Pompe funebre

STAATSTRAUER RICHTIG UND FALSCH

Es kommt ja öfters vor, daß wer stirbt. Wir alle sind sterblich. Aber bei den Begräbnisfeierlichkeiten zeigt sich, wer was zu melden gehabt hat auf dieser Welt. Manche Tote waren im Leben wichtiger als andere, und wenn sie gar Machthaber waren, Regierende, also solche, die anderen ihre Lebensbedingungen diktieren, so ist deren Begräbnis ein Staatsakt, der international gewürdigt und kommentiert wird und an dem man ablesen kann, was dieser Mensch im Leben geleistet oder wobei er gestört hat.

An zwei beinahe gleichzeitig verstorbenen Staatsmännern konnte man die Dramaturgie dieser Art von Events schön studieren, und dabei auch entnehmen, welche Moral dem gemeinen Volk verordnet oder verwehrt wird.

Václav Havel

Hier haben wir es mit einem Staatsmann zu tun, der von allen wichtigen Politikern Amerikas und Europas geschätzt wurde, die ihm in Prag in Massen die letzte Ehre erwiesen. An Lob für ihn fehlte es in den Nachrufen wahrlich nicht. Er hat nämlich dazu beigetragen, daß der historische Betriebsunfall des Realen Sozialismus repariert wurde, das falsche Gesellschaftssystem endlich abgedankt hat und die Sonne der Freien Marktwirtschaft auch in Osteuropa aufgehen konnte. Und dazu hat Havel tatsächlich seinen Teil geleistet. Er hat also wirklich nichts als das Gute, Wahre und Schöne befördert. Unter den fast schon peinlichen Elogen an diese Ikone der Demokratie und der Menschenrechte sei nur der gedichtete Nachruf Jewgenij Jewtuschenkos erwähnt, der ihn mehr oder weniger als Messias der Freiheit anruft und an seinem Grab die Schatten all derer aufmarschieren läßt, die für die Verbrechen des Sozialismus stehen.

Hingegen

Kim Jong-il,

dem weint außerhalb Nordkoreas wirklich keiner nach! Gerade daß die westlichen Zeitungen nicht schreiben: Endlich! Nur ein toter Kommunist ist ein guter Kommunist! Aber in die Freude über den Tod des „Diktators“ mischt sich die bittere Einsicht, daß dieses verwerfliche Regime dort weiterbesteht. Die „einzige kommunistische Dynastie der Welt“ sorgt für die Kontinuität dessen, was eigentlich nicht sein soll. Die Befürchtungen, daß der unerfahrene junge Mann, der jetzt „Alleinherrscher“ über ein Land mit Atomwaffen wird, Mist baut, sind gemischt mit dem Ärger, daß er offenbar so allein nicht ist, sondern eine Staatspartei hat, die hinter ihm steht. Und nicht nur die Partei, sondern auch das Volk, das sich in Trauerbezeugungen über das Ableben des geliebten Führers geradezu überbietet: „hysterisch“ sind sie, weil was gibt es denn da zu trauern?! Es wird auch sauer vermerkt, daß keine Trauergäste aus dem Ausland geladen wurden – es wäre ja auch niemand hingefahren, weil ja wie gesagt, niemand unter den Staatsmännern der Welt trauert um Kim Jong-il, – aber dieser Mangel an Etikette wird auch fein säuberlich vermerkt: Dieses Land gehört einfach nicht zur zivilisierten Welt! Schluchzende Nordkoreaner sind entweder „inszeniert“, wie ja die ganzen Trauerfeierlichkeiten überhaupt – im Unterschied zu anderen Staatsbegräbnissen, wo ja anscheinend die Toten ohne viel Federlesens in die Grube geworfen werden – oder die Leute sind – dieser Generalverdacht besteht ja immer gegenüber den Nordkoreanern, die nicht einmal die zur Standardausstattung eines „kommunistischen“ Staates dazugehörenden Dissidenten hervorbringen – einfach entartet, kommunistisch verseucht bis in die Knochen.

Ein schönes Beispiel für diese beispiellos dumme Berichterstattung findet sich im Artikel des Standard vom 28.12., der seinerseits von einer Agentur stammt und offenbar die Minimalvorgabe ist, an dem sich jedes Kasblattl orientiert.
Die Zeremonie war nicht nur „inszeniert“, sondern auch noch „pompös“ – sowas! Gleich wird auch noch erwähnt, daß Korea Atommacht ist – als ob das bereits irgendwelche Standards für den Ablauf von Begräbnissen vorgeben würde. Das Auto, das dem Konvoi vorausfährt, hat ein Bild des Verstorbenen auf dem Dach – laut Standard ist dieses Bild nicht überlebensgroß, wie das für solche Anlässe angemessen ist, sondern „überdimensional“.
Die tagelange „Massentrauer“ – mehr Personen als den Familienmitgliedern gesteht der Standard Trauergefühle offenbar nicht zu – war natürlich „organisiert“. Damit wird suggeriert, daß die Nordkoreaner natürlich niemals freiwillig trauern würden, sondern mehr oder weniger dazu gezwungen werden müssen. (Man fragt sich, wie? Tränen auf Knopfdruck – im Kommunismus kein Problem! Wahrscheinlich handelt es sich ohnehin um Tausende von unterirdisch hergestellten Robotern, die wir da sehen …) Und das alles trotz Schneefalls, das kann doch nicht echt sein! Manche der Trauernden weinten „zügellos“, also das auch noch! Sie wissen sich einfach nicht zu benehmen, diese Anti-Bürger.
Den Leichenwagen begleiteten der Sohn und der Bruder des Verstorbenen, und dann auch noch der Stabchef der Armee. Sehr überraschend ist das nicht. Dennoch schließt der Standard daraus orakelhaft auf die „künftigen Machtverhältnisse“.
Die Trauerfeier ist der des Vaters des Verstorbenen abgekupfert – nicht einmal improvisieren können die dort! Dabei wird der Sarg „in einer Prozession durch Pjöngjang geführt“. Das haben sie sich sicherlich bei uns abgeschaut, – wo es ja ähnlich zugeht. All das sind natürlich Insiderinformationen aus erster Hand – aus Südkorea. Und man erfährt nebenbei, daß Nordkorea doch nicht so isoliert ist, wie man es gerne hätte, da China „nach wie vor gute Kontakte“ zu Nordkorea „pflegt“. Grrr!
Nordkoreanische Regimegegner – es gibt sie doch, sie leben aber in Südkorea, sind also propagandistisch nur bedingt brauchbar – schicken Umsturzaufrufe mit $-Scheinen per Luftballon nach Norden.
Wenn wer die Scheine einlösen will, wird er/sie wahrscheinlich draufkommen, daß sie gefälscht sind.

Das alles, was in Nordkorea vor sich geht, inklusive dieses Begräbnisses, hat übrigens – entgegen der Propaganda – mit Kommunismus nichts zu tun.


2 Antworten auf „Pompe funebre“


  1. 1 Entdinglichung 30. Dezember 2011 um 12:14 Uhr
  2. 2 Nestor 30. Dezember 2011 um 12:22 Uhr

    Na ja.
    Die Geschichtsklitterung fängt nicht erst bei Havels Tod an. Vor 2 Jahren, zum 20. Jahrestag des Systemwechsels, wurde das ja auch mehrheitlich so präsentiert, als hätten die Völker dort drüben alle nach Freiheit gelechzt und wären dafür auf die Straße gegangen und hätten die „Regimes“ gestürzt. Was nicht einmal für Rumänien stimmt.

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.