Umgang mit der latenten Finanzkrise

DIE EU PLANT EINEN EWF

„Brüssel wird am 6. Dezmber vorschlagen, den bisherigen Stabilisierungsmechanismus (ESM u.a.) in einen Stabilitätsfonds, die europäische Version des IWF umzuwandeln. Der Vorschlag … schränkt ursprüngliche Pläne ein, denen zufolge Deutschland gewagtere Schritte unterstützt hätte. Mit einer Feuerkraft von einer halben Billion (= 500 Milliarden) Euros (bis zu 20 % erweiterbar) wird der EWF Länder unter der Bedingung von Sparprogrammen retten, wie bisher der ESM, und soll auch als Feuermauer zum Schließen von Banken tätig werden, was die Bankenunion ergänzt.“ (El País, 28.11.)

Was heißt „Feuermauer zum Schließen von Banken“? Der Schaden aus einer Bankenrettung soll damit offenbar begrenzt werden, indem die Verbindlichkeiten der abgewickelten Bank aus dem EWF beglichen werden. Der solchermaßen geplante EWF wäre ja ganz ordentlich dotiert und man fragt sich, wo dieses Geld herkommen soll? Stellt das die EZB so ohne weiteres zur Verfügung, aus ihrer Stellung als Euro-Macher und Euro-Hüter her? Soll damit ausprobiert werden, was das Finanzkapital, genannt „die Märkte“, der EZB zutrauen? Oder werden noch weitere Garantien aus den einzelnen Mitgliedsstaaten eingefordert? Das könnte schiefgehen, wenn die selber ins Steaucheln geraten – dann wären alle Garantien fragwürdig.

Auch die Darstellung des EWF als Ergänzung der Bankenunion ist eine Charakterisierung, die es in sich hat. Die Bankenunion ist ja nur teilweise und in abgespeckter Form zustande gekommen. Sie ist mehr ein Buchstabe als eine Realität. Mit dem EWF soll sie offenbar gestärkt oder besser gesagt, überhaupt erst realisiert werden. So sind zumindest die Pläne.
Die unter Ach und Weh zustandegekommene Bankenunion ist nämlich nur die abgespeckte Version ursprünglicher, ehrgeizigerer Pläne:
Bankenaufsicht – die neue Wunderwaffe?

Man weiß auch nicht, inwiefern Deutschland mehr „gewagt“ hätte – möglicherweise handelt es sich im das Hineinreden in die Staatshaushalte der solchermaßen gestützten Staaten, so wie es in Griechenland praktiziert wird.

Warum sieht es die EU-Spitze für geraten bzw. notwendig an, eine solche Institution wie einen EWF zu schaffen?

1. Weil vom IWF selbst immer mehr Kritik an den Euro-Rettungsprogrammen kommt. Die anderen Mitgliedsstaaten des IWF wollen nicht ständig für die Rettung einer Weltwährung ins Gebet genommen werden. Zwischen der Führung des IWF und der EU und EZB vertiefen sich die Spannungen, weil der IWF bei Griechenland eine Schuldenstreichung fordert, die die EU auf keinen Fall zugestehen will.

2. Weil die EU einen ständig anwachsenden und immer weniger durch Profite oder Steuern beglaubigten Schuldenberg vor sich herschiebt und ständig befürchten muß, daß der eine oder andere Staat oder eine systemwichtige Bank ins Strudeln gerät, was eine neue Eurokrise auslösen könnte. Die seit geraumer Zeit drohende Insolvenz verschiedener italienischer oder spanischer Banken sind da deutliche Zeichen an der Wand gewesen, daß von dieser Seite Unheil droht. Aber auch Deutsche und Commerzbank stehen nicht so sicher auf ihren Füßen, daß da nicht mit Kreditspritzen gerechnet werden müßte.

3. Was den Staatskredit angeht, so präsentiert sich die allgemeine Lage auch nicht gerade stabil. Seit mehr als 3 Jahren werden von der EZB Unsummen in die Kreditierung von Wackelstaaten gepumpt, um ein Wiederaufflammen der Eurokrise zu verhindern. Gleichzeitig stellt das ein Geschäftsangebot an die Banken dar: sie kaufen Staatsanleihen auf und haben eine Abnahmegarantie von der EZB, mit Aufschlag, an dem sie auch etwas verdienen. Auf diese Weise verschafft die EZB den Banken Einkünfte und den Staaten Liquidität und verursacht damit auch niedrige Zinsen auf Staatsanleihen, die sich auf das ganze restliche Zinsniveau in unterschiedlicher Weise auswirken.

Zur Kreditvergabe der EZB siehe: DIE ZINSPOLITIK DER EZB

und zu deren Folgen: NEGATIVZINSEN

Einmal sehen, was aus dieser Initiative wird.


15 Antworten auf „Umgang mit der latenten Finanzkrise“


  1. 1 Hinweis 11. Januar 2018 um 6:28 Uhr

    Deutsche Überlegungen zu einer Neufassung der EU-Außenpolitik finden sich in einem Vortrag von Sigmar Gabriel am 5.12.

    http://www.bruessel-eu.diplo.de/Vertretung/bruessel__eu/de/00-startseite/EU-Rede__Gabriel.html

    Der Rede ist erkenntlich das Missvergnügen daran abzulesen, dass deutsche bzw. europäische Außenpolitik zukunftig nicht mehr im Schatten des Großen Bruders tätig werden könne, wie weiland früher im Sinne von „ökonomisch ein Riese, aber militärisch ein Zwerg“, weil unsere Drecksarbeit, die erledigen, wenn es hart auf hart kommt, dann ja schon die Amerikaner. Diese Arbeitsteilung im Bündnis sei endgültig vorbei, auch beim nächsten US-Amtsinhaber werde das, vom Prinzip her, nicht anders sein.
    Seien die Amerikaner als solche Bündnispartner futsch, dann definiert sich Gabriel die neue Lage als eine von „Leerstellen“, die ratzfatz von Russland oder China besetzt werden würden. Beispiel Syrien. Stattdessen solle sich dort doch lieber europäische Macht entfalten, was er sich so als Sachzwang hindefiniert.

    Die Rede, anscheinend im Auswärtigen Amt durchkonstruiert, liest sich wie ein Besinnungsaufsatz über das Thema Verantwortung und/wegen/angesichts/trotz Leerstelle, listet ideologische wie machtpolitische Dilemmata aus deutscher Sicht auf, und gipfelt in der realpolitisch merkwürdigen Beschwörung, man müsse versuchen, „mit der Definition unserer eigenen Interessen“ zu beginnen.

    Die CDU-Position scheint hingegen zu sein, davon auszugehen, dass solcherlei europapolitische imperialistische Welt-Vorstellungen, die man zusammen mit Macron aushecken könne, nationalpolitisch eher schädlich seien. Zumindestens bei der Frage der Vergemeinschaftung europäischer Schulden vertritt die Kanzlerin anscheinend nach wie vor das eherne Prinzip, dass die Erfolge deutscher Wertarbeit auch weiterhin pur deutsch bilanziert werden müssen, und die anderen Staaten, gemeint sind die aus dem EU-Süden incl. Frankreich, Italien und Spanien, auch weiterhin vor allem mittels Schuldenhaftung und Sparzwang für die aus den deutschen Erfolgen resultierende notwendige Krisenfolgenabwälzung in Anspruch genommen werden sollen und müssen.

  2. 2 Hinweis 11. Januar 2018 um 7:02 Uhr

    Zum Euro im eigentichen Sinne habe ich nur dies gefunden

    „Tusk: „Ich werde den nächsten Euro-Gipfel bereits im März einberufen, um diese Diskussion fortzusetzen. Und im Juni könnten wir so weit sein, die ersten Beschlüsse zu fassen.“ Bisher waren Entscheidungen im Juni fest eingeplant. Dass sich nun der Konjunktiv eingeschlichen hat, ist ein weiteres Indiz dafür, dass man in Brüssel zuletzt hinter den eigenen Erwartungen zurück geblieben ist.“

    https://www.euractiv.de/section/binnenmarkt-und-wettbewerb/news/schritt-fuer-schritt-zur-euro-stabilisierung/

  3. 3 Hinweis 13. Januar 2018 um 10:01 Uhr

    Aus den gestrigen Ergebnissen der Sondierungsgespräche in D

    „Den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) wollen wir zu einem parlamentarisch kontrollierten Europäischen Währungsfonds weiterentwickeln, der im Unionrecht verankert sein sollte.
    Insgesamt lassen wir uns davon leiten, dass die EU für Solidarität zwischen den Mitgliedstaaten ebenso wie für ihre Bürgerinnen und Bürger stehen muss. Das Prinzip der wechselseitigen Solidarität muss auch für den EU-Haushalt gelten. Zugleich muss auch künftig das Prinzip gelten, dass Risiko und Haftungsverantwortung verbunden sind. (…)

    Deutschland und Frankreich müssen insbesondere auch Innovationsmotor sein und werden dies (…) unter Beweis stellen. Wir wollen gemeinsame Positionen möglichst zu allen wichtigen Fragen der europäischen und internationalen Politik entwickeln und in Bereichen, in denen die EU mit 27 Mitgliedstaaten nicht handlungsfähig ist, vorangehen.“

    Dass in Puncto deutsch-französische Gemeinschaftlichkeit als einziges konkretes „Vorhaben: Erforschung künstlicher Intelligenz“ genannt wird, – das mutet allerdings merkwürdig surreal an …

    Gegenüber den Ostländern u.a. ist wohl dies aufgeschrieben:
    „Das Prinzip der wechselseitigen Solidarität muss auch für den EU-Haushalt gelten. Zugleich muss auch künftig das Prinzip gelten, dass Risiko und Haftungsverantwortung verbunden sind.“
    Wer da nicht sich fügt, kriegt Gelder gekürzt.

    Die Hinweise auf die angestebte intensivere Zusammenarbeit zwischen D und F sollen wohl auch europaweit so gelesen werden: Macht bei den geplanten Zentralisierungen, u.a. des EU-Geldes, Flüchtlingen etc., mit, lasst euch eure nationalen Kompetenzen europäisch neu sortieren und neu zuordnen (also beschneiden),

    - oder; wir errichten einen separaten deutsch-französischen Superstaat, dass euch restlichen 25 Nationen dann schon Hören und Sehen vergehen wird…

    [Ob es solche gemeinsamen dt./frz. Projekte überhaupt gibt, das ist übrigens so klar noch gar ncht, und lächerlicherweise eher als Beschörungsritual tatsächlich vorhanden bzw. abgemacht. Da eignet sich ein virtuelles Projekt zur virtuellen künstlichen Intelligenz natürlich supergut zwecks Veranschaulichung der regierungsamtlichen Modellbaubasteleifantasien…]

    http://www.handelsblatt.com/downloads/20841270/2/gesamtdokument_sondierung.pdf

    https://www.euractiv.de/section/bundestagswahl-2017/news/union-und-spd-fuer-grosse-euro-reform/

  4. 4 Nestor 13. Januar 2018 um 12:28 Uhr

    Wer da nicht sich fügt, kriegt Gelder gekürzt.

    Mit dieser Drohung wird seit langem gewedelt, aber was hat es damit auf sich?

    Diese Transferzahlungen sind doch keine Geschenke, wie immer getan wird. Es verhält sich mit ihnen ähnlich wie mit Entwicklungshilfe: sie werden den Ländern gegeben, damit die Infrastruktur aufbauen, staatliche Aufträge vergeben oder sonst irgendwas machen können, was dem Kapital eine Spielwiese bietet oder zumindest den dortigen Laden am Laufen hält.

    Wenn diese Zahlungen gekürzt werden, so wird damit auch Wirtschaftstätigkeit zurückgefahren, der solchermaßen mit Geld versorgte Markt kontrahiert. Der Hinterhof fuckt mehr ab.

    Es ist übrigens mit den Brexit-Verhandlungen ähnlich. Alle angedrohten Maßnahmen würden beiden Seiten schaden.

  5. 5 Hinweis 13. Januar 2018 um 13:02 Uhr

    Es sind keine Geschenke, sondern die Zahlungen sollen quasi als Vorschüsse fungieren einerseits für den Ausbau europäischer Zentralmacht, andererseits für europäisches Geschäft insgesamt, und damit ist solches gemeint, welches nach wie vor national benamst ist.
    Wenn das Geld aber nur dafür benutzt wird, eine östliche Landwirtschaft zu modernisieren, und das Land wendet dabei sich von der EU als Ordnungsrahmen ab – und beispielsweise eher den USA oder eher Russland zu, um mit denen Konkurrenzbeziehungen aufzubauen, dann erscheinen die Gelder irgendwie dann doch wie überflüssige Geschenke …
    Sprich: gemeint i s t damit die Einordnung dieser Länder in die EU, – und nicht irgendein Idealismus von Entwicklungshilfe o.ä.

  6. 6 Hinweis 13. Januar 2018 um 13:46 Uhr

    Ähnliche Fortschritte hat ja die Nachkriegsordnung der USA hierzulande bewerkstelligt: aus benutzten Nationen wurden Konkurrenten, die eigene Weltotdnungsambitionen entwickeln …

  7. 7 Nestor 14. Januar 2018 um 14:22 Uhr

    Wenn das Geld aber nur dafür benutzt wird, eine östliche Landwirtschaft zu modernisieren

    Siehst du dafür irgendwo Anzeichen?
    Was heißt übrigens „modernisieren“?
    Ich nehme eher Verkauf von Land an westliche Investoren („land grabbing“) wahr, aber nicht Verwendung von EU-Geldern für, hmmm, Ankauf von Landmaschinen.
    Aber ich wäre dankbar für Details zu dem Thema.

    Und selbst wenn das so ist, so ist dennoch die Kürzung von EU-Geldern ein mattes Mittel dafür, ein Land wieder in den EU-Ordnungszusammenhang zurückzubringen. Im Gegenteil, es gibt nur Anlaß für weitere Bockigkeiten.
    Um so mehr, als in Ländern wie Polen und Ungarn weit und breit keine Opposition sichtbar ist, die das Land wieder auf EU-Schmeichelkurs bringen könnte.

  8. 8 Hinweis 14. Januar 2018 um 16:26 Uhr

    Funktionieren, mehr schlecht als recht, scheint es nach dem Prinzip, dass Landwirte Gelder aus einem Fonds „Entwicklung des ländlichen Raumes“ beantragen.
    https://www.euractiv.de/section/landwirtschaft-und-ernahrung/news/ueberkomplex-und-unklar-rechnungshof-kritisiert-eu-programm-fuer-laendliche-entwicklung/

    Zu einigen Prinzipien der polnischen „Modernisierungspolitik“
    https://www.jungewelt.de/artikel/324267.gefragte-produktivkraft.html?sstr=polen#

  9. 9 Nestor 14. Januar 2018 um 18:48 Uhr

    Die Landwirtschaftspolitik der EU ist ein Nest von Widersprüchen, und niemand ist mit ihr zufrieden. Weder die Brüsseler Bürokraten einschließlich des europäischen Rechnungshofs, noch die Behörden der einzelnen Staaten, noch die Betroffenen selbst, die oft an Kleinigkeiten scheitern oder wieder gern nach einiger Zeit aus den Förderprogrammen aussteigen.

    Was soll damit erreicht werden?
    Billigere Lebensmittel EU-weit?
    Der Erhalt des Bauernstandes?
    Das Verschwinden des Bauernstandes zugunsten von durchkapitalisierten Agrarkonzernen?
    Steigerung des Lebensmittelexports?
    Verringerung der Lebensmittel-Überschüsse?

    Ich bin sicher, kein EU-Angestellter oder Agrarexperte könnte auf diese Fragen eindeutige Antworten geben.

    Da keiner genau weiß, wofür eigentlich diese beträchtlichen Mittel ausgeschüttet werden, so wäre auch nicht klar, was ihre Kürzung bewirken würde.

    Meine Erfahrung ist aus Ungarn, daß die EU-Gelder der Finanzierung der dortigen Eliten dienen. Sofern diese Gelder ausbleiben, müssen sich die Verwalter des gesellschaftlichen Reichtums neue Melkkühe suchen.
    In Österreich scheint der hauptsächliche Nutznießer dieser Zahlungen die Raiffeisen-Holding zu sein, zu der ja nicht nur der Agrarsektor, sondern auch bedeutende Teile der Lebensmittelindustrie gehören.

  10. 10 Neoprene 18. Januar 2018 um 13:42 Uhr

    Der Spiegel schreibt in einem Artikel zu den Bankkrediten in der EU: „Europas Banken bauen in rasantem Tempo faule Kredite ab“. Damit meinen sie aber nur Folgendes: „Demnach sank der Anteil ausfallgefährdeter Darlehen am gesamten Kreditbestand zwischen Juni 2016 und Juni 2017 von 5,6 auf 4,6 Prozent. … So konnten die deutschen Banken ihre Quote von 2,8 auf lediglich noch 2,3 Prozent verbessern. … Dramatischer ist die Lage in Griechenland, wo die Quote mit 46,9 (zuvor 47,2) Prozent praktisch stagnierte. … Das Land mit der absolut betrachtet größten Masse fauler Kredite bleibt Italien. … Immerhin sank die Quote im Betrachtungszeitraum von 16,2 auf 12,2 Prozent. Ende 2015 hatte sie noch gut 18 Prozent betragen.“ Um dann zur Einschätzung zu kommen: „Anders ausgedrückt. Noch immer ist der Wertberichtigungsbedarf in den Bilanzen der italienischen Banken erheblich – und die Gefahr für Kontinentaleuropas drittgrößte Volkswirtschaft mitnichten gebannt.“
    http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/europa-weniger-faule-kredite-in-der-europaeischen-union-a-1188544.html#ref=rss

  11. 11 Nestor 18. Januar 2018 um 15:00 Uhr

    Artikel dieser Art dienen offenbar nur der Beruhigung des p.t. Publikums: die Schulden sind zwar nach wie vor da, aber wir (= die Verantwortlichen, die Währungshüter, die Bankfuzis) haben alles im Griff!

    Im El País war heute ein Artikel zur spansichen Staatsschuld, die inzwischen zwar auf 1142 Milliarden € angewachsen ist, aber das sei gar nicht so schlimm, weil sie durch das Wirtschaftswachstum inzwischen nur mehr 98,38% des BIP ausmacht!
    Auch so ein Schönwetter-Artikel.
    Budget für 2018 hat Spanien noch keins vorgelegt.

  12. 12 Samson 18. Januar 2018 um 15:52 Uhr

    Der JW- Artkel lebt von der Borniertheit seines Autors. Was die 2 Millionen Emmigranten nach Westeuropa tatsächlich zumeist waren, hätte er Ken Loachs „It’s a Free World“ sehen können (auch wenn es im Film mehr um Ukrainer ging). Selbst der FAZ-Filmkritiker kam zu dem Befund, „Der eigentliche Bösewicht in diesem Stück ist das System, das die Seele der Menschen korrumpiert, sie in die Lage bringt, so zu handeln wie Angie.“

    Dass Morawiecki „Polen eine nach- und aufholende Entwicklung zur Angleichung an die führenden Industriestaaten Europas verpassen“ (will) und ausgerechnet deswegen eine Art ‚Sozialklimbim‘ anleiert um Leute zurück zu holen, halte ich für Blödsinn. Als Ex-Banker kennt der die ‚Spielregeln‘. An dem, was die Leute nach 1990ff. aus Osteuropa vertrieb, war er vermutlich ‚führend‘ beteiligt.

    Aus der Perspektive des westeuropäischen resp. EU-Kapitals fällt die Angelegenheit eher in die Kategorie Absenken des Preises der Arbeitskraft unter ihren Wert, und das ‚funktioniert‘ immer schon am besten vermittels ‚auswärtigem Handel‘, ganz egal welcher Art die Ware ist.

    Damit lässt sich partiell die Profitrate ’sanieren‘, allerdings entweder nur durch Verdrängen von Konkurrenten oder durch Ausweitung der Produktion. Fragt sich halt, wo die Märkte sein sollen …

    @Neoprene

    Wertberichtigungsbedarf ist auch nur ein Euphemismus für irgendwie ‚klemmende‘ Kapitalverwertung ;)

    Btw, mich täte ja mal interessieren wie bspw. die ‚Konjunkturzahlen‘ ohne doppelte Buchführung aussehen würden ;)

  13. 13 Neoprene 18. Januar 2018 um 16:48 Uhr

    „Wertberichtigungsbedarf ist auch nur ein Euphemismus für irgendwie ‚klemmende‘ Kapitalverwertung“
    ist ja selber noch zu euphemistisch. All die faulen Kredite sind doch die stehen gebliebenen Reste in den Bankbilanzen von Projekten und Firmen, die wirtschaftlich gescheitert sind. Da „klemmt“ doch regelmäßig nichts, sondern ist wirtschaftlich gesehen schon gestorben.
    Was die „Konjunkturzahlen“ angeht, so sind die doch selbst offiziell nicht sonderlich eindrucksvoll, denn die Banken überschlagen sich ja (nicht zuletzt wegen der enormen eingefahrenen Verluste der letzten Jahre) nicht gerade mit der Neuvergabe von Krediten, woraufhin natürlich auch nicht sonderlich viel „Wachstum“ angeschoben werden konnte.

  14. 14 Agniescza 18. Januar 2018 um 16:56 Uhr

    Thema „Polen“

    „Der neue Ministerpräsident Mateusz Morawiecki, ein ehemaliger Banker, will Polen eine nach- und aufholende Entwicklung zur Angleichung an die führenden Industriestaaten Europas verpassen. Dazu braucht er auch möglichst viele derjenigen zwei Millionen Polen zurück, die nach 2004 das Land in Richtung Großbritannien, Irland, Deutschland usw. verlassen haben. Er weiß: Für die alten Hungerlöhne kommt niemand. Also müssen objektive Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass polnische Arbeitskräfte auch wieder »polnischen« Mehrwert erzeugen. Polen ist nach dieser Seite ein Unikum: Ein Staat, der mit anderen um seine wichtigste Produktivkraft, die eigene Arbeiterklasse, konkurrieren muss.“ (jw, oben zitiert)

    „Ohne Ukrainerinnen und Ukrainer würde in zahlreichen Bereichen der polnischen Wirtschaft nicht mehr viel gehen. Auf den vielen Baustellen der boomenden Hauptstadt sind Bauarbeiter aus dem östlichen Nachbarland omnipräsent. Ukrainer stellen 90% der Fahrer des Taxidienstes Uber. Als Erntehelfer in der gewichtigen polnischen Landwirtschaft gelten sie als unentbehrlich. Ukrainerinnen wiederum finden sich in fast jedem Restaurant oder Hotel – im Service, an der Rezeption oder als Zimmermädchen. Viele Frauen arbeiten zudem in Spitälern, im Detailhandel oder als Haushaltshilfen. Kurz: Die Menschen aus der Ukraine erledigen jene einfacheren Tätigkeiten, die in vielen Ländern von Einwanderern übernommen werden.
    «Wir brauchen mehr Immigration», sagt der polnische Wirtschafts- und Finanzminister Mateusz Morawiecki im Gespräch. Der Spitzenpolitiker der nationalkonservativen PiS-Regierung bringt zwei Zahlen in Zusammenhang: Rund zwei Millionen Ukrainer und Weissrussen arbeiteten bereits in Polen. Das sei fast so viel wie die Summe der Polen, die das Land vor allem nach dem Beitritt zur EU im Jahr 2004 verlassen hätten.
    In der Tat lässt sich eine Wanderung von Ost nach West beobachten. Die polnischen Handwerker zogen auf Baustellen in Grossbritannien oder Deutschland, polnische Krankenschwestern suchten Arbeit in schwedischen oder britischen Spitälern. Ihre Plätze im Heimatland haben in den vergangenen Jahren vielfach ukrainische Migranten eingenommen. (…)
    Das Land gehört zu den wachstumsstärksten in Europa; nicht einmal in der Wirtschafts- und Finanzkrise fiel es in eine Rezession. In den letzten Jahren ist als Folge auch die einst hohe Arbeitslosigkeit deutlich zurückgegangen. Wie in vielen Ländern Zentral- und Osteuropas klagt man bereits über einen ausgeprägten Fachkräftemangel. Arbeitskräfte sind knapp, die Löhne steigen kräftig. Man hätte nun gerne jene Polen zurück, die einst nach Grossbritannien ausgewandert sind und wegen des Brexit einer unklaren Zukunft entgegenblicken. (…)

    Als Konsequenz dürften laut Schätzungen derzeit rund 1,5 Mio. Ukrainer zumindest kurzfristig in Polen arbeiten – das sind rund 10% der offiziell Erwerbstätigen. Allerdings unterliegt die Arbeitsmigration auch Beschränkungen. Als EU-Land kann Polen keinen unbegrenzten Zuzug erlauben, in den meisten Fällen werden deshalb nur Kurzzeit-Arbeitsbewilligungen ausgestellt. Das hat aber auch zur Folge, dass manche Migranten in die Grauzone der Schattenwirtschaft abgedrängt werden. (…)
    Die zunehmende Attraktivität der polnischen Wirtschaft bedeutet auch, dass Menschen aus anderen Weltgegenden angezogen werden. So hat jüngst die Grossbank JP Morgan angekündigt, in Polen ein Service-Center mit 2500 Angestellten zu schaffen – was von der Politik als grosser Erfolg gefeiert wurde. Aber Experten in Warschau meinen, diese Stellen werde man kaum allein mit Polen oder Ukrainern besetzen können, sondern man werde auch Inder oder Ostasiaten benötigen. In der IT-Branche lässt sich dies bereits beobachten. Der wirtschaftliche Aufstieg Polens hat eben auch zur Folge, dass man künftig wohl auch Ausländer anderer Herkunft wird tolerieren müssen.

    https://www.nzz.ch/wirtschaft/polen-wird-zum-einwanderungsland-ld.1327541

  15. 15 Nestor 18. Januar 2018 um 19:19 Uhr

    Ich verstehe zwar nicht ganz, wie wir hier jetzt in Polen gelandet sind, aber seis drum:

    Dass Morawiecki „Polen eine nach- und aufholende Entwicklung zur Angleichung an die führenden Industriestaaten Europas verpassen“ (will) und ausgerechnet deswegen eine Art ‚Sozialklimbim‘ anleiert um Leute zurück zu holen, halte ich für Blödsinn. Als Ex-Banker kennt der die ‚Spielregeln‘.

    Die Spielregeln fürs Gewinne-Machen kennt er als Banker sicher. Aber jetzt ist er eben Regierungschef und will die Nation nach vorne bringen. Ob der Sozial-Klimbim das leisten wird, ist noch nicht gesagt.
    Außerdem entscheidet das nicht nur der Regierungschef, sondern auch andere Mitglieder der Regierung. Die Kaczynski-Partie hält nun einmal Volk und Familie für eine Produktivkraft, und setzt ihre Regierungsgewalt in diesem Sinne ein.

    Was die Konjunktur-, Inflations- und Gewinn-Zahlen angeht, so werden wir dann davon hören, wenn irgendwo etwas schiefgeht. Dann stellt sich heraus, wie da getrickst worden war.

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