Archiv für November 2009

Neue Gefahren fürs Vaterland

STERBEN DIE UNGARN AUS?

In einem Artikel in der „Népszabadság“ wurde kürzlich der bedenkliche Umstand vermeldet, daß die Bevölkerung Ungarns immer weniger wird und dann folgten besorgte Überlegungen, wo das denn hinführen möge!

Da solche und ähnliche Meldungen regelmäßig in den Medien aller Länder auftauchen, oft auch mit der einhergehenden Gefahr der „Überfremdung“ verbunden, so einmal ein paar Gedanken zu diesem Thema angebracht.

Erstens: Die Staaten haben allesamt ein Problem. Sie brauchen zwar Staatsbürger, die den nationalen Reichtum erarbeiten, Steuern und Abgaben zahlen und als Soldaten zur Verfügung stehen, aber sie können bzw. wollen die nicht selber machen. So wie in Huxleys „Schöner Neuer Welt“, wo die Kinder in der Retorte erzeugt werden, geht es in modernen Staaten nicht zu, obwohl das heute nach dem derzeitigen Stand der Wissenschaft und Technik durchaus möglich wäre.
Nein, die Politiker weltweit halten es aus moralischen und staatsnützlichen Erwägungen für weitaus besser, kostengünstiger und zielführender, die gesellschaftliche Reproduktion im Privatbett geschehen zu lassen. Eltern sollen sich selber bemühen, die Kosten auf sich nehmen und ihren Nachwuchs selber Mores lehren. Völlig der Willkür der Eltern wird es zwar nicht überlassen, mit ihren Kindern zu machen, was sie wollen, deshalb gibt es eine Schulpflicht, und falls das alles nicht so recht hinhaut, auch eine Jugendfürsorge und ein Vormundschaftsgericht.
Aber das allgemeine Urteil der Politiker aller Parteien ist, daß die Familie als Keimzelle des Staates sich bewährt hat, und auch ihre modernen Verlängerungen wie alleinerziehende Mütter, Patchwork-Familien oder gleichgeschlechtliche Partnerschaften immer noch der fließbandmäßigen Produktion von Retortenbabys vorzuziehen sind.

Bei dem regelmäßigen Gejammer von verantwortlichen Denkern aus Politik und Wissenschaft, daß die lieben Staatsbürger leider zu wenig Kinder machen und die Familien doch besser gefördert gehören, um diesen Trend aufzuhalten, ist ein leichter Widerspruch zu dem Umstand festzuhalten, daß am Arbeitsmarkt immer „zu viele Leute“ da sind. Arbeitslosigkeit wird beklagt, und es fehlt nicht an Informationen darüber, daß unsere Wirtschaftsordnung, – die Marktwirtschaft bzw. der Kapitalismus –, in einem fort Menschen überflüssig macht.

Also was jetzt? Gibt es zu wenig oder zu viele Staatsbürger?

Es bleibt daher an der Klage um zu wenig Neuzugänge im Staatsbürgerverband der Zynismus festzuhalten, mit dem einerseits das Schrumpfen des Staatsvolks beklagt wird, andererseits aber auch klar ist, daß gleichzeitig ein jeder schauen muß, wo er bleibt und Arbeitslose, Sozialfälle und Sandler in großen Mengen erzeugt werden. Es ist also recht und wahrscheinlich auch erwünscht, daß es immer eine große „industrielle Reservearmee“ gibt, die auf den Preis der Arbeit der Beschäftigten drückt und letztere noch stärker erpreßbar macht, jede Arbeit für jeden Lohn zu machen. Zweitens kann man an diesen Zynismus auch noch die in der Demokratie sehr populäre Lüge anhängen, daß es ja eigentlich genug Arbeit für alle gäbe, wenn die Leute „nur arbeiten wollten“ und daß die Ausgesteuerten an ihrer unerfreulichen Lage im Grunde selber schuld sind.

Schließlich ist als Bilanz der letzten 2 Jahrzehnte festzuhalten, daß die Geburtenrate in ganz Europa, zumindest was die „Einheimischen“ angeht, rückläufig ist: Lohndrückerei, Arbeitshetze, der Umstand, daß eine Familie selten mit einem Gehalt zu ernähren ist und in den meisten Fällen beide Eltern arbeiten müssen, haben vielen den Kinderwunsch verleidet, oder den Nachwuchs auf ein Exemplar pro Eltern reduziert.
In Staaten, in denen die Kapitalakkumulation funktioniert und flotte Gewinne gemacht werden, zieht der doch noch aufsaugfähige Arbeitsmarkt jede Menge Habenichtse aus aller Herren Länder an, die dann dort in oft sehr prekären Arbeitsverhältnissen ihr täglich Brot verdienen. Der Bevölkerungsschwund erhält also durch Zuzug ein Gegengewicht, was wieder das Wasser auf die Mühlen rechter Politiker treibt, die den Rassismus in der Bevölkerung schüren, um in der demokratischen Parteienkonkurrenz zu punkten.
In den meisten postsozialistischen Staaten, so auch in Ungarn, ist das nicht der Fall. Der Vormarsch des Kapitalismus hat dort die sozialistische Industrie und Landwirtschaft zerstört und einige Produktionsinseln errichtet, verlängerte Werkbänke erfolgreicher Unternehmen aus Deutschland, Großbritannien, Frankreich usw. Man kann gar nicht mehr sagen: „westlich“, weil inzwischen ist ja alles „westlich“, also kapitalistisch. Mit unterschiedlichen Erfolgsraten allerdings.
Es strömen deshalb in Staaten wie Ungarn verhältnismäßig wenig zusätzliche Bewohner hin, viele Ungarn suchen jedoch ihr Glück im Ausland, weil sie das Hungerleiderdasein zu Hause satt sind. Zur rückläufigen Geburtenrate gesellt sich also auch noch eine hohe Abwanderung.

Und daher jetzt Sorgenfalten bei ungarischen Patrioten: Gehen „wir“ unter im slawischen Meer? Werden „wir“ überwuchert von Zigeunern, die eigentlich gar nicht zu „uns“ gehören?

In der Népszabadság macht sich zunächst wieder einmal András Gerő Gedanken über den Bevölkerungsschwund. (Der Mann wäre ein chancenreicher Kandidat für einen publizistischen Dummheitspreis, wenn er unter den Beitragsleistern für ungarische Zeitungen nicht so viele Konkurrenten hätte.) Er macht sich auf die Suche nach Gründen für die mangelnde Fortpflanzungslust:
„Das größte Übel in Ungarn ist, daß die Menschen früher sterben und bei weitem nicht auf einem solchen Niveau leben wie in der Union. Wir verstehen es nicht, gut zu leben, und das ist nicht nur eine wirtschaftliche Frage.“

Was soll man sich dazu denken? Wenn man früher stirbt, macht das bei einer scheinbar durchschnittlichen Reproduktionsrate von einem Kind pro Jahr – wie es ja offenbar durchaus üblich zu sein scheint – im Schnitt natürlich weniger Kinder aus. Oder meint Gerő, daß es zu wenig alte Leute gibt in Ungarn und daraus das demographische Problem entsteht? Der erste Teil seiner scharfsinnigen Analyse bleibt im Dunkeln. Um so mehr, als er etwas weiter unten fragt: „Wer wird einmal die Pensionisten erhalten?“
Dann ist die Lebensqualität in Ungarn angeblich schlechter als in der „Union“. Hierbei scheint es Gerő entgangen zu sein, daß Ungarn bereits seit mehr als 5 Jahren Mitglied der Europäischen Union ist, und daß der mickrige Lebensstandard im Land durchaus etwas mit diesem Umstand zu tun hat. Der EU-Beitritt hat nämlich auf Produktion, Preisniveau und Beschäftigung in Ungarn alle möglichen negativen Folgen gehabt. Davon wollen aber so Typen wie Gerő nichts wissen, denn für die ist der Kapitalismus und die EU eine feine Sache, und wenn in Ungarn keine blühenden Landschaften entstehen, sind natürlich die Ungarn selber schuld, weil sie mit den Segnungen der Marktwirtschaft nicht richtig umgehen können. Unter anderem verstehen sie es eben nicht, „gut zu leben“:
„Wir trinken zum Beispiel zu viel und essen zu wenig Obst, obwohl der Alkohol teurer ist als der Apfel“. Was den Kilopreis betrifft, könnten den Herrn Gerő viele ungarische Alkoholkonsumenten eines besseren belehren. Auch sonst hinkt der Vergleich: Man nimmt ja diese beiden Produkte aus unterschiedlichen Gründen zu sich. Aber wurscht. Die Botschaft ist klar: Der dumme, ungebildete Ungar ernährt sich falsch, macht sich krank und stirbt früher als nötig.
Als Gegenmaßnahme schlägt Gerő zunächst einmal flächendeckende Salatwerbung vor, offenbar zur Hebung der Lebenserwartung.
Um die Kinderkriegfreude zu erhöhen, fordert er die Möglichkeit für die Eltern, von einem eventuell erwünschten zweiten Kind das Geschlecht zu bestimmen, wodurch er sich 15.000 weitere Kinder erwartet. Wäre interessant, herauszukriegen, mit welchen Methoden er das errechnet. Aber er ist anscheinend der Meinung, wenn er Zahlen anführt, wirkt das Ganze irgendwie wissenschaftlich.

Es kommen in diesem Artikel noch andere Leute zu Wort. Eine macht die allgemeine Einstellung, die mangelnde Unterstützung der Familien verantwortlich und plädiert auch für eine Art Medienkampagne, damit „die Familie wieder zu einem Wert“ wird.

Der letzte Befragte, der seinen Senf dazu geben darf, meint, eigentlich gibt es größere Probleme im Land, und dass ungefähr 2 Millionen Ungarn unter oder an der Armutsgrenze leben, ist eigentlich schlimmer. Der gequälte Leser atmet auf und denkt sich, es hat sich doch ausgezahlt, den Artikel bis zum Ende durchzulesen. Aber nein, als nächstes folgt die Warnung vor Populismus und Fremdenfeindlichkeit, also unerwünschten Folgen von Armut und Bevölkerungsschwund, und damit ist das Thema auch erledigt.

Die Zeitung begnügt sich aber nicht mit diesem Sammelsurium aus schlauen Sprüchen von ein paar „bekannten Personen“, sondern widmet noch einen eigenen Artikel den „demographischen Katastrophen“, die Ungarn im Laufe seiner Geschichte widerfahren sind. Der hier befragte Wissenschaftler, der z.B. den ersten Weltkrieg als großes demographisches Problem betrachtet, schlägt als Lösung eine liberale Einwanderungspolitik vor.

Ja, so geht’s, und nicht nur in Ungarn: Jeder der Befragten, und mehr noch die Zeitungsschmierer selbst, wissen, dass es jede Menge arme Leute in Ungarn gibt, und dass das der Hauptgrund ist, warum die Bevölkerung schrumpft. Anstatt aber dann der Sache auf den Grund zu gehen und zu untersuchen, warum das so ist, wird ein Problem der Nation draus gemacht: Es geht uns alle an! und: Wir alle sind aufgerufen, etwas dagegen zu tun!
Und dann kann, nach einigen besorgten Tönen, wieder ein jeder ruhig schlafen.
Wer nicht mindestens zwei Kinder gemacht hat, braucht auch nicht traurig sein. Auch er/sie kann noch viel Richtiges und Wichtiges tun:
Eine nicht-zigeunerfeindliche Partei wählen und mehr Salat essen!