Archiv für März 2013

Habemos Papa!

DER PAPST DES „SCHMUTZIGEN KRIEGES“

Die Wahl des neuen Papstes hat den „schmutzigen“ Krieg (gibt es eigentlich „saubere“ Kriege?) in Argentinien ein wenig zum Thema in den Medien werden lassen. Damals, als er geführt wurde – die argentinische Militärjunta regierte von 1976 bis 1983, aber auch vorher und nachher war man als Oppositioneller seines Lebens nicht sicher – waren die Politiker der gesamten westlichen Welt Komplizen der argentinischen Militärs und die Medien breiteten den Mantel des Schweigens über Mord, Folter und Verschwindenlassen. Man feierte sogar 1978 eine Fußball-WM in diesem Land, um zu zeigen – und zu bestätigen!, – daß dort alles in Ordnung sei. Während gleichzeitig gefoltert und gemordet, Frauen ihre Kinder weggenommen und die Mütter selbst betäubt ins Meer geworfen wurden.

Dabei waren die jungen Leute in Argentinien genauso wie viele andere Mitglieder ihrer Generation in Mitteleuropa und anderswo nur einfach wißbegierig, kritisch, und bereit, alles zu hinterfragen, was seit Generationen unantastbar gewesen war. Sie hatten noch dazu ein eigenständiges Idol, einen Landsmann, der mit der Waffe in der Hand eine Diktatur auf einer Karibikinsel stürzen geholfen hatte und sie jetzt aus Kuba aufrief, seinem Beispiel zu folgen.
Wenn man sieht, was aus vielen Revolutionären der deutschen Studentenbewegung geworden ist und wie gut sie sich in das politische System der BRD integriert, manche von ihnen ohne Probleme der Bombardierung eines anderen europäischen Landes zugestimmt haben, so fragt man sich zunächst: warum die Panik? Hätte man nicht den Burschen und Mädln in Argentinien ein bißl Auslauf lassen können, bis sie sich die Hörndln abstoßen, und alles wieder ins Lot kommt?

Aber die Argentinier hatten das Pech, in der falschen Gegend zu leben. Lateinamerika war eine Front des Systemgegensatzes zwischen Ost und West, und der sogenannte Kalte Krieg wurde hier sehr heiß ausgefochten. Die USA hatten nicht vor, in ihrem Hinterhof sozialistische Experimente zuzulassen. Bereits 1946 wurde in der Panamakanal-Zone die „School of the Americas“, eine Einrichtung für Unterricht in Mord und Folter für die Offiziere der lateinamerikanischen Staaten eröffnet. Die dort vermittelten Fertigkeiten waren um so mehr gefragt, als nach der Machtübernahme des Militärs in Chile zwischen den USA und den lateinamerikanischen Geheimdiensten die Operation Condor eingeleitet wurde, die eine enge Zusammenarbeit der Geheimdienste der lateinamerikanischen Staaten in Bekämpfung von revolutionären Umtrieben zum Ergebis hatte. „Subversive“ waren von nun an in keinem Land dieser Hemisphäre mehr sicher. Und generell waren alle jungen Leute und Intellektuellen verdächtig. Es war sehr leicht, in den Ruch eines „subversiven Elements“ und vom Leben zum Tode zu kommen.

Dieser Krieg machte auch vor den Toren der Kirche nicht halt. Das Zweite Vatikanische Konzil hatte zur Öffnung der katholischen Kirche für neue Gedanken und Einflüsse aufgerufen, um sich für die Menschen attraktiv zu machen und Anhänger zu gewinnen. Daraus entwickelte sich in Lateinamerika eine sozialkritische Richtung, die sich den Namen „Theologie der Befreiung“ gab. Mit der Wahl Karol Wojtylas zum Papst ging unter anderem die Aufgabe einher, diese Richtung zu bekämpfen, die sich besonders beim Jesuitenorden fest eingenistet hatte. Und das hat seinen Grund.
Die Wurzeln der Theologie der Befreiung sind viel älter als die marxistischen Einflüsse, die sie für manche attraktiv machen und Päpsten, Regierungen und ähnlich gearteten Institutionen mißfallen. Sie gehen zurück auf den spanischen Dominikanermönch Bartolomé de Las Casas, der von König Ferdinand von Spanien 1515 zum „Procurador de los Indios“ ernannt wurde und sein ganzes Leben der Verteidigung der Eingeborenen gegen die Versklavung und Ausrottung widmete. Gleichzeitig gilt er als einer der wichtigsten Chronisten der Conquista, der Eroberung der Neuen Welt durch die Spanier.
Auf seinen Vorstellungen darüber, wie erfolgreich missioniert werden kann – man muß seine Klientel vor Versklavung schützen und sich mit ihrer Kultur vertraut machen – bauten die Jesuiten ihre Reducciones auf, und betrieben sie bis zu ihrer Vertreibung aus den Ländern der spanischen Krone im Jahre 1767. Die Jesuiten waren wegen ihrer gründlichen Kenntnis der Kulturen, in denen sie missionierten, auch die Begründer der Ethnologie als Wissenschaft.

Die Kirche in Lateinamerika mußte sich also positionieren, und in ihren eigenen Reihen aufräumen. Die Anhänger der Theologie der Befreiung wurden zurückgedrängt, mundtot gemacht oder ausgeschlossen.
Eine Ausnahme stellt die Kirche von El Salvador dar, deren 1980 ermordetes Oberhaupt Óscar Romero sich zur Theologie der Befreiung bekannte. Im Bürgerkrieg in El Salvador hat die Kirche einen sehr hohen Blutzoll entrichtet, weil ihre Vertreter von Militär und paramilitärischen Gruppen als Unterstützer der Guerilla angesehen wurden.
Ebenso unterstützte in Nicaragua ein großer Teil des Klerus die Sandinisten. Der bekannteste Vertreter dieser Richtung ist der Dichter Ernesto Cardenal.

Jorge Bergoglio war seit 1972 Mitglied der 1974 offiziell aufgelösten „Eisernen Garde“, eines klerikal-faschistischen Flügels der Peronisten, die sich der Bekämpfung des linken Flügels, der Montoneros widmete. Später gingen aus der Eisernen Garde die Triple A-Todesschwadronen hervor, die sich neben anderen unappetitlichen Tätigkeiten auch mit der Verwertung der Besitztümer der von den Militärs Ermordeten beschäftigten. Von der Aktivität in der Garde rührt Bergoglios Freundschaft mit dem späteren Junta-Mitglied und Kommandanten des Folterzentrums in der ESMA, Emilio Massera.
Die Bischöfe Argentiniens beschlossen die Unterstützung der Diktatur in ihrem Kampf gegen Marxismus und Subversion. Bergoglio als Ex-Mitglied der Eisernen Garde wird an diesem Beschluß vermutlich aktiv beteiligt gewesen sein. Aber er hatte Schwierigkeiten mit Mitgliedern seines Ordens, die Anhänger der Befreiungstheologie waren. Zwei dieser „Sorgenkinder“ wurden einer gründlichen Behandlung unterzogen und 5 Monate erst in der ESMA, dann in einer anderen Haftanstalt der Armee festgehalten und gefoltert, bevor sie etwas angeschlagen wieder zurückgegeben wurden. Es ist anzunehmen, daß es sich dabei um eine zwischen Bergoglio und Massera abgesprochene Aktion handelte, die auch der Abschreckung für andere Teile des Klerus dienen sollte, die mit der offiziellen Linie der kirchlichen Hierarchie nicht übereinstimmten. In dieser Hinsicht war die Sache erfolgreich, andere Fälle von Insubordination von Geistlichen sind aus Argentinien nicht bekannt. Yorio und Jálics gehörten jedenfalls zu den wenigen Personen, die eine Einlieferung in die ESMA überlebt haben.

Und jetzt ist dieser Mann zum Oberhaupt der katholischen Kirche bestellt worden. Mit seiner guten Führung in schweren Zeiten hat er sich offenbar für diesen Posten qualifiziert. Schließlich befinden wir uns in einer Weltwirtschaftskrise, und die stets wachsende Anzahl der Überflüssigen und Ausgesteuerten will mit dem bewährten Opium des Volkes betreut sein, damit sie nicht womöglich an den Grundfesten unserer Gesellschaft zweifelt.
Bergoglio hat gesagt, er will ein Papst der Armen sein. Er rechnet offensichtlich mit einem Anwachsen dieser Bevölkerungsgruppe, die er mit dergleichen Sprüchen in die Arme der Kirche locken will. Man darf ja auch nicht vergessen, daß Argentinien seinen Bankrott bereits hinter sich hat, die EU den ihrigen noch vor sich. Auch hier bringt der neue Papst unter Umständen wichtiges Know-How mit.

Für den Fall, daß er dennoch auf dumme Gedanken kommen könnte, ist diesmal auch vorgesorgt. Kein wichtiger Akteur der Weltpolitik oder der katholischen Kirche will, daß wieder ein Reformpapst passiert, den man nach einem Monat Amtszeit beseitigen muß, bevor er größeren Schaden anrichtet. Das erzeugt eine schiefe Optik, noch dazu, wenn diese Praxis damit in Serie geht.

Also hat er in Form des Opus Dei eine Aufpassermannschaft im eigenen Haus, und als Kontrollinstanz sitzt der Großinquisitor in Castelgandolfo und achtet zusätzlich darauf, daß nichts anbrennt.

Einmal sehen, wie sich der Neue in seinem Job bewährt.

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