Eine Geschichte von Sklaverei und Schuldknechtschaft

Kurzer Abriß der Geschichte Haitís

Nachdem der Westteil der Insel Hispañola – der ersten spanischen Kolonie in der Karibik – im Laufe der Jahrhunderte durch eine Mischung aus Piraterie und Besiedlung durch hugenottische Flüchtlinge der spanischen Krone abspenstig gemacht wurde, verzichtete 1697 Spanien offiziell auf dieses Territorium.
Das darauffolgende Jahrhundert gilt als „Blütezeit“ Haitís: Französische Plantagenbesitzer importierten in großen Mengen afrikanische Sklaven und exportierten Kaffee und Zuckerrohr nach Europa. Der ständige Sklavenimport war notwendig, weil sie bei der Plantagenarbeit schnell vernutzt wurden und ständig ersetzt werden mußten. Es ist also sehr bezeichnend, was Blütezeit hier (und meistens auch anderswo) heißt: Die Handelsbilanz stimmte, die Produzenten des solchermaßen erwirtschafteten abstrakten Reichtums hatten nichts davon.

Die Ideen der französischen Revolution konnten von dieser französischen Kolonie nicht ganz ferngehalten werden. Vor allem der erste Artikel der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789: „Die Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren und bleiben es.“ – wurde von den schwarzen Sklaven – richtigerweise – als ein Beschluß zur Aufhebung der Sklaverei angesehen, obwohl die Nationalversammlung in Paris ausdrücklich die Ungültigkeit dieser Prinzipien für die Kolonien erklärt hatte.
(Auch ein kleiner Widerspruch, „allgemeine“ Rechte zu erklären und dann gleich nachzuschieben, daß sie so allgemein doch nicht seien.)
Und die Sklaven Saint-Domingues (Haitís Name bis zur Unabhängigkeit) erhoben sich gegen die Kolonialherrschaft und ihre weißen Herren.
Unterstützt wurden sie auch von der Schicht der mulattischen Eigentümer, die nationale Souveränität anstrebten, um sich zur neuen herrschenden Klasse Saint-Domingues zu machen.
Die aufständischen Sklaven von Saint-Domingue überlasen den 2. Satz des ersten Artikels: „Soziale Unterschiede dürfen nur im allgemeinen Nutzen begründet sein.“ Aber davon später.

Bei dem von beiden Seiten mit äußerster Grausamkeit geführten Krieg zwischen den schwarzen Sklaven und den weißen Kolonialherren kamen den Aufständischen zwei Umstände zugute: Erstens, daß Frankreich nie einen richtigen staatlichen Gewaltapparat in Saint-Domingue eingerichtet hatte, sondern die Herrschaftsaufgaben größtenteils der Privatinitiative der dort ansässigen Pflanzer und Kaufleute überlassen hatten. Zweitens, daß Frankreich selbst in Europa einige Kriege um die Verteidigung seiner republikanischen Verfassung führen mußte und wenig Militär in die aufrührerische Kolonie abkommandieren konnte.
Der Armee der ehemaligen Sklaven gelang sogar zeitweise die Eroberung des spanischen Teils der Insel, wo sie ebenfalls die Aufhebung der Sklaverei verkündeten, von dem sie aber von französischen Truppen bald wieder vertrieben wurden. 1804 erklärte Haití seine Unabhängigkeit.

Man muß sich vor Augen halten, was dieser Akt der Aufhebung der Sklaverei und die Ausrufung einer Republik der Freien in der damaligen „internationalen Staatengemeinschaft“ bedeutet hat. Es war eine Provokation ohne Grenzen und brachte das damalige Gefüge von Herrschaft und Knechtschaft total durcheinander.
Die meisten spanischen Kolonien erkämpften ihre Unabhängigkeit um 1811 herum und hoben zwar die Sklaverei formell auf, wenngleich sie unter anderem Namen bis ins 20. Jahrhundert fortbestand. Es war aber die kreolische Oberschicht, die nachher die Macht übernahm, und keinesfalls, wie in Haiti, die sich von ihren Herren befreit habenden Underdogs. In den USA brauchte es einen mehrjährigen Bürgerkrieg, um die Sklaverei abzuschaffen, und auf der Nachbarinsel Kuba wurde die Sklaverei erst um 1875 aufgehoben, im Zuge der Unabhängigkeitskriege.
Nirgends jedoch auf der Welt war es so, außer in Haití, daß die Sklaven selber ihre Freiheit erkämpften und die Macht übernahmen.

An Haití mußte also ein Exempel statuiert werden, das andere kolonialisierte Bewohner der Neuen Welt vor einem solchen Schritt der Rebellion abschreckte.

Die Unabhängigkeit Haitís wurde von keiner führenden Weltmacht und – unter dem Druck der Großmächte – auch nicht von den frischgebackenen Nachfolgestaaten des spanischen Kolonialreichs anerkannt.
Um irgendwie einen Platz in der Welt zu erlangen, das Ende des gegen sie verhängten Handelsembargos zu erwirken, und das ständig drohende Risiko fremder Interventionen abzuschwächen, die sich unter dem Beifall aller imperialistischer Mächte dieses Niemandsland aneignen würden, unterzeichnete die Regierung Haitís 1825 und 1826 Verträge mit Frankreich, in denen sie sich im Austausch gegen die Anerkennung als Staat zur Zahlung von Entschädigungszahlungen bereit erklärte. Von 150.000 Goldfrancs wurde diese Schuld angeblich später auf 90.000 reduziert. Über die Höhe dieser vertragsmäßig übernommenen und dann auch tatsächlich gezahlten Summe gibt es verschiedene Angaben. Ihr genaue Höhe ist aber gleichgültig, es geht um das Prinzip, das damit ausgedrückt wurde.
Mit dieser Schuld übernahm Haití erstens die Anerkennung des Privateigentums. Seine Regierung erkannte gezwungenermaßen an, daß das erst gewaltmäßig angeeignete – und später auch wieder gewaltmäßig enteignete – Land rechtmäßiges Eigentum der Plantagenbesitzer und Sklavenhalter gewesen war, und ihr Akt der Enteignung unrechtmäßig, weshalb ihre früheren Unterdrücker und Ausbeuter bzw. deren Nachfahren zu entschädigen seien. Die Befreiung vom Joch der Sklaverei wurde also im Nachhinein zu Unrecht erklärt, die Sklaverei zu Recht.
Zweitens, Haití wurde damit in die internationale „Arbeitsteilung“ hineingezwungen. Seinen Bewohnern wurde klargemacht, daß sie sich nicht einfach um die eigenen Bedürfnisse zu kümmern und sich vielleicht auf eine Art Selbstversorgung einrichten könnten, sondern daß sie sich darum zu kümmern hätten, an international anerkanntes Zahlungsmittel heranzukommen, um diese Schuld zu begleichen. Sie mußten also exportfähige Produkte herstellen, die Abzug vom ohnehin geringen nationalen Reichtum bedeuteten. Sie waren also genötigt, wieder vermehrt Kolonialwaren wie Kaffee und Zucker anzubauen, anstatt die Anbauflächen für Grundnahrungsmittel zu verwenden. Es entbrannte ein erbarmungsloser Kampf um das Land zwischen der neuen herrschenden Elite, die sich um die Begleichung der Schuld bemühte, und dem Rest der Bevölkerung, die einfach nur leben wollte – ein Kampf, der bis heute anhält.
Drittens, Haití konnte sich trotz aller Anstrengungen von dieser Schuld nie befreien. Es wechselte nur die Gläubigerländer, indem sie in anderen Staaten Kredite aufnahm, um sich von der Abhängigkeit von Frankreich zu lösen. Vom klassischen Kolonialismus stürzte es also in die moderne Schuldenfalle, die bewährte Waffe des modernen Imperialismus – auch darin durchaus ein Pionier unter den Unabhängigkeitsbestrebungen der 3. Welt.

Bezüglich seiner inneren Verfaßtheit hat sich Haití einen Widerspruch geleistet, an dem das Land bis heute trägt: Es hat sich die Ideale der bürgerlichen Revolution – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – auf seine Fahnen geschrieben, ohne über die bürgerliche Klasse von Besitzenden zu verfügen, die sich diese Prinzipien für ihr Gedeihen seinerzeit ausgedacht und in ihre Verfassungen hineingeschrieben haben. Haití war von Anfang an ein Staat der Proletarier, aber gemäß den Idealen des Bürgertums. Der seit 2 Jahrhunderten unternommene und größtenteils erfolglose Versuch – vor allem der Minderheit der Mischlinge –, eine bürgerliche Klasse als Besitzer produktiven Eigentums erst einmal zu schaffen und sich durch die Aneignung der unbezahlten Mehrarbeit der Eigentumslosen zu bereichern, ist die Grundlage der stets bejammerten „Instabilität“ Haitís.

Ein weiteres Handicap Haitís ist seine Lage. Seine Westküste stößt an die Windward Passage, den wichtigsten Verkehrsweg für die USA zum und vom Panama-Kanal. Die USA waren daher schon vor der Eröffnung des Panamakanals (als die Landenge von Panama auch bereits ein wichtiger Transportweg war) im Jahr 1914 sehr interessiert an der Kontrolle über Haití. Als Haití versuchte, seine Kreditabhängigkeit zu „diversifizieren“ und Deutschland in die Liga seiner Gläubiger aufnahm, nötigten die USA 1910 die damalige Regierung Haitís, einen Kredit bei amerikanischen Banken aufzunehmen, um ihre Kreditabhängigkeit in Richtung USA zu verlagern. Um die Bezahlung dieser Kredite sicherzustellen, besetzten die USA schließlich 1915 Haití. Die folgenden 19 Jahre lang hielt die US-Besatzung die Armen Haitís in Schach, setzte diverse Marionettenregierungen ein und ab und versuchte, aus dem Land an Reichtum herauszuquetschen, was eben irgendwie möglich war. Der Abzug der USA 1934 war wiederum mit politischen und wirtschaftlichen Auflagen verbunden, die sicherstellten sollten, daß dieses Land sich weiterhin dem Druck von Geschäft und Gewalt nicht entziehen konnte.

Die neuere Geschichte Haitís ist geprägt durch seine Nähe zu Kuba. Direkt nebenan ist nämlich ein Staat entstanden, der sich durch die Hilfe der inzwischen untergegangenen Sowjetunion dem Diktat des Weltmarktes entziehen konnte und sich die Versorgung seiner Bevölkerung zum Ziel gesetzt hat. Für die verelendeten Massen Haitís muß so eine Herrschaft als eine Art irdisches Paradies erscheinen. Die USA und ihre Verbündeten mußten also alles tun, um ein Überspringen dieses „Bazillus“ zu verhindern. Zunächst fanden sie einen kongenialen Statthalter unter Francois Duvalier (1957-71). Als zweifelhaft war, ob sein Sohn seine Bevölkerung genauso mit dem nötigen Terror in Schach halten würde, ließen seine Gönner in Washington ihn 1986 fallen. Seither suchen die imperialistischen Mächte nach einem geeigneten Ersatz, was schließlich aufgrund von Erfolglosigkeit 1995 in einem UNO-Mandat mündete.
Inzwischen haben sich die USA offenbar wieder für Direktintervention entschieden.
Die Spenden, die jetzt reichlich Richtung Haití fließen, dienen ein und demselben Zweck wie alle Maßnahmen der letzten 200 Jahre: Die Haitianer dazu zu bringen, ihr Elend „in Würde“ zu ertragen, keine Spielregeln zu verletzen, sich dem Weltmarkt unterzuordnen, – und auf jeden Fall Liebäugeleien mit dem „kubanischen Modell“ zu unterlassen.

Alle Spenden, die irgendwer für Haití einzahlt, werden für diese Zwecke verwendet. Dafür sorgen die Herrschaften vor Ort schon.


29 Antworten auf „Eine Geschichte von Sklaverei und Schuldknechtschaft“


  1. 1 Neoprene 27. Januar 2010 um 17:06 Uhr

    Dein Schlußwort ist mir dann doch zu harsch, Nestor:

    Es liegt zwar eine sehr bittere Ironie in der Tatsache, daß ausgerechnet die imperialistischen Mächte, die dafür gesorgt haben, daß Haiti solch ein Elendsloch geworden und geblieben ist, nun rein technisch gesehen auch die sind, die bei dieser Zusatzkatastrophe zur permanenten Katastrophe am besten helfen können. Da hilft halt eine Flugzeugträgergruppe, mit denen die USa ja reichlich gesegnet sind, ungemein. Denn eine Organisation (nämlich die US Army und US Marine) die mit allem was dazu gehört, ausgelegt und ausgerüstet sind, um in (zumeist von ihnen selber) verwüsteten (Kriegs-)Landschaften zurecht zu kommen, nachdem dort jegliche Infrastruktur zerbombt worden ist, sind deshalb auch erste Wahl, wenn es um die schnelle Zurverfügungstellung von z.B. Notlazaretten, Transportkapazitäten, Trinkwasserversorgung, Brückenpanzer usw. nach Naturkatastrophen geht. Sozusagen echter Dual Use.

    Und bezüglich der Spenden der normalen Menschen aus diesen imperialistischen Staaten hat vor ein paar Tagen Manfred Freilung von der GegenStandpunkt-Redaktion sicher nicht unrichtig gemeint, daß zumindest Geld, was nach Haiti als Spende geht, dort wohl besser aufgehoben/verwandt wird als wenn es dem hiesigen Staat oder Einzelhandel in die Hand gedrückt wird. Jedenfalls hat der GegenStandpunkt auch nach der Tsunami-Katastrophe in Ostasien nicht zu einem aktiven Spendenboykott aufgerufen.

  2. 2 Nestor 27. Januar 2010 um 18:19 Uhr

    Hmmm.
    Warum man für Notlazarette usw. Tausende von Soldaten einfliegen und den Flughafen zu diesem Zweck besetzen sowie andere Infrastruktureinrichtungen mit Beschlag belegen muß, ist erst noch einmal zu erklären. Die Maßnahmen der USA sind jedenfalls nicht auf Hilfe ausgerichtet, und Flugzeugträger nicht das gleiche wie Lazarettschiffe.
    Sie zielen darauf, die Kontrolle im Land zu übernehmen, und das ist was anderes als Hilfe.

    Für einen Kommentar zu den jetzigen Maßnahmen verweise ich aber auf andere Beiträge, die sich dessen schon angenommen haben und sicher auch noch werden.
    Ich würde mich jedenfalls von dem Helfersyndrom nicht anstecken lassen.

  3. 3 Pirx 27. Januar 2010 um 18:49 Uhr

    Schaden wird man mit Spenden den Leuten nicht, auch wenn diese Sorte Zuwendung die genannten Gründe für Haitis Elend unangetastet lässt. Es war aber sicher nicht von ungefähr, dass Kanzler und Bildzeitung sich nach der letzten Spendenorgie zum Tsunamie im Namen Deutschlands beim Volk bedankt haben.
    Das die Spenderei von dieser Seite als willkommene Unterstützung deutscher Außenpolitik aufgenommen wurde, hat dann auch keinen gestört. Insofern sind sie natürlich für imperialistische Zwecke gut.
    Dass Opfer in ähnlicher Größenordnung ständig irgendwo anfallen, oft genug aber keinerlei Hilfsbereitschaft auslösen, beweist dann auch, dass es den edlen Spendern noch um was anderes als bloß um Hilfe geht. Davon, dass die Kohle bei was Anderem als auf deutschen Einfluss berechneter Elendsbetreuung nachhaltiger angelegt wäre, mal abgesehen.

  4. 4 Neoprene 27. Januar 2010 um 19:22 Uhr

    Peter Decker am 1.12.2005 zur damaligen Naturkatastrophe:

    „Wir haben kürz­lich einen Le­ser­brief be­kom­men, da hat­ten wir zu dem Tsu­na­mi An­fang die­sen Jah­res einen Ar­ti­kel ge­schrie­ben, und da war der eine Satz drin: „Ach wenn sie das Geld aus dem Staats­haus­halt ir­gend­wel­chen ent­wur­zel­ten In­do­ne­si­en in Aceh schen­ken, dann ist das immer noch die beste Ver­wen­dung die man sich für den Staats­haus­halt ma­chen kann, warum nicht“. Das war uns gar nicht wich­tig, da steht halt der Satz drin. Da kommt dann ein Le­ser­brief, der sagt: „Fan­gen jetzt auch schon Mar­xis­ten an, zu Spen­den auf­zu­ru­fen?“ Dazu woll­te ich etwas deut­lich ma­chen: Es ist etwas ganz Na­he­lie­gen­des und Selbst­ver­ständ­li­ches, dass, wenn je­mand un­ver­schul­det in Not gerät, und man hat die Mit­tel und die Mög­lich­kei­ten, dem ein biss­chen aus­hel­fen, das man das ein­fach tut. Es gibt ein­fach die Ka­te­go­rie Mit­leid, man ver­setzt sich geis­tig in die Lage eines an­de­ren und sagt sich: Au Weia, in des­sen Lage möch­te ich nicht sein! Und das ist dann der Grund, warum man dann auch ein paar Mark übrig hat, oder ein paar Euro. Daran ist doch nichts zu me­ckern! Es ist aber auch nicht un­se­re Auf­ga­be, dazu auf­zu­ru­fen. Aber mit so etwas legt man sich doch nicht an!

    Was an­de­res ist es, wenn in der bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft Ge­sell­schaf­ten ent­ste­hen, die mit der Büch­se her­um­lau­fen, und sagen: Leute, tut etwas fürs Gute in der Welt! Gegen die möch­te man schon ein­mal sagen: Über­prüft, ob hier ein zu­fäl­li­ger Un­fall vor­liegt, dem man wirk­lich mit ein paar Mark ab­hel­fen kann, oder ob hier ein not­wen­di­ges Schei­tern, eine zum Ka­pi­ta­lis­mus not­wen­di­ge Armut vor­liegt, dann ist aber Spen­den­sam­meln un­an­ge­bracht, denn es hilft da­ge­gen ja gar nicht. Ins­ge­samt beim Spen­den: wenn man merkt, es kommt dar­auf an, dass die Men­schen die gute Ab­sicht be­tä­ti­gen, und die Wir­kung ist über­haupt nicht wich­tig, denen darf man schon den Vor­wurf ma­chen: Es geht ja doch nur darum, dass ihr, ent­ge­gen eurer all­täg­li­chen Kon­kur­renz euch ein Feld sucht, wo auch noch der Be­weis, dass es auch noch einen Ge­mein­sinn gibt, ein Plätz­chen hat. Das ist der Sonn­tag zum All­tag. Das sind dann auch die paar Mark zum wirk­li­chen Ein­kom­men. Und es ist die gute Tat, die man gar nicht daran misst, was sie be­wirkt, son­dern, die man daran misst, was man mit ihr für eine gute Ab­sicht zeigt. Das kann man schon alles kri­ti­sie­ren, aber das ist doch nicht das­sel­be, wie dafür zu sein, oder quasi dazu auf­for­dern: Bloß einem Hilfs­be­dürf­ti­gen nichts geben!

    Wir kri­ti­sie­ren am Ka­pi­ta­lis­mus, das er mei­nen Er­folg in den Ge­gen­satz zu zum Er­folg eines an­de­ren stellt. Daß, wenn meine Be­mü­hun­gen um Er­folg auf­ge­hen, dass das ein­schließt, dass ich die von je­mand an­de­rem ver­hin­de­re. Wenn jetzt je­mand sagt, ich habe etwas übrig für einen an­de­ren, dann ist das doch nicht der Feh­ler! Es ist doch um­ge­kehrt: Dass diese Ge­sell­schaft die In­ter­es­sen immer in Ge­gen­satz stellt, das ma­chen wir ihr zum Vor­wurf. Also wol­len wir doch nicht sagen, man muss für das ei­ge­ne In­ter­es­se sein und nicht für das an­de­re. Wir wol­len uns doch nicht in die Al­ter­na­ti­ve Al­tru­is­mus oder Ego­is­mus stel­len! Wir wol­len er­läu­tern, dass die Al­ter­na­ti­ve Al­tru­is­mus oder Ego­is­mus die Al­ter­na­ti­ve die­ser Ge­sell­schaft ist.

    Die­ser Punkt war wich­tig, denn die­ses Miss­ver­ständ­nis gibt es immer wie­der: die Auf­fas­sung, die Kri­tik der Moral wäre die Auf­for­de­rung zur Hart­her­zig­keit. Das ist doch über­haupt nicht der Punkt. Darum geht es doch über­haupt nicht. Wo man je­mand aus­hel­fen kann, warum soll­te man das nicht tun? Wis­sen, dass das nichts leis­tet, dass das die sys­te­ma­ti­sche Armut der Ge­sell­schaft nicht be­kämpft, das ist etwas ganz an­de­res. Man soll­te das sel­ber nicht als eine prak­ti­sche Auf­for­de­rung zu einer Stel­lung­nah­me in­ner­halb der Frage, Spen­den oder Nichts­pen­den auf­fas­sen. Damit be­fas­sen wir uns nicht. Das ist etwas an­de­res als, wir hät­ten eine Mei­nung dazu.“

  5. 5 Neoprene 27. Januar 2010 um 19:45 Uhr

    Nestor, schneide den doppelten Teil meines Decker-Zitats bitte raus. Es gibt schon Redundanz genug.

  6. 6 Kohleofen 27. Januar 2010 um 20:10 Uhr

    Guter Beitrag, Nestor Machno, und ich finde, wir sollten doch mal einen Moment länger bei Haiti verweilen und nicht ruckzuck auf die – ewig gleiche, ewig richtige – Moralkritik (am Beispiel der Spenden) eninschwenken. Che Guevara hat wenigstens einmal eine Sache richtig gesehen: Bei einer Diskussion mit us-amerikanischen Studenten (Guevara hat ja mal New York besucht und u.a. vor der UN-Vollversammlung gesprochen) wurde er gefragt, was sie, die Studis, denn für die kubanische Revolution tun könnten. Indem ihr HIER (im Herzen der Bestie) die Revolution selber macht, lautete die Antwort Guevaras. Damit ist das Thema abgehakt, ok?
    Zu Haiti: Man muss unbedingt darauf hinweisen, dass die Widersprüche der bürgerlichen Revolution – Verkündung demokratischer Freiheiten, die die Freiheit, Privateigentum (an Land und an Prod.Mitteln) zu erwerben und vermehren, einschließen – von Anfang an in der Revolution der Sklaven virulent waren. Die Revolutionsgeneräle waren ratlos, ob sie weiterhin die Kooperation mit den weißen Pflanzern suchen sollten (zumindest Toussaint L‘Ouverture hat die Weißen nicht vertrieben), ob das Plantagensystem direkt verstaatlicht werden oder in die Hände der neuen Staatskaste übergehen sollte. An sich stand das – damals übrigens hochproduktive – System (Haiti, ca. so groß wie Brandenburg, war relativ gesehen der führende Kaffee- und Zucker-Exporteur) aber nicht zur Debatte. Und das provozierte den Widerstand der Bauern – dem Subjekt-Objkekt der Revolution. Denn die wollten die neu gewonnenen Freiheiten für das knallharte Regime der Arbeitsteilung und Ausbeutung auf den Plantagen keineswegs aufgeben resp. eintauschen.
    Die französischen Pflanzer kamen – ein paar Generationen vor der Revolution – auf die zynisch-pfiffige Idee, sich die Reproduktionskosten für ihr Sklaven-Kapital zu sparen, ja: überhaupt erst die Reproduktion der Sklaven, die ihnen wegstarben wie die Fliegen (durchschnittliche Lebenserwartung eines Sklaven auf Haiti: sieben bis zehn Jahre), was zu einem Dauermangel an Arbeitskräften führte, anzukurbeln – und überließen ihnen abseits der Plantagen kleine Parzellen, auf denen sie Subsitenzwirtschaft treiben konnten. Da liegt es auf der Hand, dass sich die Sklaven-Bauern fragten, die dank ihrer Parzellenwirtschaft längst kapiert hatten, dass sie sehr gut für sich selber sorgen konnten (dass nur sie selbst für sich sorgen konnten), wieso sie, wo sie doch die politische Macht erobert hatten!, sich den Plantagen-Scheiß eigentlich noch weiter antun sollten.
    Dass Haiti nicht einmal eine Generation nach der Revolution eine zeitlang dreigespalten war – in ein Königreich, eine Republik und ein Gebiet aufständischer Bauern – weist auf die Virulenz dieses Widerspruchs hin.
    Der Satz, Nestor Machno, „Haití war von Anfang an ein Staat der Proletarier, aber gemäß den Idealen des Bürgertums.“ ist sehr gelungen – Haiti ist eben nicht nur das Resultat irgendeiner weiteren bürgerlichen Revolution (drängen sich nicht gewisse Paralleln zur russischen Revolutionsperiode, 1905-1921, auf??), da war mehr im Spiel. Aber ich denke, man muss Deinen Satz auch auf die spezifischen Binnenverhältnisse des Landes beziehen.

  7. 7 Pirx 27. Januar 2010 um 20:36 Uhr

    Wenn jemand helfen will und spendet, braucht man ihm natürlich nicht zu sagen, er solle das lassen, weil er den Imperialismus unterstütze.
    Wie in deinem Decker-Zitat auch gesagt wird, ist der Wunsch zu helfen aber oft gar nicht alles. Neulich in den Fernsehnachrichten sagte der Chef von „Luftfahrt ohne Grenzen“ auf die Frage nach der Spendenbereitschaft, die sei unglaublich und dies sei der Beweis, dass wir Deutschen entgegen allgemeiner Ansicht äußerst hilfsbereit wären. Somit habe die Katastrophe auch was Positives, sie sei nämlich Anlass zur Hoffnung. Der Typ hat sich offen über diese Gelegenheit gefreut.
    Warum man für deutsche Hilfe in Haiti was übrig hat, nicht aber für Somalis, ne Guerrilla oder den Penner in der U-Bahn, könnte man sich schon fragen, bevor man der Ablieferung seiner Spende als moralischer Pflicht nachkommt und sich dann nachher in seiner Eitelkeit sonnt.

  8. 8 Pirx 27. Januar 2010 um 21:38 Uhr

    mmh, da ist was durcheinander geraten. Ich finde, Kohleofen hat Recht. Haiti ist wirklich interessanter als Moralkritik.

  9. 9 Neoprene 27. Januar 2010 um 22:02 Uhr

    Und, by the way, Kuba wäre auch endlich mal interessanter als Moralkritik (Obwohl die gerade da nun auch wieder eine große Rolle spielen müßte.)

  10. 10 Nestor 27. Januar 2010 um 23:24 Uhr

    Obwohl die Mehrheit hier meint, man sollte das Spendenthema draußen lassen und sich anderen, wichtigeren Themen zuwenden, möchte ich doch auf einiges hinweisen.

    Hilfe – wer hat die als erster geleistet? Von Kuba waren sehr schnell Leute vor Ort und die Kubaner, die selbst wirtschftlich in der Unterhose dastehen, haben Ärzte, Lebensmittel und Medikamente geschickt. Sie waren die ersten.
    Ebenso hat Venezuela sofort ein Hilfspaket geschnürt.
    Schließlich, auch nicht zu vergessen, Rußland. Dort haben sie sofort ihre Leute aus dem Katastrophenministerium alarmiert und ein paar Flugzeuge mit erfahrenem Personal und Hilfsgütern nach Haití geschickt.
    Von dem allem liest man in der westlichen Berichterstattung NICHTS.

    Dann haben die USA gesagt: So geht das nicht! und sich zur Intervention entschlossen. Und in Folge dessen, als imperialistische Konkurrenz um Zuständigkeit, der Rest der westlichen Welt: Europa, Kanada, usw.

    Die Amerikaner haben den Flughafen und das Meer rundherum in Besitz genommen. Sie schicken einmal jetzt jede Menge Militär hin.
    Flugzeuge mit Hilfsgütern müssen in die Dominikanische Republik ausweichen. Auch gut. Je mehr, desto besser, sollte man meinen.
    Aber was liest und hört man in den Medien?
    Zunächst muß einmal Recht und Ordnung hergestellt werden in Haití. Plünderer müssen zur Strecke gebracht werden. Die Polizei ist zu schwach, sie braucht Verstärkung. Lebensmittel stehen herum und kommen nicht zu den Bedürftigen. Jede Menge an Soldaten wird eingeflogen. Die amerikanischen Kriegsschiffe sollen Flüchtlingswellen in die USA verhindern.

    Aus all dem entnehme ich: Erste Priorität hat die Staatsgewalt, die in Haití wiederhergestellt werden soll, und das Eigentum, das auch nicht zu sehr leiden soll. Und: Niemand soll abhauen können.

    Und da meine ich: Ob eine Spende, die man für das gebeutelte Land einzahlt, irgendeinem Haitianer je zugute kommt, ist mehr als fragwürdig. Vielleicht wird sie in die Aufstellung einer Polizeitruppe investiert, oder in Lebensmittel, die irgendwo verrotten, weil Straßen und Fahrzeuge für wichtigeres gebraucht werden?

    Die Russen sind übrigens wieder abgezogen, weil sie überall boykottiert wurden.

  11. 11 bigmouth 28. Januar 2010 um 1:58 Uhr

    mehr als fragwürdig

    was soll das heissen? unwahrscheinlich? woher weisst du das? afaik müssen hilfsorganisationen belegen, was sie mit ihrem geld machen. und die wissen idr, dass sie fahrzeuge brauchen – die sind doch nicht bescheuert!

  12. 12 Neoprene 28. Januar 2010 um 13:21 Uhr

    Zu Kohleofens Che-Guevara-Verweis bin ich im komfor Archiv zu Kuba
    http://kf.x-berg.de/forum/thread.php?threadid=1552&hilight=kuba
    fast gleichlautend fündig geworden:

    „Ich möchte es klarmachen, daß es auch in Kuba nicht möglich ist, die Gesetzmäßigkeiten des Kapitalimus „volksfreundlich“ zu gestalten. Das geht nicht! Deshalb war auch vorhin mein Hinweis: Solange die Leute hier in diesem Land sich den Kapitalismus gefallen lassen, haben die Kubaner keine Chance, dem Kapitalismus zu entkommen, allein. Das geht nicht. Das muß man erstmal zur Kenntnis nehmen. Aber nicht in dem Sinn zur Kenntnis nehmen: Dann sollen sie es eben sein lassen! Sondern, im Sinne einer Botschaft: Überlegt euch, was ihr hier machen könnt!“

    So jedenfalls Theo Wentzke, der jetzige Redakteur des GegenStandpunkt 1997 als Referent zum Thema Kuba in Berlin.

  13. 13 Neoprene 28. Januar 2010 um 20:07 Uhr

    Bernard T, so ungefähr dem einzigen SpADler, der ab und zu sich auch mal im Web zu worte meldet, hat bei entdinglichung auf einen aktuellen Artikel von Mumia Abu Jamal zu Haiti in der jungen Welt vom 23.01.10 aufmerksam gemacht http://www.jungewelt.de/2010/01-23/012.php:

    Der Fluch Haitis
    Leid und Elend der Bewohner des Karibikstaates sind menschengemacht
    Von Mumia Abu-Jamal
    Der Karibikstaat Haiti wurde jetzt ein weiteres Mal durch eine Naturkatastrophe ins Bewußtsein der Weltöffentlichkeit gerückt. Das fürchterliche Leiden der Haitianer nach den starken Erdbebenstößen weckte weltweites Mitleid und brachte Regierungen aus nah und fern dazu, sich jenen zur Seite zu stellen, die sich selbst nicht helfen können.

    Haiti ist das westliche Drittel der von Christoph Kolumbus 1492 für Spanien in Besitz genommenen Insel Hispaniola, deren indigene Urbevölkerung, die Taínos, durch die Kolonialisten fast vollständig ausgerottet wurde. Nach und nach wurden verschleppte afrikanische Sklaven angesiedelt, die fortan auf den Zuckerplantagen der neuen Herren arbeiten mußten. 1697 trat die spanische Krone das Gebiet des heutigen Haiti an Frankreich ab, das fortan zur reichsten Kolonie des französischen Kolonialreichs wurde.

    Seit zwei Jahrhunderten muß Haitis Bevölkerung leiden, weil Sklaven einst einen Aufstand gewagt hatten, den Befreiungskrieg gewannen und die erste freie Sklavenrepublik ausriefen. Am 1. Januar 1804 erklärte der Teilstaat unter dem Namen Haiti – in der Taíno-Sprache »bergiges Land« – seine Unabhängigkeit von Frankreich. Heute, so erfahren wir aus den Medien, ist Haiti das ärmste Land im Westen. Aber niemand erklärt, wie es dazu wurde.

    Wer erinnert sich heute noch daran, wie die USA Haiti überfielen und es von 1915 bis 1934 besetzt hielten? Oder daß Haiti, das nicht nur eine, sondern drei Kolonialarmeen besiegte – die französische, die britische und die spanische –, fast 200 Jahre lang Reparationszahlungen an das unterlegene Frankreich leisten mußte?

    Haiti ist nicht einfach arm, es wurde systematisch in die Armut getrieben durch ein globales System der Ausbeutung und eine auf Plantagenwirtschaft gestützte kapitalistische Ökonomie. Das war die Strafe für den erfolgreichen Befreiungsversuch schwarzer Sklaven. Für CLR James (1901–1989), den großartigen Gelehrten, Sozialisten und Revolutionär, war die haitianische Revolution ein einzigartiges Ereignis in der Menschheitsgeschichte. Er maß ihr größere Bedeutung bei als der französischen oder amerikanischen Revolution. Zum Teil auch deshalb, weil die haitianische auch das Ende des französischen Imperialismus in der Neuen Welt markierte. Nachdem seine Armee vernichtend geschlagen war, verkaufte Napoleon große Teile seiner amerikanischen Kolonialgebiete an die USA, was den Umfang der jungen Vereinigten Staaten von Amerika in nur einem Tag fast verdoppelte.

    Interessanterweise beendeten weder die amerikanische noch die französische Revolution die Sklaverei. Das Gegenteil ist der Fall: George Washington und Thomas Jefferson, die »Urväter« der USA, waren selbst Sklavenhalter. Und Napoleon Bonaparte entsandte seine Armee nach Haiti, um das System der Sklaverei zu verteidigen. Später beherrschten von den USA gestützte Diktatoren und Putschisten Haiti, und die USA intervenierten militärisch wie zuletzt 2004 in der Ära von George W. Bush zur Beseitigung des gewählten Präsidenten Jean-Bertrand Aristide.

    Diese Eingriffe von außen und die mächtigen multinationalen Konzerne haben das Land in einem Zustand der Unterentwicklung gehalten und es unfähig gemacht, aus eigener Kraft mit Naturkatastrophen fertig zu werden. Als vor Jahren ein gewaltiger Hurrikan das Land heimzusuchen drohte, fehlte es an Ressourcen, die Bevölkerung rechtzeitig zu evakuieren. Aber anders als beim Hurrikan gibt es bei einem Erdbeben keine Vorwarnungen. Es kommt überraschend, und innerhalb von Sekunden richtet es seine verheerenden Verwüstungen an.

    Andere Nationen, die selbst schon Opfer von fürchterlichen Erdbeben waren wie Japan zum Beispiel, haben mitterweile ihre Bauweise darauf eingestellt, Erdbeben besser standhalten zu können. Könnte Haiti solche Techniken beim Bau von Schulen, Krankenhäusern, Geschäfts- und Wohnhäusern anwenden, hätte es jetzt weitaus weniger Opfer geben müssen. Wäre Haiti nicht über Jahrhunderte ausgeplündert worden, dann hätte es seine Bevölkerung besser schützen können.

    Übersetzung: Jürgen Heiser

  14. 14 dd 29. Januar 2010 um 11:13 Uhr

    @Nestor: Ich halte nichts von deiner Kritik an der Haiti-Hilfe.

    1. In einer Welt voller konkurrierender staatlich verfasster Gemeinwesen findet Hilfe überhaupt nicht anders statt, als dass sie unter ihr imperialistisches Kalkül subsumiert wird. Das heißt aber nicht, dass sie nicht stattfindet, sondern dass sie zunächst einmal den Konkurrenzabsichten dieser Staaten unterworfen wird. Da wird z.B. entschieden, wer überhaupt helfen darf (die Russen nicht usw.) und das setzt man darüber durch, dass man das Land quasi militärisch übernimmt (die USA). Das ist selbstverständlich kritikabel, weil darunter die Hilfe leidet.
    2. Der Schluss, den du daraus ziehst, die Hilfe zu lassen ist aber genauso wenig richtig, wie es der wäre helfen zu müssen, weil es jemandem schlecht geht. Es kommt bei dem Entschluss für oder gegen Hilfe eben darauf an, wie man sich auf andere Leute bezieht. Sagt man: ‚Irgendwie gehören wir zusammen, haben wir was Gemeinsames‘ – dann ist einem ein fremdes Schicksal nicht egal und man hilft eben, wenn man kann. Sagt man z.B. mir ist nichts wichtiger als meine Vorstellung kommunistischer Beziehung auf andere Leute zu praktizieren, dann hilft man in dem Fall eben nicht, weil „kommunistische“ Hilfe f. die Haitianer nicht möglich ist.
    3. Zur Gewalt: Die ist neben dem der Durchsetzung des oben schon benannten imerialistischen Kalküls der Staaten auch zur Durchsetzung der Hilfe in Haiti notwendig:
    - a) Wegen des Bandenwesens, das es da vorher schon gab.
    - b) Weil man, solange die Hilfsgüter nicht reichen einen Mangel zu verteilen hat.
    - c) Weil die Hilskampagne überhaupt nicht darauf berechnet ist, den grundsätzlichen Mangel der Leute an Lebensmitteln und Gebrauchsgütern zu beheben, sondern weil die Funktion Haitis für die auswärtigen Interessen an diesem Land wiederergestellt werden soll, was eben nicht bedeutet, dass nach Abzug der Helfer alle genug zu essen haben.

  15. 15 Nestor 29. Januar 2010 um 12:27 Uhr

    @dd
    Gut, ich nehme alles zurück.

  16. 16 Öhöh 01. Februar 2010 um 14:40 Uhr
  17. 17 Öhöhö 01. Februar 2010 um 14:41 Uhr

    Anlässlich der Übernahme staatlicher Hoheitsrechte in Haiti durch westliche Mächte plädieren deutsche Medien für eine Neubewertung kolonialer Herrschaft. In vielen Weltgegenden seien inzwischen „neue Formen von ‚Kolonien‘“ zu finden, schreibt eine große Tageszeitung; dabei könne der Begriff „Kolonie“ positiv gewertet werden und stehe für „nachhaltiges Engagement“.

    http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/57727

  18. 18 Nestor 01. Februar 2010 um 19:44 Uhr

    Danke vielmals für diese Hinweise.

    Ich wollte mich deshalb nicht mehr in dieses Thema „Spenden ja oder nein“ und die damit verbundene Humanitätsdebatte einlassen, weil ich in dieser Frage informationsmäßig nicht kompetent bin.
    Mir ist nur in den letzten eineinhalb Jahrzehnten aufgefallen, wie sehr die imperialistische Politik durch die Bildung und Wucherung von NGOs privatisiert worden ist. Jeder, „du und ich“, sind aufgerufen, sich um das Elend der Welt zu kümmern, und zwar im Rahmen der vorgegebenen imperialistischen Zwecke – sei es durch persönliches Engagement oder durch Spenden, dem modernen Ablaßhandel.

    Zu Haití jetzt hier einige Aussagen, die aus einem Interview mit einem haitianischen Dokumentarphotographen stammen:

    1. Die UNO-MINUSTAH-Mission hat 2006 das Mandat bekommen, alle früheren Staatsverträge Haitís zu überprüfen, zu revidieren und gegebenenfalls zu annullieren.

    2. In Haití gibt es soviele NGOs wie in Indien. Sie stellen die Sub-Regierung, nach der UNO, dar. Der Präsident erfüllt eher Protokollfunktionen.

    3. Port-Au-Prince liegt über einer Erdölblase. Im Sockel von Haití ist der Quell derjenigen Erdölvorkommen, aus denen auch Venezuela seine Förderung bestreitet. Das Erdbeben gibt die Möglichkeit, Port-Au-Prince zu evakuieren, zu schleifen und ein Loch zum Erdöl zu bohren. Bisher wäre das nicht gegangen. So kann man die Hauptstadt problemlos verlegen. (Bis 1950 war ja auch eine andere Stadt Hauptstadt.)

    4. Der Präsidentenpalast ist deswegen zusammengekracht wie ein Kartenhaus, weil er völlig unterhöhlt war: Unter Duvalier Vater wurden Katakomben gebaut, die den Palast mit Polizeistationen verbunden haben, und geheime Gefängnisse angelegt, in denen viele mißliebige Leute verschwunden sind.

    5. Die Amis wollten vor dem Erdbeben den Hafen von Port-Au-Prince zu einem zentralen Umschlagplatz für die Karibik ausbauen und waren deshalb sehr damit befaßt, das dahinter liegende Elendsviertel, Cité Soleil, zu räumen.
    Auch deshalb, weil man von dort Kuba besser in Schach halten kann. Bei guter Sicht sieht man nach Guantánamo.

    Die Auskunftsperson macht auch auf die Rolle aufmerksam, die Kanada dort spielt, als Bindeglied zwischen der Frankophonie und dem US-Imperialismus.

    Quelle (auf spanisch):
    http://www.rebelion.org/noticia.php?id=99558,
    im Original (auf französisch):
    http://www.michelcollon.info/index.php?option=com_content&view=article&id=2515:l-le-role-des-ong-en-haiti-souleve-beaucoup-de-questions-r&catid=1:articles&Itemid=2

  19. 19 Neoprene 04. Februar 2010 um 20:57 Uhr

    For 200 years, the Haitian masses have been paying in blood for the revolution they carried out under the leadership of Toussaint L’Ouverture against the French colonial slavocracy. Directly inspired by the Great French Revolution, the Haitian Revolution of 1791-1804, which culminated in the creation of the first independent black state in the modern era, served as a beacon, inspiring slave revolts throughout the Americas. It was greeted with a frenzy of racist counterrevolutionary hostility from both Napoleonic France and the slave-owning United States.

    In return for recognition by France, Haiti was compelled to compensate the former slaveowners to the tune of 150 million gold francs—approximately $20 billion at today’s prices. For its part, the U.S. refused to grant Haiti diplomatic recognition until 1862, during the Civil War against the Southern slavocracy. Throughout the 1800s, the U.S. and European powers used gunboat diplomacy and the threat of military intervention to extort debt repayment. By the end of the 19th century, 80 percent of Haiti’s national budget was going to pay off its former exploiters, and the country remains a hideously impoverished debtor nation today.

    The U.S. militarily intervened into Haiti in 1888, 1891 and 1914. In 1915, the U.S. initiated a bloody occupation of the country that would last until 1934. The U.S. military regime in Haiti was, according to one historian, “probably the bloodiest in all of the Caribbean” (Donald Schulz and Douglas Granham [eds.], Revolution and Counterrevolution in Central America and the Caribbean [1984]).
    [aus „Workers Vanguard“ No. 951, 29 January 2010, http://www.icl-fi.org/english/wv/951/haiti.html

  20. 20 Nestor 04. Februar 2010 um 23:37 Uhr

    @neoprene

    Über die historischen Gründe für das Elend Haitís herrscht m.E. Einigkeit. Nicht ganz klar ist jedoch, wie es dort weitergeht und welchen Motiven sich die militärische Intervention der USA und die vermeintlich humanitären Ziele der europäischen Staaten und Kanadas verdanken.

  21. 21 Neoprene 05. Februar 2010 um 8:31 Uhr

    Nesor, nehme bitte die schließende Klammer aus meinem letzten Link raus, sonst kann man den nicht anclicken.

  22. 22 Neoprene 05. Februar 2010 um 8:42 Uhr

    Ein bißchen trotzkistischer Infight (auch aus dem obigen WV-Artikel):

    „In a January 20 article posted on its Web site [ http://www.internationalist.org/haitiworkerssoldarity1001.html ], the centrist Internationalist Group (IG) argued that the earthquake provides an opening for socialist revolution in Haiti. The IG wrote that Haiti’s “small but militant proletariat can place itself at the head of the impoverished urban and rural masses seeking to organize their own power, particularly at present where the machinery of the capitalist state is largely reduced to rubble and a few marauding bands of police.”

    The stark reality that the IG would deny is that a) even before the earthquake, there was virtually no working class in Haiti; b) in the aftermath of the earthquake, not only is the state “largely reduced to rubble,” but so is the society as a whole, including the desperate and dispossessed population; and c) there is a military power in Haiti that is far from “reduced to rubble,” and it’s U.S. imperialism.

    The IG demands that “all U.S./U.N. forces get out,” painting the U.S. military presence in Haiti today as aimed at suppressing a popular uprising: “This huge military occupation is not intended to deliver aid, but to put down unrest by the poor and working people of Haiti” (emphasis in original). By the IG’s reasoning, the Cuban government is to be condemned for opening its airspace to American military planes after the earthquake. The IG is cynically toying with rhetoric, blithely unconcerned with the fact that, in the real world, if the policies they advocate were implemented, they would result in mass death through starvation.

    Notwithstanding the IG’s deranged and grotesque fantasies, there are no good alternatives facing Haiti today. The U.S. military is the only force on the ground with the capacity—e.g., trucks, planes, ships—to organize the transport of what food, water, medical and other supplies are getting to Haiti’s population. And they’re doing it in the typical piggish U.S. imperialist manner. We have always opposed U.S. and UN occupations in Haiti and everywhere—and it may become necessary to call for U.S./UN out of Haiti in the near future—but we are not going to call for an end to such aid as the desperate Haitian masses can get their hands on.“

  23. 23 Neoprene 05. Februar 2010 um 8:51 Uhr

    Bezüglich der Frage, wie es wohl mit Haiti weitergehen soll (jedenfalls, solange es dabei nur nach den imperialistischen mächten geht), könnte sehr wohl stimmen, was die IG dazu geschrieben hat:

    „Washington is gearing up to declare Haiti a “failed state,” like Somalia, and to call for some sort of international protectorate, perhaps under United Nations auspices. The U.N. “peacekeeping” mission for the “stabilization” of Haiti (MINUSTAH), set up after U.S., French and Canadian forces ousted president Jean-Bertrand Aristide in 2004, was already a U.S. occupation using Brazilian and other Latin American troops as mercenaries. Now Obama has apparently decided to assume more direct control“

  24. 24 Neoprene 05. Februar 2010 um 9:13 Uhr

    Beim letzten Jour fix des GegenStandpunkt in München ging es auch um Haiti:
    http://www.gegenstandpunkt.com/jourfixe/prt/jf100125.html

  25. 25 Neoprene 05. Februar 2010 um 13:22 Uhr

    aus dem Protokoll:
    „Die Staatenwelt wird bei allen Katastrophen völlig selbstverständlich zur Adresse, an die die Menschheit sich wendet, weil niemand außer den Gewaltmonopolisten die Mittel zu deren Bewältigung hat. Alle für die Kooperation zwischen Staaten gültigen Berechnungen werden ein Stück weit hinten an gestellt; sie fließen später wieder ein und entsprechend sieht die Hilfe aus: Helfen ist Staatsangelegenheit, also auch Gegenstand staatlicher Berechnungen. Wohlmeinende, aufrechte Leute, die helfen wollen, haben in dieser Welt nichts zu bestellen – das ist der Zynismus dabei. Wenn also alle sich darauf werfen, dass hier Staaten gefordert sind, dann erklären sie sich einverstanden, dass hier ausschließlich Staaten zuständig und die einzigen sind, die etwas bewirken können. Darauf ist zu sagen: So ist es – schlimm genug.“

  26. 26 Nestor 26. Januar 2011 um 23:14 Uhr

    Nachtrag ein Jahr später:
    Mir wurde seinerzeit hier vorgeworfen, die Spendenfreudigkeit kritisiert zu haben, von dd und Neoprene.

    Inzwischen erfährt man: Diejenigen Spenden für das Land, die seinerzeit locker gemacht wurden, sind nur zu 15-20 % angekommen. Der Rest ist gesperrt.
    (Man fragt sich: Von wem eigentlich, und wo liegen die, also wer bestimmt darüber?)

    Die paar Spenden, die angekommen sind, werden auch komisch verteilt: Über x NGOs (Haití hatte schon vor dem Erdbeben die weltweit höchste NGO-Dichte, seither sind noch mehr von diesen Organisationen unterwegs.) Diese Vorgangsweise ist kostspielig und ineffizient, da überhaupt nicht koordiniert.

    Spenden sollen erst ausgezahlt werden, wenn durch Wahlen eine ordentliche Regierung zustandegekommen ist. Wahlen wurden – von wem eigentlich? der UNO? der Regierung der USA? – somit zur Vorausbedingung gemacht dafür, daß die ohnehin spärlichen Spendengelder fließen können.

    Spenden wofür? Der Schutt wird nicht weggeräumt, Infrastruktur wird nicht wieder- bzw. überhaupt erst hergestellt, und da die Schäden nicht beseitigt werden, so werden auch die alten Häuser nicht repariert, geschweige denn werden neue Häuser gebaut.

    Alle Hilfe seit einem Jahr beschränkt sich darauf, Leuten was zum Essen zu geben, und medizinische Hilfe zu leisten, die sich darauf beschränkt, die inzwischen – notwendigerweise!, ohne sauberes Wasser und ohne Abwasser- und Abfallentsorgung – ausgebrochene Cholera zu bekämpfen, ohne ihre Ursachen zu beseitigen.

    Und was die Wahlen betrifft, deren Gewinner dann Spendengelder verteilen darf: Irgendso ein Amt muß Duvalier vorgeschwebt sein und dürfte ihn dazu bewogen haben, wieder an die Stätte seines früheren Wirkens zurückzukehren.

  27. 27 Neoprene 27. Januar 2011 um 8:12 Uhr

    Ich bin etwas verwundert darüber, daß Nestor gerade mich anführt, als einen der vermeintlichen Kritiker der Kritik an der Spendenfreudigkeit. Es ist zudem das eine, die hinter der politischen Kampagne stehenden Beweggründe zu kritisieren und das andere, wie jetzt, was dazu zu sagen, was Spenden konkret gebracht haben.

  1. 1 Ratenkredit ohne Schufa in schweren beantragen Trackback am 29. Mai 2014 um 3:05 Uhr
  2. 2 facebook seite umbenennen Trackback am 20. Juni 2014 um 9:34 Uhr
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