Staat und Revolution, Teil 3

Im zweiten Kapitel: „Die Erfahrungen der Jahre 1848 – 1851“ zitiert Lenin zunächst Marx, und zwar aus dem „Elend der Philosophie“:

„Die arbeitende Klasse wird im Laufe der Entwicklung an die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft eine Assoziation setzen, welche die Klassen und ihren Gegensatz ausschließt, und es wird keine eigentliche politische Gewalt mehr geben, weil gerade die politische Gewalt der offizielle Ausdruck des Klassengegensatzes innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft ist.“ (S. 31)

Das, so sollte man meinen, spricht gegen eine Übernahme der Staatsgewalt durch die revolutionäre Arbeiterklasse und für eine andere Form der Organisation der Gesellschaft. Marx plädiert hier für eine „Assoziation“, also einen freiwilligen Zusammenschluß der Produzenten, ohne übergeordnete Gewalt.

Lenin war aber nicht zufrieden mit solchen allgemeinen, wenngleich klaren Bestimmungen. Er war ja entschlossen, eine neue – selbstverständlich vorübergehende – Staatsgewalt einzurichten, und wollte seine eigenen Absichten belegen. Also stöberte er in anderen Schriften und wurde fündig im „Manifest“:

„Wir sahen schon oben, daß der erste Schritt in der Arbeiterrevolution die Erhebung des Proletariats zur herrschenden Klasse, die Erkämpfung der Demokratie ist.“

Warum denn das? Wenn das Proletariat herrschende Klasse würde, über wen würde es dann herrschen? Und zu welchem Zweck? Und die „Erkämpfung der Demokratie“, wofür soll die gut sein?

„Das Proletariat wird seine politische Herrschaft dazu benutzen, der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreißen, alle Produktionsinstrumente in den Händen des Staates, d.h. des als herrschende Klasse organisierten Proletariats zu zentralisieren und die Masse der Produktionskräfte möglichst rasch zu vermehren.“

Mit der „politischen Herrschaft“ kann es nicht weit her sein, wenn das Kapital in den Händen der Bourgeoisie bleibt und ihr erst noch „entrissen“ werden muß.
So eine Revolution wäre also für die Katz.
Aber auch wenn gleich „alle Produktionsinstrumente in den Händen des Staates“ konzentriert würden, damit der dann die „Masse der Produktionskräfte möglichst rasch“ vermehrt –, warum sollte dem Proletariat damit gedient sein?
Man muß, und das wurde eben schon im ersten Kapitel geleistet, davon überzeugt sein, daß der Staatsapparat 1. eine feine Sache ist, und 2. nur dann schädlich, wenn er in den falschen Händen ist.

Lenin formuliert diesen Umstand selbst:

„Das Proletariat braucht den Staat – das wiederholen alle Opportunisten, Sozialchauvinisten und Kautskyaner, wobei sie beteuern, dies sei die Lehre von Marx, sie „VERGESSEN“ aber hinzuzufügen, daß erstens das Proletariat nach Marx nur einen absterbenden Staat braucht, d.h. einen Staat, der so beschaffen ist, daß er sofort abzusterben beginnt und zwangsläufig absterben muß. Und zweitens brauchen die Werktätigen den „Staat“, „das heißt das als herrschende Klasse organisierte Proletariat“.“

Also: Lenin ist sich einig mit den Kautskyanern und allen sonstigen „Verrätern“, daß das Proletariat einen Staat braucht. Die Frage ist für ihn nur: was für einen?

Er wirft den Sozialdemokraten vor, sich den Übergang vom bürgerlichen zum proletarischen Staat friedlich vorzustellen und damit auf die Möglichkeit zu verzichten, ihn den Händen der Bourgeoisie zu entreißen und in die Hände des Proletariats zu legen.
Damit, so viel läßt sich aus dem bisher Erläuterten festhalten, ist sein Programm von Revolution definiert: Eine Staatsmacht im Namen des Proletariats zu errichten, allerdings bei gleichzeitiger Beibehaltung des Privateigentums.
Dabei beruft er sich wieder auf Marx:

„Marx hat die Lehre vom Klassenkampf konsequent bis zu der Lehre von der politischen Macht, vom Staat, entwickelt.“

Hat er zwar nicht, aber was solls. Lenin wiederholt im Folgenden immer wieder seine fixe Idee, daß das Proletariat einen eigenen Staat braucht, in dem es die Macht hat:

„Der Sturz der Bourgeoisie ist nur zu verwirklichen durch die Erhebung des Proletariats zur herrschenden Klasse, die fähig ist, den unvermeidlichen, verzweifelten Widerstand der Bourgeoisie niederzuhalten und für die Neuordnung der Wirtschaft alle werktätigen und ausgebeuteten Massen zu organisieren.“

Offenbar haben die „werktätigen und ausgebeuteten Massen“ die Macht aber gleichzeitig doch nicht, weshalb sie
1. als Proletariat, also eigentumslose, und auf einen Anwender angewiesene Individuen fortbestehen, und
2. auch die Bourgeoisie weiterbesteht und Widerstand leistet.

Man fragt sich: Wofür das Ganze?

Aber vielleicht folgt noch Aufklärung im Weiteren.


5 Antworten auf „Staat und Revolution, Teil 3“


  1. 1 Samson 20. Juli 2010 um 21:43 Uhr

    Womöglich hilft dir Cajo Brendels „Kritik der Leninschen Revolutionstheorie“ von 1958 weiter, jedenfalls heißt es da:

    „Lenin versteht somit unter der Diktatur des Proletariats: den Staat, der das als herrschende Klasse organisierte Proletariat ist. So verstanden es auch Marx und Engels, aber … 1848! Wenn später Engels dem deutschen Philister klarmachen will, was denn eigentlich die proletarische Diktatur sei, so weist er auf die Pariser Kommune hin, die gerade zeigte, daß der bürgerliche Staat nicht ohne weiteres in ein Werkzeug der Arbeiterklasse verwandelt werden konnte. Weil sich die Diktatur des Proletariats so, wie sie 1848 verstanden wurde, als eine Illusion erwiesen hatte, bekommt dieser Begriff bei Marx und Engels 1848 einen anderen Inhalt. Von diesem Begriffswechsel hat Lenin nichts gemerkt, obwohl man paradoxerweise in „Staat und Revolution“, neben den manchmal etwas doppeldeutigen Darlegungen von Engels, die in reicher Fülle zitiert werden, dann und wann auch jene sehr klare von Marx findet. Mit dem Inhalt des neuen Begriffs hat Lenin gerungen, ohne die Sache bewältigen zu können.

    Bei Lenin besteht der bürgerliche Staat vor, das was er den ‚proletarischen Staat‘ nennt, nach der proletarischen Revolution. Die von ihm angeführten Worte von Engels über das Absterben des Staates beziehen sich nach Lenin auf das Absterben des ‚proletarischen Staates‘ dort, wo Marx oder Engels von der Zerschlagung des Staates oder der Aufhebung des Staates sprechen, sei der bürgerliche Staat gemeint.

    Von diesem Unterschied zwischen einem bürgerlichen Staat, der zerschlagen werden soll, und einem an seine Stelle tretenden ‚proletarischen Staat‘, der absterben wird, ist bei den reiferen Marx und Engels keine Rede. Für sie ist die Zerschlagung des bürgerlichen Staates der Bourgeoisie zugleich eine Umänderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, nämlich die Verwandlung der Produktionsmittel in gesellschaftliches Eigentum. Dort, wo es Privateigentum gibt, hat die Gesellschaft die bestimmte Form des Staates. Sind aber die Produktionsmittel gesellschaftliches Eigentum geworden, so wird – so sagt Engels – „das Eingreifen einer Staatsgewalt in gesellschaftliche Verhältnisse auf einem Gebiet nach dem anderen überflüssig und schläft dann von selbst ein“.

    Unmittelbar danach heißt es: „An die Stelle der Regierung über Personen tritt die Verwaltung von Sachen und die Leitung von Produktionsprozessen. Der Staat wird nicht ‚abgeschafft‘, er stirbt ab.“"

  2. 2 Nestor 22. Juli 2010 um 14:46 Uhr

    Danke für deinen Beitrag. Er spricht die Probleme der Marxschen, Engelsschen und Leninschen Revolutionstheorie an.

    Die Vorstellung der „Diktatur des Proletariats“ findet sich bereits im „Manifest“, der Begriff als solches taucht erst in der „Kritik des Gothaer Programms“ und dem Vorwort von Engels zur Neuausgabe des „Bürgerkriegs in Frankreich“ auf. Was genau damit gemeint ist, war Lenin auch nicht klar, und das Ergebnis seiner Vorstellungen war die Sowjetunion, mit allen ihren Widersprüchen.

    Der von Lenin praktisch in Kraft gesetzte Widerspruch ist folgender: Wenn die Besitzlosen, oder die Arbeiterklasse die „politische Macht“ (erringen (was heißt das eigentlich genau?), warum müssen sie die wirtschaftliche erst zusätzlich erkämpfen? Hat man die Macht errungen, sitzt also wirklich am Drücker, so ist doch das Privateigentum sofort aufzuheben, und das geht einfach, indem der gesamte Gewaltapparat, der es einrichtet und aufrechterhält, weg ist. Der komplizierte Spagat, das Privateigentum aufrechtzuerhalten, und das Eigentum damit weiterhin ins Recht zu setzen, ergibt sich aus der Vorstellung, man müßte die Eigentümer noch eine Zeitlang werkeln lassen, um die Produktivkräfte zu entwickeln. Und gegen diese Vorstellung der halb gemachten Umwälzung ziehe ich zu Felde.

  3. 3 Neoprene 23. Juli 2010 um 9:18 Uhr

    „Hat man die Macht errungen, sitzt also wirklich am Drücker, so ist doch das Privateigentum sofort aufzuheben, und das geht einfach, indem der gesamte Gewaltapparat, der es einrichtet und aufrechterhält, weg ist.“

    Wer ist „man“? Oder genauer, wie stellst du dir das Verhältnis zu denen vor, die zu deinem „man“ nicht dazu gehören? Oder anders rum, wenn du davon ausgehst, das irgendwer „Macht“ erobert habe, dann unterstellt das, daß andere, die jetzt nicht mehr auf die (bisherige) Macht zählen können, mit Gewalt davon abgehalten werden können/müssen/sollten, ihren abweichenden bis konträren Willen umzusetzen. Denn der ist ja nicht weg, bloß weil das alte Recht weg ist:

    Selbst wenn siegreiche Revolutionäre die „Macht“ haben, per „neuem Recht“, das alte Recht, das Privateigentum außer Kraft zu setzen, so heißt das doch noch lange nicht, daß alle Menschen im Gebiet, das der neuen Macht unterworfen ist oder unterworfen werden konnte, das auch so sehen. Mir scheint es jedenfalls mehr zu bedürfen, um das Privateigentum tatsächlich abzuschaffen, als nur per TV-Nachrichten zu verkünden, daß es das nunmehr nicht mehr geben soll, weil der oberste Sowjet das gestern so feierlich beschlossen hat.

  4. 4 Neoprene 23. Juli 2010 um 18:14 Uhr

    Nochmal ein älteres Argument, an das mich die hiesige Argumentation erinnert hat:

    „Was ist eine Revolution? Warum ist sie anzustreben? Hat es einen Sinn, wenn nur eine Minderheit dafür ist? Entscheidet man den Machtkampf und setzt dann seine Ziele durch, immer mit Berufung darauf, daß man weiß, was für die anderen gut ist? Oder daß man das Proletariat vertritt und deswegen automatisch recht hat? Streut man dabei allen möglichen anderen Bevölkerungsgruppen eine Weile Sand in die Augen, macht Zugeständnisse, und dann kocht man sie bei der ersten besten Gelegenheit ein und macht sie nieder? Und das immer mit dem guten Gewissen: So gehörts gemacht!

    Die größte Repressionswelle der Sowjetunion in Sachen Opferzahlen war die gegen die Kulaken. Man schätzt allein die unmittelbaren Todesopfer auf 2-3 Millionen. Sie ist auch die am schlechtesten dokumentierte – sehr viele Morde vor Ort oder während der Deportation wurde nie aktenmäßig erfaßt.

    Die blöden Bauern, die haben sich immer gegen die Arbeiter gestellt und wollten sich an ihnen bereichern, mit dem mußte man einmal Schluß machen!Erst gibt man ihnen Land, dann sagt man ihnen: Bereichert euch – und dann bestraft man sie dafür?! Und das alles mit dem guten Gewissen: Es dient der Sache der Revolution und hilft dem Proletariat.“

  5. 5 Nestor 23. Juli 2010 um 20:47 Uhr

    Na ja, aber du bringst das doch alles richtig zusammen: Mit dem „Dekret über das Land“ wurde doch Privateigentum eingerichtet. Also kann gar nicht daran gedacht worden sein, es dem Prinzip nach aufzuheben.

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