Archiv für Dezember 2009

Marktwirtschaft im Postsozialismus

Verkaufserfolge bei einem Mobiltelefon

In der Népszabadság erschien heute ein Artikel mit folgendem Titel: „Die armen Ungarn reißen sich um das Millionentelefon. Die Ungarn kauften ca. 100 Stück des Luxustelefons. Wo ist hier die Krise? Von dem Tag Heuer Meridiis Telefon, das 1 Million Forint (= 3.612 Euro) kostet, wurden bereits 100 Stück verkauft … Es wird in begrenzter Stückzahl und händisch gefertigt.“

Was lernen wir daraus?

Erstens: Es gibt ein teures Handy, das für Leute, die Wert auf Statussymbole legen, verkauft wird. Weil telefonieren kann man ja schnell einmal mit einem Handy. Die Funktion ist offensichtlich nicht das, worauf es ankommt. Aber eines, das mit Diamanten besetzt ist, und wegen einer teuren Speziallegierung garantiert kratzfest ist, hat eben nicht jeder, sondern nur der, der es sich leisten kann. Und die leisten es sich, damit sie damit zeigen können: Wir sind keine Loser, sondern wir haben die Zeichen der Zeit verstanden, und es durch unsere persönliche Tüchtigkeit zu etwas gebracht.

Zweitens: Der Artikelschreiber der Népszabadság (es ist kein Autor angegeben, der Artikel ist also in völliger Übereinstimmung mit der Blattlinie) meint einen Widerspruch zwischen dem allgemein schlechten Zustand der ungarischen Wirtschaft und der Armut im Lande einerseits und dem Verkauf dieses Mobiltelefons andererseits festhalten zu müssen.

Das ist eine wirkliche ideologische Schweinerei.

Ungarische Paupers und Sozialhilfeempfänger, aufgemerkt: Ihr seid gar nicht arm, weil es gibt im Lande Reiche, die für einen teuren Schmarrn jede Menge Geld hinlegen.
Nach zwanzig Jahren Kapitalismus im Land hat sich in Ungarn, genauso wie anderswo auch, eine Klassengesellschaft entwickelt. Es gibt Eigentümer, Unternehmer, die aus Handel und Ausbeutung von Lohnabhängigen Geld verdienen und reich geworden sind. Die haben jede Menge Kohle, und ihre Geschäfte gehen so gut, daß sie Geld in solchem Überfluß haben, daß sie es für jeden Tand zum Fenster hinauswerfen können.
Das erscheint dem Autor der Népszabadság als Widerspruch. Er will offenbar damit die Illusion nähren, daß Kapitalismus, pardon, Marktwirtschaft, etwas ist, das jedem im Lande zugutekommt. Wenn es nicht so ist, so muß es korrupte Politiker oder sonstige Betrüger geben, die die Segnungen der Marktwirtschaft verhindern.

„Krise“, darüber belehrt uns die Népszabadság, ist ein nicht vorhergesehender Betriebsunfall des besten aller Wirtschaftssysteme. Im Grunde, so tut der Artikel, gibt es ja gar keine Krise, sondern Geld ist eh da. Es wird nur für das Falsche ausgegeben.

Schließlich fällt der Tonfall dieses Artikels auch in den Chor derjenigen ein, die meinen, die Menschen hätten sowieso die falschen Bedürfnisse. Es wäre ja genug für alle da, aber die Leute geben ihr Geld für irgendeinen Unfug aus, und deshalb haben sie kein Geld für Milch, Brot und Schuhe. Die Botschaft ist die: Wären die Leute doch vernünftig, so gäbe es gar keine Armut, und jeder könnte sich alles leisten. Aber weil das Volk so deppert ist, deswegen fehlt es vielen am Nötigsten.
Es werden also die Luxus- und Angeberei-Bedürfnisse der frischgebackenen Kapitalisten und demokratisch gewählten Politiker Ungarns für eine Beschimpfung des blöden Völkes verwendet.

Zusammenfassend kann man sagen: Die Népszabadság meint, die Sache mit der Armut in Ungarn ist einerseits erfunden, eigentlich hätte eh jeder Geld. Weiters, sofern doch vorhanden, ist sie selbstverschuldet, weil im Grunde kann man sich das Geld, das man hat, ja einteilen. Das schaffen aber die dummen Ungarn nicht, und deswegen kommen sie zum Handkuß. Im Grunde ist der Artikel eine Publikumsbeschimpfung, und zwar der Armen über die Bedürfnisse der Reichen.

Dieser Artikel behandelt die angebliche Unfähigkeit des postsozialistischen Bürgers für die Marktwirtschaft anhand des Konsums. Es gibt immer wieder auch Artikel, die die Unfähigkeit des Ungarn für Geschäftstätigkeit behandeln. Vielleicht find ich dafür auch einmal etwas für diesen Blog. In beiden Fällen geht es um den gleichen (rassistischen) Beweis: Die Ungarn sind für die Marktwirtschaft deformiert, aufgrund ihres langen Schmachtens unter dem Joch des Sozialismus. Das ist der Grund, warum es in Ungarn Armut und Elend gibt: Die Leute können einfach dieses Super-Wirtschaftssystem nicht begreifen und seine Vorzüge nicht anwenden und verwerten. Umso mehr sind wir, die Apologeten der Marktwirtschaft, dazu aufgerufen, dieses feine System weiter zu propagieren und zu versuchen, die armen verkümmerten Ungarn dazu zu erziehen!

Für Leute, die sich in Ungarn nicht auskennen: „Népszabadság“ bedeutet „Volksfreiheit“. Die Népszabadság war das offizielle Parteiorgan der „Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei“, der Staatspartei Ungarns. (Von Kommunismus wollten diese Partei in ihrer Namensgebung nix wissen.) Im ungarischen Medienspektrum gilt sie als „links“, sogar als die linke Tageszeitung per se.

Ha magyar anyanyelvűek is szeretnének részt venni ebben a blogban, de nem tudnak eléggé jól németül – semmi gond! Nyugodtan szóljanak hozzá magyarul, én majd fordítom és németül válaszolok.

Für Deutschsprachige: Der obige Text heißt nur, daß Ungarn sich auch beteiligen sollen.