten.

Unter Nestor und Christina Fernandez de Kirchner war der IWF unwillkommen gewesen, die Beziehungen wurden abgebrochen. Im März dieses Jahres besuchte erstmals eine IWF-Delegation im Vorfeld des G 20-Treffens Argentinien. Damit wurden die Weichen für neuerliche Kreditstützungen durch den IWF gestellt.

„Dem südamerikanischen Land gelingt es nicht, seine Wirtschaft zu stabilisieren. … Für Präsident Macri ist das eine Katastrophe. Seine Reformen scheitern und nun lebt ein nationales Trauma auf … An diesem denkwürdigen Dienstag, um Punkt ein Uhr mittags, unterbrachen die wichtigsten Fernsehkanäle Argentiniens ihr Programm. Das Wort hatte Staatspräsident Mauricio Macri, 59. Er verlas eine Rede an die Nation, die keine drei Minuten dauerte und sicherlich die schwerste seiner bisherigen Amtszeit war. »Wir gehen den einzigen möglichen Weg, um dem Stillstand zu entkommen und eine große Wirtschaftskrise zu verhindern, die uns allen schaden würde«, ergänzte Macri.“ (SZ, 9.5.)

„»Unser Problem ist, dass wir eines der am stärksten von ausländischem Kapital abhängigen Ländern der Welt sind“, sagte Präsident Macri.“ (FOCUS, 9.5.)

Das alles ist nicht verwunderlich. Die Medien bemühen sich jetzt, die Schwierigkeiten Argentiniens als eine Mischung von unvermeidlicher Naturkatastrophe und falscher Politik hinzustellen. Man möchte aber auch Macri nicht zu offen kritisieren, weil er hat ja alles gemacht, wie es im Lehrbuch steht: Subventionen weg, Sozialkürzungen aller Art, und Werben um Kredit bei den internationalen Geldgebern. Und jetzt ist wieder IWF-Rettung angesagt.

Was ist eigentlich mit Argentiniens Schuld? Wie werden die mehr 100 Millionen Milliarden Dollar bedient? Gab es ein Moratorium? Wenn ja, wie wirkt sich das auf die IWF-Verhandlungen aus? Oder werden sie voll zurückgezahlt? Was für Verbindlichkeiten ergeben sich jetzt daraus, für die der IWF geradestehen muß?
Verschiedene Buchhaltungs-Tricks des argentinischen Staatshaushaltes werden dem IWF jetzt geoffenbart werden müssen.

Der IWF ist einerseits zufrieden, bei Argentinien wieder den Fuß in der Tür zu haben. Aber auch für den IWF steht viel auf dem Spiel: schließlich werden für ihn auch Geister aus der Vergangenheit geweckt, von einem IWF-Musterschüler, der den größten Staatsbankrott der Geschichte hinlegte.
Eine Neuauflage davon kann sich der IWF auch nicht leisten.


15 Antworten auf „Macris Schwanengesang?“


  1. 1 Neoprene 11. Mai 2018 um 22:43 Uhr

    Milliarden, nicht Millionen:
    „Seit Dezember 2016 hat sich Argentinien um knapp 133 Milliarden US-Dollar neu verschuldet. Dies hat die Beobachtungsstelle für Auslandsschulden an der Hauptstädtischen Universität für Erziehung und Arbeit (ODE-UMET) berechnet. Während der bisherigen Amtszeit der Regierung von Staatspräsident Mauricio Macri ist Argentinien damit zu dem Land mit der höchsten Neuverschuldung weltweit geworden. Im betreffenden Zeitraum nahm Argentinien fast doppelt so viele Staatsschulden in Fremdwährung auf wie Saudi Arabien und fast drei Mal so viele wie Indonesien, die zweit- bzw. drittplatzierten Staaten in diesem Ranking.“
    https://amerika21.de/2018/03/196484/staatsschulden-argentinien

  2. 2 Nestor 12. Mai 2018 um 0:17 Uhr

    Danke.
    Irgendwie komme ich bei diesen Größenordnungen immer durcheinander!

    Was mir nicht klar ist: Was ist mit den Altschulden und in welchem Verhältnis stehen sie zur Neuverschuldung?
    Wurden die Neuschulden aufgenommen, um die Altschulden zu tilgen?
    Und wer gibt Argentinien so viel Geld? Sind das politische Kredite aus den USA? Haben die Geldgeber Garantien von IWF oder Fed, daß sie nicht noch einmal um ihre Kredite umfallen werden?
    Worauf beruhen diese Garantien?
    Was ist, wenn Macri die nächste Wahl verliert oder gestürzt wird?

  3. 3 Paquito 12. Mai 2018 um 6:45 Uhr

    Alle Jahre wieder:

    Sobald man in den USA höhere Zinsen bekommt, verlassen deswegen etliche Anleger ihre „Risikokapital-“ und „Schwellenländer“-Anlagen (vermutlich auch Hedge-Fonds etcpp…)
    (… und stürzen ganze Volkswirtschaften in finanzielles Desaster…)

    (Obendrein lockt Trump weltweites Kapital zusätzlich mit div. Sonderangeboten in die USA [bzw. erpresst sie dazu] – und wie man dabei erfolgreich vorgeht, das wird der Herr schon wissen. Da kennt er sich ein reichliches Stück weit selber praktisch aus. Meint er zumindestens ja…)

    https://www.nzz.ch/finanzen/schwellenlaender-im-sog-der-dollarstaerke-ld.1384837

  4. 4 Nestor 12. Mai 2018 um 7:25 Uhr

    So ist es, aber Argentinien ist davon besonders betroffen, weil es ja trotz aller Vorschußloorbeeren für Macri nur mit echt hohen Zinsen Kreditgeber anziehen konnte.

  5. 5 Paquito 12. Mai 2018 um 7:45 Uhr

    Genau. (Vielleicht liegt her auch die Auflösung der Rätsel um die Hintergründe in Nicaragua – anderer Thread?)

    Die andere Seite, Trumps Wirtschaftspolitik und ihre weltweiten Auswirkungen, werden übrigens erläutert im letzten Gegenstandpunkt
    (dort im Artikel: Der Westen nach einem Jahr Trump, speziell auf den Seiten 95 Mitte bis S. 100).

    https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/westen-einem-jahr-trump

    https://de.gegenstandpunkt.com/sites/default/files/jf-protokolle/jf180409-westennachtrump.pdf

  6. 6 Nestor 12. Mai 2018 um 12:36 Uhr

    Möglich wäre es, mit Nicaragua.

    Was Argentinien angeht, so war die Absicht auch unter den Kirchners diejenige, wieder auf die Finanzmärkte zurückzukehren und sich wieder neu verschulden zu können. Durch die Klage der Geierfonds und das Urteil des New Yorker Richters wurde das aber vereitelt und deswegen warf sich Christina Fernandez China in die Arme.
    Aber jede Regierung, nicht nur in Lateinamerika, strebt Verschuldungsfähigkeit an, versucht sich durch Kredit Spielraum zu verschaffen und hinterläßt dann ihren Nachfolgern immer größere Schuldenberge.

    Macri hat offenbar schon im Vorfeld seiner Wahl diverse Deals geschlossen, deshalb erhielt er eine so gute Presse, und bekam dadurch den Kredit, der ihm jetzt auf den Kopf fällt. Der ständig wachsende Schuldendienst will ja auch irgendwie bewältigt sein, und die argentinische Ökonomie gibt das nicht her.

  7. 7 Paquito 17. Mai 2018 um 8:14 Uhr

    Auch die multilateralen Projekte innerhalb der Latino-Zone[n] (der Länder untereinander) scheinen grad zerstört zu werden.

    https://www.nachdenkseiten.de/?p=43927

    Zumindestens passend ist das ja zu Trumps Devise, mit jedem einzelnen Staat ganz neue „faire“ und günstigere Bedingungen zu Gunsten der USA neu aushandeln zu wollen, und dafür solche bisherig existenten Zusammenschlüsse möglichst sabotieren zu wollen (und sie nirgends als günstige Mittel für US-Politik, im Sinne globaler Ordnungsstiftung, sehen zu wollen.).

  8. 8 Samson 17. Mai 2018 um 11:34 Uhr

    Und wer gibt Argentinien so viel Geld? Sind das politische Kredite aus den USA?

    Obwohl es bischen nach ‚Kaffesatz‘ riecht, würde ich letzteres vermuten. Womöglich spielt in einen größeren Kontext Der „Meister Schlag“ der USA gegen Venezuela eine gewisse Rolle. Demnach planen die „Vereinigten Staaten und ihre Partner“ schon einen Militäreinsatz für den Fall, dass Maduro bei den nächsten Wahlen aller Propaganda „plus weitere gewalttätige Aktionen“ zum Trotz nicht verliert. Das ‚Muster‘, „Verteidigung der Demokratie“, würde sich vom in Nahost etc. verwendeten ‚Demokratie-Export‘ nicht wesentlich unterscheiden …

  9. 9 Nestor 17. Mai 2018 um 16:26 Uhr

    Dazu Vor-Artikel:

    Rollback in Lateinamerika
    http://nestormachno.blogsport.de/2016/05/31/rollback-in-lateinamerika/

    VENEZUELA AUF DER KIPPE
    http://nestormachno.blogsport.de/2017/11/14/staatsbankrott-einmarsch-buergerkrieg/

    Die Idee eines Einmarsches wälzen die USA schon länger, aber sie wollen sich dafür der Mitarbeit anderer Länder versichern. Der Sturz Rousseffs und das Urteil gegen Lula dienen offenbar dazu, die Bedingungen dafür in Brasilien zu schaffen.

  10. 10 Paquito 17. Mai 2018 um 20:33 Uhr

    Noch mal etwas zurück zur [etwas enger gefassten] ökonomischen Niederwälzung der Ökonomien der Latinos.
    Dazu ist grad ein Artikel von Stephan Kaufmann erschienen:

    „Die gefährliche Stärke des Dollars
    Der Dollar steigt, die Zinsen auf US-Staatsanleihen ziehen an
    - Länder wie Argentinien und Türkei bringt das schwer in die Bredouille…“

    http://www.fr.de/wirtschaft/kapital-die-gefaehrliche-staerke-des-dollars-a-1507170

  11. 11 Nestor 08. Juni 2018 um 23:39 Uhr

    IWF-Gelder: Argentiniens Spiel mit dem Feuer

    Der IWF gewährt Argentinien finanzielle Hilfe von 50 Milliarden Dollar.

    https://derstandard.at/2000081240981/IWF-Gelder-Argentiniens-Spiel-mit-dem-Feuer

  12. 12 Paquito 10. Juni 2018 um 8:00 Uhr

    Die Entscheidung der argentinischen Regierung, sich aufgrund verfehlter Wirtschaftspolitik wieder an den Internationalen Währungsfonds (IWF) zu wenden und eine Kreditaufnahme zu verhandeln, sorgt weiterhin für Proteste und ein Veto des Präsidenten Mauricio Macri gegen eine Mehrheitsentscheidung des Senats. Dieser hatte in der Nacht zu Donnerstag nach einer zehnstündigen Sitzung für ein Gesetz gestimmt, das die Tarife für Gas, Wasser und Strom deckeln sollte.

    https://amerika21.de/2018/05/202584/argentinien-iwf-proteste-veto-tarife

    Wo der argentinische Staat darin auch sagt, dass ihm die Unteren noch mehr scheißegal sind als eh sonst schon – blüht unten die Vorstellung, nun müsse man sich erst recht darum bekümmern, dass die Würde auch bei den Ärmsten der Armen als Wert hoch gehalten werden soll:

    https://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/weltspiegel/Argentinien-Hilfe-in-Armenvierteln-100.html

  13. 13 Nestor 10. Juni 2018 um 8:48 Uhr

    Argentinien hat inzwischen 220 Milliarden $ Auslandsschulden, was gegenüber den Schulden vieler EU-Mitgliedsstaaten zwar bescheiden wirkt, aber die argentinische Ökonomie eindeutig überfordert.

  14. 14 Hinweis 20. Juli 2018 um 18:10 Uhr

    Aktuelles über die Verhandlungen Argentiniens mit dem IWF

    https://www.n-tv.de/wirtschaft/Argentinien-erhaelt-erste-IWF-Tranche-article20494213.html

    ----

    Proteste vor Finanz-Treffen in Argentinien
    IWF wird zum Reizwort
    IWF-Chefin Christine Lagarde erwarten am Wochenende beim G20-Gipfel heftige Proteste. Das Land ist tief in einer wirtschaftlichen Krise.

    http://www.taz.de/!5522778/

    Der taz-Artikel hat einen Tippfehler:
    „„Insgesamt haben Investoren in den Monaten Mai und Juni über 14 Milliarden Dollar aus den Schwellenländern angezogen“, so Lagarde.“ — Abgezogen wurde das Geld stattdessen.
    [Finanz-Geschäfte in US-Dollar werden vermutlich von den Finanzern derzeit unter Trump stattdessen vorgezogen.]

    --

    https://amerika21.de/2018/06/203688/argentinien-kredit-iwf

    https://amerika21.de/2018/07/206568/argentinien-proteste-gegen-iwf

  15. 15 Nestor 20. Juli 2018 um 18:42 Uhr

    Es ist halt etwas blauäugig von diesen ganzen Intellektuellen, gegen den IWF-Kreditvertrag zu protestieren, noch dazu mit patriotischen Losungen, nachdem sie die letzten 2 Jahre zum enormen Anwachsen der Schuld nichts gesagt haben.

    Sie halten Schulden-Machen und -Abzahlen offenbar für eine Frage des Patriotismus.

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