Schulden in der EU

AM KREDIT SCHEITERND?

Während es selbstverständlich ist, daß sich Staaten verschulden – trotz des propagandistischen Geschreis vom alles berappenden Steuerzahler – schauen alle leicht geniert weg, wenn das Kartenhaus einmal zusammenkracht, wie in Argentinien und Griechenland, und versuchen alle möglichen außerökonomischen Gründe dafür dingfest zu machen, warum es hier schiefgegangen ist. So auf die Art: das konnte ja nicht gutgehen! Nie werden dafür Geld und Kredit ins Feld geführt, sondern immer angebliche personelle Fehlbesetzungen und Fehlentscheidungen. Einmal waren Politiker „unfähig“, dann wieder wurde irgendwer „getäuscht“ und ließ sich über den Tisch ziehen, schließlich waren Merkel & Co. umbarmherzig und bestehen auf einer „verfehlten“ Austeritätspolitik, die, wie man sieht, „nix bringt“. (Als ob die nicht schon weitreichende – verheerende – Folgen gehabt hätte, nur eben nicht im Sinne der Kreditgläubigen!)

Teil 2: Die Staatsschulden in relativen Zahlen

A. Die Maastricht-Kriterien: bei richtigem Verhältnis Erfolg garantiert?

Das Verhältnis von Schulden zu Staatsschuld beruht auf einem ökonomischen Dogma, das es mit den Maastricht-Kriterien auch zu einer praktischen Anwendung gebracht hat. Dieser theoretische Unfug besagt, daß Schulden „solide“ sind, wenn sie in einem „richtigen“ Verhältnis zum Bruttosozialprodukt stehen.
Dieses BIP selber ist wiederum ein sehr künstliches Produkt, in dem alle Geschäfte, die in einem Land gemacht werden, zusammengezählt werden – also auch jede Menge windige Geschäfte im Wertpapiersektor oder bei Immobilien, denen gar keine wie immer geartete Produktion entspricht. Man sollte sich sich diesen Umstand vor Augen halten, da vor 2008 große „Wachstums“-Zahlen verkündet wurden, denen gar keine tatsächliche Wertschöpfung gegenüberstand, sondern nur Spekulationsgewinne – deren Crash dann auf einmal als „Platzen“ einer „Blase“ besprochen wurde.
Es ist also zu beachten, daß dieses BIP selber gar keine reale Größe ist, sondern auf einer Konvention der Messung von Gewinnen innerhalb einer Volkswirtschaft beruht.

In einem Verhältnis zu diesen solchermaßen gemessenen Gewinnen sollte ab damals – Dezember 1991 – die Schuldenaufnahme stehen. 60 % der gesamten Staatsschuld im Verhältnis zum BIP, und 3% jährlich Neuverschuldung – das galt als tragbar bis super. Niemand dachte damals, daß diese öffentliche Schuld problematisch werden könnte – die einzige Sorge galt damals der Inflation, die niedrig gehalten werden sollte.

Solchen Festlegungen offenbaren eine gründliche Gleichgültigkeit gegenüber der Qualität des solchermaßen Gemessenen und ins Verhältnis Gesetzten. Was Wachstum und Gewinn zugrundeliegt – das Verhältnis von gewinnbringender Produktion, Verkauf und Zahlungsfähigkeit – und worauf die Schulden eines Staates beruhen; ob ein Land Standort oder Markt für Importware ist, und in was für einem Geld dort gezahlt und Schulden gemacht werden – all das ist gelöscht in dem bloßen Verhältnis von Quantitäten. Daraus ergibt sich auch die Dummheit und Sattheit, mit der angenommen wird, durch die Festlegung eines solchen Verhältnisses monetäres Gleichgewicht und wirtschaftlichen Erfolg hervorrufen zu können.

Dementsprechend die Ratlosigkeit, als dieses ganze Zahlenspiel zerbröselte.

B. Die Staaten und ihre Schulden

Das Land, das die höchste Verschuldung im Verhältnis zum BIP aufweist, ist bekanntermaßen Griechenland. Die Schulden betragen offiziell 179,2 % des BIP.
Dem liegt ein Rückgang des BIP von 2008-2016 von 356 auf 196 Mrd. US-Dollar zu Grunde. (Es ist bemerkenswert, daß eine offizielle Statistik-Website der EU das BIP in US-$ mißt.) Das ist ein Rückgang fast auf die Hälfte. Gleichzeitig wuchsen die Schulden in absoluten Zahlen von 2005 bis 2011 von 195 Mrd. € auf 355 Mrd. € an, dann kam der Schuldenschnitt und seither dümpeln sie zwischen 310 und 315 Mrd. Euro herum.
Es ist nicht ganz klar, wie sich die 179 % der Überschuldung errechnen, weil das errechnete BIP für 2015 sind 196 Mrd. $ = (beim derzeitigen Kurs von 1,06 $ pro Euro) 185 Mrd. €. Die angegebenen Schulden von 314 Mrd. € würden beim derzeitigen Wechselkurs sogar etwas weniger, nämlich 170% des BIP ausmachen.

Das Land mit der 2-thöchsten Verschuldung zum BIP ist Italien mit 135,5%.
Italiens BIP ging seit 2008 unregelmäßig zurück, von 2,402 Mrd. auf 1.852,5 Mrd. US-$. Die Verschuldung stieg gleichzeitig von 1,671,2 auf 2,214,2 Mrd. €. Wenn man jetzt wieder die Dollar in Euro umrechnet, so stehen einem BIP von 1.747,6 Mrd. € Schulden von 2.214,2 Mrd. gegenüber, was nur 127% Überschuldung ausmacht.

Der Anstieg des Dollar läßt die Schuldner etwas besser ausschauen, aufgrund der BIP-$-Abrechnung der Statistik-Seite.

Ähnlich verhält es sich beim dritthöchst verschuldeten Staat der EU, bei Portugal. Hier steht einer behaupteten Verschuldung von 131,7% eine errechnete von 121% gegenüber.

Und so weiter. Wenn man sich auf die offiziellen Zahlen bezieht, die auf der deutschen Statistik-Seite angeführt sind, so läßt sich feststellen, daß gegenüber den in Maastricht festgelegten Konvergenzkriterien von 60 % Überschuldung auch die geringeren Defizite von anderen Staaten längst aus dem Ruder gelaufen sind. Von den 27 Mitgliedsstaaten der EU erfüllen nur 10 diese Kriterien, von denen der Eurozone gar nur 5: Luxemburg, die Slowakei und die 3 Staaten des Baltikums.
Gleichzeitig, und das grenzt schon an Kabarett, beschweren sich die EZB und verschiedene Wirtschaftsweise und sonstige Experten darüber, daß die EU trotz aller Geldschwemme keine ordentliche Inflation hinkriegt!

Fazit

Abgesehen davon, daß sich an der Debatte um die Schulden die Bodenlosigkeit und Begriffslosigkeit der heute gelehrten und geglaubten Wirtschaftswissenschaft offenbart – was läßt sich aus diesen Zahlen herauslesen?
Erstens, daß viel mehr Ansprüche auf Gewinn innerhalb der EU erwachsen sind, als sich aus dem laufenden Geschäft auch nur annähernd befriedigen lassen.
Zweitens, daß dieser Umstand dem Finanzkapital nur begrenzt Kopfzerbrechen bereitet – es setzt weiter auf die Kreditierung von Souveränen, wenngleich wesentlich selektiver als vor der Finanzkrise von 2008. In einem bemerkenswerten Einvernehmen zwischen Politikern, Notenbankchefs und dem privaten Finanzsektor scheint Einigkeit darüber zu bestehen, daß Kredit durch neuen Kredit beglaubigt wird und beglaubigt werden muß.

Der gleiche Grund, warum gegenüber manchen Staaten Mißtrauen angesagt ist, wird gegenüber den angeblich „soliden“ Schuldnern in Anschlag gebracht: das Finanzkapital beruht heute zu einem guten Teil auf der öffentlichen Schuld, ihre Aufkündigung wäre das Ende des Geldsystems, und des Weltmarktes. Die Dialektik von Vertrauen gegenüber den USA und Deutschland und Mißtrauen gegenüber Griechenland und Argentinien ist die Verlaufsform, in der das Festhalten an der Kreditierung von Staaten bekräftigt wird.

Literaturtipp: Das Finanzkapital

siehe auch:

DER BANKENRETTER (29.10. 2016)

NEGATIVZINSEN (5.8. 2016)

GELDVERMEHRUNG ALS WACHSTUMSHEBEL? (21.11. 2015)

GELDFETISCH (31.7. 2015)

Ich muß gestehen, ich hab mich verrechnet, weil ich mich beim Wechselkurs vertan habe. Inzwischen wurde alles berichtigt.


5 Antworten auf „Schulden in der EU“


  1. 1 Samson 16. Januar 2017 um 19:51 Uhr

    das Finanzkapital beruht heute zu einem guten Teil auf der öffentlichen Schuld, ihre Aufkündigung wäre das Ende des Geldsystems, und des Weltmarktes

    Ich würde ja behaupten, dass das nicht erst seit heute oder meinetwegen seit 2008 der Fall ist, sondern schon sehr viel länger, wenngleich die von bspw. Keynes initiierte Staatsverschuldung wesentlich politisch intendiert war (was m.E. ursächlich mit der Oktoberrevolution in Zusammenhang steht).

    Paul Mattick beschreibt das in Marx und Keynes, Die Grenzen des »gemischten Wirtschaftssystems« so:
    „Die Behauptung, daß Arbeitslosigkeit unter bestimmten Bedingungen die Unvereinbarkeit der Reallöhne mit dem wirtschaftlichen Gleichgewicht anzeigt, und eine Lohnsenkung das Beschäftigungsniveau steigern würde, weil sich mit ihr die Profitabilität und folglich die Invesititionsrate erhöht, stellte Keynes nicht infrage. Er glaubte nur, daß die Löhne weniger flexibel sind als man allgemein angenommen hatte. Die Arbeiter hatten gelernt, sich Lohnkürzungen zu widersetzen. Solange die »sozialistische Methode« der Lohnkürzung durch Regierungserlaß, wie Keynes sagte, noch nicht anwendbar war, konnte mit den verfügbaren Mitteln ein gleichmäßiger Lohnabbau für alle Schichten der Arbeiterklasse nicht erreicht werden. Keynes bemerkte, daß die Arbeiter einer Senkung der Geldlöhne mehr Widerstand entgegensetzen als einer Senkung der Reallöhne. Das ist natürlich richtig; und wenn auch nur, weil Streiken leichter fällt als steigende Preise zu bekämpfen. Keynes erkannte, daß dies subtilere Wege der Lohnsenkung eröffnete als die traditionell üblichen. Er spürte, daß der feinere Weg auch der gangbarere und wirksamere war. Eine flexible Lohnpolitik konnte durch eine flexible Geldpolitik ersetzt werden: ein Anwachsen der Geldmenge würde die Preise erhöhen und die Reallöhne senken, wenn die Geldlöhne auf demselben Stand blieben oder langsamer als das allgemeine Preisniveau stiegen.“(S. 15)

    Die Regierungserlässe gabs immer schon auf Anweisung der Kreditgeber, bspw. IWF in der sog. 3. Welt. In den Metropolen sprachen bis zum Ende des Ostblocks politische Gründe dagegen.

    Ob es tatsächlich zu Aufkündigung kommt, erscheint zweifelhaft, solange die ‚Solidität‘ bestimmter Schuldner wesentlich auf militärischer Gewalt beruht, mit der sie bislang bspw. die Gültigkeit der ‚Weltwährung‘ gewährleisten, offenbar aber nicht mehr unwidersprochen. Odintsov schrieb schon vor zwei Jahren, also lange vor Trumps Wahl über The Global De-dollarization and the US Policies. Was daraus wird, muss man abwarten.

  2. 2 Nestor 16. Januar 2017 um 21:43 Uhr

    Am Militär allein kanns nicht liegen, sonst wäre der Rubel weitaus härter, als er ist.

    Was das Zitat zu Keynes angeht, so wird, soweit ich das verstehe (komische Unterscheidung zwischen „Real“- und „Geld“lohn – Lohn wird immer in Geld gezahlt und ist immer real) darin behauptet, das Anheizen von Inflation sei ein genialer Trick zur Verarmung der Arbeiterklasse.
    (Ich weiß ja gar nicht, ob das Keynes so gemeint hat, der Autor des Buches legt es ihm jedenfalls in den Mund.)
    Erstens hat weder der Kapitalist noch der Staat ein Interesse an Verarmung der Arbeiterklasse. Was die Unternehmer interessiert, ist die Steigerung der Rate und Masse des Mehrwerts, das kann genauso durch produktionssteigernde Innovationen geschehen wie durch Lohndrückerei. Die erfolgversprechendere Methode ist ersteres, was bei Marx „die Produktion des relativen Mehrwerts“ heißt.
    Zweitens haben Staaten und Unternehmen kein Interesse an galoppierender Inflation, weil die das Geld als Maß der Werte fragwürdig machen würde. Sie hätten gern eineinhalb bis zweieinhalb Prozent, aber es ist fraglich, ob sich das überhaupt in dieser Dimension durch Geldpolitik steuern läßt.
    Drittens zeigt die jüngere Vergangenheit, daß die Vermehrung der Geldmenge im Gegensatz zu landläufigem Ökonomie-Stuß keineswegs zu einer hohen Inflationsrate führt.
    Schließlich, last but not least, führt die Verarmung der auf Arbeit angewiesenen Menschheit zum Wegbrechen von Märkten, zu Absatzschwierigkeiten, der Salto mortale der Ware gelingt immer weniger und dann wird aus dem Profit erst recht nix!

    Der ganze Absatz aus dem Buch scheint mir ein ziemlich trostloses Beispiel von verkehrten Vorstellungen über die Steuerbarkeit des Kapitalismus zu sein, und nicht, wie darin anklingt, eine besonders schlaue Methode zum Einlullen der revolutionären Arbeiterschaft.

  3. 3 Samson 17. Januar 2017 um 15:30 Uhr

    Am Militär allein kanns nicht liegen, sonst wäre der Rubel weitaus härter, als er ist.

    Das Militär ist die staatliche Garantie, auswärtige Schuldner ggf. zwingen zu können, entweder die Schulden zu bedienen oder Rohstoffe zu für die Gläubiger profitablen Konditionen rauszurücken. Man muss isch dazu nur die ‚Regime Change‘-Aktionen seit dem Ende des WK II ansehen. Auf der Fähigkeit, dieses Garantieversprechen auch tatsächlich einzulösen, beruht in letzter Instanz das ganze Rating-System. Ins Wackeln kommt das jetzt, weil Rußland 1) militärisch offenbar nicht bezwingbar ist und 2) mittelfristig in etwa dasselbe vorhat wie vor paar Jahren Ghaddafi, ein goldbasiertes Währungssystem. Ob und vor allem wie das funktionieren soll, steht freilich auf einem ganz anderen Blatt.

    soweit ich das verstehe (komische Unterscheidung zwischen „Real“- und „Geld“lohn – Lohn wird immer in Geld gezahlt und ist immer real) darin behauptet, das Anheizen von Inflation sei ein genialer Trick zur Verarmung der Arbeiterklasse.

    Nicht zwangsläufig, die Frage ist halt, wieviel ‚Kaufkraft‘ im Geld steckt. Die VWL behauptet, der Reallohn beschreibe das Verhältnis zwischen Nominallohn und Preisen, d.h. dieser nehme „zu, wenn der Nominallohn rascher steigt als die Güterpreise.

    In dem zitierten Abschnitt, wie bei Keynes m.E. generell, ging es um die sog. Gleichgewichtstheorie, d.h. das Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Mattick beschreibt das so:
    „Die traditionelle Theorie hielt an den imaginären Bedingungen der Vollbeschäftigung fest, weil ihre Vertreter glaubten, daß der Lohn auf Angebot und Nachfrage reagiere, und niemals so lange so hoch sein könne, daß Arbeitslosigkeit entstehen oder aufrechterhalten würde. Sie waren davon überzeugt, daß niedrigere Löhne die Beschäftigung steigerten, und vertrauten darauf, daß Arbeitslosigkeit die Löhne senkte. Keynes teilte ihr Überzeugung, aber nicht ihr Vertrauen. Er fand heraus, daß ein gegebener »Hang zum Verbrauch« und eine gegebene Investitionsrate ein bestimmtes Beschäftigungsniveau ergeben, das dem wirtschaftlichen Gleichgewicht entspricht. Dieses Niveau kann zwar nicht oberhalb, wohl aber unterhalb der Vollbeschäftigung liegen. Ein Gleichgewicht bei Vollbeschäftigung ist möglich, jedoch wäre es ein Sonderfall.“(S. 14-15)

    „Im übrigen bestimmen nach Keynes nicht die Lohnabkommen zwischen Arbeitern und Unternehmern das Beschäftigungsniveau, sondern die vorhandene »effektive Nachfrage«, die vom Hang zum Verbrauch und von der Rate der Kapitalbildung abhängt. Selbst bei vollkommen flexiblen Lohnquoten gibt es Arbeitslosigkeit, wenn die Nachfrage sinkt. Das allgemein als gültig angesehene »Say’sche Gesetz«, nach dem »das Angebot eine ihm entsprechende Nachfrage erzeugt«, ist falsch; entgegen der allgemeinen Annahme reguliert sich der Kapitalismus nicht selbst. Steigert eine Senkung der Geldlöhne das Beschäftigungsniveau, wenn sie auf die aggregierte Nachfrage keinen Einfluß hat, so ist das bei sinkender aggregierter Nachfrage nicht der Fall. Unter einem »sozialen« Gesichtspunkt sind Lohnsenkungen also nur sinnvoll, wenn sie zu einer Ausdehnung der Produktion führen, durch die sich die effektive Nachfrage erhöht. Bevor nicht Vollbeschäftigung erreicht ist, sorgt auch der Markt nicht für Lohnhöhen, die die effektive Nachfrage sichern oder vergrößern. Um Vollbeschäftigung zu erreichen, muß mit monetären und vielleicht sogar außermonetären Maßnahmen eingegriffen werden. Zweck dieser Eingriffe ist es jedoch, das Marktgleichgewicht unter den Bedingungen der Vollbeschäftigung in Funktion zu setzen. Says unbrauchbares Marktgesetz soll durch Eingriffe in den Markt verwirklicht werden. Nach Say produzieren die Menschen entweder um zu konsumieren oder um zu verkaufen, und sie verkaufen, um irgendeine andere Ware zum Zwecke des Konsums zu erwerben; folglich gleichen sich Angebot und Nachfrage immer aus. Wenn es von einer bestimmten Ware zuviel gibt, fällt ihr Preis; wenn es zuwenig gibt, steigt ihr Preis. Diese Preisveränderungen, die zu einem wirtschaftlichen Gleichgewicht tendieren, schließen die Möglichkeit einer allgemeinen Überproduktion aus. Der Marktmechanismus erscheint hier als ein sich selbst anpassender Gleichgewichtsmechanismus, der nur ungestört bleiben muß, um die ökonomischste und rationalste Allokation der produktiven Ressourcen und Distribution der produzierten Waren zu ergeben.“ (S. 15-16)

    Streng genommen sagt Mattick damit nur, dass Keynes den Verkauf der Arbeitskraft unter dem Gesichtspunkt von Angebot und Nachfrage verhandelt. Die partielle Verarmung der Arbeiterklasse erscheint darin als instituionelle Maßnahme, um das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage aus. Dabei muss Mattick gar nicht suggerieren, was Keynes‘ Ansicht gewesen wäre. Zitate tun’s auch:
    Nach Keynes kann sich das Wirtschaftssystem im Gleichgewicht befinden, wenn Vollbeschäftigung nicht ganz erreicht ist. Das heißt, ein Beschäftigungsniveau knapp unterhalb der Vollbeschäftigung kann für die Unternehmer am günstigsten sein. Es kann nur durch externe Eingriffe hergestellt werden, indem aus den wechselseitig abhängigen ökonomischen Variablen jene ausgewählt werden, »die vorsätzlich durch die Zentralbehörde des Systems, in dem wir tatsächlich leben, beaufsichtigt oder geleitet werden können«. Nach Keynes handelte es sich bei diesen bestimmbaren Variablen um den Hang zum Verbrauch und den Anreiz zur Investition. Die Manipulation dieser Variablen sollte einen Zustand wirtschaftlichen Gleichgewichts bei Vollbeschäftigung herbeiführen. Damit würde die statische Gleichgewichtsanalyse wiede gültig sein. Keynes stellte die Möglichkeit eines Gleichgewichts nicht in Frage; er bezweifelte nur, daß sich das System ihm von selbst annähern kann. Der Theorie, die mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmte, wurde eine Praxis entgegengesetzt, um die Wirklichkeit zur Übereinstimmung mit der Theorie zu bringen.“ (S. 16-17)

    Während Marx die Existenz der Resevearmee erklärt und damit kritisiert, beschreibt Keynes deren vorsätzliche Herstellung als Methode als „für die Unternehmer am günstigsten“. Der Hinweis auf die „Zentralbehörde des Systems, in dem wir tatsächlich leben“ illustriert diese immerhin, wenngleich höchstwahrscheinlich unbeabsichtigt, als Instrument der herrschenden Klasse.

    Der ganze Absatz aus dem Buch scheint mir ein ziemlich trostloses Beispiel von verkehrten Vorstellungen über die Steuerbarkeit des Kapitalismus zu sein

    Das würde ich so nicht unterschreiben. Immerhin kommt Mattick zu der Feststellung:
    „Es ist richtig, daß die bürgerliche Nationalökonomie im allgemeinen der effektiven Nachfrage keinerlei Beachtung schenkte. Der Marxismus beschäftigte sich mit ihr, obwohl Keynes zufolge nur »verstohlen unter der Oberfläche, in den Unterwelten« der Wirtschaftstheorie. Nach Marx orientiert sich die kapitalistische Produktion nicht am Konsum, sondern an der Produktion von Kapital. Auch im Kapitalismus muß für den Konsum produziert werden, aber bevor produziert wird, muß das grüne Licht der Gewinnträchtigkeit aufleuchten. Die effektive Nachfrage setzt sich aus einer Nachfrage nach Konsumgütern und einer Nachfrage nach Produktionsgütern zusammen. Die Relation zwischen den beiden Seiten der effektiven Nachfrage zeigt an, ob die Profitabilität des Kapitals steigt oder fällt. Die Kapitalakkumulation impliziert ein Sinken des Konsums im Verhältnis zum schneller wachsenden Kapital. In diesem Sinn vermindert die Kapitalbildung den Hang zum Verbrauch; aber das ist nur ein anderer Ausdruck dafür, daß sich im Kapitalismus das Kapital akkumuliert.

    Der »Mangel an effektiver Nachfrage« ist nur ein anderer Ausdruck für einen Mangel an Kapitalakkumulation und keine Erklärung für sie. Sogar Keynes meinte, daß »die Beschäftigung nur im gleichen Schritt mit einer Zunahme der Investition zunehmen kann; es sei denn, daß sich der Hang zum Verbrauch ändert«. Er behauptete, daß gegenwärtig das einzige rationale und wirksame Mittel gegen die Arbeitslosigkeit in der weiteren Expansion des Kapitals liege. Das Problem könnte ebensogut durch eine Verkürzung der Arbeitszeit auf Kosten der Investition und des Konsums gelöst werden; aber wie die meisten Nicht-Arbeiter war sich Keynes sicher, »daß die große Mehrheit der Einzelnen ein vermehrtes Einkommen einer vermehrten Muße vorziehen würde«. Obwohl Keynes beeindruckt war durch »die großen gesellschaftlichen Vorteile einer Vermehrung des Bestandes an Kapital, bis es aufhört, knapp zu sein«, wollte er doch »ohne weiteres zugeben, daß das weiseste Verfahren wäre, auf beiden Fronten gleichzeitig vorzugehen … eine Förderung der Investition und gleichzeitig eine Förderung des Verbrauches, nicht nur auf das Niveau, das mit dem bestehenden Hang zum Verbrauch mit der vermehrten Investition übereinstimmen würde, sondern auf ein noch höheres Niveau«. Unter kapitalistischen Verhältnissen würde dieses »höhere Niveau« jedoch die Profitabilität des Kapitals vermindern und das Beschäftigungsniveau senken; eine Steigerung der Investitionen wäre wiederum nötig, bevor der Konsum gesteigert werden könnte. Traditionellerweise wurde der Profit als Lohn für die Bemühungen der Kapitalisten betrachtet oder, wenn es für sie nichts zu tun gab, als Belohnung dafür, daß sie ihre »Ersparnisse« eher investierten als konsumierten. Profit entschädigte sie auch für die Übernahme von »Risiken« oder die Entwicklung »umständlicherer Methoden« der Produktion, die zwar die Produktivität erhöhen, aber langfristige Investitionen erfordern, die nicht sofort Gewinn abwerfen. In jedem Fall erhielten die Kapitalisten für ihren Konsumverzicht in der Gegenwart das Recht, in Zukunft mehr zu konsumieren, wenn sie nicht auch weiterhin darauf verzichten wollten. Aber es hat Zeiten gegeben, in denen sich die Kapitalisten weigerten, »Risiken« zu übernehmen, in denen sie, statt ihr und anderer Leute Geld zu investieren, es horteten – eine Haltung, die Keynes als »Vorliebe für Liquidität« bezeichnet. Da in der jüngsten Vergangenheit solche »Investitionsstreiks« zu verzeichnen waren, hielt Keynes es für ratsam, die Abstinenztheorie des Profits und des Zinses zu ändern. Profit und Zins sollten nicht länger als Belohnung für Sparen und Investieren betrachtet werden, sondern als Belohnung für die Überwindung des Wunsches, nicht zu investieren, für die Bekämpfung der »Vorliebe für Liquidität« – mit anderen Worten, für den Willen des Kapitalisten, Kapitalist zu bleiben.“ (S. 20-22)

    Kurz gefasst, wenn das Finanzkapital heute wesentlich auf Staatsverschuldung basiert, dann ist das auch „nur ein anderer Ausdruck für einen Mangel an Kapitalakkumulation und keine Erklärung für sie“. Womöglich böte der selbst in der Linken umstrittene Profitratenfall eine Erklärung. Allerdings ist der m.E. nur im Zusammenhang mit den entgegenwirkenden Ursachen zu haben, dazu bedarf es aber wesentlich der „Zentralbehörde des Systems, in dem wir tatsächlich leben“, notfalls um Streiks mit der Polizei zu beenden oder den profitablen auswärtigen Handel zu gewährleisten. Und dann beißt sich die theoretische Katze in den praktischen Schwanz.

  4. 4 Nestor 18. Januar 2017 um 19:00 Uhr

    Ja ja, aber das Militär allein tuts auch nicht. Wir reden jetzt hier nicht von Interventionen, sondern vom Machen und Einfordern von Schulden. Das ist hier das Thema.
    Erst einmal werden die Kredite ja vergeben, und da haben die Kreditgeber ökonomische Gesichtspunkte im Auge, wie die Zahlungsfähigkeit des betreffenden Landes, oder Rohstoffe, an die die Kapitale der imperialistischen Staaten herankommen wollen.

    Für die ganze Euro-Schuldenkrise hat das Militär überhaupt keine Bedeutung, höchstens so, daß Griechenland mit weiteren Krediten irgendwie am Bankrott und am Verlassen der Eurozone gehindert werden muß, weil sonst die NATO-Südflanke gefährdet wäre. Aber weder die Kreditierung noch die Zahlungsunfähigkeit hat militärische Gründe.

    Was das Militär mit den Rating zu tun haben soll, verstehe ich überhaupt nicht.

    Sie waren davon überzeugt, daß niedrigere Löhne die Beschäftigung steigerten, und vertrauten darauf, daß Arbeitslosigkeit die Löhne senkte.

    Wir befinden sich hier in der ersten bis 2. Etage der Ökonomie-Ideologien. Daß hohe Arbeitslosigkeit die Löhne senkt, wird schon so sein: Marx verweist in diesem Zusammenhang auf die Wirkungen der „industriellen Reservearmee“, die den Preis der Arbeit drückt.
    Daß niedrige Löhne jedoch erhöhte Beschäftigung nach sich ziehen würde, ist ein Blödsinn, weil der Unternehmer stellt ja dann Leute ein, wenn er einen Absatz für seine Produkte hat, und nicht dann, wenn die Arbeiter möglichst billig sind. Da müßte sonst in Afrika längst jede Menge Industrie aufgebaut worden sein, weil die Löhne sind dort ja wirklich besonders niedrig.
    Diese Ideologie hat sich in jüngerer Zeit in Griechenland gründlich blamiert, wo die Löhne seit Jahren gesenkt werden, oder in Rumänien, das auch Hungerlöhne zahlt, aber wo es eben kaum zahlungsfähige Nachfrage für die Produkte gibt. Deswegen werden dort eben nicht viele Unternehmen gegründet, oder sie halten sich nicht lange.

    Nach Marx orientiert sich die kapitalistische Produktion nicht am Konsum, sondern an der Produktion von Kapital.

    Das ist eben ein gründliches Mißverständnis von Marx, was sich m.E. daraus erklärt, daß Keynes seine „Orientierung am Konsum“ als den Stein der Weisen darstellen wollte – den natürlich er gefunden hat. Also mußte er anderen vorwerfen, sie hätten da was vergeigt.
    Eigentlich ist der Satz sogar ein Nonsens, weil wenn man die negative Bestimmung wegläßt, so steht dort: „Nach Marx orientiert sich die kapitalistische Produktion … an der Produktion von Kapital,“ was ja eine Tautologie ist: Produktion orientert sich an Produktion.

    Ich muß dir ehrlich sagen, ich halte die Beschäftigung mit diesem VWL-Scheiß eigentlich für vergeudete Zeit.

    Kurz gefasst, wenn das Finanzkapital heute wesentlich auf Staatsverschuldung basiert, dann ist das auch „nur ein anderer Ausdruck für einen Mangel an Kapitalakkumulation und keine Erklärung für sie“.

    Verstehe ich nicht.
    „Sie“ bezieht sich auf die Kapitalakkumulation oder auf die Staatsverschuldung? Was wird nicht erklärt? Erhebt die Feststellung, daß das Finanzkapital auf Staatsverschuldung basiert, überhaupt einen Erklärungsanspruch? Diese unbestreitbare Tatsache ist doch erst einmal zu erklären.
    Den Rest von dem Absatz verstehe ich noch weniger. Ich weiß einfach nicht, welcher Erklärungsbedarf hier besteht. Also was genau ist die Frage oder das Rätsel, das zu klären wäre?

  5. 5 Nestor 24. Januar 2017 um 11:02 Uhr

    Draghi nennt die Bedingungen für den Zerfall der Euro-Zone

    EZB-Präsident Mario Draghi hat sich erstmals zu den Bedingungen eines Austritts aus dem Euro geäußert, Es geht um gewaltige Summen – die vor allem Deutschland verlieren könnte.

    Deutschland ist der größte Gläubiger im Eurosystem, Italien verzeichnet die größten Defizite. (Grafik: Zerohedge.com)

    Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, hat sich erstmals öffentlich und relativ konkret zu möglichen Austritten von Mitgliedsstaaten aus der Eurozone geäußert. „Wenn ein Land das Eurosystem verlässt, müssen die Forderungen oder Verbindlichkeiten der jeweiligen nationalen Zentralbank gegenüber der EZB in ganzer Höhe beglichen werden“, schrieb Draghi an die Abgeordneten Marco Valli und Marco Zanni aus dem EU-Parlament, wie Reuters in seinem englischsprachigen Dienst berichtet.

    Draghi führte nicht aus, in welcher Währung die Begleichung der Schulden oder Forderungen erfolgen soll. Auch äußerte sich der EZB-Präsident nicht dazu, wie die Zentralbank reagieren würde, falls sich die Regierung des austretenden Landes weigert, ihre Verbindlichkeiten zu bezahlen.

    Bisher war das Target 2-System als wasserdicht betrachtet worden, weil niemand mit einem Euro-Austritt eines Mitglieds gerechnet hatte. Allerdings war immer klar, dass der Austritt eines Landes das System zum Einsturz bringen könnte. Denn es wäre ein jahrelanger Rechtsstreit, mit dem die Gläubiger ihre Forderungen eintreiben müssten. Während das Verfahren für einen EU-Austritt rechtlich wenigstens im Rahmen geregelt ist, gibt es für den Euro-Austritt keinerlei rechtliche Regelungen. Es sind auch keine Pläne bekannt, eine solche eingedenk der zunehmenden Verwerfungen im Euro zügig zu entwickeln.

    https://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2017/01/24/draghi-nennt-die-bedingungen-fuer-den-zerfall-der-euro-zone/?nlid=c7a1710824

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