Linke und die Nation

DER VÖLKISCHE CHARAKTER DER SELBSTBESTIMMUNG

Aus Anlaß der Unabhängigkeitsbestrebungen und Volksabstimmungen Kataloniens und des irakischen Kurdistan zeigen sich der nationalistische Charakter vieler „emanzipativer“ oder demokratischer Ideen.

Der wichtigste ist der der „Selbstbestimmung“. Unter dem Titel des „Selbstbestimmungsrechtes der Völker“ wurde die Landkarte Europas nach dem ersten Weltkrieg neu gestaltet. Während den Regierunden der neuen Staaten beschieden wurde, daß sie jetzt „selbst“ bestimmen könnten, was auf ihrem Territorium geschieht, war auf der anderen Seite genau genau vorgegeben, innerhalb welcher außenpolitischen und ökonomischen Bahnen sich diese neue Einheit zu bewegen habe.
Ähnlich wurde nach dem Ende des 2. großen Waffenganges die Landkarte des ganzen Globus im Zuge der Entkolonialisierung neu gezeichnet, und neue Staaten geschaffen, mit „eigenen“ Regierungen, also echten und richtigen Herrschaften. Deren Unabhängigkeit reichte genau so weit wie der Preis der Rohstoffe, die sie auf dem Weltmarkt verkaufen konnten, oder die Kredite, die sie zur Einrichtung ihrer neuen Staatswesen erhielten.

Das ist völlig folgerichtig und keine Ungerechtigkeit und kein Mißstand, wie viele Freunde von Unabhängigkeitsbewegungen beklagen.
„Selbst“ gibt nämlich gar keinen Inhalt vor, sondern nur ein Verfahren, wie geherrscht und gehorcht werden soll. Die Inhalte der solchermaßen geschaffenen Gebilde, ihre Staatsräson, muß von woanders kommen: Aus dem Willen der neuen Eliten, im Konzert der Nationen auf allen Ebenen mitzuspielen und sich dabei auch möglichst zu bereichern, und aus der imperialistischen Konkurrenz der Nationen, die solchen Anliegen Möglichkeiten bietet und Grenzen setzt.

Es ist nur natürlich, daß die Eliten, die die Unabhängigkeit ihrer Ministaaten anstreben, ihren Anhängern Milch und Honig versprechen, während sie möglichst trachten werden, in Zukunft in ihre eigenen Taschen zu wirtschaften. Weder die katalanische Bourgeoisie noch der Barzani-Clan in Kurdistan haben ja vor, Kommunismus einzuführen. In beiden Fällen ist weiter Privateigentum und dessen kommerzielle Verwertung vorgesehen.
Sie versprechen nur, die Einkünfte „im eigenen Land“ zu halten und nicht an irgendwelche fernen Hauptstädte zu versenden. In wessen Händen sie dann bleiben, ist dann Frage des zukünftigen inneren Machtkampfes.

So weit, so schlecht.

Die Frage ist jetzt, warum so viele Linke diese Ambitionen unterstützen, anstatt sie zu bekämpfen.. Die katalanischen Anarchisten unterstützen den „Proces“ in Richtung Abspaltung, genau unter dem Titel „Selbstbestimmung“. Auch andere Linke in Europa geraten in gröbere Verlegenheit, wenn sie zu den Vorgängen in Katalonien und Kurdistan Stellung beziehen wollen. Gegner der Unabhängigkeit Kataloniens werden gerne als Faschisten bezeichnet und mit dem Franco-Totschläger erledigt.

Kritik an Privateigentum und staatlicher Herrschaft ist offenbar „out“, „Nation“ und „Volk“ sind „in“.

Da sind aber die Rechten alleweil glaubwürdiger, die haben nie anderes gefordert. Kein Wunder also, wenn ihnen die Herzen der Staatsbürger zufliegen.

Wer also Volk oder Nation nicht gehörig kritisieren will, der soll vom Faschismus schweigen.


66 Antworten auf „Linke und die Nation“


  1. 1 Neoprene 26. September 2017 um 18:08 Uhr

    „Es ist notwendig, daß alles das, was dazu beitragen kann, Frankreich auf das Äußerste zu treiben, unterlassen wird und daß dasjenige, was es einmal seit Jahrhunderten besitzt, heute ihm auch gelassen wird, um so mehr, da ja Elsaß und Lothringen — mit Ausnahme von ein paar Dutzend Leuten —, also die ganze Bevölkerung entschieden gegen diese Annexion ist. Die gesamte Bevölkerung hat unzweifelhaft nicht im mindesten Lust, in diesen deutschen Staat unter den Hohenzollern einzutreten, und von meinem Standpunkte aus ist der Wille der Bevölkerung für diese Frage entscheidend. Das Selbstbestimmungsrecht ist die Hauptgrundlage, auf welcher wir von unserem Standpunkte fußen müssen, und wenn wir heute das Selbstbestimmungsrecht mit Füßen treten, wenn wir heute, was uns beliebt, ohne Ausnahme nehmen können, dann vergeben wir damit das eigene Selbstbestimmungsrecht, dann müssen wir es uns ebensogut gefallen lassen, wenn andere, wo die Gelegenheit sich bietet, auch Stücke unseres Landes nehmen (Große Heiterkeit), dieselben Gründe, die Sie jetzt für die Annexion angeben, sie können auch eines Tages gegen uns geltend gemacht werden.“
    (August Bebel im Reichstag 1870, zit. nach „Linke und Nation: Klassische Texte zu einer brisanten Frage)

  2. 2 Neoprene 26. September 2017 um 20:59 Uhr

    Im „Ursprünglichen Entwurf der Thesen zur nationalen und zur kolonialen Frage“ für den Zweiten Kongreß der Kommunistischen Internationale heißt es in These 2:

    „Die kommunistische Partei, die dem Kampf des Proletariats um die Abschüttelung des Jochs der Bourgeoisie bewußt Ausdruck verleiht, darf entsprechend ihrer grundlegenden Aufgabe, die bürgerliche Demokratie zu bekämpfen und die Verlogenheit und Heuchelei dieser Demokratie zu entlarven, auch in der nationalen Frage keine abstrakten und keine formalen Prinzipien in den Vordergrund rücken, sondern muß ausgehen: erstens von einer genauen Einschätzung der konkreten historischen und vor allem der ökonomischen Situation; zweitens von einer klaren Herauslösung der Interessen der unterdrückten Klassen, der Werktätigen, der Ausgebeuteten, aus dem allgemeinen Begriff der Volksinteressen schlechthin, der die Interessen der herrschenden Klasse bedeutet; drittens von einer ebenso klaren Unterscheidung zwischen unterdrückten, abhängigen, nicht gleichberechtigten und unterdrückenden, ausbeutenden, vollberechtigten Nationen…“

    Das bringt in einem Absatz sehr gut den Ansatz der Bolschewiki bzw. der KI unter ihrer Führung zum Ausdruck: Zentral geht es darum, eine Propaganda zu entwickeln, mit der die „Werktätigen“ und „Ausgebeuteten“ aller Staaten/Länder/Nationen gewonnen werden können. Und dies passiert in einer Welt massiver Machtunterschiede dieser einzelnen Regionen.
    Deshalh hieß es dann in These 9:
    „Die kommunistischen Parteien müssen nicht nur in ihrer gesamten Propaganda und Agitation – sowohl von der Parlamentstribüne herab als auch außerhalb des Parlaments – die Verletzungen der Gleichberechtigung der Nationen und der Garantien der Redite der nationalen Minderheiten, die in allen kapitalistisdien Staaten trotz ihrer „demokratischen“ Verfassungen dauernd Platz greifen, unentwegt anprangern. Notwendig ist auch erstens eine ständige Aufklärung darüber, daß nur die Sowjetordnung imstande ist, den Nationen wirkliche Gleichberechtigung zu geben, indem sie zunädist die Proletarier und dann die gesamte Masse der Werktätigen im Kampf gegen die Bourgeoisie zusammenfaßt; zweitens müssen alle kommunistischen Parteien die revolutionären Bewegungen in den abhängigen oder nicht gleichberechtigten Nationen (z.B. in Irland, unter den Negern Amerikas usw.) und in den Kolonien direkt unterstützen.
    Ohne diese letzte, besonders wichtige Voraussetzung bleibt der Kampf gegen die Unterdrückung der abhängigen Nationen und der Kolonien sowie die Anerkennung ihres Rechts auf staatliche Lostrennung ein verlogenes Aushängeschild, wie wir das bei den Parteien der II. Internationale sehen.“
    Dabei sahen sie sehr wohl die Notwendigkeit, (These 11) „einen entschiedenen Kampf zu führen gegen die Versuche, den bürgerlich-demokratischen Befreiungsströmungen in den zurückgebliebenen Ländern einen kommunistischen Anstrich zu geben. Die Kommunistische Internationale darf die bürgerlich-demokratischen nationalen Bewegungen in den Kolonien und zurückgebliebenen Ländern nur unter der Bedingung unterstützen, daß die Elemente der künftigen proletarischen Parteien, die nicht nur dem Namen nach kommunistische Parteien sind, in allen zurückgebliebenen Ländern gesammelt und im Bewußtsein ihrer besonderen Aufgaben, der Aufgaben des Kampfes gegen die bürgerlich-demokratischen Bewegungen innerhalb ihrer Nation, erzogen werden. Die Kommunistische Internationale muß ein zeitweiliges Bündnis mit der bürgerlichen Demokratie der Kolonien und der zurückgebliebenen Länder eingehen, darf sich aber nicht mit ihr verschmelzen, sondern muß unbedingt die Selbständigkeit der proletarischen Bewegung – sogar in ihrer Keimform – wahren.“
    Was davon nur wenige Jahre später – bis heute – übrig geblieben ist, kann man ja an jedem besseren Land und seiner Geschichte ablesen.

    Die letzte These bringt die allgemeinen Überlegungen der KI gut auf den Punkt:
    „Die jahrhundertelange Unterdrückung der kolonialen und schwachen Völker durch die imperialistischen Mächte hat bei den werktätigen Massen der unterdrückten Länder nicht nur Erbitterung, sondern auch Mißtrauen gegen die Unterdrückernationen überhaupt und auch gegen das Proletariat dieser Nationen hinterlassen. Der niederträchtige Verrat am Sozialismus, den die Mehrheit der offiziellen Führer dieses Proletariats in den Jahren 1914 – 1919 beging, als unter der sozialchauvinistischen Flagge der „Vaterlandsverteidigung“ das „Recht“ der „eigenen“ Bourgeoisie auf Unterdrückung der Kolonien und Ausplünderung der finanziell abhängigen Länder verteidigt wurde, mußte dieses vollauf berechtigte Mißtrauen unweigerlich noch verstärken. Je rückständiger anderseits ein Land ist, desto stärker sind in ihm die landwirtschaftliche Kleinproduktion, der patriarchalische Geist und die Krähwinkelei, die den am tiefsten verwurzelten keinbürgerlichen Vorurteilen, nämlich den Vorurteilen des nationalen Egoismus und der nationalen Beschränktheit, unvermeidlich zu besonderer Kraft und Dauerhaftigkeit verhelfen. Da diese Vorurteile erst nach dem Verschwinden des Imperialismus und des Kapitalismus in den fortgeschrittenen Ländern und nach der radikalen Umgestaltung aller Grundlagen des wirtschaftlichen Lebens der zurückgebliebenen Länder verschwinden können, geht das Absterben dieser Vorurteile notwendigerweise nur sehr langsam vor sich. Daraus erwächst dem klassenbewußten kommunistischen Proletariat aller Länder die Pflicht, sich besonders behutsam und besonders aufmerksam zu den überlebenden nationalen Gefühlen in den am längsten unterdrückten Ländern und Völkern zu verhalten, wie auch die Pflicht, gewisse Zugeständnisse zu machen, damit dieses Mißtrauen und diese Vorurteile rascher überwunden werden. Ohne das freiwillige Streben des Proletariats, und dann auch aller werktätigen Massen aller Länder und der Nationen der ganzen Welt, nach einem Bund und nach Einheit kann das Werk des Sieges über den Kapitalismus nicht mit Erfolg vollendet werden.“

  3. 3 Michael Hübner 27. September 2017 um 1:53 Uhr

    Eine kleine Kritik:
    Was der Artikel nicht erwähnt (obwohl es das Wichtigste wäre, um das verstehen zu können), ist die wirtschaftliche bzw. ökonomische Lage, die dieser (beklagten bzw. kritisierten) Entwicklung zugrundeliegt.

    Obwohl sich das Denken der allermeisten Menschen die vergangenen Jahrzehnte kaum geändert hat (so waren z.B. Volk und Nation auch früher „in“), ist bereits seit längerem offensichtlich, daß sich weltweit zunehmend mehr Menschen radikalisieren, wenn auch meist in eine völlig falsche Richtung.
    (Während die „Rechten“ bzw. Faschisten in kapitalistisch guten Zeiten über „Hinterzimmer“ kaum hinausgekommen sind, füllen diese heute wiederum Sääle und sind in einigen Gegenden bereits an der Macht.)

    Kurzum:
    Ohne die finale Finanz- und Weltwirtschaftskrise, die zwar 2007 offensichtlich wurde und sich seitdem weiter verschärft, allerdings bereits vorher ihren Lauf nahm, gäbe es diese Entwicklung nicht.

    Grüße
    Michael Hübner

    PS: So gab es z.B. in den 1960er-/70er- und auch 80er-Jahren in Katalonien zwar auch die einen oder anderen Separatisten, allerdings war das eine relativ kleine Minderheit.
    Zur Massenbewegung wurden diese erst dann, als sich die wirtschaftliche Lage für zunehmend mehr Menschen verschlechterte.
    (Während z.B. auch die AfD ohne die Krise sicherlich an der „5%-Hürde“ gescheitert wäre usw.)

    PS2: Zudem ist bereits seit längerem zu beobachten, daß sich die Menschen zunehmend wieder nach völkischen bzw. religiösen (nicht nur im „Nahen Osten“) oder auch Stammeskriterien (z.B. Afrika) sortieren.
    Auch das ist eine Zerfallserscheinung der kapitalistisch „globalisierten“ Welt.

  4. 4 Michael Hübner 27. September 2017 um 3:13 Uhr

    Noch ergänzend:
    Während auch der Zeitpunkt des gestrigen kurdischen und sehr kriegsträchtigen (schließlich sind vor allem sowohl der Irak als auch die Türkei sowie der Iran strikt dagegen) Unabhängigkeits-Referendums (dem übrigens 92% der wahlberechtigten nord-irakischen KurdInnen zugestimmt haben sollen) kein Zufall ist und einen wesentlichen Grund im Verfall der Ölpreise hat, von denen die Region wirtschaftlich weitgehend abhängig ist.

    Weshalb die Einnahmen aus der regionalen Ölförderung zukünftig nicht mehr mit anderen, vor allem dem Irak, geteilt werden sollen.
    (Während sich die vor allem im Norden Iraks militärisch stationierten USA anscheinend mehr oder weniger neutral verhalten haben, d.h. das Referendum weder unterstützten noch dagegen waren.
    Allerdings aufgrund ihrer Präsenz das Referendum erst ermöglicht haben, da ansonsten wahrscheinlich vor allem die Türkei, aber auch der Irak und Iran einmarschiert wären.)

    Wären die Verhältnisse wirklich derart einfach, daß es nur darum geht, daß sich der „Barzani-Clan“ die „Taschen vollstopfen“ möchte, hätten wir bereits längst eine Revolution.

    Grüße
    Michael Hübner

    PS: Daß die GegnerInnen des Unabhängigkeits-Referendums in Katalonien von den BefürworterInnen gerne als Faschisten bezeichnet werden, ist hingegen einfach zu erklären.
    Schließlich sehen sich die BefürworterInnen im Kampf für eine gerechte Sache, in dem sich das angeblich unterdrückte katalanische Volk gegen seine spanischen Unterdrücker auflehnt.
    Und aus dieser Perspektive können abweichende Meinungen nur „Volksfeinde“ oder gleich Faschisten sein.
    (Diese absurde Logik hat bekanntlich auch vor allem während der Stalin-Zeit, in der aus „Klassen-Feinden“ nunmehr „Volksfeinde“ wurden, in der damaligen Sowjetunion vielen Menschen das Leben gekostet.
    Und ist nicht nur „rechts“, sondern auch „links“ beliebt.)

  5. 5 Michael Hübner 27. September 2017 um 5:41 Uhr

    Zur Vermeidung von Mißverständnissen:
    Die kapitalistische Krise schafft das nicht alles.
    Vielmehr radikalisiert sich das, was bereits vorher vorhanden war.

    Grüße
    Michael Hübner

  6. 6 Hinweis 27. September 2017 um 11:56 Uhr

    Führt der Revisionismus zum Nationalismus, oder ist es nicht vielmehr so, dass moderne Sozialisten Revisionisten sind, weil sie nie aufgehört haben, Nationalisten zu sein?

    - So lautete das Resümee eines alten Artikels aus den 80er Jahren:

    Die “nationale Frage” in der Arbeiterbewegung
    EIN FEHLER MACHT GESCHICHTE

    https://msz.gegenstandpunkt.com/sites/msz.gegenstandpunkt.com/files/msz-archiv/pdf/83/83_1/nfrage.pdf

    Die Absurdität des gedanklichen Monstrums „Wir alle“
    wird am Beispiel der inneren Anteilnahme am Börsenkrach
    hier auseinanderklamüsert

    https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/boersen-krach

    „Das nationale „wir“ ist klassenlos. Es vereint Staat und Volk, indem es die schiere Tatsache, d a ß sämtliche Bürger einer Nation ihrem Staat unterworfen sind und dieser sie seinen Erfolgskriterien gemäß behandelt, sie also auch den Konjunkturen seiner außenpolitischen Bewährung aussetzt, in einer unausweichlichen I d e n t i t ä t der Interessen von Staat und Bürgern geltend macht. Dabei werden die Unterschiede und Gegensätze innerhalb der Nation keineswegs geleugnet, sondern immerzu h e r v o r g e h o b e n – allerdings nicht in der Form kritischer Stellungnahmen zur modernen Klassengesellschaft. Vielmehr in lauter affirmativen „Folgerungen“ bezüglich der speziellen Dienste und Leistungen, welche die Nation wegen des Gelingens ihrer außenpolitischen Vorhaben den einen erweist und den anderen mit Recht abverlangen kann. Für die Geschäftswelt gehört sich eine Investitionsneigung und das dafür passende Klima, andere sind fürs Arbeiten, Kaufen und Sparen da.“

    aus: Karl Held / Theo Ebel KRIEG UND FRIEDEN POITISCHE ÖKONOMIE DES WELTFRIEDENS 1983

  7. 7 Neoprene 27. September 2017 um 13:49 Uhr

    Aus dem angeführten Artikel der MG, den ich eh in diesem Zusammenhang wieder lesen und verlinken wollte:

    „Zur Rechtfertigung der Parteinahme für “nationale Befreiungs kämpfe” heutzutage müssen vor allem auch die Stellungnahmen zur irischen, polnischen, italienischen und deutschen “Frage” herhalten, zumindest solange sich die entsprechende Befreiungsbewegung nicht durch allzu offensichtliche Anbiederung an den Imperialismus desavouiert hat.

    Der Kampf von Nationen gegen eine Fremdherrschaft, die ihnen die Alternative Tod oder Aufstand aufmachte, und um die Installation einer ganz eigenen – polnischen, ungarischen, irischen – Herrschaft wird von den Klassikern nicht nur als unterstützenswertes Anliegen behandelt.

    Weil solche Erhebungen sich gegen die Herrschaft einer kapitalistischen Nation richten, beurteilten sie diese vom Standpunkt des revolutionären Weltproletariats und machten sie zum Gegenstand internationaler Solidarität – auch wenn sich der Inhalt dei Kämpfe gar nicht gegen den kapitalistischen Staat wandte, sondern um die Einrichtung einer eigenen nationalen Herrschaft ging. Die staatliche Selbständigkeit Irlands ist ihnen selbstredend identisch mit dem Schaden Englands, dem Schädiger der Iren, ergo deren Nutzen.“

    Aber eben nicht nur dieses krude Argument, daß ein Feind des Hauptfeindes als ein „Freund“ gesehen werden müsse, war eine Grundlage der revolutionären Sozialisten seinerzeit. Gerade für Lenin und andere Bolschewiki ging es von Anfang ihrer Bestrebungen auch um Folgendes:

    „Der Haß gegen die großrussischen Privilegien innerhalb des Zarenreichs erscheint ihnen als Chance und Schranke zugleich: Chance, weil Haß gegen den Zarismus – Schranke, weil Hindernis für einheitliche proletarische Aktion.“

    Wenn die MG damals meinte,

    „hier erscheint der Mangel des Leninschen Nationalismusbegriffs darin, daß er die Stellung der nichtrussischen Völkerschaften zur Sowjetmacht als “Nationalitätenfrage” diskutiert, die ihren Grund in so läppischen “Zänkereien” wie der Sprachenfrage haben soll, anstatt zu bemerken, daß “kulturelle Eigenheiten” nur das Material sind, mit dem sich ein Gegensatz zur zentralen Staatsgewalt aufmachen oder die Unterwerfung unter sie vollziehen läßt.“

    dann wird dabei der herrschende Chauvinismus enorm heruntergespielt. Dabei ging es den Bolschewiki doch gerade darum, den Werktätigen der „unterdrückten“ Nationalitäten (im zaristischen Reich innerhalb des Staatsgebietes, bei den anderen imperialistischen Staaten zumeist in Kolonien) zu zeigen, daß sie, die komunistischen Revolutioäre, diesen Chauvinismus nicht nur nicht teilen, sondern das durch eine klare Position dagegen zum Ausdruck bringen. Das alles in der Hoffnung dadurch die multiethnische gemeinsame Arbeiterpartei aufbauen zu können.

    Und in diesem Zusammenhang fällt mir natürlich negativ auf, daß schon für die MG die oben zitierten Thesen nur nationalen Frage der Komintern buchstäblich keine Silbe wert gewesen sind.

    Damals wurde in den „Leitsätzen über die Bedingungen der Aufnahme in die Kommunistische Internationale“ in Leitsatz Nr. 8 eine „besonders ausgeprägte und klare Stellung der Parteien in denjenigen Ländern notwendig“ erachtet, „deren Bourgeosie im Besitze von Kolonien ist und andere Nationen unterdrückt.“

  8. 8 Michael Hübner 27. September 2017 um 16:30 Uhr

    Noch etwas zum Thema Unterdrückung:
    Obwohl alle (Katalanen, Kurden usw.) vorgeben, unterdrückt zu werden, fragt sich, was das ist.

    Ist z.B. der Besuch höherer Schulen den Spaniern vorbehalten?
    Bekommen diese niedrigere Löhne als die Spanier?
    Müssen diese höhere Steuern bezahlen?
    Werden diese bei der Vergabe staatlicher Mittel (z.B. für Infrastruktur) benachteiligt?
    usw.
    In solchen Fällen wäre etwas anderes angesagt als ein „Befreiungskampf“.

    Doch darum scheint es gar nicht zu gehen.
    Wenn, dann ist meist von deren völkischen bzw. kulturellen Eigenheiten (z.B. bei den Kurden die eigene Sprache, während die Amtssprache in der Türkei türkisch ist usw.) die Rede, die unterdrückt würde.
    (Ähnlich war es auch im Osten der Ukraine.
    Ausgerechnet an einem Sprachengesetz, das zwar russisch nicht verboten – was sowieso kaum ginge, aber ukrainisch zur Amtssprache machen sollte, hat sich der Bürgerkrieg entzunden.)

    Grüße
    Michael Hübner

  9. 9 Michael Hübner 27. September 2017 um 22:11 Uhr

    Weitere Eskalation:
    Nach dem gestrigen kurdischen Unabhängigkeits-Referendum im Norden Iraks hat heute die türkische und irakische Armee (zum erstenmal seit langer Zeit) ein großangelegtes koordiniertes Manöver gestartet.

    Diese ganzen Idioten (egal ob nun Kurden, Iraker, Türken, Katalanier, Spanier usw.) machen solange weiter, bis die gesamte alte bisherige kapitalistische Welt weitgehend in Trümmern liegt.
    Schade ist es allerdings darum nicht.

    Grüße
    Michael Hübner

  10. 10 Michael Hübner 27. September 2017 um 22:39 Uhr

    Noch ergänzend:
    Bei soviel Volk können natürlich „völkische Säuberungen“ nicht ausbleiben, z.B. Araber werden aus kurdischen Gebieten vertrieben, während wiederum die Araber die Kurden vertreiben, am besten noch die Spanier `raus aus Katalonien und umgekehrt usw.

    Wer heute noch meint, daß mit solchen Menschen eine bessere Welt zu machen ist, dem bzw. der ist nicht mehr zu helfen.

    Grüße
    Michael Hübner

  11. 11 Michael Hübner 28. September 2017 um 7:40 Uhr

    PS: Nach dem Beschuß einiger kurdischer Gebiete hat – neben der Türkei und dem Irak – inzwischen auch der Iran ein Militärmanöver an der Grenze zum Nord-Irak gestartet.

    Der einzige Grund, warum es noch nicht zu einem neuen Krieg im „Nahen Osten“ kommt, ist die militärische Präsenz der USA in einigen Kurdengebieten (vor allem im Nord-Irak und Syrien), da diese derzeit noch die kurdischen Milizen für ihre (vor allem geo-strategischen) Zwecke nutzen.

    Was ein „Unabhängigkeits-Referendum“ alles bewirken kann.

    Grüße
    Michael Hübner

    PS: Und was machen die deutsche und auch andere Regierungen?
    Diese rüsten die Kriegsparteien kräftig auf, damit es so richtig „kracht“.
    Bis zur nächsten „Flüchtlingswelle“, die wiederum vor allem den hiesigen „Rechten“ einen enormen Zulauf beschert.
    So schließt sich der Kreis.

  12. 12 Michael Hübner 28. September 2017 um 9:44 Uhr

    Noch am Rande:
    Vor allem auch Che Guevara war übrigens ein großer Liebhaber der Völker und sprach gelegentlich sogar von der „Zärtlichkeit der Völker“.
    Verstehe, wer kann.

    Grüße
    Michael Hübner

    PS: Da ist es kein Wunder, daß auch in Kuba (ähnlich wie in der damaligen Sowjetunion) die früheren sozialistischen Vorstellungen zunehmend von der nationalistischen Parole „Patria o Muerte!“ (Vaterland oder Tod) ersetzt wurden.

  13. 13 Krim 28. September 2017 um 10:20 Uhr

    „sondern das durch eine klare Position dagegen zum Ausdruck bringen.“ Klar gegen den Chauvinismus, was immer das auch sein soll, aber nicht klar gegen den Nationalismus, den den haben die Bolschewiken hofiert als kulturelle usw. Besonderheit die im Kommunismus sich erst so richtig entfalten kann ohne seine hässliche gegen andere Völker gerichtete Seite zu zeigen. Das ist natürlich ein Fehler. Nationalismus ist zu kritisieren und ihm ist nicht teilweise Recht zu geben, um ihn einspannen zu können. Das hat sich dann ja später gerächt.

    Der Artikel von Nestor ist nichts wert, solang nicht die politische Ökonomie solcher Bananenrepubliken dargelegt wird und stattdessen nebulös von „Eliten“ als handelndem Subjekt gesprochen wird.

  14. 14 Nestor 28. September 2017 um 10:57 Uhr

    @Michael Hübner

    Was sich im irakischen Kurdistan abspielt, ist mir nicht ganz begreiflich.
    Barzanis haben eine Zeitlang eng mit der Türkei zusammengearbeitet, auch um den Einfluß der syrischen Kurden draußen zu halten, die etwas gegen die im irakischen Kurdistan vorherrschende feudalistische Ordnung haben, deren Haupt-Nutznießer die Barzanis sind.
    Ob jetzt die USA oder wer anderer diese Abspaltungstendenzen unterstützt, entzieht sich meiner Kenntnis.

    Einmal etwas zu der leidigen Steuerfrage in Katalonien.

    Gegenüber Krims Gemecker möchte ich feststellen, daß dieses ganzen ökonomischen Bebilderungen der Unterdrückung und Aussaugung nur Ausdruck des Willens sind, die Einnahmen in die eigenen Taschen zu lenken. Und das wiederum ist eine Folge der Krise, in der sich Spanien seit dem Platzen der Immobilienblase befindet und von der man bei der heutigen Schönwetterberichterstattung nix mehr hört.

    Die Steuerhoheit liegt in Spanien insofern bei den autonomen Provinzen, als sie über die Höhe des Steuersatzes entscheiden. Daß Katalonien die höchsten Steuern aller spanischen Autonomien einhebt, ist also eine Entscheidung der katalanischen Verwaltung, die die hohen Steuersätze damit begründet, daß sie soviel abliefern muß.
    Daß Katalonien die höchste Steuerleistung für das spanische Budget erbringt, liegt daran, daß es nach Andalusion die bevölkerungsreichste Provinz ist und dort eben mehr Industrie vorhanden ist. Daß die Steuern etwas mit der Wirtschaftsleistung zu tun haben, ist keine spanische Besonderheit. Und daß der Gesamtstaat die Steuern eben dort einhebt, wo etwas zu besteuern ist, ist auch allgemein üblich.
    Das wird aber von den katalanischen Independentisten als „Unterdrückung“ gebrandmarkt.

    Mit ähnlichen Argumenten wollte, wie schon mehrmals erwähnt, auch Bayern ein Referendum abhalten, und ist damit beim Verfassungsgericht abgeblitzt.

    Solche Tendenzen entstehen m.E. überall in der EU, wo sich in vielen Staaten veritable Armenhäuser entwickelt haben, die mit Zuschüssen aus anderen Landesteilen durchgefüttert werden müssen, in denen ökonomisch noch etwas läuft.

    Und vielleicht noch etwas zu der Sprachfrage.

    In Katalonien müssen schon seit geraumer Zeit alle Schulkinder katalanisch lernen. In vielen Schulen ist der gesamte Unterricht auf katalanisch, Spanisch wird wie eine Fremdsprache behandelt.

    Im Interesse des Tourismus bleiben an der Küste und in Barcelona noch spanische Aufschriften, im Inland sind die nur mehr in Spurenelementen vorhanden.

    Dieser Versuch des Zurückdrängen des Spanischen im Interesse eines „nation building“ ist schon interessant, weil ja Spanisch wirklich eine Weltsprache ist, Katalanisch hingegen außerhalb Kataloniens noch in einigen Grenzgebieten Aragons und Frankreichs und mit Modifikationen in Valencia und auf den Balearen gesprochen wird.

    Die Sprache wird also sehr bewußt zur Schaffung eines nationalen „Wir“ eingesetzt und aufgebaut, wofür auch Konkurrenznachteile in Kauf genommen werden.

  15. 15 Nestor 28. September 2017 um 11:05 Uhr

    @Neoprene

    Deine – sehr verdienstvollen! – Beiträge zeigen doch das Gegenteil dessen, was du nachweisen willst: daß die Bolschewiki bzw. Lenin den Nationalismus nur als Mittel zum Zweck benutzen wollten. Bzw. sie zeigen, daß sie ihn eben als dieses Mittel für durchaus brauchbar eingestuft haben. Die „multiethnische Arbeiterpartei“ sah dann eben genauso aus, daß die werten Arbeiter als richtig, d.h. hinter der Sowjetmacht aufgestellte Nationalfähnchen ihren Beitrag zum Großen Ganzen, dem Paradies der Werktätigen, leisten konnten.

    Die von dir zitierte Position der MG ist darin verkehrt, als sie das als „Mangel des Leninschen Nationalismusbegriffs“ auffasst, also wieder einmal ein Defizit dingfest macht, wo doch eine Absichtserklärung vorliegt: die Absicht, den im Nationalismus vorfindlichen Untertanenstandpunkt für seine Vorstellung von Sozialismus einzusetzen.

  16. 16 Krim 28. September 2017 um 12:42 Uhr

    „Gegenüber Krims Gemecker möchte ich feststellen“ Dann sollten sich diese Feststellungen zumindest auf mein „Gemecker“ beziehen oder? Und nicht einfach, irgend was labern und so tun als hätte es einen Bezug.

    „Die von dir zitierte Position der MG ist darin verkehrt, als sie das als „Mangel des Leninschen Nationalismusbegriffs“ auffasst, also wieder einmal ein Defizit dingfest macht, wo doch eine Absichtserklärung vorliegt: die Absicht, den im Nationalismus vorfindlichen Untertanenstandpunkt für seine Vorstellung von Sozialismus einzusetzen.“

    Und das ist dämlich, weil der Nationalismus sich eben nicht für den Kommunismus gebrauchen lässt. Kein Wunder, dass die Sozialisten die Arbeiter „verraten“ haben als es um Landesverteidigung ging. Das brockt man sich eben ein, wenn man bloß taktisch denkt und eine Sache benutzen will, die nicht zu benutzen ist, weil sie ein Werkzeug für etwas ganz anderes ist.
    Mit einer Zange kann man eben keine Nägel in die Wand schlagen.

  17. 17 Nestor 28. September 2017 um 13:07 Uhr

    Na ja, oder der „Kommunismus“ oder was auch immer schaut eben dann so aus, daß unter der Tuchent jede Menge nationale Beleidigtheiten gären, die das ganze „System“ zu einem „Betrug“ erklären und am Ende ihr Staatswesen zusammenhauen.

    Aber auf was ich eigentlich hinauswollte, ist, daß man an dieser Idee von „viele kleine und bebauchpinselte Nationalismen machen einen multiethnischen Arbeiterstaat“ darüber herauslesen kann, was sich Lenin und Genossen unter „Kommunismus“ vorstellten.

    David Harvey schreibt in seinem Kapital-Kommentar, daß das schier endlose 13. Kapitel, in dem die Textilfabrik in allen ihren Abteilungen beschrieben wird, eben für Marx auch eine Art Organisation der Gesellschaft war.
    Es scheint, daß so etwas den Bolschewiki als Modell vorgeschwebt hat.
    Woher sonst die Idee, einen Staat zu schaffen, den auch eine Köchin regieren kann?

  18. 18 Neoprene 28. September 2017 um 14:42 Uhr

    Was mir bei dieser Diskussion bisher fehlt, ist irgendein Verständnis dafür, daß die Bolschewiki es mit dem zaristischen „Völkergefängnis“ zu tun gehabt haben, in dem großrussischer Chauvinismus vorherrschend war. Wer dem nicht bereit war, entgegenzutreten, der hatte sicherlich (zurecht!) schlechte Karten, die Werktätigen der nichtrussischen Gebiete des Reichs für sein Programm zu gewinnen. Was sagt ihr denn zu den Komminternforderungen, daß es in den imperialistische Staaten zur Pflicht für Parteien, die KI-Mitgleider werden wollten, gehört hat, für die sofortige bedingungslose Unabhängigkeit von deren Kolonien einzutreten?

  19. 19 Michael Hübner 28. September 2017 um 15:07 Uhr

    Hallo Nestor,
    auch zum Thema Nord-Irak habe ich bereits etwas geschrieben.

    Während das „White House“ bereits erklärt hat, daß die USA den Zeitpunkt des kurdischen „Unabhängigkeits-Referendums“ zwar nicht sonderlich gut finden, aber anscheinend kaum etwas dagegen haben.
    (Schließlich sind für die USA die nord-irakischen Kurden ein Mittel, um vor allem auf die irakische Regierung Druck auszuüben, aber auch auf die Türkei und den Iran – die bekanntlich allesamt strikt gegen das Referendum sind.)

    Während die Beziehungen zwischen der Barzani-Regierung und der Türkei derart eng auch nicht waren und letztlich vor allem das militärische Kräfteverhältnis in der Region widerspiegelten.
    (Schließlich hat einerseits die Türkei bereits früher mit einem Einmarsch im Norden Iraks gedroht – und auch einige Truppen in der Gegend stationiert, während die irakische Regierung das Treiben im Norden mit Argwohn sieht.)

    Weshalb Barzani und die Seinen eine Art „Eiertanz“ aufführten und versuchten, das Beste aus dieser Lage zu machen.
    Seitdem allerdings vor allem die USA die kurdischen Milizen massiv aufrüsten und diese als „Bodentruppen“ für ihre geo-strategischen Interessen nutzen, sahen Barzani und die Seinen anscheinend die Zeit für die Unabhängigkeit gekommen.
    (Zumal sich die Beziehungen zwischen der Türkei und den USA bzw. NATO inzwischen verschlechtert haben und die USA kein Veto aus Rücksicht auf die Türkei mehr einlegten.)

    Grüße
    Michael Hübner

    PS: Solange die Beziehungen zwischen der Türkei und dem Irak noch schlecht waren, versuchte Barzani, beide gegeneinander auszuspielen.
    Seitdem sich diese verbessert haben, funktioniert das nicht mehr wie früher.
    Vermutlich war auch das ein Grund für das Referendum.

    PS2: Wobei nicht heißt, daß aus einem Unabhängigkeits-Referendum tatsächlich eine Unabhängigkeit wird.
    Letztlich entscheiden das die USA (was daraus wird oder auch nicht) und deren weitere Interessen im „Nahen Osten“.
    (Während Russland im Norden Iraks m.W. wenig Einfluß hat.)

  20. 20 Krim 28. September 2017 um 15:10 Uhr

    Man kann dem russischen Nationalismus auch entgegentreten, indem man ihn kritisiert, statt dem unterdrückten Nationalismus recht zu geben. Wenn man sagt Nationalismen werden nicht mehr unterdrückt, impliziert das, dass auch der russische Nationalismus in Ordnung geht, wenn er nicht „übertrieben chauvinistisch“ daherkommt.

    „Was sagt ihr denn zu den Komminternforderungen, daß es in den imperialistische Staaten zur Pflicht für Parteien, die KI-Mitglieder werden wollten, gehört hat, für die sofortige bedingungslose Unabhängigkeit von deren Kolonien einzutreten?“
    Ich fürchte halt, dass Unabhängigkeit für die sowieso dasselbe war, wie nationale Selbstbestimmung. Und das sollte man nicht mitmachen, weil es davon ausgeht, dass die Organisation in Nationen das Selbstverständlichste von Welt ist. Wer ist denn das Subjekt, das „unabhängig“ wird? Das ist eine Nation. Vom Standpunkt des Weltkommunismus ist Unabhängigkeit sowieso der größte Unsinn. Weil bei einem Plan jeder vom anderen abhängig ist. Abhängigkeit ist bloß ein anderer Ausdruck für gesellschaftliche Arbeitsteilung. Also lässt sich die Frage Abhängigkeit oder Unabhängigkeit voll ein auf das Denken in der Kategorie Nation. Von der Komminternforderung ist also nichts zu halten.

  21. 21 Michael Hübner 28. September 2017 um 15:56 Uhr

    Noch eine Bemerkung zu den Kurden:
    Falls diese tatsächlich ´mal ihren heißersehnten eigenen Staat bekommen sollten (was allerdings unwahrscheinlich ist, da derzeit keine der entscheidenden Mächte ein wirkliches Interesse daran hat), hätten diese wahrscheinlich im Nu einen Bürgerkrieg.

    Da es derart viele Fraktionen gibt, die oftmals völlig zerstritten sind.
    Von wegen „Wir sind alle KurdInnen“ mit dem selben Blut usw.

    Grüße
    Michael Hübner

  22. 22 Nestor 28. September 2017 um 20:01 Uhr

    @Neoprene

    Ach Gott, das „Völkergefängnis“! Der Ausdruck selber ist doch schon eine Deutung, die meint, Nationalitäten gibt es und denen werden Rechte verweigert, die ihnen „eigentlich“ zustehen würden.
    Auch, was heißt „großrussischer Chauvinismus“? Die Russen waren das Mehrheitsvolk, auf das sich der Zarismus stützte, um Staat zu machen. Man muß schon fragen, bei den Zielen, die dieser Staat hatte: was hätten sie denn sonst machen sollen, die Autokraten, die den Adel, den Klerus und das Militär als die Stützen des Staates sahen, der sich nur durch Zensur und Bespitzelung aufrechterhalten ließ und wo es als anerkannte Staatsräson galt, den Muschik „mit der Knute“ zu regieren.

    Also ist es schon eine Leistung, sich ausgerechnet die vermeintliche Bevorzugung einer Volksgruppe herauszupicken und zu sagen: da müssen wir etwas ändern!

    Nichtrussische Teile der Bevölkerung wären genauso wie russische zu gewinnen gewesen: durch Propaganda für den Kommunismus, und nicht durch Kniefall vor ihrer nationalen Besonderheit!

    Und von der von dir erwähnten Komintern-Forderung halte ich schon gar nichts, weil das ganze Forderungswesen ein Schmarrn ist. Entweder man hat die Macht im Lande, um Kolonien aufzulösen, dann tut man es, oder man ist eine kleine und verfolgte Oppositionspartei, dann sind diese Forderungen sowieso für Ar$ch und Friederich.

  23. 23 Nestor 28. September 2017 um 20:27 Uhr

    Was Kurdistan angeht, hier das angepeilte Territorium auf einer Website der PKK:

    http://zalim08.de.tl/Kurdistan-auf-Landkarten.htm

    Wie man sieht, gibt es verschiedene Vorstellungen über den Grenzverlauf, der auf jeden Fall nicht nur die 4 hauptsächlich betroffenen Staaten Iran, Irak, Syrien und Türkei um einige Territorium erleichtern würde, sondern sogar an Armenien Gebietsforderungen hätte.

    Grundlage der Gebietsforderungen war der Vertrag von Sevres:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Treaty_sevres_otoman_de.svg

    Wenn jetzt Barzani & Co. dort ein Referendum machen, so öffnen sie damit die Büchse der Pandora, ganz gleich, was für Berechnungen sie haben mögen.

    Daß den USA solche Spielchen recht sind, um der Türkei eins auszuwischen, und dem Iran auch, halte ich für möglich.
    Vielleicht ist tatsächlich inzwischen die Zerstückelung Syriens und des Irak auf ihrer Agenda, nach dem Prinzip: Teile und herrsche!
    Was dann dabei herauskommt, steht natürlich wieder auf einem anderen Blatt.

    Daß sich die Kurden untereinander in die Haare kriegen werden, ist auch wahrscheinlich. Die YPG/PKK und Barzanis halten nichts von einander.
    Das Referendum wird also vermutlich neue Fronten schaffen, und der Dauerkrieg in der Region geht in die nächste Runde.

  24. 24 Michael Hübner 28. September 2017 um 21:16 Uhr

    Hallo Nestor,
    eine kleine Korrektur:

    Daß die damaligen Zaren (was in West-Europa die Könige waren) bzw. der Adel (wobei es auch bereits Kapitalisten bzw. Bürgerliche, wenn auch noch relativ wenige, gab) nur mit Gewalt und Unterdrückung regierten und der gesamte Staatsapparat sich nur mittels Zensur und Bespitzelung aufrechterhalten ließ, stimmt so nicht.

    Eine derartige Regierung würde kein Jahr überstehen.
    (Schon Napoleon erkannte, daß sich mit einem Schwert zwar gut kämpfen, aber schlecht regieren läßt.)

    Bekanntlich war das System über Jahrhunderte relativ stabil (was nicht gewesen wäre, wenn es laufend Aufstände, Unruhen usw. gegeben hätte).
    Schließlich waren auch die damaligen Herrschaften nicht nur Ausbeuter und Unterdrücker, sondern hatten eine ökonomische bzw. gesellschaftliche Funktion.
    (Die von den meisten, vor allem auch den Bauern, anerkannt und von der Kirche ideologisch begleitet wurde.)

    Wirklich unruhig wurde es im damaligen Russland erst, als zunehmend offensichtlich wurde, daß sich das russische Reich im Niedergang befand bzw. anscheinend nicht mehr konkurrenfähig ist.
    (Was sich im verlorenen Krieg gegen das damals noch relativ wenig entwickelte Japan – was ein Schock in ganz Europa war, da niemand mit einer Niederlage Russlands rechnete – und vor allem auch im 1.Weltkrieg zeigte.)

    Hinzu kamen aufgrund der Kriege (vor allem während des 1.Weltkriegs) eine verschärfte Not mit Hunger usw., was letztlich zur Revolution im Februar 1917 führte, an der die „Bolschewiki“ nicht maßgeblich beteiligt waren.
    (Im Gegenteil. Selbst Lenin und die Seinen waren äußerst überrascht.)

    Die meisten Demonstranten waren russische Nationalisten bzw. Patrioten, die sich Sorge um die Zukunft Russlands machten oder einfach Hunger bzw. sonstige Nöte hatten.
    Auch das sollte nicht verklärt werden.
    (Wie es später auch gerne die sowjetische Propaganda machte.)

    Grüße
    Michael Hübner

    Noch etwas zur Gewalt bzw. Brutalitäten:
    Obwohl zumal in der Endphase des damaligen russischen Zarenreichs die Oppositionellen natürlich überwacht und öfters auch verhaftet wurden, waren die Strafen in der Regel relativ milde, während das Höchste meist die „Verbannung“ war.
    (Ich empfehle `mal die Schilderungen z.B. von Trotzki und anderen „Bolschewiki“ zu lesen, die „verbannt“ wurden.
    Diese hatten ihre Frauen dabei, während ihnen in einer abgelegenen Gegend ein Haus bzw. eine Wohnung zugewiesen wurde.
    Wobei sie sich innerhalb des örtlichen Bezirks frei bewegen konnten.
    Jedenfalls empfanden diese das beinahe als eine Art Erholung, in der sie ihre weitere „revolutionäre Tätigkeit“ vorbereiten konnten.)

    Zudem wurden im damaligen Zarenreich weitaus weniger Menschen hingerichtet (selbst AttentäterInnen auf führende Staatsfiguren kamen oftmals mit dem Leben davon, während mir z.B. kein „Bolschewiki“ bekannt ist, der damals zum Tode verurteilt wurde) als in der späteren Sowjetunion, wo mit Oppositionellen zumindest bis in die 1950er-Jahre oftmals „kurzer Prozeß“ gemacht wurde.

    Vielleicht noch ein ungefährer Anhaltspunkt:
    Jede (in der Regel bewaffnete) Herrschaft (weitgehend egal, ob nun zaristisch bzw. königlich, bürgerlich oder sonstwas) braucht mindestens 1/3 Zustimmung in der Bevölkerung.
    Ansonsten ist es um diese früher oder später geschehen.
    (Außer allenfalls, falls diese von ausländischen Mächten massiv unterstützt wird, z.B. mit militärischen Interventionen usw.)
    Nur mit Gewalt und Unterdrückung ist keine Herrschaft zu machen, was z.B. auch die „Bolschewiki“ bzw. zumindest Lenin wußten.

  25. 25 Michael Hübner 29. September 2017 um 4:24 Uhr

    Das ist übrigens heutzutage nicht anders als damals:
    Einfach die Macht ergreifen und die Leute unterdrücken bzw. sich von den „Früchten derer Arbeit“ ein schönes Leben machen, ist nicht.
    (Die Herrschaften, die das versuchten, waren relativ schnell „weg vom Fenster“.)
    Obwohl die staatlichen Machthaber aufgrund ihrer Position natürlich Privilegien haben und nicht darben müssen.

    Allerdings müssen diese schon etwas bringen, z.B. die Nation voranbringen, das Leben für die meisten Menschen zumindest aushaltbar machen usw. – und falls zunehmend mehr Menschen in Armut, Not und Elend versinken, ist es mit der herrschaftlichen Herrlichkeit meist auch früher oder später vorbei.
    Von verlorenen Kriegen ganz zu schweigen.
    (Entweder werden diese von den eigenen Leuten entfernt oder es gibt eine sog. Palastrevolte und gelegentlich sogar Unruhen bzw. Aufstände bis hin zu gewaltsamen Umstürzen.)

    Letztlich ist das russische Zarenreich weniger an den „Bolschewiki“ bzw. anderen „Revolutionären“ (von denen es bekanntlich einige Gruppierungen gab, die sich allerdings oftmals „spinnefeind“ waren), sondern vielmehr an sich selbst gescheitert.
    (Indem z.B. an veralteten ökonomischen und politischen Verhältnissen festgehalten wurde anstatt die Modernisierung voranzutreiben.
    Der „russisch-orthodoxe“ Glaube für wichtiger erachtet wurde als Wissenschaft und Technik usw.)
    Was spätestens während des 1.Weltkriegs offensichtlich wurde und zur (erzwungenen) Abdankung des Zaren und den Seinen führte.

    Grüße
    Michael Hübner

    PS: Der Grund wiederum, warum viele Leute gleich an „Iwan den Schrecklichen“ denken, wenn vom damaligen Russland die Rede ist, liegt vor allem darin, daß Russland eine Großmacht ist und deshalb bereits seit Jahrhunderten vor allem im „Westen“ als feindlich angesehen bzw. dämonisiert wurde.

    Bereits während des 1.Weltkriegs wurde Russland besonders von der deutschen Propaganda als finstere Macht dargestellt, was sich mit der späteren Sowjetunion fortsetzte („Reich des Bösen“) und heutzutage seine Verlängerung erlebt.
    (Egal ob eine zaristische Regierung, die „Realsozialisten“ oder Putin und die Seinen – das Feindbild bleibt.)

    Zudem war es bereits in der Antike (woran sich bis heute kaum etwas geändert hat) üblich, daß die nachfolgenden Machthaber ihre Vorgänger oftmals „verteufelten“ und z.B. deren Denkmäler stürzten usw.
    (Weshalb auch die Bürgerlichen gerne die vorbürgerliche Vergangenheit als eine einzige Knechtschaft darstellen, während die „Bolschewiki“ und vor allem die spätere Sowjetunion es mit der Zarenzeit ähnlich machten.)

    Mit der historischen Wirklichkeit bzw. Wahrheit hat das meist wenig zu tun.

    Übrigens:
    Nicht viel anders wie mit der (inzwischen weitgehend „globalisierten“) kapitalistischen bzw. bürgerlichen Gesellschaft.
    Diese scheitert auch nicht an einer Weltrevolution (wie früher einige hofften bzw. gar erwarteten), sondern letztlich an sich selbst.

  26. 26 Nestor 30. September 2017 um 11:11 Uhr

    Also die Geschichte Rußlands sieht ein bißl anders aus.

    Natürlich ließ sich das System nur mit Bespitzelung und Zensur aufrechterhalten, schon wegen der inneren Machtkämpfe.

    Was die Außenpolitik bzw. Kriege betrifft, so waren erst einmal der gegen Napoleon eine Kraftprobe, an der Rußland fast zerbrochen ist. Deswegen heißt er auch der „vaterländische Krieg“.
    Dann war der Krimkrieg, der ebenfalls Rußland an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit brachte. Danach verkauften sie Alaska, weil sie es nicht halten konnten. Als weitere Reaktion auf den Krimkrieg kam es zu Reformen, um die ganze Gesellschaft etwas auf Vordermann zu bringen. So wurde die Leibeigenschaft aufgehoben, Frauen an die Unis zugelassen usw. Das alles hatte wieder zur Folge: weitere Gärung innerhalb der Gesellschaft, schließlich die Ermordung des Zaren durch die Narodniki. Darauf wurden wieder die Gesetze und die Kontrolle verschärft. Der nächste Reformer, der ermordet wurde, war Stolypin, diesmal vom Establishment.
    Die Februarrevolution ist vor allem deswegen geglückt, weil alle übrigen Mitglieder der russischen Gesellschaft den Adel, den Klerus und die Zarenpartie satt hatten.

    Der europäische Feudalismus steht auf einem anderen Blatt, aber das ist hier nicht das Thema.

    Ein lustiges Detail am Rande:

    Die erste Sprache, in die das K I überstzt wurde, war Russisch. Marx selber war dabei beteiligt.
    Die sehr strenge russische Zensur genehmigte das Buch mit dem Vermerk: Das versteht niemand, daher ist es unbedenklich.

  27. 27 Nestor 30. September 2017 um 11:23 Uhr

    Was Iwan den Schrecklichen angeht, so heißt er auf Russisch Iwan der Bedrohliche. Sein schlechter Ruf rührt unter anderem von einem italienischen Jesuiten her, der vom Papst nach Moskau geschickt wurde, um Rußland unter die Fuchtel Roms zu locken. (Byzanz war gefallen, die russische Kirche hing sozusagen in der Luft. Erst unter Boris Godunow wurde eine nationale russische Kirche eingerichtet.)
    Der Jesuit biß auf Granit und verbreitete deswegen jede Menge Schreckensgeschichten über ihn.
    Natürlich wurde das gerne verbreitet in Europa, um diese ärgerliche Großmacht dort im Osten zu diskreditieren, das ist richtig.

    Aber dennoch bleibt festzuhalten, daß zu diesem Staatswesen die Kontrolle und die Bespitzelung dazugehörten, anders hätte es sich nicht halten können. Genauso wie die Instrumente der Verbannung und der Zwangsarbeit wurden diese Methoden ja auch vom Nachfolgestaat übernommen.

    Es ist übrigens gedanklich nicht korrekt, wenn man auf solche Umstände hinweist, einem entgegenzuhalten, dieses Staatswesen hätte nicht nur auf Unterdrückung beruht. Da wird eine Position dementiert, die niemand eingenommen hat.

  28. 28 Michael Hübner 30. September 2017 um 12:34 Uhr

    Hallo Nestor,
    in der Darstellung der russischen Geschichte stimmen wir im wesentlichen überein.
    (Da weißt Du wahrscheinlich noch mehr als ich, z.B. war mir der Hintergrund, wie „Iwan“ zu seinem Beinamen „der Schreckliche“ gekommen ist, unbekannt.)

    Und daß im Zarenreich Kontrolle und Bespitzelung – vor allem auch von Oppositionellen – dazugehörten (wie in jeder mangelhaften Klassengesellschaft) ist auch unbestritten.

    Allerdings galt die damalige russische Justiz tatsächlich als relativ milde, was sogar der damalige deutsche Botschafter in Moskau mehrmals monierte.

    Während die Hinrichtungen und Arbeitslager (die später als „Gulags“ bezeichnet wurden) erst in der anschließenden Sowjetunion (vor allem in der Stalin-Zeit) eine bislang nicht bekannte Blüte erreichten.
    (Jedenfalls war das Leben z.B. eines früheren „Boschewiki“ im zaristischen Russland gemütlicher als das Leben von – tatsächlichen oder vermeintlichen Oppositionellen in der späteren Sowjetunion, wobei viele – wenn nicht sogar die meisten – nicht einmal wirkliche Oppositionelle waren.)
    Was zwar nicht schön, aber wahr ist.

    Grüße
    Michael Hübner

    PS: Anscheinend hat z.B. Stalin seinem damaligen Geheimdienstchef Beria sogar für einzelne Bezirke Quoten für Verhaftungen vorgegeben (worauf Beria geantwortet haben soll, daß es soviele Oppositionelle gar nicht gibt), da weitere „Sträflinge“ für den „Aufbau des Sozialismus“ als billige Arbeitskräfte gebraucht wurden.
    (Was Hunderttausende, wenn nicht Millionen Menschen das Leben gekostet hat.)

    PS2: Und daß seit 1917 alle fünf(!) Geheimdienstchefs in Reihe – nach jedem Machtwechsel im Kreml bis in die späten 1950er-Jahre – erschossen wurden (nach dem Tod Stalins auch z.B. Beria, obwohl sich dieser anscheinend bereits vor Stalins Tod zumindest intern von Stalin distanzierte), hat es bislang auch noch in keinem anderen Staatswesen gegeben.
    (Während der spätere Parteichef Chrutschow in seinen Memoiren schrieb, daß er es schon als einen großen Fortschritt sieht, daß er nicht erschossen wurde und eine Pension bzw. Rente bekommt.)

  29. 29 Nestor 03. Oktober 2017 um 13:38 Uhr

    Allerdings galt die damalige russische Justiz tatsächlich als relativ milde,

    In der Justiz gab es damals einen Haufen liberaler Richter, die in Opposition zum Zarismus standen, und der durch milde Urteile gegen die Narodowolzen ausdrückten, sodaß für die wichtigen Prozesse dann sehr sorgfältig gesiebt werden mußte.
    Eine andere Abteilung war der Strafvollzug, der auf die völlige psychische Vernichtung der Häftlinge zielte und sicher die Bedingungen anderer europäischer Länder in den Schatten stellte.

    Mir ist nicht bekannt, daß alle sowjetischen Geheimdienstchefs erschossen worden wären. Der Gründer der Tscheka, der „eiserne Felix“ Dzerzhinski jedenfalls nicht, obwohl die Umstände seines Todes im Dunkeln bleiben.

    Lawrentij Beria arbeitete vor der Revolution mit ziemlicher Sicherheit als Spitzel für die Ochrana. Stalin wußte das und nahm ihn deshalb in seinen Mitarbeiterstab auf, weil er damit ein völlig williges Instrument hatte. Beria konnte es sich aufgrund seiner Vorgeschichte nicht leisten, irgendeinen Widerspruch zu leisten oder eine Palastintrige anzuzetteln. Er war dadurch entsprechend beliebt unter den anderen Aspiranten auf die Macht und wurde deshalb nach Stalins Tod rasch beseitigt.

    Jezhov hingegen ist keinem Machtwechsel zum Opfer gefallen, sondern dem Umstand, daß er zu viele Leute umbringen ließ, die noch in irgendwelchen Gulags gebraucht worden wären, zum sowjetischen Aufbau mittels Zwangsarbeit.
    Molotov hat einmal über ihn gesagt: der hat was verwechselt. Als alle immer höhere Ernteerträge in der Landwirtschaft und Steigerung der industriellen Produktion gemeldet werden mußten, dachte er, er muß mithalten, und hat immer mehr Hingerichtete und in Haft Verstorbene gemeldet.
    Das war aber nicht im Sinne der sowjetischen Führung.

  30. 30 Michael Hübner 03. Oktober 2017 um 14:18 Uhr

    Hallo Nestor,
    historisch scheinst Du einiges zu wissen.
    (Allerdings stimmt das mit den fünf sowjetischen Geheimdienstchefs, die in Reihe erschossen wurden, wirklich.
    Auch wenn `mal einer darunter gewesen ist, der nicht einem Machtwechsel im Kreml zum Opfer gefallen, sondern aus anderen Gründen, hingerichtet bzw. ermordet wurde.

    Zudem war m.W. die Todesstrafe im zaristischen Russland bereits weitgehend abgeschafft, während diese besonders Trotzki wieder einführte und die damaligen „Bolschewiki“ davon sehr ausgiebig Gebrauch machten.
    Da gibt es wirklich nichts zu beschönigen.

    Da war es nur logisch und auch eine Art ausgleichende „irdische Gerechtigkeit“, daß diese Gewalt auf die „Bolschewiki“ selbst zurückwirkte und diese sich – vor allem die 1.Generation – etwas später mehr oder weniger wechselseitig umbrachten bzw. erschossen.)

    Weitaus wichtiger wären allerdings andere Themen, zumal es bei den „Linken“ heutzutage bekanntlich alles andere als gut aussieht.
    Doch daran scheint es mir bei Dir etwas zu mangeln.

    Grüße
    Michael Hübner

    PS: So hatte anscheinend Stalin zuletzt einen Verfolgungswahn und vermutete eine „Ärzteverschwörung“, die ihn umbringen wollen.
    (Wofür es bis heute nicht den geringsten Beweis gibt.)

    PS2: Lenins Frau Krupskaja soll nach dem Tod ihres Mannes sogar ´mal geäußert haben, froh zu sein, daß er bereits tot ist, da er ansonsten wahrscheinlich auch verhaftet worden wäre.

  31. 31 Nestor 03. Oktober 2017 um 14:34 Uhr

    Also wer waren die 5 Geheimdienstchefs „seit 1917“, die erschossen wurden? Name, Todesdatum, bitte.

    Die Todesstrafe kann man entweder abschaffen oder beibehalten. „Weitestgehend“ ist ein Unding. Im zaristischen Rußland bestand sie jedenfalls, und wurde auch angewendet.

    Trotzki war nicht in der Lage, die Todesstrafe einzuführen. So allmächtig war er nicht.
    Während des Bürgerkriegs herrschte eben Kriegsrecht, da wurde auf allen Seiten fleißig erschossen, was das Zeug hielt.

    Die Todesstrafe wurde mit dem ersten sowjetischen Strafgesetzbuch von 1926 eingeführt, unter anderem für Sabotage.

    Bitte, wenn du dich auf historische Vorgänge beziehst, nicht mit diesem Halbwissen und „ich weiß was!“, das nervt.

  32. 32 Nestor 03. Oktober 2017 um 14:50 Uhr

    Pardon, die Todesstrafe wurde erst 1932 wieder eingeführt, im Rahmen einer allgemeinen Verschärfung des Strafrechts.

  33. 33 Michael Hübner 03. Oktober 2017 um 15:28 Uhr

    Hallo Nestor,
    nachfolgend die fünf sowjetischen und hingerichteten Geheimdienstchefs (ohne Dserschinski, der unerwartet 1926 aus nicht geklärten Umständen starb):

    Jagoda 1938
    Jeschow 1940
    Beria 1953
    Murkulow 1953
    Abakumow 1954

    (Wobei die beiden letztgenannten nachträglich hingerichtet wurden.)

    Während Trotzki ursprünglich natürlich große Macht hatte (immerhin war er anfänglich nach Lenin der zweitwichtigste „Bolschewiki“) und jederzeit (vor allem beim Militär bzw. aus „revolutionären Gründen“) Leute erschiessen lassen konnte. Und gelegentlich auch selbst, z.B. bei einer Befehlsverweigerung, davon Gebrauch machte.

    Faktisch war die Todesstrafe in der Sowjetunion niemals abgeschafft (etwas zurückhaltender war es einzig in den ersten Monaten nach der Machtergreifung als die „Sozialrevolutionäre“ noch mitregierten, die strikte Gegner der Todesstrafe waren).
    Während in den Wirren des Bürgerkriegs (und auch noch einige Zeit danach) ein Menschenleben der einfachen Bevölkerung kaum etwas zählte, weshalb sich das Thema Todesstrafe sowieso erstmal weitgehend erübrigte.
    (Jedenfalls war z.B. Lenin von Anfang an ein Verfechter der Todesstrafe und bezeichnete es bereits 1918 als einen großen Fehler, diese abschaffen zu wollen.)

    Grüße
    Michael Hübner

    Und bitte nicht vergessen:
    Einmal abgesehen davon, daß die zaristische Regierung bekanntlich bereits im Februar 1917 gestürzt wurde (woran die „Bolschewiki“ nicht wesentlich beteiligt waren), verlief die eigentliche Machtergreifung im Oktober 1917 relativ unblutig.
    (M.W. gab es kaum Tote bzw. Verletzte, während die meisten RussInnen das erst später aus den Zeitungen oder sonstwie erfahren haben.)

    Und obwohl die „Bolschewiki“ anfänglich relativ große Sympathien in der russischen Bevölkerung hatten (schließlich war die vorherige „Kerenski-Regierung“ zuletzt nicht mehr sonderlich beliebt), begann das ganze Theater erst später.
    Deshalb denke ich, daß viel von der nachfolgenden Gewalt vermeidbar gewesen wäre, falls die damaligen „Bolschewiki“ etwas klüger gewesen wären.

  34. 34 Nestor 03. Oktober 2017 um 19:02 Uhr

    Man muß einmal klären, was ist die Todesstrafe?
    Das ist eine juristische Angelegenheit und wird im Strafgesetzbuch festgehalten.
    Und was ist ein Kriegsrecht?
    Da ist bekanntlich alles erlaubt.

    Was die Geheimdienstchefs betrifft, so sind das zwar 5, aber nicht „jeder seit 1917“.
    Man kann sagen, ein unnatürliches Ableben gehörte bei diesen Leuten zum Berufsrisiko.
    Immerhin wurde dort mit Hilfe des Geheimdienstes eine neue Staatsgewalt eingerichtet, mit einer völlig neuen Staatsräson. Das mußte einmal quer durch die Bevölkerung durchgesetzt werden.

    Worum geht jetzt der Streit bzw. die Debatte? Mir geht irgendwie der Gegenstand verloren.
    Oder willst du dich nur damit brüsten, daß du klüger bist als die Bolschewiki?
    Ja, wenn sie doch rechtzeitig dich oder irgendwelche anderen Schlaumeier gefragt hätten, diese Deppen!
    Dann gäbs die SU heute noch.

  35. 35 Michael Hübner 04. Oktober 2017 um 4:07 Uhr

    Hallo Nestor,
    obwohl ich schon weiß, daß Du selbst an den damaligen „Bolschewiki“ bzw. dem späteren „Realsozialismus“ einiges kritisierst, versuchst Du dennoch etwas zu verteidigen (nach dem Motto: aber irgendwie „links“ waren diese schon), wo es nichts zu verteidigen gibt.

    Vorab noch einige Originalzitate von mehreren ähnlichen.
    Lenin:
    „Der Sozialismus ist nichts anderes als das staatskapitalistische Monopol, das zum Nutzen des ganzen Volkes angewandt wird und insofern aufgehört hat, kapitalistisches Monopol zu sein.“
    (Anm.: Was sehr an die „Stamokap-Theorie“ erinnert, die hierzulande z.B. auch die frühere KPD und spätere DKP vertreten hat.)

    Nikolai Bucharin:
    „Von einem breiteren Standpunkt aus, d.h. vom Standpunkt eines dem Umfange größeren historischen Maßstabs, bildet der proletarische Zwang (Anm.: mit dem er klar den Zwang der „Bolschewiki“ meinte), angefangen mit Erschießungen bis zur Arbeitspflicht, eine, so paradox es klingen mag, Methode der Bildung einer neuen, kommunistischen Menschheit aus dem Menschenmaterial der kapitalistischen Epoche.“
    (aus „Ökonomik der Transformationsperiode“ mit Randbemerkungen von Lenin, zuerst erschienen Moskau 1920)

    Insgesamt denke ich, daß solche Leute dem Sozialismus bzw. gar Kommunismus weit mehr geschadet als genutzt haben.

    Ist es angesichts solcher Vorstellungen (während andere bisherige an die Macht gekommene angebliche „Linke“ von Albanien, über China bis hin zum früheren Nord-Korea kaum besser waren) wirklich ein Wunder, warum die heutige „Linke“ inzwischen derart „auf den Hund gekommen“ ist und die meisten Menschen weltweit kaum noch etwas damit zu tun haben möchten?

    Und das, obwohl diese (oftmals in Bezug auf Marx und Engels) stets behaupteten, allen anderen voraus und diesen intellektuell überlegen zu sein?
    An der Stärke der bürgerlichen Gegner kann das jedenfalls weniger liegen, sondern vielmehr an eigenen Fehlern.

    Könnte es nicht sein, daß am bisherigen traditionellen „linken“ Weltbild etwas „schief“ bzw. vielleicht sogar falsch ist?
    (Auch, wenn es natürlich einfacher und bequemer ist, die Verantwortung bzw. Schuld für die Misere bei anderen zu suchen.)

    Grüße
    Michael Hübner

    PS: Ich hoffe, daß Du meine Zeilen nicht persönlich nimmst.
    Schließlich weiß ich schon auch Deine anscheinend guten Seiten zu schätzen, z.B. eine weitgehende Toleranz auch bei abweichenden Meinungen und daß Du weiterhin daran festhälst „Argumente zu verbreiten“, obwohl Du (wie die restlichen noch verbliebenen traditionellen „Linken“) auf weitgehend verlorenem Posten stehst.

    PS: Falls Du wissen möchtest, was ich empfehlen würde, fällt mir nur ein, daß es eine völlig neue sozialistische bzw. kommunistische Bewegung bräuchte (deren Aufbau allerdings voraussichtlich Generationen braucht), die aus den Fehlern der früheren alten etwas lernt.

  36. 36 Nestor 09. Oktober 2017 um 10:03 Uhr

    Eine Unterstützerliste für die katalanische Unabhängigkeit, wo alle möglichen Leute von Rang und Namen unterzeichnen, daß man die doch „ihr demokratisches Recht, ihre Zukunft zu bestimmen“, wahrnemen lassen soll!
    Noam Chomsky
    Ken Loach
    Yoko Ono
    Rigoberta Menchú
    Gerry Adams
    Angela Davies
    usw. …
    http://www.letcatalansvote.org/

  37. 37 Neoprene 09. Oktober 2017 um 10:30 Uhr

    Du meinst sicher Angela Davis, die frühere bekannteste Vertreterin der CPUSA.

  38. 38 Michael Hübner 09. Oktober 2017 um 10:31 Uhr

    Hallo Nestor,
    verwunderlich ist das alles nicht.
    Schließlich standen das Volk bzw. die Völker schon immer „hoch im Kurs“ nicht nur bei den „Rechten“, sondern auch „Linken“.

    Grüße
    Michael Hübner

    PS: Wie Du vielleicht selbst weißt, zählt z.B. Noam Chomsky zu den „anarchistischen“ Vordenkern und bezeichnet sich gelegentlich auch als solcher.

  39. 39 Nestor 09. Oktober 2017 um 17:54 Uhr

    @Michael H.

    Außer dir wundert sich niemand, laß dieses onkelhafte Getue.

    @Neoprene

    Ja klar, diese Muttergottes der Bürgerrechte. Ich hab ihr ein e zuviel vergönnt.

    Es stellt sich übrigens heraus, daß manche der Fotos von angeblichen Verletzten vom 1.10. – was heutzutage anscheinend ganz üblich ist – von anderen, oft jahrelang zurückliegenden Demos gestammt haben, aber ganz schnell über Twitter und ähnliche Verbreitungsmöglichkeiten um die Welt gegangen sind.

  40. 40 Michael Hübner 09. Oktober 2017 um 19:09 Uhr

    Hallo Nestor,
    warum hast Du die Liste der „linken“ Unterstützer eingestellt, wenn schon alles klar ist?
    Einfach nur so zum Zeitvertreib?
    Und was soll an meiner Bemerkung „onkelhaft“ sein?

    Grüße
    Michael Hübner

  41. 41 Nestor 11. Oktober 2017 um 15:32 Uhr

    Welche „Liste der linken Unterstützer“?

    OMG:

    „In Griechenland wurden unterdessen 19 Demonstranten festgenommen, die aus Solidarität mit den Katalanen in die spanische Botschaft gestürmt waren. Die Gruppe, die sich selbst als anarchistisch bezeichnet, verteilte in dem Gebäude Flugblätter mit der Losung »Solidarität ist die Waffe der Völker«, sagte ein Botschaftsmitarbeiter.“ (Standard, 11.10.)

  42. 42 Neoprene 11. Oktober 2017 um 16:02 Uhr

    Na deine Liste von etwas weiter oben:
    http://www.letcatalansvote.org/

  43. 43 Nestor 11. Oktober 2017 um 17:11 Uhr

    Ach so.
    Dann ist die Frage: was heißt „eingestellt“?

  44. 44 Michael Hübner 11. Oktober 2017 um 17:32 Uhr

    Hallo Nestor,
    mit „eingestellt“ meinte ich „hochgeladen“ bzw. veröffentlicht.

    Doch weitaus interessanter wäre doch die Frage, wie Menschen (in diesem Fall angebliche Anarchisten in Griechenland) zu der von Dir oben zitierten Aussage „Solidarität ist die Waffe der Völker“ kommen?
    Wo sich doch die Völker mehr als offensichtlich bereits seit Jahrhunderten wechselseitig umbringen bzw. die Köpfe einschlagen.

    Sowas bezeichne ich als Wahnsinn, wenn Menschen anscheinend in einer (vor allem gedanklichen bzw. emotionalen) Welt leben, die mit der Wirklichkeit kaum etwas zu tun hat.

    Grüße
    Michael Hübner

    PS: Zumal nach 2 Weltkriegen, während der dritte bevorsteht.
    Solche Leute leben in einer Scheinwelt bzw. „Blase“.
    (Und haben weder vom Kapitalismus bzw. Imperialismus noch von den Nationen bzw. Staaten eine Ahnung.)
    Das sind wirklich nur Spinnereien.

    PS2: Bekanntlich ist der gesamte Globus mit seinen staatlichen Grenzen das Ergebnis von Kriegen.
    (Die ohne die Völker, die diese mehrheitlich geführt haben, gar nicht möglich gewesen wären.)

  45. 45 Nestor 12. Oktober 2017 um 2:12 Uhr

    @Michael H.

    Also ich habe diese Liste deswegen verlinkt, weil ich auf die offensichtliche Idiotie der Linken – vor allem der Anarchisten – hinweisen wollte, am Beispiel Kataloniens.
    Nicht deswegen, weil irgendetwas „nicht klar“ wäre.

    Es war schon beim sogeannten „Arabischen Frühling“ und noch mehr bei den Ereignissen in der Ukraine 2014-15 offensichtlich, daß Linke mit diesen „Revolutionen“ nicht umgehen können.
    Auch der GSP nicht.

    Daß die Ausgesteuerten aller Länder sich verheizen lassen für irgendwelche nationalen Projekte, und für den Größenwahn der Weltmächte, das erwischt offenbar die Freunde des „Volkes“ ud der „Arbeiterklasse“ am falschen Fuß. Und nicht nur im Ausland, sondern auch im Inland. Siehe die theoretische Hilflosigkeit gegenüber der AfD.

  46. 46 Nestor 12. Oktober 2017 um 2:49 Uhr

    Ich erinnere an einen älteren Artikel zum Thema

    http://www.contradictio.de/neofaschismus.pdf

    und die Diskussion dazu:

    http://neoprene.blogsport.de/2008/05/17/warum-demokraten-neo-faschisten-vielleicht-verbieten-aber-nicht-kritisieren-koennen-huisken-in-erfurt/

    Das war von Freerk, nicht vom GSP. Freerk hat sich mit dieser Thematik viel ausführlicher auseiandergesetzt als der GSP.

    So.
    Sind die Katalanen Faschisten?
    Vermutlich nicht. (Was nicht ist, kann noch kommen …)
    Aber der Gedanke der „Nation“ und des „Volkes“ ist einfach leider bei den Linken genauso unkritisch verankert, wie er bei den Rechten positiv besetzt ist.

  47. 47 Michael Hübner 12. Oktober 2017 um 5:45 Uhr

    Hallo Nestor,
    letztlich ist der Faschismus (vereinfacht ausgedrückt) ein bürgerliches Notstandsprogramm.
    Und je mehr sich die seit 2007 offensichtlich gewordene finale Finanz- bzw. Weltwirtschaftskrise verschärft, desto faschistoider wird das alles.
    (Ob nun in Katalonien, Spanien oder sonstwo.)

    Während der Anarchismus (weitgehend egal in welcher Form) klar hinter den Erkenntnissen von Karl Marx in „Das Kapital“ liegt und deshalb kaum eine Zukunft hat.
    Zudem ist auch am traditionellen „linken“ Weltbild einiges falsch, was schon längst auf den „Prüfstand“ gehört.

    In diesem Sinne verbleibe ich `mal
    mit Grüßen
    Michael Hübner

    Übrigens:
    An der Einschätzung der Lage in Katalonien täuscht Du Dich.
    Wegen der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung löst sich weder Spanien auf noch geht daran die EU zugrunde.
    (Da bräuchte es schon weitaus mehr als geschätzte 3-4 Millionen Separatisten.)

    Neben einigen anderen Gründen hängen vor allem heutzutage sowohl die katalanische Regionalregierung als auch die Banken und Unternehmen am „Tropf der EZB“.
    Und spätestens, wenn diese den „Geldhahn abdreht“, ist es mit der Unabhängigkeit weitgehend vorbei.
    (Das war übrigens auch der Grund, warum als erstes einige katalanische Banken ihren Firmensitz in andere Teile Spaniens verlegt haben.)

  48. 48 Jacko 12. Oktober 2017 um 6:20 Uhr

    „… ein bürgerliches Notstandsprogramm.
    Und je mehr sich die seit 2007 offensichtlich gewordene finale Finanz- bzw. Weltwirtschaftskrise verschärft, desto faschistoider wird das alles.“

    Der Ausdruck, dass es „mehr“ davon gäbe (faschistoider), macht ein Entsprechungsverhältnis auf (je – desto), was ja irgendwie stimmt. Aber w i e genau stimmt denn das?

    [Und vielleicht kannst du bitte mal mit einer Erklärung antworten, anstatt beleidigt eine Beschimpfung loszulassen.]

  49. 49 Michael Hübner 12. Oktober 2017 um 6:42 Uhr

    Hallo Jacko,
    spinn` Dich aus.
    Wo habe ich jemand beschimpft?
    (Auch Dich nicht.)
    Schließlich ist das jedem sein bzw. ihr Leben.
    (Deshalb kann letztlich nur jeder Mensch selbst entscheiden, was er bzw. sie für richtig hält.)
    Derart anmaßend bin ich nicht.

    Während zum Thema Faschismus bekanntlich Freerk Huisken und auch der GSP bereits einiges erklärt hat.
    Letztlich ist das im wesentlichen eine Radikalisierung des bürgerlichen Denkens vor allem in Krisenzeiten.
    (Was bereits seit einiger Zeit am Aufschwung der „Rechten“ in Zeiten einer finalen Finanz- bzw. Weltwirtschaftskrise zu beobachten ist.)

    Grüße
    Michael Hübner

    PS: Während sich in anderen Weltgegenden die Leute zunehmend religiös verklärt radikalisieren, siehe z.B. im „Nahen Osten“ usw.

    PS2: Zudem habe ich in einigen meiner Kommentare versucht, das eine oder andere zu erklären.
    (Was allerdings in einem Kommentar nur begrenzt möglich ist.)

  50. 50 Jacko 12. Oktober 2017 um 8:02 Uhr

    „Letztlich ist das im wesentlichen eine Radikalisierung des bürgerlichen Denkens vor allem in Krisenzeiten.“

    Radikalisierung – ist eine andere Ausdrucksweise von „mehr“. Hier im Sinne von Zuspitzung.
    Eine Zuspitzung oder eine Radikalisierung kann man m.E. erst begreifen, wenn geklärt ist, [von] was da zugespitzt wird.

    Und worin besteht die Bürgerlichkeit des Denkens?

    [Vage Hinweise auf vage Autoritäten, deren vage Geltung gleichzeitig vage bezweifelt wird, reichen mir für mein Denken nicht aus.]

  51. 51 Michael Hübner 12. Oktober 2017 um 8:35 Uhr

    Hallo Jacko,
    mach` doch nicht alles derart kompliziert.

    Bürgerlich denken die allermeisten heutigen Menschen z.B. hierzulande.
    (Was auch bei den vergangenen Wahlen zu beobachten war.)

    Während die bürgerliche Gesellschaft im wesentlichen nichts anderes als die Personifizierung der wirtschaftlichen, d.h. heutzutage kapitalistischen, Verhältnisse ist.
    (Auch wenn die meisten davon kaum eine Ahnung haben.)

    Und innerhalb dieses Rahmens (der letztlich ein weitgehend in sich geschlossenes Wahnsystem ist) bewegen sich die Gedanken und auch Gefühle der bürgerlichen Menschen.
    (Die übrigens nur scheinbar vielfältig wirken und bei genauerer Betrachtung relativ einfältig sind.)
    Kurzum.
    Ohne Kapitalismus gibt es auch keine bürgerliche Gesellschaft.
    (Beides ist untrennbar miteinander verbunden.)

    Was auch bei vorherigen Gesellschaften zu beobachten ist.
    Sobald deren ökonomische Grundlage mehr oder weniger zerstört wurde bzw. zerfallen ist, haben diese sich weitgehend aufgelöst.
    (Was in jedem besseren Geschichtsbuch nachzulesen ist.)

    Nicht zufällig ist ausgerechnet heute in wirtschaftlichen Krisenzeiten z.B. der Zerfall der EU (mit den Begleiterscheinungen wie Separatismus usw.) ein zunehmendes Thema.

    Grüße
    Michael Hübner

    PS: Das war übrigens früher nicht viel anders.
    Bekanntlich lebten z.B. auch die vergangenen Majas in ihrer eigenen damaligen Welt (die ihnen als natürlich erschienen ist, während wir heute darüber lächeln), ähnlich wie auch die Leute im feudalen Mittelalter, die noch mehrheitlich dachten, daß alles „gottgegeben“ wäre usw.

    PS2: Du weißt hoffentlich schon, daß ich in einem Kommentar nur einige Anhaltspunkte aufzeigen und kein Buch schreiben kann.
    (Obwohl es zu diesem Thema noch weitaus mehr mitzuteilen gäbe.)

  52. 52 Hinweis 12. Oktober 2017 um 21:14 Uhr

    An und für sich ….

    „Aufgeklärte Organisation« heißt übrigens auch, dass die Kräfte der Veränderung sich sozialtheoretisch auf der Höhe der Zeit befinden, dass sie wissen müssen, was in der Gesellschaft vorgeht, um einen Begriff von den konkreten Aktionsbedingungen zu haben. Ohne gesellschaftstheoretische Kompetenz ist die politische Beschwörung der Arbeiterklasse ein weltloses, ein hohles Ritual. Nur mit gegenwartsanalytischer Kompetenz ist es möglich, die subjektiven Wahrnehmungsweisen der objektiven Widersprüche mit progressiven Lerneffekten zu vermitteln.“

    https://www.jungewelt.de/artikel/319981.an-und-f%C3%BCr-sich.html

    Gegenwartsanalytische Kompetenz – bitte sehr:

    https://www.youtube.com/watch?v=HzYJV8p2KPU&list=PLTwv8JhBTDmTlVarseDYEkM_iILHSYvJO

    Schlaumeier und Tautologen gibt es überall:

    „Aber erwähnt werden soll, dass die psychischen Formierungen nicht »selbsttätig« wirken, wie postmoderne Diskurse im Windschatten tradierter bürgerlicher Ideologien unterstellen, sondern mit den mentalen Verarbeitungsprozessen der Subjekte verbunden sind.“ (Seppmann, jw, s.o.)

  53. 53 Nestor 12. Oktober 2017 um 23:03 Uhr

    Während die bürgerliche Gesellschaft im wesentlichen nichts anderes als die Personifizierung der wirtschaftlichen, d.h. heutzutage kapitalistischen, Verhältnisse ist.

    Eine Tautologie.

    Ohne Kapitalismus gibt es auch keine bürgerliche Gesellschaft.

    Ist es notwendig, die Menschheit mit solchen Plattheiten zu nerven?

  54. 54 Michael Hübner 13. Oktober 2017 um 2:37 Uhr

    Hallo Nestor,
    wenn Du (Du schreibst gar von der Menschheit, die Du zwar nicht wirklich, aber anscheinend in Deiner Einbildung vertrittst) tatsächlich derart klug bist und meine Ausführungen als „Plattheiten“ bezeichnest (die auch noch nerven), brauchst Du mich auf Deiner sowieso relativ „toten“ Webseite nicht.
    Mein Eindruck ist ein anderer.

    Das ist die beinahe schon typische Arroganz bzw. Überheblichkeit von weitgehend gescheiterten sog. Alt-Linken, mit denen wahrscheinlich auch deshalb kaum noch jemand etwas zu tun haben möchte.
    Sowas ist nichts für mich.

    In diesem Sinne verabschiede ich mich und verbleibe
    mit Grüßen
    Michael Hübner

  55. 55 Michael Hübner 13. Oktober 2017 um 7:50 Uhr

    Noch ein Hinweis für „Hinweis“
    zu dem von Dir verlinkten „junge welt“-Artikel:

    Werner Seppmann von der DKP entwirft bereits seit Jahrzehnten (inzwischen wahrscheinlich als Rentner, der demnächst ins Grab fällt) „Gesellschaftsbilder“, die mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit kaum etwas zu tun haben.
    (Während die DKP bei den vergangenen Wahlen von 61.688.485 Wahlberechtigten in Deutschland ganze 7.517 Erst- bzw. 11.558 Zweitstimmen erhalten hat.)
    Etwas besser ist schon der von Dir ebenfalls verlinkte kurze Vortrag von Peter Decker.
    Allerdings frage ich mich, was Du damit ausdrücken wolltest.

    Grüße
    Michael Hübner

  56. 56 Hinweis 13. Oktober 2017 um 8:10 Uhr

    Ver­tre­ter von der Mitte bis ganz nach links halten „das Volk!“ als höchsten Ehren– und Anspruch­s­ti­tel hoch. Sie ver­ach­ten die Rech­ten, haben aber viel Ver­ständ­nis fürs Volk, das denen nach­läuft. Und sie wer­ben für sich mit Paro­len und Pro­gram­men, bei denen der Unter­schied zu den demokratisch exkom­mu­ni­zier­ten Rech­ten mit­un­ter nur sehr schwer aus­zu­ma­chen ist …

    https://www.farberot.de/audio/Rechtsruck_im_Westen-406-438.mp3

    https://www.youtube.com/watch?v=mCse0eu-hnI

    https://www.argudiss.de/sites/default/files/doku/ankuendigung%28pdf%29/LinksRechts_2017-1-19.pdf

    ---

    Strittig nicht nur mit den Rech­ten wird die Europa-Politik werden – Merkel kriegt Zunder aus Österreich und Frankreich …

    http://www.contradictio.de/blog/wp-content/uploads/2017-05-04-Europa-Nbg-Mitschrift.pdf

  57. 57 Michael Hübner 13. Oktober 2017 um 8:31 Uhr

    Ja Hinweis,
    es geht doch.
    Bei Deiner zuletzt gemachten Aussage stimme ich Dir zu.

    Bezeichnend für den trostlosen Zustand der heutigen „Linken“ ist übrigens das „klassenkämpferische“ Foto über den von Dir verlinkten „junge welt“-Artikel.
    Die abgebildeten Arbeiter wollen mehr als offensichtlich („mehr Asche in die Tasche“) mehr Lohn, aber nicht den Kapitalismus abschaffen.
    Und das in Zeiten einer finalen Finanz- bzw. Weltwirtschaftskrise.

    Macht aber nichts.
    In den Augen der „traditionellen Linken“ sind diese bereits (zumindest tendenziell) auf dem richtigen Weg zur sozialistischen bzw. kommunistischen Weltrevolution.
    Wenn das kein Wahnsinn ist, was dann.

    Grüße
    Michael Hübner

    PS: Da hätte sich Karl Marx seine Erklärungen in seinem Lebenswerk „Das Kapital“ glatt sparen und stattdessen z.B. auf „Robin Hood“ verweisen können.

    Noch ergänzend:
    Sog. Klassenkämpfe sind stets systemimmanente Verteilungskämpfe und nicht geeignet, um den Kapitalismus abzuschaffen.
    Ein Irrtum, den Marx in späteren Jahren anscheinend erkannt hat.
    (Spätestens seit dem ruhmlosen Ende des damaligen „Realsozialismus“ sollte das klar sein.
    Schließlich waren die früheren „Bolschewiki“ die radikalsten „Klassenkämpfer“ von allen.
    Herausgekommen ist deshalb keine Abschaffung des Kapitalismus, sondern eine blaße staatliche – wenn auch zwangsläufig etwas modifizierte – Kopie.
    Weshalb diese letztlich bekanntlich wieder zum Original zurückkehrten.)

    Noch am Rande erwähnt:
    Der Ruf nach einer Verstaatlichung der Produktionsmittel ist übrigens eine klassische sozialdemokratische (d.h. reformistische) Forderung, die vor allem in Krisenzeiten ertönt.
    (Und der vor allem bei von der Pleite bedrohten größeren Unternehmen auch heutzutage wieder öfters zu vernehmen ist.
    Einmal abgesehen davon, daß im Rahmen der aktuellen Finanz- bzw. Weltwirtschaftskrise auch hierzulande bereits einige Unternehmen verstaatlicht – z.B. Hypo-Real-Estate – bzw. teil-verstaatlicht wurden, z.B. Commerzbank usw.)
    Das hat nichts mit einer Abschaffung kapitalistischer Verhältnisse zu tun.

  58. 58 Michael Hübner 13. Oktober 2017 um 13:04 Uhr

    Abschließend noch ein Hinweis:
    Obwohl die Ausbeutung unbestreitbar ist, ist diese nicht der Grund für die zunehmende kapitalistische Misere.
    (Wäre das der Fall, würde eine Umverteilung genügen, während ansonsten alles weitgehend beim Alten bleiben könnte.)

    Vielmehr liegt das an den engen Grenzen des (von den allermeisten heutigen Menschen weitgehend unverstandenen bzw. unbegriffenen) kapitalistischen Wirtschaftssystems.

    Deshalb hätte es eine weitaus radikalere Kritik der wirtschaftlichen bzw. gesellschaftlichen Verhältnisse gebraucht als eine „klassenkämpferische“ Umverteilung innerhalb des Systems.
    (Was kaum etwas bringt.)
    Daran ist die „traditionelle Linke“ (z.B. der „Realsozialismus“ usw.) letztlich gescheitert.

    Grüße
    Michael Hübner

  59. 59 Michael Hübner 13. Oktober 2017 um 16:15 Uhr

    Noch ein Nachtrag:
    Es ist übrigens eine durch nichts begründete Vorstellung, warum ausgerechnet die ArbeiterInnen eine „revolutionäre Klasse“ sein sollen.
    Auch wenn diese mehr Gründe hätten, den Kapitalismus abzuschaffen.
    Doch was sagt das schon.

    Zumindest in der Vergangenheit war es meist das Kleinbürgertum, das sich gelegentlich umstürzlerisch betätigte.
    (Dem sich allerdings einige ArbeiterInnen anschlossen.)
    Um das zu erkennen, reicht schon ein Blick z.B. ins „who is who“ der damaligen „Bolschewiki“ usw.
    (Während bekanntlich auch Marx, Bakunin, Lenin und wie sie alle geheißen haben, keine Arbeiter waren.)

    Jedenfalls ist ein sozialistisches bzw. kommunistisches Bewußtsein weniger eine Sache der „Klasse“, sondern des Wissens.

    Grüße
    Michael Hübner

  60. 60 Michael Hübner 14. Oktober 2017 um 11:35 Uhr

    Hallo Leute,
    da es nicht den geringsten Anhaltspunkt gibt, daß die heutigen Menschen jemals klüger werden, verabschiede ich mich von Euch.
    Versucht noch das Beste aus Euerem restlichen Leben zu machen.

    Grüße
    Michael Hübner

  61. 61 Hinweis 14. Oktober 2017 um 12:38 Uhr

    Wenn, wie du schreibst, ein sozialistisches bzw. kommunistisches Bewusstsein eine Sache des Wissens ist – dann – könnte … – man als Linker ja auch dazu beitragen wollen, dass es damit ein wenig vorwärts kommt. Schließlich lebt man, auch ganz subjektiv und individuell, ja trotzdem mit all der täglichen Scheiße um einen herum. Und die wird dadurch, dass man sich zurück zieht, gerade nicht weniger.
    Wenn man an der Aufklärung mitarbeiten will, so ist damit nicht festgestellt, dass man das auch tut (vielleicht sind die eigenen Beiträge dafür gar nicht so nützlich, wie sie einem selbst vorkommen…). Und über den Erfolg ist damit auch schon deswegen nichts gesagt, weil bekanntlich am anderen Ende enorme gegenteilige Schritte gemacht werden…

    Übrigens: neben den Beiträgen in solchen Blogs ist meiner Erfahrung zufolge das Anlabern und kommunistische Rumnerven in Freundes- und Bekanntenkreisen, sowie unter den Kollegen, nicht unbedingt wirkungsloser. Eher im Gegentum. Dort kann man nachfragen, und erläutern und präzisieren. In Blogs wird oft herumgeholzt, kaum dass man sich beleidigt fühlt… Und dann aber erst recht herumgeholzt.

  62. 62 Michael Hübner 14. Oktober 2017 um 13:41 Uhr

    Hallo Hinweis,
    ich will Dir Deine Illusionen nicht nehmen.
    (Manchmal hilft das, die Wirklichkeit zu ertragen.)

    Dennoch:
    Bekanntlich ist bereits Karl Marx zu Lebzeiten weitgehend gescheitert.
    Schließlich hat sich die Welt in eine ganz andere Richtung entwickelt als ursprünglich von ihm erwartet.
    (Und was sich danach Sozialismus bzw. gar Kommunismus nannte – z.B. der „Realsozialismus“ usw., hatte mit der marxistischen Kritik am Kapitalismus kaum etwas zu tun.)

    Nach meinen bisherigen Erfahrungen sind die allermeisten heutigen Menschen nicht mehr in der Lage, sich eine Welt außerhalb des kapitalistischen Rahmens (d.h. ohne Ware- und Tauschwert, Kapital und Geld, Lohnarbeit usw.) auch nur vorzustellen.
    Obwohl es das einzige wäre, was wirklich etwas bringen würde.

    Mir erscheint es, als gäbe es im Denken und Fühlen der heutigen Menschen sowas wie eine „innere Schranke“, die diese kaum überwinden können.
    (Ähnlich wie der frühere Neandertaler bzw. dessen Vorgänger wahrscheinlich die heutige Welt nicht verstanden bzw. begriffen hätte.)

    Jedenfalls halte ich es für einen großen Fehler, die Evolution völlig auszublenden.
    (Obwohl auch wir natürlich wie alle Lebewesen dieser unterliegen.)
    Außer jemand glaubt dem früheren Werbespruch von TOYOTA „Alles ist möglich!“.
    Was allerdings nur eine Werbung ist und mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat.

    Grüße
    Michael Hübner

    PS: Zudem wäre es klug, sich von der Vorstellung zu lösen, daß wir „die Menschen“ wären.
    (Ähnlich wie viele Bürgerliche meinen, daß es ihre Welt schon immer gegeben hätte bzw. ewig geben würde.)
    In Wirklichkeit sind wir nur eine Menschenart (der „homo sapiens“), die bereits etliche Vorgänger (z.B. Neandertaler, „homo erectus“ usw.) hatte.

    Während diese deshalb weitgehend ausgestorben sind (obwohl wir noch immer geringe Anteile von deren Genen in uns tragen), da diese nicht mehr in der Lage waren, die Schwierigkeiten ihrer damaligen Zeit zu meistern bzw. zu lösen.
    Und ähnlich scheint es mir mit den heutigen Menschen zu sein.

    PS2: Siehe z.B. nur ´mal, wieweit der GSP mit seinen immerhin bereits über 30jährigen Erklärungen gekommen ist.
    Heute sind es vermutlich nicht einmal 0,01% der deutschen Bevölkerung, die damit etwas anfangen könnten.
    (Weltweit gesehen wäre das kaum mehr meßbar.)
    Und auch das waren meist nur einige Studenten bzw. Akademiker.

    Und das in Zeiten einer finalen Finanz- und Weltwirtschaftskrise (erst gestern warnte z.B. der IWF vor einem erneuten Crash, da die Banken und Unternehmen sowie Privathaushalte mit rd. 135 Billionen US-Doller im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung völlig überschuldet seien, zumal ca. 1/3 der Kredite bereits als „faul“ gelten), die zwangsläufig in einem – auch atomaren – 3.Weltkrieg endet.

  63. 63 Michael Hübner 14. Oktober 2017 um 16:48 Uhr

    Noch ein Hinweis an „Hinweis“
    zum Thema „Agitation“:

    Eine Agitation macht nur dann einen Sinn, wenn diese einen Zweck bzw. ein Ziel hat.
    (Wofür bzw. für was sollen Leute agitiert werden.)

    Während z.B. der GSP selbst inzwischen eine Revolution auf absehbare Zeit für ausgeschlossen bzw. aussichtslos hält, siehe „Wikipedia“.
    Und eine Agitation nur der Agitation wegen ist ein weitgehend inhaltsloser Selbstzweck bzw. eine relativ trostlose Angelegenheit.

    Kurzum.
    Für eine sinnvolle Agitation braucht es zumindest eine Perspektive.
    Und diese fehlt (nach der anfänglichen Euphorie der früheren „Marxistischen Gruppe“) – wie bei den meisten anderen – inzwischen völlig.

    Grüße
    Michael Hübner

    PS: Ansonsten ist es nur noch (tatsächliches bzw. vermeintliches) Wissen um des Wissens willen.
    Ohne jede praktische Bedeutung.

    PS2: Da rächt sich übrigens, daß der GSP bereits von Anfang an ein völlig falsches Verständnis hatte, wie gesellschaftliche Veränderungen in Wirklichkeit funktionieren.
    Und einen ordinären Voluntarismus vertreten hat.
    Damit sind diese letztlich „auf die Schnauze“ gefallen.

  64. 64 Michael Hübner 15. Oktober 2017 um 0:33 Uhr

    Sicher ist jedenfalls:
    Die bisherige (und inzwischen weitgehend marginalisierte) „traditionelle Linke“ hat zuviele Fehler gemacht, um sich noch einmal zu erholen.

    Während es zumindest aus heutiger Sicht nicht absehbar ist, ob sich jemals eine Neue „Linke“ entwickelt, die aus den Fehlern der Vergangenheit etwas gelernt hat.

    In diesem Sinne verabschiede ich mich und verbleibe mit
    Grüßen
    Michael Hübner

  65. 65 Hinweis 01. November 2017 um 13:00 Uhr

    Herbert neues Auingers Anti-Haider-Buch von 2017 „Die FPÖ – Blaupause der neuen Rechten in Europa“ wird von der iva-Redaktion auch mit passenden Hinweisen auf sein vorheriges Buch von 2000 vorgestellt:

    „Seine Analyse zielte auf den Tatbestand, der in den Anti-Haider-Protesten kaum ins Blickfeld geriet, dass nämlich das Liebäugeln mit faschistischer Politik wie das kernige Bekenntnis zu ihren Idealen – also die spezielle Profilierungskunst des flotten Jörgl – mitten im demokratischen Betrieb ihren Platz finden. An Haider, so Auingers Hauptthese, hätte einem etwas ganz anderes auffallen können als die ewig beschworene Gefahr, der Demokratie drohe das feindliche Zersetzungswerk einer von außen kommenden faschistischen Unterwanderung: Mit dem freiheitlichen „Rechtspopulisten“ Haider wurde vielmehr aller Welt vor Augen geführt, dass sich demokratische und faschistische Herrschaft in puncto Rassismus, Nationalismus und Ausländerfeindlichkeit brüderlich die Hand reichen können. Was die modernen Grundkonstanten Staat, Volk und Nation betrifft, klaffe zwischen den beiden „Formen bürgerlicher Herrschaft“ eben gar kein so großer Abgrund, wie Idealisten immer meinen. „Nicht Haider hat die Republik verändert, sie nach rechts bugsiert, sondern die frühere Koalition hat im Gefolge der weltpolitischen Wende und mit dem EU-Beitritt eine Inventur österreichischer Errungenschaften veranstaltet und ziemlich aufgeräumt. Die Umwälzung ihrer eigenen früheren Erfolge und Erfolgsrezepte lassen die ‚Altparteien‘ öfter schlecht aussehen und diejenige Opposition profitieren, die eintönig überall ‚Versager‘ und ‚Verräter‘ werken sieht, also die demokratischen moralischen Wahnvorstellungen über Politik bedient.“ (Auinger 2000, 197)

    https://www.i-v-a.net/doku.php?id=texts17#das_rechte_weltbildbeispiel_fpoe

  66. 66 Nestor 01. November 2017 um 20:22 Uhr

    Ja, danke! Wurde weitergeleitet.

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