Spekulation und Regulation

DEN KRISENGEWINNLERN DAS HANDWERK LEGEN!

würden sehr viele heute gerne, in seltsamer Eintracht von Politikern über Medienvertreter bis hin zu ATTAC und anderen Leuten, die sich für links halten.

Während teilweise von den gleichen Personen vor einigen Jahren das Credo lautete, der „unsichtbaren Hand“ des Marktes alles zu überlassen und ja nicht durch irgendwelche gesetzlichen Beschränkungen das ökonomische Gleichgewicht zu stören, so spucken sie heute höchst kritische Töne gegen ebendiejenigen Subjekte, die sich der Freiheit des Marktes zu ihrem eigenen Vorteil bedienen – den Lieblingsbürgern von vorgestern.

Das ist sehr gerecht und folgerichtig.

Die kapitalistische Konkurrenz, den freien Wettbewerb, den Markt gibt es nämlich nur, weil Staatsgewalten diese schönen Dinge einrichten, aufrechterhalten und fördern. Die ständige Bereicherung der einen an den anderen, der fortgesetzte Schaden des einen zum Nutzen des anderen ist nur möglich, wenn ein Gesetzgeber seine Rolle als Schutzmacht und Puffer ausfüllt, das entsprechende Menschenmaterial – durchs Bildungssystem sorgfältig gesiebt – zur Verfügung stellt, die gewaltsame Liquidation der Konkurrenten unter Strafe stellt; und auch jenseits seiner Hoheitsgrenzen seinen Wirtschaftstreibenden Tür und Tor öffnet und dadurch dafür sorgt, daß ihnen die ganze Welt als Geschäftsfeld zur Verfügung steht.

Der Schrei nach Regulierung der Konkurrenz ist einerseits ein Idealismus, oder nährt zumindest einen solchen: Er tut nämlich so, als ließe sie sich durch entsprechende Kochrezepte eine Art Wohlstand für alle herstellen, eine prästabilisierte Harmonie.
Zweitens ist er aber eine Notwendigkeit und ständige Begleiterscheinung desselben Wettbewerbs, der eben nur möglich ist, indem eine durchaus sichtbare Hand dafür sorgt, daß die „unsichtbare“ ihr Geschäft verrichten kann.

Die Liberalisierung der Finanzmärkte, die von Kritikern aller Art inzwischen so sehr beklagt wird, war ja bitte sehr auch eine Form der Regulierung der Finanztransfers. Komplizierte Gesetzes- und Regelwerke über Besteuerung, Bilanzführung, Steuerprüfung wurden verfaßt und Behörden zur Beaufsichtigung der diversen Finanzinstitutionen wurden entweder überhaupt erst ins Leben gerufen oder mit ganz neuen Vollmachten ausgestattet, um ihre Aufgaben zu erfüllen. Bürgerliche Gesetzbücher wurden umgeschrieben und verschiedene Arten von Wirtschaftsvergehen neu definiert.
Den Privatsubjekten neue Freiheiten einzuräumen ist ebensosehr eine Frage der Regelung wie das Beschränken solcher Freiheiten.

Wenn jetzt alle von Regulierungen reden und Beschränkungen herbeisehnen, so ist das nur der Wunsch nach anderen, neuen Spielregeln und verweist in das weite und ungemütliche Land der Konkurrenz der Nationen.

Dem unbefangenen Beobachter stellt sich im Weiteren die Frage: Wer sind die eigentlich, diese gierigen Spekulanten, die das Maul nicht voll kriegen können und die Menschheit ins Unglück stürzen, um sich ihre vielen Yachten und Villen leisten zu können?
Man sieht sie nicht, sie haben keine Gesichter, sondern bevölkern als finstere Gestalten und Drahtzieher die Räume hinter der Weltbühne.
Falls sie zu Fall kommen, wie die Herren Madoff oder Elsner, so sind sie keine Spekulanten mehr, sondern einfache Betrüger und Verbrecher.
Strauss-Kahn, Trichet und Ackermann, oder kleiner kalibrierte österreichische Bankiers gelten jedenfalls nicht als Spekulanten, obwohl sie das gleiche Gewerbe gelernt haben und ausüben: erfolgreichen Handel mit Geld und Kredit.
Was machen die deutschen und österreichischen (und französischen usw.) Banken eigentlich? Geben sie keine Wertpapiere aus, handeln sie nicht mit Währungen, verwalten sie keine Pensionsfonds, deren Gelder sie ja auch wieder irgendwo investieren müssen? Kaufen sie keine Staatsanleihen, begeben sie keine Wertpapieremissionen großer Firmen? Rühren sie Aktien, Derivate, Optionen nicht an?
Sitzen ihre Chefs nur da und schlagen die Zeit mit Schifferl-versenken tot?

Wohl kaum.

Also muß man zwischen den diversen Geldfürsten, die da ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, sehr differenzieren, wie es so schön heißt: Unsere Bankiers sind in Ordnung, (solange sie nicht im Gefängnis sitzen), die müssen deshalb natürlich auch unterstützt werden, wenn sie ins Trudeln geraten – aber irgendwo weiter weg, da sind dann diese Raubritter, die sich den einheimischen oder EU-Gesetzen entziehen, in New York und Singapur die Fäden ziehen, aus dem Hinterhalt zuschlagen und „gegen den Euro spekulieren“.

Natürlich, in früheren Zeiten, seit der Euro-Einführung, als der Euro gegenüber dem $ gestiegen ist, da „stärkten“ diese gleichen Leute den Euro, verliehen ihm Volumen und Flügel, und niemand wäre auf die Idee gekommen, zu sagen: da gibt es doch glatt Leute, die spekulieren gegen den $!


9 Antworten auf „Spekulation und Regulation“


  1. 1 Neoprene 21. Mai 2010 um 7:29 Uhr

    Wenn du schon so grundsätzlich argumentierst:

    Die kapitalistische Konkurrenz, den freien Wettbewerb, den Markt gibt es nämlich nur, weil Staatsgewalten diese schönen Dinge einrichten, aufrechterhalten und fördern.

    dann möchte ich dem schon wie üblich entgegenhalten, daß es wiederum diese Staatsgewalt auch „nur“ gibt, weil die Leute die kapitalistische Konkurrenz (und den dazu notwendigen Staat) wollen. Und nur dann, wenn hinreichend viele beides nicht mehr wollen, wird es mit beidem zu Ende gehen können. Wenn dem nicht so wäre, gäbe es ja auch keinerlei Grund dafür, ein Ende der Geschichte der Menschen, so wie wie sie kennen, für möglich halten zu dürfen.

  2. 2 Nestor 21. Mai 2010 um 8:22 Uhr

    Das mag ja alles sein, aber hier geht es doch um einen anderen Gegenstand als das prinzipielle: Warum gibts den Staat?

    Wettbewerb und Finanzspekulation gibts jedenfalls nur, weil dieselben Politiker, die sich jetzt drüber beklagen, das wollen.

    Ob jetzt der kleine Mann von der Straße die in ihr Amt gewählt hat, ist doch für diese Frage nicht von Belang.

  3. 3 Neoprene 21. Mai 2010 um 8:34 Uhr

    Genauso hättest du sagen können, daß es die Finanzspekulation nur gibt, weil es die Finanzspekulanten gibt. Es ist ja richtig, daß es der staatlichen Ingangsetzung, Betreuung und Verteidigung bedarf, damit auch diese konkreten Ausflüsse der Entscheidung fürs Konkurrieren um Geldwachstum „vernünftig“ laufen.
    Aber, und das war eben meine Kritik, wenn du so ganz grundsätzlich die Existenz des (bürgerlichen) Staates als Grund angibt, dann möchte ich dem schon entgegenhalten, daß das nicht die letzte Antwort, also der „wahre“ Grund ist.

  4. 4 Nestor 21. Mai 2010 um 11:34 Uhr

    Die Suche nach letzten Gründen ist halt sehr fad. Man landet meistens bei Adam und Eva.

  5. 5 Neoprene 21. Mai 2010 um 11:38 Uhr

    Nein, man landet nicht bei den früheren Menschen, das ist die Ideologie der Historiker und Traditionalisten, sondern man landet „nur“ seinen aktuellen Mitmenschen. Das würde eigentlich doch schon reichen. (Obwohl man als Heutiger schon von den Neanderthalern das eine oder andere „lernen“ könnte.)

  6. 6 lex 21. Mai 2010 um 13:35 Uhr

    @Neo
    „wie üblich entgegenhalten, daß es wiederum diese Staatsgewalt auch „nur“ gibt, weil die Leute die kapitalistische Konkurrenz (und den dazu notwendigen Staat) wollen.“

    Weil dieser Gedanke so unkaputtbar ist: Du hältst es weder für notwendig, dich mit Nestors Begründungen auseinanderzusetzen und die zu widerlegen, noch hast du irgendein Argument, das erkennen lässt, wo oder warum der untertänige Wille eine Rolle spielt. Was weiß man denn über das Verhältnis Staat-Finanzkapital, wenn man mit dem Finger auf Leute zeigt, die den Staat und seine Ordnung mittragen?

    Dass du die Erwähnung eines untertänigen Willens zum Staat – war auch nicht Nestors Thema – nicht für eine Ergänzung hältst, sondern für ein „Entgegenhalten“, offenbart das Verfahren: Findet die Vorstellung eines Gesellschaftsvertrags keine Berücksichtigung, muss die Analyse falsch sein – der eigene (verkehrte) Schluss aus dem demokratischen Prozedere wird so zum Prüfstein aller Theorie.

  7. 7 Keynes 21. Mai 2010 um 16:08 Uhr

    liebes Gesetz, es mag dir entgangen sein, worauf ich mich bei Nestor bezogen habe, deshalb nochmals die Stelle, auf die ich, nun denn, eingegangen bin:

    Die kapitalistische Konkurrenz, den freien Wettbewerb, den Markt gibt es nämlich nur, weil Staatsgewalten diese schönen Dinge einrichten, aufrechterhalten und fördern.

    Es stimmt schon, daß man noch gar nichts weiß „über das Verhältnis Staat-Finanzkapital“, wenn man gesagt bekommt, daß die Erklärung noch nicht zu Ende ist, der letzte, wahre Grund noch nicht angegeben wurde, wenn gesagt wird, daß auch der Staat seinen Grund hat.

    Auf die Frage, wer den diejenigen sind, denen man „das Handwerk legen“ müßte, ist nämlich mit deinem Verweis auf den Staat auch noch buchstäblich gar nichts gewonnen.

  8. 8 flex 21. Mai 2010 um 20:25 Uhr

    Die Überschrift lautet ‚Spekulation und Regulation‘, dein Zitat gibt den Staat als Urheber der Konkurrenz an, die von ihm dann argwöhnisch begutachtet und betreut wird. Was hat das mit deinem Leib- und Magenthema (Grund von Staatsgewalt) zu tun?

  9. 9 Nestor 22. Mai 2010 um 17:38 Uhr

    Mit Adam und Eva meine ich nicht die Urgeschichte, sondern die in dergleichen Debatten stets sehr populäre „Natur des Menschen“: Warum sind die Leute so?

    Die Mentalität der Staatsbürger ist, wie schon von lex richtig bemerkt, nicht das Thema dieses Beitrages.

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